Zitronen in Schweden – Urlaub I

„Und du schälst dir jetzt eine Zitrone?“, frage ich die Frau, die in unserer Wohnung lebt, weil sie etwas schält, das mich schon beim heutigen Einkauf an eine Zitrone erinnerte.

„Ja.“, antwortet sie, woraus ich schließe, dass ich wohl Recht haben sollte.

Ich nicke und schaue ihr stirnrunzelnd weiter zu. Die Antwort ist für mich nicht akzeptabel, denn sie bringt mein Weltbild ins Wanken. Und deshalb beginnt es in meinem Kopf zu rattern. Kann man Zitronen überhaupt schälen? Warum kann man Zitronen eigentlich nicht schälen? Überall sieht man Menschen, die sich eine Orange, eine Apfelsine, eine Clementine oder etwas anderes Zitrusartiges schälen. Nur um die Zitrone macht man einen großen Bogen. Schmecken geschälte Zitronen etwa nicht?

Was mich aber zunehmend beunruhigt, ist folgendes: Noch nie schälte die Frau, die in unserer Wohnung lebt, eine Zitrone. Warum also fängt sie nun damit an? Hat sie herausgefunden, was eine geschälte Zitrone zu leisten vermag im Gegensatz zu ungeschälten Zitronen?

Da mich die Verzweiflung packt, stelle ich die einzig sinnvolle Frage, die man in einer solchen Situation stellen kann:


„Wieso schälst du dir eine Zitrone?“

Ich ernte einen irritierten Blick und ahne, dass ich wohl irgendetwas falsch verstanden haben muss.


„Das ist keine Zitrone. Dachtest du im Ernst, ich schäle hier eine Zitrone?! Das ist eine Satsuma.“

„Ja, woher soll ich das denn wissen? Ich sehe immer nur irgendwelche gelben Früchte im Einkaufswagen und die isst du dann. Immer hieß es, das seien Zitronen. Warum sollte das auf einmal anders sein?“

„Man kann Zitronen nicht so gut schälen.“, erwidert die Frau, die in unserer Wohnung lebt, trocken und widmet sich weiter dem Schälen der Satsuma – eine Mischung aus irgendwas und irgendwas, wie mir die Frau, die in unserer Wohnung lebt, kurze Zeit später erklärt.

Das allerdings höre ich schon nicht mehr richtig, denn schon sitze ich am Netbook, das wir an diesen Ort mitnahmen und schreibe auf, was ich gehört und gesehen habe. So muss es in etwa auch mit biblischen Ereignissen abgelaufen sein. Wenn mich nicht alles täuscht, ist die Formulierung „ … und erzählten allen, was sie gehört und gesehen haben“ eine aus dem neuen Testament; deshalb komme ich darauf. Zack! Gottes Sohn ist geboren, alle sind aus dem Häuschen und noch bevor irgendjemand sich erklären kann, rennen die Leute schon in alle Richtungen davon und erzählen irgendwas von Wundern und übers Wasser laufen.

Hätten die mal Ruhe bewahrt und zugehört.

Was die Zitronen-Geschichte angeht, konnte ich nicht länger warten und musste zur Tat schreiten. Allerdings glaube ich nicht, dass aufgrund meiner Rastlosigkeit am Ende jemand ans Kreuz gedübelt wird. Denn seien wir mal ehrlich: Hier ging es nur um die Identität einer Zitrusfrucht. Welchen Schaden kann ich da schon anrichten, nur weil ich nicht genau weiß, was eine Satsuma ist?

Und so sitze ich hier. Warmes Licht von den kleinen Lampen neben mir, ein wenig Licht von der Sofaecke, wo nun die Frau, die in unserer Wohnung lebt, sitzt und nach dem Verzehr ihrer Satsuma

„Nee, die war nicht so der Knaller.“

eines ihrer Bücher liest. Im Kamin glimmt noch ein Rest Brennholz. Vor dem Fenster in meinem Rücken zirpt wie jeden Abend eine Heuschrecke um ihr Leben. Andere Vertreter ihrer Art antworten artig. Worüber die sich wohl unterhalten? Oder ist es keine Unterhaltung? Ist es vielleicht nur ein monotones „Falls mich jemand sucht: Ich bin hier!“.

Andere Heuschrecken hörten es, dächten kurz nach, überlegten sich eine Antwort und ließen diese dann zirpenderweise ertönen. Was die Heuschrecken nicht wüssten: Mit ihren Flügeln können sie nur diese eine Information aussenden. Und somit antworteten sämtliche Heuschrecken „Falls mich jemand sucht: Ich bin hier!“. Die erste Heuschrecke – die hinter mir – käme sich wohl veralbert vor und würde den anderen Heuschrecken zornig einen Fluch entgegenzirpen. Heraus käme wieder nur „Falls mich jemand sucht: Ich bin hier!“

Möglicherweise ist es so und was wir Menschen abends an Zirpen hören, ist in Wirklichkeit ein aggressives Geschrei diverser Grashüpfer, die sich ob ihrer Unfähigkeit, verschiedene Aussagen zu zirpen, immer und immer wieder „Falls mich jemand sucht: Ich bin hier!“ entgegenzirpen.

Jetzt ist es plötzlich still draußen. Vermutlich, weil es jetzt richtig dunkel ist. Irgendwann geht halt auch so eine Heuschrecke mal nach Hause. Gleich werden wir nach draußen gehen und uns die Milchstraße anschauen. Und unzählige Satelliten, die immer mal wieder als leuchtende kleine Punkte den Himmel durchqueren. Da oben werden die noch von der Sonne angestrahlt.

So ist es hier. In Schweden. Hier ist einiges anders. Kein Lichtsmog verursacht durch irgendeine Stadt, absolute Ruhe. Hier soll es sogar Früchte geben, die wie Zitronen aussehen, sich aber schälen lassen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger glaubwürdig erscheint mir das, was die Frau, die in unserer Wohnung lebt, vorhin über die vermeintliche Frucht „Satsuma“ erzählt hat.

Hätte ich hier Empfang, dann würde ich nach dieser Frucht googeln. Aber Empfang gibt es hier nur, wenn der Wind günstig steht. Kein Telefon, kein Internet, kein Fernsehen. Klingt für viele vermutlich wie ein absolut ätzender Urlaub. Und in Deutschland wäre ich wohl einer der ersten, die beim Ausfall eines der drei Medien nervös würde.

Aber hier nicht. Nicht in Schweden. Hier ist einiges anders.

Hier kann man sogar Artikel posten, ohne Internet zu haben.

Und eben Zitronen schälen.

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