Dem Tyler sein Laufrad

2016-06-29 16.48.34

Ich bin einkaufen. Wäre ich ein cooler Mann, ein „styler“, würde ich es als „shoppen“ bezeichnen. Die Versorgung mit Lebensmitteln ist ein „event“ geworden. Es ist ein „happening“. Wer etwas auf sich hält, betrachtet das Einkaufen als die „celebration“ des eigenen „lifestyles“. Ich gehe mich schnell ob der vielen Anglizismen übergeben. Moment…

Fertig. Ich bin also einkaufen. In diesem Moment fällt mir auf, dass es hier im Dampfbloque oft ums Einkaufen geht. Vermutlich weil die „Einkaufen“-Trilogie so ein Megaerfolg war. Vielleicht aber auch deshalb, weil einem nirgends der Querschnitt der Gesellschaft deutlicher und schonungsloser vor Augen geführt wird als beim Einkaufen. Bei Aldi.

Als Tyler an jenem warmen Sommertag eines warmen Sommers, der wenige Tage später vorbei sein würde, mit seinem brandneuen Laufrad den Aldi im Düsseldorfer Stadtbezirk 3 befuhr, ahnte er noch nicht, was sich später ereignen würde. Mit seinem ebenfalls neuen Helm, der ihm wenig schützend andauernd in den Nacken rutschte, stolperte er mit der Selbstverständlichkeit eines Dreijährigen souverän durch die Gänge. Vor dem Monitor direkt im Eingangsbereich des Einkaufsladens blieb er stehen, blickte ihn mit großen Augen und offenem Mund an. Der Bildschirm zeigte die Bilder einer Überwachungskamera, die auch den Eingangsbereich vor dem Aldi abdeckt. Tyler beobachtete das Geschehen auf dem Bildschirm, als im Bildhintergrund ein junger Mann auftauchte, durch die erste Schiebetür ging, plötzlich nach hinten schreckte und umfiel. Tyler drehte sich zur Schiebetür um und tatsächlich: Da saß ein junger Mann auf dem Boden, offenbar verängstigt.

Dieser Mann bin ich.

Ich hasse diesen Pappaufsteller im Eingangsbereich von Aldi. Es ist eine freundlich lächelnde junge Frau, über die ich mich andauernd erschrecke. Ich stehe auf, drehe den Pappaufsteller so um, dass nachfolgende Kunden bei dessen Anblick nicht ebenfalls erschrecken und betrete den Laden. Ein paar Meter weiter vor mir sehe ich ein kleines Kind auf seinem Laufrad durch den Laden eiern.

Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, hat mir einen Einkaufszettel geschrieben. Sogar ich schrieb das eine oder andere Lebensmittel dazu. Den Einkaufszettel legte ich dann auf unseren Wohnzimmertisch, der magische Kräfte zu haben scheint. Denn er ließ den Einkaufszettel unsichtbar werden, weshalb ich ihn vergaß. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, fand einen Gegenzauber und fand den Einkaufszettel wieder, fotografierte ihn und schickte ihn mir per Nachrichtenmessenger zu. Normalerweise reiße ich den Einkaufszettel links neben einer zu kaufenden Ware ein, sobald diese ihren Weg in den Einkaufswagen gefunden hat. Das gestaltet sich nun schwierig. Ich öffne das Foto des Einkaufszettel und starte meine Einkaufstour.

Ich benötige Müsliriegel. Nicht ich, vielmehr die Frau, die in unserer Wohnung lebt. Schoko-Zimt ist die gewünschte Geschmacksrichtung, die ich allerdings auch dann nicht finde, als ich sämtliche Kartons Müsliriegel auf dem Boden entleere und den Haufen nach einem Müsliriegel Schoko-Zimt durchsuche. Es gibt ihn nicht, was angesichts der Jahreszeit kein Wunder ist. Ein Müsliriegel Schoko-Zimt ist kein Sommermüsliriegel. Nach kurzer Beratschlagung mit der Frau, die in unserer Wohnung lebt, nehme ich Schoko-Banane. Kurz darauf rufe ich einen Angestellten von Aldi. Mir sei da wohl was runtergefallen. Ich ziehe weiter, während sich der Angestellte über den Haufen Müsliriegel beugt und jeden wieder in seinen ursprünglichen Karton einsortiert.

Weiter vorne fährt der kleine Junge mit seinem Laufrad um die Ecke. Er fährt genaugenommen gegen die Ecke, woraufhin er umfällt und zu bratschen beginnt. Die geduldige Mutter kommt herbeigestampft und versucht dem Kind behutsam den rechten Arm auszurupfen, indem sie es sacht an ebendiesem hochhebt und zärtlich irgendwas von „nerven“ und „keine Lust mehr“ brüllt. Ich habe noch keine Kinder, was mir jahrelang regelmäßig mit einem Blick voller Menschenkenntnis attestiert wurde, wenn ich bei der Arbeit im Zoo darauf hinwies, dass die Lemuren das Fehlen menschlichen Kinderurins auf ihrem frei zugänglichen Gehege durchaus zu schätzen wissen. Jetzt weiß ich aber für die Zukunft, dass wir Dörthe und Wombat – die Arbeitstitel unserer zukünftigen Kinder – immer und überall hinschiffen lassen dürfen.

„Entschuldigen Sie bitte, aber das hier ist der Kreuzgang eines katholischen Klosters.“

„Hm … ich merke schon, Sie haben keine Kinder, was?!“

Ich bleibe mit meinem Einkaufswagen kurz an der Seite stehen, um den Einkaufszettel (das Foto eines Einkaufszettels!) zu studieren und meine weitere Route zu planen. Ich mag es nicht, unnötige Wege zu gehen. Eine Dame mittleren Alters möchte gern ein Paket Küchenrolle. Ich stehe zur Hälfte vor dem Regal. Die Dame lehnt sich an mir vorbei, denn sie möchte unbedingt ein Paket von der anderen Hälfte erreichen. Ich gehe einen Schritt vor, damit sie drankommt. Sie lehnt sich wieder zurück und nimmt doch ein Paket aus dem Bereich, den sie zuvor locker hätte erreichen können. Entnervt gehe ich zurück zum Eingangsbereich, um Erdbeermarmelade zu holen. Ein erster unnötiger Umweg.

Als ich zum Einkaufswagen zurückkomme, steht der woanders, weil die Frau, die Küchenrolle benötigte, auch unbedingt eine Box Taschentücher kaufen wollte, die ich nun mit meinem Einkaufswagen blockiere. Nun steht der Wagen gegenüber der Taschentücher vor den Chips und wird von einer anderen Frau genervt zur Seite geschoben. Ich nehme meinen Einkaufswagen, setze einen Schritt zurück und stolpere dabei fast über einen Mann, der auf dem Boden kniet und sich die beste Packung Pistazien aussuchen möchte.

Das Einkaufen folgt einer Regel: Es spielt keine Rolle, wo man steht. Jeder Kunde möchte zu jeder Zeit an genau jenes Regal, vor dem man sich gerade befindet. Man steht immer im Weg. Ich bin immer im Weg. Ganz abgesehen davon, dass es unfassbar nervt, andauernd wie ein Flipperball von hier nach da manövriert zu werden, verletzt es meine Privatsphäre, meine Aura. Menschen kommen sich beim Einkaufen näher, als ihnen lieb ist. Anders. Menschen kommen mir beim Einkaufen näher, als mir lieb ist.

Wir brauchen Reis. Vor wenigen Wochen hat sich der Hersteller der Reisverpackung dazu entschieden, Material zu sparen, weshalb die Dinger nun unfassbar schnell reißen. Zuhause habe ich bereits den Inhalt einer Packung Basmatireis über unseren Herd verteilt, weil sie erstaunlich leicht einriss. Reis ist der Alptraum eines jeden Putzmenschen, weil sich diese Körner einfach nicht aufnehmen lassen. Erst wenn sie nass sind, kann man sie leicht entfernen.

Ich suche mir eine gute Reispackung aus. Sie sind alle gleich, also nehme ich eine aus der zweiten Reihe. Wer weiß schon, wer alles die erste angefasst hat. Höchste Vorsicht ist geboten, als ich die Reispackung aus dem Karton entferne. Gerade als ich sie in den Händen halte, fährt der kleine Junge mit seinem Laufrad eng an mir vorbei. Die Fahne, die an seinem Gepäckträger befestigt ist, verpasst mir eine saftige Backpfeife. Fast lasse ich den Reis fallen, doch ich bin fokussiert genug.

„Tyler! Komm! Lass das!“, brüllt die liebevolle Mutter durch den Laden.

Tyler also. Tyler lässt das, von dem er vermutlich gar nicht weiß, was es überhaupt ist. Ich stelle die Packung Reis behutsam in den Einkaufswagen. Zwei Sekunden lang geschieht nichts. Dann aber verlassen die zarte Plastikverpackung die Lebensgeister, sie sackt in sich zusammen und ein Wasserfall aus Reis ergießt sich durch die Gitterstäbe des Einkaufswagens auf den Boden. Ich rufe durch den Laden, ob nicht jemand kommen könne. Mir sei da was runtergefallen. Nach einer kurzen Zeit kommt eine hektische junge Frau angerannt, die mich darüber informiert, dass sämtliche verfügbare Mitarbeiter im Moment damit beschäftigt sind, Müsliriegel einzusortieren.

„Kein Problem!“, antworte ich, gehe zum gegenüberliegenden Kühlregal und greife nach einem Liter frischer fettarmer Milch.

Ich öffne sie, gieße sie vorsichtig auf den Haufen Reis unter meinem Einkaufswagen.

„Was machen Sie da?!“, möchte die hektische junge Frau wissen.

„Das bindet den Reis. Klappt umgekehrt genauso.“

Mit dem Hinweis, dass man jetzt noch etwa eine halbe Stunde warten müsse, schiebe ich meinen Einkaufswagen weiter. Möhren. 2 kg am besten. Die unglücklichen. Der Ort, an dem die 2 kg-Pakete unglücklicher Möhren für gewöhnlich liegen, ist verwaist. Vermutlich ausverkauft. Auf jeden Fall scheint es nur noch glückliche Bio-Möhren zu geben, die man in der 1 kg-Plastikschale erstehen kann, die ihrerseits nochmal in Plastik eingeschweißt ist. Das ist eine Folge des unbändigen Wunsches der Menschen, das gesamte Jahr über gewisse Produkte kaufen zu können, die aber unter den gewünschten Anforderungen nicht in der Menge regional verfügbar sind. Also legen diese Produkte weite Strecken zurück, bevor wir sie in unseren Einkaufswagen legen. Es ist schon paradox. Für ein Kilogramm Bio-Möhren wird mehr Plastik verbraten als für 2 kg nicht-Bio-Möhren. Bei Rewe kann man herkömmlichen Blumenkohl entweder lose kaufen oder winzigen Bio-Blumenkohl, der in Polyethylen eingeschweißt ist. Uns schmecken die unglücklichen nicht-Bio-Möhren besser. Sie schmecken verzweifelter. Da erlebt man erst die emotionale Komponente des Essens.

An der Kasse lege ich meine Einkäufe aufs Kassenband. Direkt hinter mir steht eine korpulente Frau und drückt mir ihre Brüste gegen den Rücken, während sie per Headset mit jemandem telefoniert. Ich erfahre, dass Emmi wohl eine Nasennebenhöhlenvereiterung hat und Gunther zur Darmspiegelung muss. Die Dame hat aber offensichtlich noch etwas vergessen einzukaufen, weshalb sie davoneilt. Ihren Platz nimmt eine junge Frau ein. Sie sieht freundlich aus. Ich lege die Bio-Möhren aufs Kassenband. Sie lächelt. Dann lege ich Hähnchen- und Putenbrust aufs Kassenband. Sie lächelt nicht mehr. Scheißt auf den Charakter eines Menschen. Das Maß aller Dinge ist heutzutage die Ernährungsgewohnheit.

Nachdem ich bezahlt habe, schiebe ich den Einkaufswagen langsam in Richtung des Ausgangs. Von irgendwo aus dem Laden donnert die liebliche Stimme von Tylers Mutter.

„Tylaaaa! Bleib doch mal stehen!“

Tyler bleibt stehen. Er steht wieder im Eingangsbereich und beobachtet den Monitor an der Decke. Er steht den Leuten, die den Laden betreten, im Weg. Nun taucht Tylers Vater auf.

„Tyler, komma hier am Rand.“

Tyler kommt „hier am Rand“, während er den Blick nicht vom Monitor lösen kann, und fährt zielstrebig in die Cornflakes. Auf dem Monitor ist zu erkennen, wie ein lachender Mann mit vollem Einkaufswagen den Laden verlässt. Doch das hat Tyler schon nicht mehr sehen können.


Entgegen meines Vorhabens, dieses Unternehmen nicht zu unterstützen, bin ich nun doch bei Facebook. Aber erst seit vielen Jahren.

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20 Kommentare

  1. Nebenbei: Ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine Proportionalität zwischen dem Nervungsfaktor eines Kleinkindes und der körperlichen Robustheit und damit einhergehender Aggressivität der zugehörigen Eltern gibt. Nur eine Vermutung, ich kann sie nicht durch umfassende Feldforschung belegen…

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  2. Warum gehen dir eigentlich immer nur die Reispackungen kaputt?
    Ab jetzt kaufe ich gerne den Reis, dafür gehst du einkaufen, wenn Zucker gebraucht wird. Dann kommt er auch endlich mal im ganzen Kilo zu Hause an.

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  3. Ich krümme mich vor Lachen. Jetzt weiss ich wieder, warum ich diesen Blog abonniert habe.

    Mein Reis ist mir gerade ange…nein. NEIN. Ich habe den Rauchmelder getestet. Vollkommen geplant und ganz gewollt. Echt jetzt!

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