Aus dem Schlaf geächzt

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Ein Samstagmorgen

4:30 Uhr

Ein pelziger Schatten geistert durch diffuses Licht im Schlafzimmer. Er bewegt sich leichtfüßig, kaum hörbar. Wie ein Ninja, der die Größe eines Dackels hat. Es ist kein Dackel. Der Schatten gibt ein klagendes Ächzen von sich, als würde er gerade auf dem Klo sitzen und mit Pressen beschäftigt sein. Es sind Laute, die mich eines wissen lassen: Meine Tiefschlafphase für diese Nacht ist beendet. Ich versuche, mich nicht zu bewegen. Vielleicht verschwindet der Schatten wieder, legt sich wieder hin und pennt einfach weiter.

4:42 Uhr

Welch naive Vorstellung! Das kann man um diese Uhrzeit kaum erwarten. Der Schatten krächzt sein monotones Lied weiter und latscht ungeschickt und unter lautem Geraschel über meine Sporttasche. Warum tut der Schatten das?

4:59 Uhr

Wie ich es in solchen Situationen zu tun pflege, schwinge ich mein Bein samt Decke über die Bettkante, damit der Schatten verschwindet. Das tut er auch. Unter lautem Gekratze beschleunigt er und kommt im Wohnungsflur zu stehen. Ich schaue ihm hinterher. Da sitzt er nun und fixiert mich. Das macht mich aggressiv. Der weiß ganz genau, dass ich mich irgendwann wieder umdrehe und sobald ich die Augen geschlossen habe, steht der Schatten wieder im Schlafzimmer und quält mich. Wie jeden Morgen habe ich die leise Hoffnung, dass der Schatten über einen Rest von Intelligenz verfügt und sich erinnert, dass er nicht verhungern würde, wenn er jetzt erstmal nichts zu fressen bekäme.

5:01 Uhr

Der Schatten ist sehr, sehr dumm und steht wieder im Schlafzimmer. Hier hat er eine schier unendliche Auswahl an Objekten, an denen er vortrefflich seine Krallen wetzen kann. Durch die ungeheure Geschwindigkeit, mit der unsere Hausverwaltung den seit September 2014 feuchten Keller wieder nutzbar macht, stehen nach wie vor Umzugskartons herum. Der Schatten ist sehr dankbar dafür und macht sich ans Werk.

Ich rotiere und schlage die Decke zurück. Der Schatten jagt davon.

„Boah Tequila! Lass mich bitte schlafen!“

Ein Satz, der für mich in jungen Mädchenjahren vor allem nach rauschenden Festen eine Bedeutung hatte. Als Antwort ächzt es aus dem Flur. Ich drehe mich nochmal um verstecke meinen Kopf unter der Decke. Vielleicht höre ich dann nichts mehr.

5:18 Uhr

Ich höre alles. Seit über einer Viertelstunde liege ich versteckt unter meiner Decke in Fötusstellung und presse die Lippen aufeinander. Der Schatten weiß, dass ich unter der Decke bin. Er weiß auch, dass ich nicht mehr schlafe. Es war für mich nie ein Problem, früh aufzustehen, wenn ich derjenige bin, der den exakten Zeitpunkt bestimmten darf. Dieses Recht wurde mir von einem Wesen genommen, das nun einen weiteren Karton monoton bekratzt. Mit einer Pfote. Ansonsten steht das blöde Viech einfach nur da und glotzt mich an. Das alles ist pure und boshafte Absicht.

5:27 Uhr

Meine Gedanken schweifen um Erziehungsmaßnahmen, die ergriffen werden sollten. Man hört ja immer vom sogenannten Klickertraining. Da wage ich allerdings zu bezweifeln, dass der Fellwürfel darauf anspringt. Ich bin der Ansicht, dass Katzen – die ohnehin im Laufe der Domestizierung kaum einen Wandel durchgemacht haben – eher nach den Regeln der Wildnis lernen: direkte Konfrontation. Wir haben es mal mit einer kleinen Wasserpistole versucht. Die war allerdings undicht, was uns just in dem Moment auffiel, als wir im Bett siegessicher nach der Katze schossen. Das Ergebnis war eine nasse Bettdecke und ein Depp, der keine Lust hatte, in nassem Bettzeug weiterzuschlafen. Als Alternative hatten wir eine Weile neben dem Bett einen Handstaubsauger deponiert, dessen Geräusche die Katze in die Flucht schlagen sollten. Die Katze sollte dann mal sehen, was sie von ihrem andauernden Genöle hat.
Nun muss man wissen, dass ein Staubsauger, so klein er auch ist, auf Menschen, die gerade schlafen, wie ein im Schlafzimmer landender Helikopter wirkt. Und so habe ich mit dem lieblichen Röhren des Staubsaugers nicht nur die Katze, sondern auch die Frau, die in unserer Wohnung lebt, in die Flucht geschlagen, die nun mit weit aufgerissenen Augen und völlig panisch im Schlafzimmer stand. Es ist erstaunlich, wie schnell sich Menschen bewegen können.

5:52 Uhr

Die Katze ist ein dreckiger Lügner! Mit ihrer Stimme spielt sie Sterbensschwäche vor. Vielleicht ist es auch falsche Höflichkeit und sie hofft, dass wir nicht zu genervt von ihr sind. Denn schließlich habe sie uns ja nur leise zu Tode genervt. Auf jeden Fall rupft sie voller Inbrunst an meiner Sporttasche, während ihr zwischendurch immer mal wieder ein zaghaftes Ächzen entweicht. Mir reicht es jetzt. Schwungvoll werfe ich die Decke beiseite und latsche in die Küche. Die Katze ist mittlerweile irgendwo anders.
Damit die das Gefühl hat, etwas zu fressen zu bekommen, gebe ich einen kleinen Happen Katzenfutter in ihren Napf. Dann verschwinde ich wieder ins Bett. Das sollte reichen, um vielleicht noch eine halbe Stunde Ruhe zu bekommen.

5:53 Uhr

Entsetztes Gebrüll aus der Küche:

„Was?! Das soll alles sein?! Was seid ihr nur für Menschen?“

Ich habe seit Längerem den Wunsch, unsere Tiere zu rasieren. Allein der Anlass fehlte bislang. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, hat es mir außerdem verboten, weil sie „zur allgemeinen Belustigung aller Menschen im Haushalt“ für keinen triftigen Grund hält. Ich würde sie auch nicht komplett rasieren. Nur den Kopf. Oder nur den Körper.
Vielleicht bekomme ich die Zustimmung, wenn ich die Rasur als Racheakt durchführe. Die Katze hat schließlich angefangen und da darf man sich doch wohl angemessen verteidigen.

5:59 Uhr

Weil die Katze ihr Futter in der Regel einatmet, war das kleine Bisschen im Napf schnell weg. Nun steht sie im Schlafzimmer neben meinem Kopf, schnurrt und atmet mir ihren fischigen Atem ins Gesicht. Ich bin wenig erfreut. Um sie zu vertreiben, schlage ich die Augen auf. Sie hält inne.

„Was ist?“

„Hör auf damit. Das macht mich aggressiv.“

„Gewalt an Tieren?! Ich geh zum Tierschutzbund! Das geht ja gar nicht!“ 

„Was?! Das würde ich doch nie…“

„Ich kann es aber so aussehen lassen.“

Der Verzweiflung nahe überlege ich, ob es nicht sinnvoller wäre, aufzustehen und der Katze ihren unverdienten Lohn zu geben. Dann würde sie endlich Ruhe geben und zumindest ein Mensch könnte in Ruhe weiterschlafen.

6:05 Uhr

Die Katze ist versorgt. Mit dem besten, was eine Katze nur bekommen kann. Es sind die Dinge, die eine Katze auch in der Wildbahn zu sich nimmt: Rind, Möhren und Getreide. Ich bin mir nicht sicher, wieviele Hauskatzen nötig wären, um eine Kuh zu killen, aber dass man einem Raubtier Gemüse unterjubelt, halte ich für ausgemachten Unsinn. Zumal das Zeug gekocht sein muss. Raubtiere können wegen ihres Gebisses nämlich nur bedingt kauen. Es wäre so, als würden wir mit unseren Schneidezähnen kauen. Die haben nämlich keine flachen Backenzähne.
Aber vielleicht gibt es bestimme Raubtiere, die ihren eigenen Gemüsegarten haben und dort regelmäßig Wurzelgemüse ernten.

6:14 Uhr

Die Katze kommt ins Wohnzimmer getrottet. Sie sieht unzufrieden aus.

„War nicht lecker?“

„Doch, war ok. Aber das muss demnächst schneller gehen. Ich bin schon ganz heiser.“ 

Manchmal muss man ganz langsam bis zehn zählen, damit einem die Halsschlagader nicht platzt.

8:01 Uhr

Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, ist aufgewacht. Zumindest höre ich Geräusche aus dem Schlafzimmer. Mit der Katze auf dem Schoß überlege ich, ob ich schnell aufstehen soll, um Kaffee zu machen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Kaffee auf Katzen beruhigend wirken soll. Das ist schlüssig, weil Baldrian dazu führt, dass unser kniehohes Pony völlig austickt. Andererseits bin ich mir nicht sicher, ob so ein Tier wirklich Koffein zu sich nehmen sollte.
Ich habe es vorhin nicht geschafft, bis zehn zu zählen. Die Katze hat den Fehler gemacht, zu nahe am Sofa vorbeizugehen. Sie war in Griffweite. Seitdem sitzt sie unfreiwillig auf meinem Schoß und möchte fliehen. Ich lasse sie noch nicht gehen. Mein Werk ist noch nicht vollendet. Vielleicht wird die Frau, die in unserer Wohnung lebt, nicht allzu erfreut sein.

Für den Moment verdränge ich die Gedanken an eventuellen Unmut, den ich auf mich ziehe und widme mich weiter der Rasur der Katze.


Warum heißt das arme Tier Tequila?

Vor vielen Jahren trug es sich zu, dass einer Frau, die noch nicht in unserer Wohnung lebte, eine Katze zulief. Diese benötigte wegen der Einwohnermeldepflicht einen Namen. Außerdem ist es immer gut, wenn man den Namen seiner Feinde kennt.
Wie dem auch sei: Man denkt sich ja was bei den Namen, die man seinen Tieren gibt. Und die Frau, die damals noch nicht in unserer Wohnung lebte, fand die Vorstellung, was passieren würde, wenn die Katze mal ausbüchste, lustig. In diesem Fall würde eine völlig aufgelöste Person durch die Straßen irren und lauthals nach Tequila brüllen.

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50 Kommentare

  1. Ich oute mich mal als absolute Katzennärrin, obwohl ich ein solches Kätzchen im Moment nicht mein Eigen nenne (Großstadtwohnung, kein Auslauf). Allerdings kenne ich solche frühmorgendlichen „Attacken“ von früher, egal ob Kätzin oder Kater, überhaupt nicht. Meine Katzen waren um die Zeit draußen unterwegs auf Jagd und ließen sich erst wieder blicken, wenn „ihre Menschen“ sich bemerkbar machten durch Musik, Rolläden hochziehen u.s.w. Dann kamen sie angetrabt, um uns zu begrüßen und anschließend sofort in einen Tiefschlaf zu verfallen bis zum späten Nachmittag. Aber einer Katze und auch einem Kater würde ich fast alles „verzeihen“. Ein Schnurren oder Köpfchen geben entschädigt sogar mal für ein paar schlaflose Stunden 😉

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    • Unsere hat dummerweise panische Angst vor diesem äußerst gefährlichen „Draußen“ in einer verkehrsberuhigten Zone. Sie wäre in bester Gesellschaft, weil da draußen noch ein paar andere Vierbeiner rumlaufen. Aber das ist ihr herzlich egal.

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      • Werden wohl Erfahrungen sein. War ziemlich ausgehungert und hat mit anderen Katzen und Tieren im Allgemeinen ihre geregelten Probleme. Die kann auch nicht lang allein sein, sonst verwandelt die unsere Wohnung in ein Schlachtfeld.

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      • Oh, so ein „Katzenjammer“ – im wahrsten Sinne des Wortes.
        Unser Kater Paul hatte ein langes freies Leben und wurde 19 Jahre alt. Aber Gesellschaft brauchen Katzen nicht. Sind Einzelgänger und stark ortsbezogen. Andere Katzen hat unser Paul nicht geduldet in seinem Revier – nur die Menschen.
        Gute Nacht – ohne Störung wünsche ich dir.

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  2. *brüll* Ja, das kenne ich so ähnlich auch. Wir lassen die Schlafzimmertür jedoch zu. Bei anhaltendem Kratzen hilft dann eine Dusche mit der Blumenspritze. … für mehrere Tage, bis die Katze das feuchte Erlebnis wieder vergessen hat.

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  3. Tequila ist gar nichts. Bei Mitgliedern meiner Familie leben ein sehr „ausgehfreudiger“ Psycho und ein Typ. Wenn da losgeschrien wird Typ, hau ab, das ist MEIN Badewasser! denken die Nachbarn gern wer weiß was. (Das Vieh geht gerne baden und ist im Besitz eines eigenen Planschbeckens.)

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  4. Ahahaha ein extrem amüsanter Text… Macht euer „kniehohes Pony“ denn auch immer eine Performance, wenn man ihr mit dem Staubsauger zu nahe kommt? Meine ehemalige Katze tänzelte immer seitlich (mit Katzenbuckel und aufgestellten Haaren) davon, anstatt zu laufen. Wenn sie Hunger hatte und wir die Tür zugemacht hatten, sprang sie solange mit voller Wucht dagegen, bis wir aufmachten. Ich denke, Katzen sind einfach nicht erziehbar und ich glaube auch, dass sie checken, wenn man sie erziehen will und dann noch schlimmer werden 😉

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  5. Lach, das kenne ich auch alles zu gut! Wir haben 3 Stubentiger, die uns zu untergeordneten Buttlern degradieren. Kauf dir Oropax, die Stöpsel für die Ohren, die für entspannten Schlaf sorgen. Du wirst sehen, dein Kater beendet nach geraumer Zeit sein morgendliches Generve, weil du nichts hörst und nicht reagierst. Wir haben das bei allen Katern so gemacht und nun liegen alle so lange ruhig hier rum, bis WIR aufstehen!

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  6. Wir, das heißt Milli the cat und ich, haben voller Interesse gelesen. Als wir bei 8:01 Ur angelangt sind, ist der Kater empört von meinem Schoss gesprungen. Nun sitzt er etwa einen Meter entfernt und schaut mich vorwurfsvoll an, obwohl ich ihm seit 10 min versichere, dass ich das NIE tun würde, dass ich das selbstverständlich auch für Tierquälerei halte, dass ich Dich selbstverständlich anzeigen würde, wenn ich nur Deinen Klarnamen wüsste.
    Er glaubt mir nicht.
    (Er hat übrigens gerade die Seite gewechselt, um mich nun von links vorwurfsvoll zu durchbohren)
    Ich weiß nicht, ob er mir vorhält, dass ich überhaupt solche Blogs lese, dass ich ihn so etwas lesen lasse oder dass ich mich weigere, ihm meinen Laptop zur Verfügung zu stellen, auf das er bei FB einen Shitstorm gegen Dich antrete.
    Jetzt sitzt er wieder auf meinem Schoss, langt nach dem Laptop, krallt… mein Arm… Hand… Au.. Lap…

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  7. Hach ja welcher Katzenbesitzer, bzw besitzerin bzw Dosenöffner/Dosenöffnerin, denn von besitzen kann man ja bei Katzen eigentlich gar nicht reden, kennt das nicht. Aber mal ne Frage, habt Ihr keine Türe?

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      • haha ok, ja meiner kratzt auch gern, aber inzwischen hat das nicht drauf reagieren zu Erfolgen geführt. Allerdings lebe ich teilsaniert 😀
        Das schlimmste finde ich wenn er im Schlafzimmer ist und sich wenn ich einschlafen will unter der Matratze am Lattenrost langhangelt. Und positiv an der Verfressenheit ist das man Ihn mit Leckkerlies immer locken kann :-))

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  8. Wunderbar, da erkenne ich doch glatt unseren Kater Haribo wieder. Der patscht einem morgens die Pfote ins Gesicht, schnurrt einen zu Tode und wenn alles nichts hilft, dann fängt er an, Sachen vom Nachttisch zu schubsen oder die Schublade vom Nachttisch zu öffnen. Wahlweise kaut er auch mit provokantem Blick zu mir mit voller Absicht am Kabel des Weckers rum. Ich muss da mal was drumkleben oder so. Auf jeden Fall wollte ich dir sagen, dass Futter mit Getreide drin nicht gut für den Katzenkörper ist. Ich empfehle, möglichst direkt vor dem Schlafengehen etwas möglichst Gehaltvolles zu füttern, das lange vorhält. Dann schaffst du es vielleicht bis halb 7 🙂 Kennst du schon http://www.sandras-tieroase.de? Dort wird nur zucker- und getreidefreies Futter verkauft.

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