Und jetzt alle einmal recht korrekt und empört, bitte!

Bei dem auf dem Beitragsbild sichtbaren Vogel handelt es sich um ein Tier, das ich ursprünglich für solche Artikel gedacht hatte, die ein ernstes Thema behandeln. Hat glaube ich einmal geklappt. Ist aber nicht so wichtig. Eigentlich ist er vielseitig einsetzbar, weil sein Blick so wenig eindeutig ist. Was denkt die Möwe? Und wer ist sie eigentlich, diese Möwe der Ernsthaftigkeit? Passt sie zum heutigen Thema? Darf man Zeichentricktiere für eigene Zwecke ausbeuten? Wer weiß…?


Wir leben in einer Zeit, in der sich vor allem der Zwang abzeichnet, jede Wortäußerung in ein Korsett zu pressen, das keinerlei Unebenheiten aufweist. An dem sich niemand echauffieren kann. Bei dem jeder sagen kann „Ja, so spricht man heute. Merk dir das, du Affe!“. Witzigerweise wird das Ganze durch sich selbst ad absurdum geführt. Dazu später mehr. Eher zufällig und beiläufig wurde ich vor einiger Zeit wieder auf ein Thema gestoßen, das mich schon seit Jahren zwar nicht pausenlos beschäftigt, aber immerhin kontinuierlich nervt. Alles muss korrekt sein. Nichts darf irgendjemanden jetzt, früher und in der Zukunft auch nur annähernd irgendwie aufs Korn nehmen, diskriminieren oder unterdrücken. Stereotype Verhaltensmuster dürfen nicht mehr thematisiert werden. Sie sind tabu und sollten nicht weiter als Teil der Realität betrachtet werden, weil das die Unterschiede nur noch weiter verstärkt.

„Guck mal, Mama! Warum sitzt der Mann im Rollstuhl?“

„Schau da nicht so hin!“

Das Kind hat soeben ein neues Tabuthema kennenlernt und muss nun immer dem Reiz des Verbotenen widerstehen, vielleicht doch hinzuschauen.

Ich halte das alles für reinsten Blödsinn und einen dicken Trugschluss. Meiner Erfahrung nach läuft das Zusammenleben am besten, wenn man beispielsweise mit dem Bewusstsein lebt, dass eben auch Hetero-/Homosexuelle, Behinderte, Gläubige welcher Religion auch immer, Frauen, Kinder, Vegetarier, Veganer, Fleischesser und Gott sowie sämtliche andere Identitäten gepflegt einen an der Waffel haben können. Das behutsame Beweihräuchern vermeintlich Schutzbedürftiger bedeutet nichts anderes, als den Status als etwas Besonderes zu untermauern. Das ist weder ein Akt der Gleichstellung noch des normalen Umgangs.
Das ist ein Grund, weshalb ich generell Türen aufhalte. Sogar unattraktiven Menschen. Und ich mache mir darüber keine Gedanken. Ich registriere, dass beispielsweise im Hauptbahnhof eine enorme Vielfalt an Personen unterwegs ist. Ich wäre bescheuert, wenn ich bei jedem darauf achten würde, dass ich ihm seinen Ansprüchen entsprechend begegne. Das würde innerhalb kürzester Zeit zur Überlastung des Gehirns führen, zumal das manchmal gar nicht so einfach ist. Halte ich einer Frau die Tür auf, könnte man mir das als Sexismus vorwerfen. Mache ich es nicht, könnte man mir vorwerfen, nicht genug für die Frau getan zu haben. Härtefall: gehbehinderte Frau. Schafft sie es alleine? Will sie es alleine schaffen? Darf sie es alleine schaffen? Darf ich ihr helfen? Muss ich es? Darf ich überhaupt darüber nachdenken? Was denken die Leute, wenn ich die Tür aufhalte/nicht aufhalte? Schwierig. Das ist der zentrale Punkt an dieser Sache. Nicht, was die konkret Betroffenen denken, sondern was diejenigen denken, die darüber nach Gutdünken urteilen.

Wir haben vor einiger Zeit ferngesehen. Allein das dürfte vermutlich schon bei dem ein oder anderen den Hut hochgehen lassen, weil es am barbarischen Akt des Fernsehens mit Sicherheit etwas auszusetzen gibt. Vermutlich wird dadurch jemand unterdrückt. Nicht man selbst. Das ist in den wenigsten Fällen so. Aber man wird sich ja wohl noch ein wenig empören dürfen! Es liefen die Looney Toons, die ich früher sehr gerne gesehen habe. Aber unter anderen Voraussetzungen. Heute setze ich spaßeshalber den Maßstab von Moralisten, Genderisten und anderen -isten an und erfreue mich der absurden Ergebnisse, die allerdings erschreckend realistisch sind, wie so manch medialer Aufschrei der Vergangenheit belegt.
Ein paar Beispiele:
Tweety sitzt in ihrem Käfig. Allein hieran könnte man sich vielfältig reiben. Was veranlasst mich zu der Aussage, dass Tweety weiblich ist? Ich deute die Stimme als weiblich, woraus man mir einen Strick drehen könnte, weil ich im verpönten binären Geschlechtersystem verankert bin. Kurioserweise sind aus Sicht Einiger nicht einmal primäre Geschlechtsmerkmale als Indizien zur Bestimmung des Geschlechts gestattet. Die kann man aber bei Tweety ohnehin nicht erkennen, womit man mir an dieser Stelle vorwerfen könnte, pervers zu sein, weil ich Tieren einer Kindersendung unter den Rock schaue.

Der radikale Tierrechtler würde mir nun fehlende Empathie unterstellen, weil ich eine Sendung verfolge, die Tiere in Gefangenschaft zeigt.

(Ich habe früher manchmal mit meiner Schwester zusammen mit Kuscheltieren gespielt. Einmal war Ente Watsch Nutellaschnute viele Jahre lang in einem Tank eingefroren gewesen und in einer Zukunft wieder aufgetaut worden, in der sie nicht mehr zurecht kam. Sie konnte nicht mehr mitreden und hat vieles nicht verstanden. Obwohl wir uns die Geschichte selbst ausgedacht haben, haben wir bitterlich geweint, weil uns Ente Watsch Nutellaschnute so leidtat. Soviel zur fehlenden Empathiefähigkeit.)

Ist es verwerflich eine Zeichentricksendung zu schauen, die einander bekämpfende Haustiere zeigt? Das wäre nämlich eine zweite potenzielle Anklage: Haustiere, die geschlagen werden. Oder generell Gewalt an Tieren. Der Roadrunner und Wile E. Coyote. Der empörte Anglizismen-Profi würde das schlicht als no go bezeichnen und alles wäre gesagt. Ebenso, dass Sylvester (so schreibt man übrigens den Kater und nicht den Tag vor Neujahr) einen Sprachfehler hat. Verhöhnung von Behinderten! Mögen die Macher der Sendung in der Hölle schmoren. Oder selbst von Sprachfehlern heimgesucht werden.
Das ist übrigens ein ganz witziger weil paradoxer Auswuchs der Empörungskultur. Man setzt sich für (vermeintlich) Benachteiligte ein, aber schwenkt in Diskussionen in den Misanthropie-Modus: „Ich hoffe, DU wirst mal eine Behinderung haben und dann lache ich DICH aus!“
Das kommt tatsächlich häufiger vor. Nicht wortwörtlich, aber die Art dürfte jedem bekannt sein, der sich bei Facebook an Diskussionen zur Gleichstellung oder Tierhaltung beteiligt. Dass es sich bei Tweety nicht nur um den weiblichen Part handelt, so man den Vogel als weiblich kategorisieren möchte, sondern darüber hinaus um den passiven, setzt dem Ganzen die Krone auf. Was für eine veraltete Geschlechterkonstellation! Wie kann man nur?! So brächte man Kindern doch nur bei, dass die Frau stets inaktiv sei. Was falsch ist. Beim Kochen ist die Frau alles andere als passiv.

Umgekehrt stößt sich übrigens niemand daran, wenn ein Mann ungebuttert wird. Das scheint sogar voll im Trend zu liegen. Natürlich ist das Beispiel mit Tweety und Sylvester gnadenlos überspitzt dargestellt, wobei ich mir da gar nicht so unsicher bin, ob der eine oder andere nicht tatsächlich diese Gedanken hat. Ich wollte hier nur zeigen, woran man sich stoßen könnte, wenn man denn große Lust hat, unter die Korinthenkacker zu gehen.

Das ist nämlich ein in den letzten Jahren rasant wachsender Geschäftszweig gewesen. Ob es sich dabei schlicht um die verlernte Kompetenz, das Relevante vom Irrelevanten zu trennen, oder um absichtliches Falschverstehen handelt, kann ich nicht sagen. Es könnte beides sein. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass wir uns heute primär über kurze Texte verständigen, die gerade so knapp sind, dass die nötigsten Informationen enthalten sind. (Zu kurz dürfen sie aber auch nicht sein, sonst bekommt man nicht alle Rechtschreib- und Grammatikfehler unter.) Da bleibt zwangsläufig einiges auf der Strecke, was zum Verständnis vielleicht notwendig wäre. Emotionen lassen sich auch durch Emoticons nur behelfsmäßig ausdrücken. Intonation (Prosodie), die maßgeblich an der Wirkung des Inhalts beteiligt ist, fällt völlig flach. Insofern kann man nachvollziehen, dass etwas falsch interpretiert wird.
Aber muss man denn immer von der schlimmstmöglichen Deutung ausgehen? Etwas wird geschrieben, jemand liest es, geht die Interpretationsmöglichkeiten durch und wählt die pessimistische: „Da will mir jemand was Böses!“. Das scheint die allgemein verbreitete Rezeption von Texten zu sein. Und oftmals wird dann trotz Klarstellung nicht ein Millimeter nachgegeben: „Achso, du hast es gar nicht so gemeint? Ja aber dann kannst du das so aber auch nicht sagen/schreiben. Das kann man ja nur falsch verstehen. Außerdem glaube ich dir nicht.“

Der eigentliche Witz an der aktuellen Empörungskultur und der Punkt, weshalb ich manche vorgetragene Kritik nicht für voll nehmen kann, ist der Umstand, wer da kritisiert. Denn oft genug nimmt der Empörungszug dort Fahrt auf, wo Menschen nicht einmal direkt betroffen sind. Wer eine Aussage nicht mit seinen Prinzipien vereinbaren kann, soll sich gerne aufregen. Allerdings sollte man da bei sich bleiben und sich nicht zum Anwalt der vermeintlich Unterdrückten aufschwingen.

Paradebeispiel von einem Blog, in dem ich gern lese:
Ein Leser/eine Leserin beschwert sich, dass der Autor doch bitte aufhören möge, seine Nachbarin zu belästigen. Nun kenne ich den Verfasser des Artikels nicht persönlich, aber traue mir die Aussage zu, dass bei ihm manches längst nicht so heiß gegessen, wie es im Anschluss aufgekocht wurde. Und ja, Sarkasmus und Ironie sind nicht jedermanns Sache. Nur wie kommt man als Unbeteiligter auf die Idee, Protagonisten eines Artikels, die einem selbst unbekannt sind, eindeutige Rollen zuzuweisen?
Verlernte Kommunikationskompetenz und absichtliches Falschverstehen. Das packt beide, den vermeintlichen Täter und die vermeintlich Schutzbedürftige, in die schon im Vorfeld angelegten Schubladen. Weil es passen könnte.

Und damit passiert das, wo sich die Katze in den Schwanz beißt: Ohne überhaupt eine Ahnung von den realen Umständen zu haben, kritisiert man den einen Part (möglicherweise zu Unrecht) und beschützt den anderen. Das bedeutet aber auch, dass man der beschützten Person die Fähigkeit abspricht, für sich selbst zu handeln. Degradiert zum Zuhören. Und das hat wenig mit Empathie zu tun. Das ist purer Egoismus, weil die eigenen Empfindungen über die der vermeintlich beschützenswerten Person gestellt werden. Und im obigen Beispiel geht es nicht einmal um eine Situation, die man von außen annähernd klar beurteilen könnte. Texte – das ist im Grunde die Erkenntnis meines Studiums – geben keinerlei Auskunft über die Realität des Autors zum Zeitpunkt der Niederschrift. Deswegen weiß man heute auch trotz umfangreicher biografischer Texte nicht viel über den wahren Goethe. Man kann nur das deuten, was in Textform vorliegt.
Das gilt auch für den Alltag. Vermuten ist nicht wissen, weshalb man im Zweifel immer davon ausgehen kann, dass wichtige Fakten fehlen, um eine Sache klar beurteilen zu können.

Der Katalog der Dinge, die heute „ja mal so gar nicht gehen“ ist lang und im Grunde allumfassend. Mögliche Dialoge:

„Du siehst heute aber gut aus.“ – „Ach, sehe ich das sonst nicht?!“

„Du siehst heute aber gut aus.“ – „Ey, du bist total oberflächlich.“

„Du siehst heute aber gut aus.“ – „Geht’s noch?! Du bist total der Macho!“

„Lecker Hähnchenbrustfilet.“ – „Wie, kein Bio?!“

„Lecker Hähnchenbrustfilet.“ – „Du Tiermörder!“

„Ich ernähre mich jetzt vegetarisch.“ – „Und warum nicht vegan?“

„Ich habe heute den Wocheneinkauf gemacht.“ – „Und woanders haben die gar nichts zu essen. Das ist total pietätlos.“

„Stand gerade im Stau.“ – „Du Umweltverschmutzer!“

„Der Typ gerade hat voll genervt.“ – „Hallo?! Mal daran gedacht, dass der vielleicht behindert war?!“

Die Auflistung könnte man noch fortsetzen, aber ich denke, dass das Prinzip klar geworden ist. Egal, was jemand sagt oder schreibt: Irgendwo findet man immer einen Pseudogrund für eine amtliche Empörung. Wer mag, kann diese Liste gerne durch weitere erhobene Zeigefinger ergänzen.


Gerade lese ich, dass ein Hausbesitzer in Rommerskirchen gegen die Sternsinger vorgehen möchte, weil die sein Haus mit garstigen Kreidezeichen beschmiert haben. Er bereite wohl eine Klage vor. Immer diese Leute aus dem Morgenland, die uns ihre Kultur aufdrängen wollen! Da ist Empörung natürlich völlig angebacht.

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43 Kommentare

  1. Die Welt, sie ist so. Darüber könnte ich mich den ganzen Tag empören. Oder es sein lassen. Besser ist das, für Blutdruck & Co. Zumal das nicht im geringsten etwas ändert, wenn mir der Kamm schwillt.

    Zeitgeistig korrekte Sprache – weichgespültes Wunschdenken moderner Karrieristen.
    Glatt geschliffenes, dünnes Zivilisations-Mäntelchen. Trete mal einen von denen so richtig auf dem Fuß. Sollst mal sehen, wie schnell der Neandertaler sich wieder Bahn bricht 😉

    Selbst bevorzuge ich eine klare und mitunter auch derbe Sprache unter Vermeidung gewisser Attribute und Wertungen, soweit mir das möglich ist. Das fällt mir vergleichsweise leicht, weil mir zum einen soziale Medien mit ihrem Herdentrieb-Charakter ziemlich gleich sind und weil ich zum anderen keine größere berufliche Karriere mehr anstrebe.

    Wie tun, wenn es so ausschaut, als gäbe es etwas zu tun?
    Intuition entscheidet.

    Die anderen? Guckst Du…

    Gruß aus dem Tal der Wupper!

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  2. Guten Morgen. Der Mensch – das hirnverdrehte Wesen. Gestern sah ich im TV, dass ein Fußballverein nur noch 1x die Woche einen Ball über den Zaun schießen darf…auf eine nackte, öde Wiese…der Richter gab dem Wiesenbesitzer Recht, ergo: fliegt der Ball öfter als 1x rüber gibts ne Strafe von bis zu 250.000€. Fazit: derzeit spielt gar keiner auf dem Feld. Gehts noch? Und: egal wie Mann oder Frau es macht oder sagt – richtig ist es ja dann doch nie…Liebe Grüße und super Beitrag! 🙂

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  3. Hallo,
    auch wenn ich das Beispiel mit dem Aufhalten von Türen nicht ganz stichhaltig finde (ich mache das schon aus purer Höflichkeit), finde ich deinen Artikel sehr treffend. Mir geht dieses political correctness-Getue auch total auf die Nerven. Da denken sich Leute die absurdesten Formulierungen aus, um bloß keinem auf die Füße zu treten. Wurden die Geschonten vorher gefragt, wie sie das finden? Ich kann mich nicht an einen solchen Fall erinnern.
    Vor einigen Wochen habe ich dieses heiß diskutierte Video von Chris Tall gesehen: „Darf er das?“ Du lieber Himmel, da haben sich die Dauerempörten in einer Dauerschleife mit reichlich Ausdauer zu Wort gemeldet! Ich fand das Video witzig. Komplett. Auch an den Stellen, an denen er sich über Behinderte auslässt. Ups, ich bin ja selbst behindert! Und nicht empört? Nein, weil es so ist, wie du es beschrieben hast: Das Schweigen ist eine andere Form der Ausgrenzung. Mit Schweigen tut man so, als würde es bestimmte Personengruppen oder Zustände nicht geben. Es gibt sie aber. In meiner Kindheit waren Ostfriesenwitze der Renner. Kein Mensch fand das diskriminierend. Mir ist nicht bekannt, dass es damals einen Ansturm auf die Psychiatrie-Praxen zwischen Leer und Emden gab oder um Norden eine Suizidwelle ausgelöst wurde. Danach kamen die Häschenwitze, aber das vertiefe ich hier jetzt nicht 🙂
    Liebe Grüße
    Ina

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  4. Beitrag mal eben überflogen und für gut befunden!
    Mir ist egal, was andere Leute sagen. Wenn ich einer Person die Tür aufhalte oder sie an der Kasse vorlasse, werde ich immer mit einem Lächeln beschenkt.

    Und du hast es richtig geschrieben: völlig egal wie man es sagt und meint, es kommt darauf an, wie es beim Gegenüber ankommt und er es hören will. Wenn ich mir da jedes Mal Gedanken drum machen müsste, dürfte ich nie wieder sprechen.
    Und das mache ich doch ziemlich gerne 🙂

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  5. Das Alles erinnert an eine mittelalterliche Hinrichtung: Das Publikum empört sich, d.h. steht unter dem Zwang, sich vor einer Verdächtigung zu versichen, indem sie demonstrativ der Anklage, dem Henker und dem Herrscher versichern, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Daher die lauten Rufe: „Henkt ihn höher!“ Und man darf wetten, dass die lautesten Rufer die größten Leisetreter sind. Allerdings war diese öffentliche Hinrichtung geregelt; der Delinquent wußte, weshalb er geköpft wurde. Wenn heute jemandem medial der Kopf zurechtgerückt wird, dann weiß er gar nicht, wie ihm geschieht: plötzlich muß er Sätze verantworten, die er mitnichten geäußert hat. Es geht eben nicht darum, ihn zu verstehen; es geht darum, ihn …“hängt ihn höher!“

    Dieser Zwang, auf der richtigen Seite zu stehen. Ich nannte das Ganze einmal „Boshaftes Wellenreiten“.
    Das Empörende an dieser Situation: Die zwanghaften Rufer, Ankläger wie Verteidiger, glauben, dass dies alles in der besten Ordnung sei, das heißt, aus ihrem Recht fließe, ihre Meinung äußern zu dürfen.

    LG

    Phileos

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  6. Im Englischen gibt es den schönen Ausdruck „Social Justice Warrior“ kurz SJW. Mich erinnern die an den Mann, der der Oma unbedingt über die Strasse helfen muss, obwohl sie gar nicht auf die andere Seite wollte.

    Oh, Moment… war das jetzt männerfeindlich? Mir egal.

    (Ein bisschen weniger political correctness würde gut tun. Und darum weigere ich mich auch hartnäckig irgendwelche feministischen Extrawürste anzuwenden. Nichts ist so schlimm wie ein Text in dem es heisst „Liebe Leser und Leserinnen, die Autoren und Autorinnen dieses Textes und dieser Textinnen möchten zum Ausdruck und zur Ausdruckin bringen, dass die Unterdrückin der Frau und Frauin so nicht weiter zu dulden ist… bliblablu…“ Das will doch kein Mensch mehr lesen, sowas!)

    Und Tom und Jerry sollen sich mal schön weiter fetzen.
    Tweety war für mich übrigens schon immer ein Kerl und Sylvester viel cooler.

    Totales Reizthema. Merkt man nicht, gell? 😀

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  7. Mir geht das ähnlich auf den Sack (ist das jetzt Sexismus?), und ich kann es mir nur so erklären, dass es uns derzeit viel zu gut geht: Die Grundbedürnisse sind alle gestillt, wir haben alles im Überfluss. Die menschliche Natur, sich aufzuregen und (notfalls künstliche) Probleme zu schaffen, braucht eben einen Katalysator.

    Sicher sind die Genzen oft fließend und ich kann mich selbst nicht davon freisprechen, bei gewissen Themen jetzt deutlicher sensibilisiert zu sein: Ein -in hänge ich heute mal schneller an meine Beschreibungen dran als früher. Ich würde mich aber nicht weniger weiblich fühlen, würde mich z. B. jemand als „Blogger“ bezeichnen. Ich gestehe Sprache viel Macht zu, aber nicht, sich aufs Selbstbewusstsein oder die -wahrnehmung auszuwirken. Da hapert es dann wohl wo anders. Dass ich weiblich bin, weiß ich doch auch so. Ich bin aber in jedem Fall dafür, dass kleine Jungs rechtzeitig lernen, dass „Schlampe“ kein adäquates Schimpfwort ist.

    Worauf man sich doch einfach einigen könnte, wäre Respekt. Mit etwas Grips in der Birne und ein bisschen gelernten Umgangsformeln versteht jeder doch selbst, wann er die Grenzen anderer verletzt. Da brauche ich keine Doktrinen von außen, die mir sagen, was ich wann wo wie formulieren oder machen muss.

    Übrigens: Die schönsten Behindertenwitze kommen von Behinderten selbst 😉 Wenn ich mich mit meiner Schwester streite (sie sitzt im Rolli), würde sofort die Anstandspolizei kommen müssen und uns beide (!) einsperren müssen.

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    • Wie so oft, steht und fällt das Ganze mit der Fähigkeit, vernünftig zu reflektieren. Ich glaube auch, dass viele Probleme erst durch unseren Wohlstand produziert wird. Klar ist es auch die Pflicht, sich Missdtänden anzunehmen, wenn man selbst den halbwegs objektiven Blick darauf hat. Aber man muss eben auch wissen, ab welchem Punkt man eventuell übers Ziel hinausschießt.

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  8. Gut gesagt.

    Du schreibst da oben Das ist übrigens ein ganz witziger weil paradoxer Auswuchs der Empörungskultur. Man setzt sich für (vermeintlich) Benachteiligte ein, aber schwenkt in Diskussionen in den Misanthropie-Modus: “Ich hoffe, DU wirst mal eine Behinderung haben und dann lache ich DICH aus!”

    Meiner Erfahrung nach (ich „darf“ das sagen, ich gehöre als von Geburt an gehandicapte Frau zu der vermeintlich beanachteiligten Gruppe, die in diesem Zitat gemeint ist) ist das so: Das sagen die Nicht-Betroffenen sich untereinander und kommen sich toll vor, schön politisch korrekt und was weiß ich, aber wehe ein Betroffener und dann auch noch einer der das Klischee nicht erfüllt (ich werde des öfteren mit einem Kind – auch „behindert“, einziges Inklusions-Kind in der Klasse – und einem Kerl gesehen – eine Behinderte mit Kind und Kerl [beides nicht meine, aber mich muss man ja nicht fragen] das geht gar nicht!!!), dann ist man ganz schnell im Kollektiv über den eben noch als so benachteiligten Menschen (klappt garantiert auch mit irgendeiner anderen Randgruppe) empört. Was bildet der sich ein uns durch seine bloße Präsenz den Realitäts-Check aufzuzwängen! (interessant an diesem Paradoxon, wenn die die am lautesten krakeelen irgendwann selber von irgendwas von dem gegen dessen Diskriminierung sie sich angeblich einsetzen betroffen sind, sind sie diejenigen, die am wenigsten klarkommen. Ab dem Moment ist es ja nicht mehr für ihr Ego sondern sie müssten zu dem stehen was sie irgendwann mal gesagt haben.)

    Man könnte sich ja auch einfach raushalten oder nur reagieren (also mit Tat) wenn man gefragt wird, es sei denn man macht etwas, so wie mit der Tür, ohnehin grundsätzlich für jeden. Prinzipien über Personen. Es könnte so einfach sein und so viel weniger Missgunst und Missverständnisse geben.

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  9. boah, da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll zu kommentieren…
    1. Ich halte niemandem die Türe auf, derdie in der Lage ist, sie selbst zu öffnen. Ich mag das nämlich selbst auch nicht*rummuffel*. Ausnahmen: Einkaufstüten in beiden Händen, große Kartons, Rollatorbenutzer, Kinderwagenschieber, Rollstuhlfahrer.
    2. Ich (weiblich) bin in der Küche total passiv. Mein Mann (leidenschftlicher Hobbykoch) lässt mich nämlich nicht. Aktiv bin ich dann woanders…
    3. Am meisten zu denken gegeben hat mir das unbiologische Hähnchenbrustfilet. Ist lecker automatisch das Gegenteil von bio? Was wäre korrekt zu sagen? Ein Biobrustfilet? Wo leben diese Bios? Sind sie überhaupt lebensmitteltechnisch freigegeben? Fragen über Fragen…

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  10. “Der Typ gerade hat voll genervt.” – “Hallo?! Mal daran gedacht, dass der vielleicht behindert war?!”

    No shit, exakt so passiert, als ich mich über einen unhöflichen, rücksichtslosen Kunden aufgeregt hatte. Da denkst Du, Dich tritt ein Pferd.

    Schöner Zufall übrigens, dass ich das Türenbeispiel auch gerade erst erwähnt hatte: in meinem Aufschreinachzüglerthrowbackthursdayerinnerungsbeitrag.

    “Ich hoffe, DU wirst mal eine Behinderung haben und dann lache ich DICH aus!”
    Das kommt tatsächlich häufiger vor. Nicht wortwörtlich[…]

    Wohl wortwörtlich, alles schon gelesen.

    Übrigens: Piepegal der Rest jetzt, WIE GEHT ES ENTE WATSCH NUTELLASCHNUTE???

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  11. Hey!!
    Dies war nun der erste Blogbeitrag von dir, den ich gelesen habe und ich bin begeistert. Deine Art des Schreibens bereietet mir als Leser sowohl ein Schmunzeln, als auch sehr viel Spaß und ich freue mich über deinen, von mir schon als gesellschaftlich verloren gegangenen, Wortschatz! Nun muss ich dir – leider – vollkommen Recht geben. In der heutigen Schwarz-Weiß-Gesellschaft ist Farbensehen nicht mehr erlaubt! Schwierig. Wie verhält man sich richtig? Und wenn es für den einen richtig ist, ist es für den anderen falsch?! Anstrengend. Jede Individualität würde verloren, richtete man sich an alle strengen Vorgaben. Der eigene Weg und das eigene Richtig und Falsch ist meine indiviuelle Lösung, denn es ist auch meine kleine Welt.
    Die Watsch Nutellaschnutenente hab ich mir bildlich ausgemalt und bin begeistert!
    Ps: mein Kinder- und-immer-noch-Held ist Benjamin Blümchen. Das könnte man, genauso wie Tweety, kontrovers diskutieren!
    Hat Spaß gemacht 😉 schönen Sonntag dir!

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  12. Ich empöre mich auch über die Empörungskultur.
    Dafür möchte ich dann aber auch keinen „ungebutterten Mann“, ich bevorzuge einen margarinierten :p
    Und wenn ich den anderen Blogschreiber anhand der Indizien richtig identifiziert habe, dann bin ich nun überrascht, dass Ihr Euch nicht persönlich kennt. Aber vielleicht habe ich mich da ja auch einfach nur vertan.
    Wie auch immer, was ich sagen wollte: das kann ich so unterschreiben! Trifft es zu 100%!

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  13. Danke für den Beitrag. Du hast übrigens in dem Artikel gerade sehr schön auf den Punkt gebracht was meine Definition des so verhassten Begriffes und Unwortes „Gutmenschen“ ist. Im Englischen eben der oben bereits erwähnte “Social Justice Warrior”.

    Und irgendwie passt der Beitrag auch zu diesem Comedian Chris Tall und seinem Programm „Darf er das ?“ (Über den ich bei mir auch einen kleinen Artikel geschrieben habe).

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  14. Das kommt tatsächlich häufiger vor. Nicht wortwörtlich, aber die Art dürfte jedem bekannt sein, der sich bei Facebook an Diskussionen zur Gleichstellung oder Tierhaltung beteiligt.

    Deswegen macht das auch niemand, der noch ganz bei Trost ist.

    Geiler Beitrag. Ich dachte, ich wäre der einzige, der sich über sowas aufregt. Es ist so schön, nicht allein zu sein *schluchz*

    Wenn man diesem ganzen Genderblödsinn/Sozial Justice Warriors nicht Einhalt gebietet, enden wir wie die Amis. Überall Trigger-Warnungen auf Büchern von Kant oder Nietzsche, wegen Sexismus und so. Oder auf Onkel Toms Hütte, wegen Neger und so. Total rassistisch!
    „Free speech zones“ an jedem College. Ein Recht, von nichts und niemandem in der eigenen Wohlfühlblase gestört zu werden.

    Das ist das Endstadium geistigen Zerfalls der Zivilisation.

    Meine Lösung: Ich habe nicht mehr scheißegal, ich habe Fuck off! Wenn sich irgendwer von mir oder meinen Worten gestört fühlt, soll er sich von mir aus weinend in sein Universum zurückziehen. Fakten sind nämlich keine Verhandlungsbasis und keine Mehrheitsentscheidung.

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  15. Am unerträglichsten ist, dass bei solchen Debatten meist über die Köpfe der vermeintlich Betroffenen hinweg gesprochen und eine Haltung vorgeschrieben wird, so dass sich die Diskriminierung nur verlagert. Es liegt mir selbstverständlich fern, das böse N-Wort allgemein rehabilitieren zu wollen, aber ich habe z.B. mal einen Schwarzen(!?)/Dunkelhäutigen(!?)/Afrikaner(!?) einfach gefragt, ob er den Ausdruck „Neger“ als unmittelbar verunglimpfend oder beleidigend empfindet, und er sagte, nein. Die Haltung Personen oder Personenkreisen gegenüber drückt sich nun mal nicht in isolierten Worten aus und wird schon gar nicht durch eben diese determiniert. Zum Glück müssen sich mit dieser Problematik aber hauptsächlich nur „Personen des öffentlichen Interesses“ herumschlagen …

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    • Das N-Wort ist natürlich der Klassiker. Es ist natürlich vollkommen richtig, dass das moderne Phänomen der Korrektheit überwiegend in den Medien stattfindet. Dummerweise sind wir Teil davon und was vorgelebt wird, wird gern imitiert. Dass jemand, der andauernd im Fokus steht, ein wenig auf seine Wortwahl achten sollte: geschenkt. Aber die Dynamik dahinter treibt es immer weiter auf die Spitze, dass man sich heute manchmal kaum noch trauen kann irgendetwas zu machen, weil sich theoretisch jeder durch eine Handlung diskriminiert fühlen könnte. Und sei es nur dadurch, dass ich mir einen Bart wachsen lasse und sich Frauen dadurch ausgegrenzt fühlen, weil sie keinen Bart bekommen können. Das mutet zwar kleinlich an, aber einige scheinen tatsächlich so zu denken.

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