UPDATE: Lichtgrütze und Fehleinschätzungen

Es ist ein Trauerspiel. Vor gut zwei Jahren habe ich einen Optiker besucht, weil ich im Auto bei schlechteren Lichtverhältnissen häufiger mal das Problem hatte, zu langsam reagieren zu können. In der Dämmerungszeit huschte die Peripherie links und rechts an mir vorbei und ich war meistens froh, wenn ich aus engen Straßen wieder auf eine breite Landstraße oder Autobahn fahren konnte. Ich hatte also irgendwas an den Klüsen. Eigenartigerweise trat dieses Problem immer nur dann auf, wenn ich auf dem Fahrersitz saß. Auf dem Beifahrersitz ging es…

In der U-Bahn konnte ich die ätzend rote Leuchtschrift auf dem schwarz-braunen Hintergrund der Anzeigetafel erst entziffern, wenn ich wenige Meter davor stand. Um mir nicht die Blöße zu geben, verzichtete ich oft darauf, die Augen zusammenzukneifen und entschied mich dafür, mit betont beiläufigem Blick zur Anzeigetafel langsam näherzuflanieren. Das war zumindest der Plan. Das Ergebnis war, dass Frauen ihre Kinder unter ihren Rock holten, Männer mit Fackeln und Mistgabeln in Angriffsposition gingen und der gesamte Stadtteil panisch Fensterläden schloss und Haustüren vernagelte. Um den trüben Blick zu kompensieren, riss ich nämlich die Augen sperrangelweit auf, um überhaupt etwas erkennen zu können, was viele wohl als Zeichen von Blutdurst deuteten. Dummerweise habe ich sehr trockene Augen und deshalb häufiger eine Bindehautentzündung. Man kann es den armen Bürgern der Stadt also nicht verdenken. Das mit den Fackeln und den Mistgabeln war übrigens gelogen. Angst vor mir hatten viele trotzdem…bestimmt.

Ein weiteres Problem trat beim Sport auf. Einige Sportarten lassen sich prima fast blind ausführen und ich denke mal, dass Schach und Wettessen wie auch vielen Sportarten bei den Paralympics durchaus mit schlechtem Augenlicht erfolgreich gefrönt werden kann. Nun spiele ich aber weder Schach noch esse ich Wett. Ja, ich habe in den vergangenen Jahren etwas zugenommen und Übergewicht wird ja mittlerweile in manchen Fällen als Behinderung anerkannt, aber bis jetzt würde das meine Teilnahme an den Paralympics noch nicht rechtfertigen. Zumal das dort richtig gute Sportler sind, mit denen ich nicht mithalten könnte. Wie bereits anfangs erwähnt: ein Trauerspiel.
Jedenfalls bin ich ein Verfechter des Freizeitsports „Fußball“. Hier bedeutet ein funktionierendes Auge den Unterschied zwischen Ballbesitz und Ballverlust, zwischen Torschuss und Luftloch, zwischen geschickter Ballannahme und getunnelt vom eigenen Mitspieler, zwischen Brustannahme und Nasenbluten. Ich konnte in diffusen Lichtverhältnissen nicht mehr genau abschätzen, wie schnell mir der Ball entgegenkam und wo genau seine Position in einem vierdimensionalen Koordinatensystem lag. War er drei oder vier Meter entfernt? Senkte er sich schon oder lohnte es sich noch nicht, zum Kopfball zu gehen? Erreiche ich den Ball noch? War das gerade schon der Ball oder kommt er noch? Stehe ich auf dem Spielfeld? Ist das hier das WM-Finale? Die Antworten kamen prompt, was zu Frust führte. Denn sie gefielen mir nicht: der Ball war oft weg oder ich nahm ihn mit meinem Kehlkopf an. Das ist gelinde gesagt unangenehm.

Nach kurzer Rücksprache mit der Frau, die in meiner Wohnung lebt, habe ich mich also zum Optiker begeben. Und was soll ich sagen? Der Optiker hat mein Gehirn kaputtgemacht! Ich ging hinein als ein Mensch, der nur bei schwächer werdendem Licht nicht mehr sooo gut sehen kann, und kam heraus als Maulwurf, der – sobald er keine Kontaktlinsen mehr trägt – versucht, das Gesicht von Konrad Adenauer zu imitieren. Selbst bei hellstem Sonnenschein. Jetzt kann man darüber streiten, ob Maulwürfe Konrad Adenauer imitieren können, aber solange nichts Gegenteiliges bewiesen wurde, bleibt das so stehen. Wer weiß? Vielleicht hat ja auch Adenauer versucht, den Blick von Maulwürfen nachzuahmen. Wie dem auch sei.

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Zunächst war ich fasziniert von der hochauflösenden Umgebung, die mich dank meiner Kontaktlinsen umgab. Mir war immer klar, dass Bäume Blätter haben müssen. Schließlich habe ich als Kind auch Bäume mit einzelnen Blättern gemalt. Aber in der Realität gesehen habe ich sie erstmals vor gut zwei Jahren. Ich konnte von nun an nachts mit dem Auto unterwegs sein und entgegenkommende Fahrzeuge erzeugten zusammen mit den Kratzern auf der Windschutzscheibe keine Lichtgrütze mehr, die sich mit Rückleuchten und oranger Straßenbeleuchtung vermählte. Beim Fußball kam ich plötzlich auf Positionen, auf denen es nicht mehr nur darum ging, die Seitenlinien wie ein Bekloppter rauf und runter zu rennen. Ich kam insZentrum.

Das Problem, und dafür sollte sich unser vergesslicher Körper zeit seines Lebens schämen: Dieser verdammte Organismus mit seinem ach so tollen Gehirn gewöhnt sich an diese Sehqualität und will immer mehr bzw. ist beleidigt, wenn ihm seine Sehhilfe fehlt. Erst seit ich weiß, wie es aussieht, wenn man wirklich scharf sehen kann, bin ich mir über die Unzulänglichkeit meiner Optik im Klaren. Das ist mir vorher nie aufgefallen. Das kratzt zwar nicht wirklich an meinem Selbstbewusstsein, aber mein Unterbewusstsein ist massiv von diesem Wissen beeinflusst. Irgendetwas raunt meinen Augen immer und immer wieder zu, dass sie schlecht sind und die Lider bekommen das Kommando, sich zu kleinen Schlitzen zu verformen, um ja besser sehen zu können. Vor zwei Jahren habe ich das nur gemacht, wenn es dunkel wurde und selbst dann nur manchmal. Aus Unterbewusstsein wird Bewusstsein und der Schädel, in dem die Augen stecken, denkt sich, dass seine Augen wirklich, wirklich schlecht sind und kaum etwas noch klar erkannt werden kann. Vielleicht ist es nicht nur die Hornhaut. Vielleicht ist es eine gefährliche Augenkrankheit. Es muss etwas Schlimmes sein. Wahrscheinlich sogar hochansteckend. Mir ging es bis jetzt – abgesehen von einigen Knochenbrüchen – beinahe 30 Jahre lang gut, war selten krank. Panik breitet sich schleichend aus. Wie gesagt: der Körper und sein Gehirn; schämen sollten die sich. Alle beide!

Ein weiterer Akt der Tragödie wird durch meine von der Trockenheit geröteten Rosinenaugen erreicht, die mir allzu oft das Tragen von Kontaktlinsen verbieten. Andererseits bin ich auch zu eitel für eine hippe Hornbrille. Und so wanke ich durch die Welt mit einem Blick, der nun nicht mehr nur Menschen in U-Bahnhöfen in Schrecken versetzt, sondern auch dazu führt, dass Menschen selbst an einem freundlichen Sommertag mit strahlendem Sonnenschein und Vogelgezwitscher die Straßenseite wechseln. Kinder werden wieder beiseite gezogen und man hört hinter vorgehaltener Hand: „Geh‘ da besser nicht so nah dran. Dem Mann geht es nicht gut. Vermutlich nimmt er Drogen.“

Ich habe ja bereits geschrieben, dass ich häufig eine Bindehautentzündung habe.

UPDATE:

Es ist eine skandalöse Verschwörung! Ein Verrat am Menschen! Die Frau, die in meiner Wohnung lebt, hat mir soeben mitgeteilt, dass meine Augen mitnichten von einer Bindehautentzündung heimgesucht werden, sondern dass es sich lediglich um trockene Augen handelt, die leicht gereizt sind. Mir wurde JAHRELANG von diversen Menschen mit felsenfester Überzeugung gesagt, dass genau das eine Bindehautentzündung ist. Ich habe das gerade gegoogelt und war schockiert.

Ganz vielleicht habe ich aber auch einfach irgendwas in der Vergangenheit falsch verstanden. Kurzum: Ich habe keine Bindehautentzündung.

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