Alles ist so unendlichst bombastischst!

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von http://www.fokussiert.com

Sind wir mal ehrlich: Früher war alles lahm. Die Bilder waren nur schwarz-weiß, was den Verdacht erhärtet, dass die Menschen früher auch nur schwarz-weiß sehen konnten bzw. die Welt tatsächlich schwarz-weiß war. Wer mir Fotos vorlegen kann, die das Gegenteil beweisen, kann mich gerne davon überzeugen. Bis dahin halten wir fest: Früher war alles grau in grau. Das merkt man bis heute, weil alte Menschen nochmal welche Haarfarbe haben? AHA! Sieht man bei heutzutage alternden Menschen immer seltener, was dafür spricht, dass die heutigen Menschen schon in Farbe entwickelt wurden und deshalb auch im hohen Alter noch ihre (natürliche…oder so) Haarefarbe tragen.
Das einzig Coole an diesem schwarz-weißen Früher sind die Instagram-Filter, die da erfunden wurden. Alle Fotos sehen immer voll vintage aus. Aber früher auf den Fotos hatten die Menschen keinen Spaß. Wer sich Familienportraits aus dem 18. Jahrhundert anschaut, wird das auch erkennen müssen.

Wie langweilig und uninteressant die Vergangenheit war, merkt man auch am heutigen Sprachgebrauch. Das Leben ist eine große Party geworden. Und weil wir immer darauf bedacht sind, die eigene Freiheit und Herrlichkeit zu ehren, feiern wir keine Parties sondern uns. Wir feiern uns. Wir leben uns. Was wir tun ist immer der Oberknaller. Die deutsche Grammtik gibt derartige Beschreibungsmethoden eigentlich nicht her, um zu erklären, wie megageil jeder Schritt ist, den wir beschwingten Geistes tun. Der Superlativ hat ausgedient. Er war lange Zeit echt ok, als man noch „knorke“ und „töfte“ sagte. Aber da war das Leben ja noch nicht so feierbar wie heute. Es wird nicht länger nach dem größtmöglichen Erfolg gestrebt. Das wäre voll oldschool und entspräche nicht dem eigensten Selbstverständnis. Es muss aber immer das eigenste Selbstverständnis sein, weil wir heute viel individueller sind als früher. Früher war man nur individuell. Und so strebt man heute nach dem größtmöglichsten Erfolg! Wie gesagt: Die Linguistik stellt eine solche morphologische Konstruktion nicht zur Verfügung, weil ungrammatisch, aber was kümmern uns heute noch Regeln? Selbst mehr oder weniger ernstzunehmende Nachrichtensendungen verkünden nur noch neueste News. Was sind schon Neuigkeiten?

Man darf im übrigen nicht anfangen, zu intensiv über die Krassheit des Bombasts nachzudenken. Unabhängig von der Beschissenheit oder Geilheit einer Sache lautet der passende Kommentar „Gönn‘ dir, Junge!“ oder „Läuft bei dir!“. Neulich in der Bahn belauschte ich jugendliche Heißsporne, die von ihren überaus megabombastischen Erlebnissen auf dem Fußballplatz erzählten:

„Ey, der Gegner und ich! Wir geh’n Vollsprint zum Ball und ich denk so ‚Egal. YOLO!‘ und zieh voll durch. Ey, der musste dann vom Platz, weil ich den so gelegt habe! Ey, ich schwöre. ALLE auf dem Platz haben gelacht!“

Das ist eine derart hammermäßige Story, dass ich mir diese Situation unter realistischen Bedingungen vorstellen musste. Das Ergebnis: Wenn da nicht vollkommen gestörte Spieler auf dem Platz gestanden haben, wird sich das Gelächter wohl in Grenzen gehalten haben. Aber darum geht es nicht. Die Erzählung ist zwar bezogen auf die Handlung wenig erheiternd und auch wenig gehaltvoll, sorgte aber für allgemeines Schulterklopfen unter den Freunden. Was ja auch klar ist. Alles, was man heute erlebt und tut, ist Grund für Lobgesänge. Oder nennen wir es Lobgröhlen. Und dann fiel das Wort, auf das ich mittlerweile in Verbindung mit Alltagsgeschichten allergisch reagiere. „Das war legendär!“
Alles ist legendär. Oder epic. Oder episch. Die Party letztens war legendär. Die nächtliche Fahrt mit 160 km/h durch die Stadt war legendär. Der Sound der Auspuffanlage ist einfach epic. Dieser Sommer war einfach legendär. Mein Frühstücksei letztens: episch. Wie gut muss es sich anfühlen, heute zwischen 16 und 25 zu sein? Man muss doch jeden Morgen mit einem Dauergrinsen aus seinem legendären Traum erwachen und legendär zur Schule oder Uni gurken, um allein schon auf dem Weg dorthin weitere legendärste Dinge zu erleben.

Die Normalität hat ausgedient; die zur Schau getragene Normalität. Gestern erst habe ich darüber schon einmal geschrieben, aber irgendwie klemmte mir dieses Gespräch aus der Bahn noch hinter der Stirn. Das musste raus. Das Normale ist nicht mehr vorzeigbar (übrigens ganz im Gegensatz zu dem, was medial über die entsprechende Altersgruppe geschrieben und gesendet wird, der es irgendwie doch um ganz gemäßigte Ziele im Leben gehen soll…paradox). Das Normale ist der Inbegriff von Langeweile geworden und das muss durch Überspitzung bis hin zur Lüge kompensiert werden.

Niemand wird auf dem Fußballplatz gelacht haben.

Loriot-COMIC-HA-Kultur-Berlin
von http://www.abendblatt.de

Und ich habe letztens auch kein legendäres Frühstücksei gegessen.

Es war einfach nur gut.

Es war lecker.

Wie langweilig.

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9 Kommentare

  1. Es scheint mir, als wären all diese Besonderheiten erlebnistechnischer und linguistischer Art nur in bestimmten Zirkeln und Altersklassen vorhanden.
    In meiner Altersklasse (Ü50) und in meiner Lebensumgebung spielt derlei keine Rolle.
    Gottseidank.
    Ich kenne die Dinge nur als „schön“, ev. mal „klasse“ oder auch mal „unter aller Kanone“. Aber das war’s dann auch schon.

    Gefällt 2 Personen

  2. Ich hatte schon ein legendäres Frühstücksei, allerdings musste das Huhn wohl anschließend zum Proktologen. Auf FB finden meine Freunde immer wieder neue Superlative um mich zu loben, dabei spielt das Alter keine Rolle, eher im Gegenteil. Vielleicht habe ich nur „normale“ junge Freunde, denen ein super oder prima völlig ausreicht, oder es wird ein Awesome, weil Englisch anscheinend die Ausdruckskraft verstärkt. TRotzdem sind diese Freunde zufrieden, wenn ich auf ihre Beiträge mit „wundervoll“ reagiere – alles wird gut 😉

    Gefällt 1 Person

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