Die Schnelllebigkeit von heute…und Hüten

Der Titel ist das Ergebnis eines Flüchtigkeitsfehlers. Die Reihenfolge von Buchstaben ist ja heutzutage eine eher willkürliche Angelegenheit und Groß- bzw. Kleinschreibung eine Option. Mehr nicht. Ich achte normalerweise auf solche Dinge, aber gerade beim Schreiben des Titels verknoteten sich meine Hände ineinander, unser Nachbar von oben ließ sein neues, zentnerschweres Betonspielzeug fallen, weshalb er samt Spielzeug durch unsere Decke ins Wohnzimmer fiel, woraufhin sich die Katze erschrank und mit einem großen Satz auf die Tastatur sprang. Dies alles förderte Folgendes zutage:

„Die Schnelllebigkeit von huete“

Ich habe gerätselt, was sich die schicksalhafte Fügung von gerade dabei gedacht hat, doch dann kam die Erleuchtung: Es handelt sich um die von Umlauten befreite, kleingeschriebene und kasusignorante Form einer formschönen Kopfbedeckung: um Hüte. Eigentlich wollte ich nur „heute“ schreiben, aber ich habe auch den verbalen Unfall (fehlerbereinigt) übernommen, denn aus irgendeinem Grund passt beides ganz wunderbar. Warum? Ja, passt mal auf:

Es geht ja alles so unfassbar schnell heute. Was mich gestern noch interessiert hat, verträgt sich heute nicht mehr meinen Prinzipien. Was mir heute steht, ist schon gleich von gestern und ein Sprichwort sagt ja auch irgendwas von alten Hüten. Wenn das schon das Ende des Spannungsbogens sein sollte, wäre ich ein schlechter Dramaturg. Vielleicht bin ich das sogar. Das müssen andere beurteilen. Ich halte mich in Bezug auf rote Fäden für hochgradig sprunghaft, was dem einen oder anderen bestimmt schon aufgefallen ist. Jetzt gerade zum Beispiel. Aber: Ich komme irgendwann auf den Ausgangspunkt zurück. Deshalb sauge ich mir noch etwas mehr aus den Fingern. Die Verknüpfung von Sprichtwort und dem Gedanken dahinter ist noch nicht die Auflösung, warum Hüte schnelllebig geworden sind. Auch wenn das nicht von der Hand zu weisen ist. Aber es geht erstmal um was anderes.

Ich habe schon einige Trends verpasst und manche nicht kommen sehen, die plötzlich da waren und nicht wieder verschwunden sind. Ich bin einfach schlecht im Abpassen von Modeerscheinungen. Das geht mir mit neuen Automodellen auch so. Plötzlich sehe ich die überall und während ich der Frau, die in unserer Wohnung lebt, verkünde, dass mir neue A-Klasse echt gefällt, weist sie mich darauf hin, dass die schon ziemlich lang auf dem Markt ist und folglich nicht mehr sooo neu. Das mit den Anglizismen ist auch so ein Trend, den ich in den letzten 30 Jahren nicht ganz verfolgt habe, und nun ist er da und nicht mehr zu beseitigen.
Gut, ist eigentlich auch nicht so wild, aber ich verstehe manche Titel einfach nicht mehr. Was sprach gegen die Bezeichnung des Managers? Heute ist es der CEO, was mich irgendwie an SEO erinnert, obwohl es so rein gar nichts miteinander zu tun hat. Bezeichnungen für Hosen…es war eine Qual, eine passende Hose zu finden, denn auch im Onlineshop meiner Schneider Hennes und Michael heißen die so verstrahlt, dass ich auf gut Glück alles bestellt habe, was auf dem Foto gut aussah. Wie ein Vierjähriger. Lesen kann er nicht. Aber Bilder, die sind toll!

In diesem Zusammenhang: Mann trägt wieder Leggins. Das, wofür ich in der fünften Klasse noch ausgelacht wurde (es war einfach eine enge Jeans), liegt heute wieder unter der Bezeichnung „xtra skinny high-waist stretch“ (wo ist das e von extra geblieben?) in der Herrenabteilung meiner Schneider. Die Toten Hosen (haha!) wird es ärgern, denn ihr modisches Alleinstellungsmerkmal ist nun salonfähig geworden: an den Knien eingerissene Stretch-Jeans. Trägt jeder und jede heute. Ob die sich alle oft hinknien, um…lassen wir das.

Beim Flanieren über den Campus fällt insbesondere hier in Düsseldorf auf, dass der Anteil an Sonnenbrillenträgern enorm ist. Ob es regnet oder schon lange dunkel geworden ist, spielt wohl keine Rolle. Und so kauern sich schicke Mädchen mit Sonnenbrille, Lippenstift und ausladendem Hut unter einen Regen- oder manchmal auch Sonnenschirm, damit die als Schutz vor der Sonne gedachte Kopfbedeckung bloß nicht ihrer Aufgabe nachkommen muss oder nass wird. Schirmkappen haben diesen Gang der Evolution schon hinter sich. Falls ich früher überhaupt eine gekauft habe, die mit einem Aufkleber versehen war, wurde dieser nach dem Kauf entfernt. Er hatte für mich den Status eines Preisschilds. Und der Schirm wurde gebogen (!!!). Irgendwann – und auch diesen Zeitpunkt habe ich verpasst – wurde die Schirmkappe zur Base(ball)cap und wurde von 15-jährigen Jünglingen mit viel zu großen Füßen getragen. Da müsst ihr mal drauf achten. Alle männlichen pubertierenden Jugendlichen sehen von der Seite aus wie ein „L“. Zurück zur „Cap“. Der Aufkleber blieb bei diesen neuen, hippen Stylern dort, wo er war: auf dem Schirm der Kappe. Wie wollen die ihre Schädelmütze waschen? Vielleicht erübrigt sich das auch, weil das Teil irgendwann mit den Haaren und der Kopfhaut verwächst. Der Vorteil daran wäre natürlich, dass man sich je nach Art des Tragens keine Sorgen mehr um Sonnenbrände in Nacken bzw. Gesicht machen müsste.

Verwachsen ist übrigens ein gutes Stichwort. Wir sind alle miteinander verwachsen. Medial. Global. Twitter ist ein Medium, das ich gerade erst kennen lerne. Langsam wächst in mir die Erkenntnis, wie das mit diesem Tweeten und Retweeten funktioniert. An die Herzen habe ich mich mittlerweile auch gewöhnt. Aber auch hier musste ich erst 30 Jahre alt werden, um den hellblauen Vogel überhaupt als mögliche Interaktionsplattform anzuerkennen. Mit stolzen 32 Followern erreiche ich mit jedem Tweet nun ungefähr 32 Menschen. Das ist mehr als vorher, als ich noch nicht bei Twitter war. Allerdings dürfte es sich bei Twitter um mehr als nur einen Trend handeln, denn das Unternehmen ist mehr oder weniger konkurrenzlos. Es hält das Monopol des Verschickens viel zu kurzer Texte, wobei die Zeichenbegrenzung ja bald Geschichte sein soll.

Was die Hutgeschichte angeht, so war es bis vor einigen Jahren nur der Prominenz gestattet, Hüte zu tragen. Und der Frau aus dem Raffaello-Werbespot. Das hat sich im Laufe der Zeit ein wenig geändert, was vielleicht auch daran liegt, dass wir durch diverse soziale Medien kleine Selbstdarsteller geworden sind. Kleider machen ja bekanntlich Leute und im vernünftigen Rahmen sowie der richtigen Zusammenstellung kann sowas auch sinnvoll sein. Andererseits denke ich mir manchmal, dass die Leute sich gelegentlich mal jemandem anvertrauen sollten, der sich nicht innerhalb der Blase von aktuellen Modeerscheinungen rumtreibt. Das sind dann nämlich diejenigen, die beurteilen können, ob die Klamotten gesellschaftstauglich sind oder einfach nur auffallen. Vielleicht ist es aber auch genau das, was mit Trends verfolgt wird. Vielleicht möchte man sich nicht einfügen, sondern beabsichtigt, hervorzustechen.

Dummerweise nimmt das in solch schnelllebigen Zeiten befremdliche Züge an. Man denke da an eine Sängerin, die in allerlei Grillgut gekleidet war. Die glaube ich auch gerne Hüte trägt. Nun ist eigentlich gegen einen Hut, so er die darunterliegende Rübe ziert, nichts einzuwenden. Dafür müssen Hut und Gesicht aber auch hutkompatibel sein. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, ist diesbezüglich gut ausgestattet. Mir stehen Hüte selten.

Bei manchen Dingen werfe ich mir heute vor, dass ich vor einigen Jahren nicht dies oder das getan habe. Hätte ich mir vor ein paar Jahren die Domain diverser Phantasienamen gesichert, wäre ich nun reich. Hätte ich vor 15 Jahren mit dem Bloggen begonnen, wäre ich mit der Zeit zum Trendsetter avanciert. Ganz bestimmt. Das Problem an der ganzen Sache mit Trends ist: Sie sind vergänglich. Und vor allem weiß man vorher nicht, was etwas werden könnte und mit etwas Pech sitzt man im hohen Alter vor seinem Laptop und wartet noch immer, dass irgendjemand eine gigantische Firma mit Namen Digital Walkman gründet, dessen Domain man sich vor Urzeiten mal gesichert hatte. Hätte ja klappen können. Hat es aber nicht. Was lernen wir daraus? Nicht immer ganz auf dem aktuellen Stand zu sein, kann sich rächen. In der Regel schont es allerdings den Geldbeutel.
Wir Kinder haben zum Weihnachtsfest 1994 eine gemeinsame Spielkonsole bekommen. Die einzige, die wir je besaßen. Eine, die sich gegen die Nintendo-Übermacht nie durchgesetzt hat und sonst niemand im Freundeskreis besessen hat. Es hat uns nicht geschadet. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, hat mir vor drei Jahren für nen Appel und ein Ei wieder eben jene Spielkonsole gekauft. Kräht heute kein Hahn mehr nach. Hat ja schon damals keiner nach gekräht. Ich finde „The Lion King“ auf Sega Mega Drive nach wie vor geil.

Albern, oder? Aber immerhin nicht so albern, wie alle paar Monaten dem nächsten Modeschrott hinterherzurennen, der vom vorherigen nicht gelernt hat, dass auch er vergänglich ist. Aber das denkt das Universum bestimmt auch über uns.

„Watt?! Menschen?! Ach, die sind in ein paar Millionen Jahren eh wieder weg vom Fenster.“

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21 Kommentare

  1. Was beim vielversprechenden Nachwuchs jedoch nie aus der Mode kommt: Rucksack in den Kniekehlen tragen und auch bei minus 12 Grad ohne Wollmütze rausgehen, damit der Style auf dem Kopf nicht durcheinander gerät. Und im Dunkeln das Licht am Fahrrad anmachen ist heute noch genauso uncool wie vor 20 Jahren!

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  2. Bloggen ist sicher auch nur ein Trend …… 😉 Was denkst du wie viele Trends ich schon miterlebt habe – bei mir selbst von Plateauschuhen bis Hotpants, Beatles-Frisur, die bunten 80er …… und dann kamen meine beiden Söhne und deren Trends waren dann auch manchmal sehr gewöhnungsbedürftig – von Hosen, die unterm Po hingen bis zu Dreadlocks bis an genau jenen ….. Ich habe alles gut überstanden und bevor ich einen „Trend“ mitmache, ist er schon fast wieder vorbei, was auch bedeutet, dass er völlig irrelevant war. Das ist das Gute am „Alter“. Ich muss nicht immer hip oder trendy sein und weiß doch, was angesagt ist. Z.B. „sous-vide-garen“, was mich gerade sehr beschäftigt 😀

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  3. Gestern lupfte ein Mann im Bioladen beim Verabschieden an der Kasse seinen Hut. Das hatte so dermaßen Stil und Klasse! In den Moment wünschte ich mir, viel mehr Männer würden Hut tragen. (Aber nicht, weil’s grad Trend ist!)

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    • Ja, da muss streng differenziert werden (wo nicht?). Einem edlen Herrn mit Monokel und einer seltenen Eule auf der Schulter nimmt man einen passenden Hut auch ab. Das ist authentisch. Aber studentischen Modepüppchen oder alibialternativen Typen eher nicht.

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  4. Ich bin leider ebenfalls ein bisschen Trend unfähig…. Entweder ich bin zu früh dran und es wird dann erst irgendwann voll modern, oder ich merke nicht, dass etwas schon modern ist/war und es gefällt mir und ich fühle mich, als hätte ich Jesus entdeckt. Oder ich merke es und es ist mir egal.

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