Alternde Bäume, Rentiere und der Morgen danach

2016-02-28 10.43.38

Ich stehe in der Küche vor unserer Kaffeemaschine und stelle Kaffee her. Das Getränk, nicht das Pulver. Kaffeepulver müsste ich durch das Mahlen von Bohnen herstellen, die ich nicht besitze. Es gingen ohnehin nicht beliebige Bohnen, sondern bestimmte, nämlich die vom Kaffeebaum. Vielleicht ist es auch ein Busch oder ein Strauch. Strauch klingt gut. Scheint richtig zu sein. Vielleicht ist es aber auch eine Flechte. Die berühmte Kaffeeflechte, von der sich unter anderem auch das Rentier ernährt.

Im Abitur vor mittlerweile elf Jahren bestand eine Aufgabe der mündlichen Bioprüfung darin, die Wachstumskurve zweier Rentierpopulationen auf isolierten Inseln (A und B) abzuschätzen. Das gesamte Leben folgt mal mehr, mal weniger starken Wellenbewegungen, weshalb ich mir keine Sorgen darüber mache, dass es aktuell ein bisschen wärmer wird. Der Erde ist es ohnehin egal und wenn man weiß, dass an den Polen mal gemäßigtes Klima geherrscht hat, ist ein Großteil der heutigen Klagen über das böse Klima albern. Und auch die Rentiere auf Insel B dürften zunächst in Panik verfallen sein, weil absehbar war, dass so viele Rentiere auf engem Raum nicht ernährt werden können. Denn Flechten – auch die Kaffeeflechte – wachsen sehr langsam. Langsamer als es nötig wäre, um Population B zu ernähren. Es war glaube ich Population B, die dem Untergang geweiht war. Wer ist es nicht?

Aber halt! Irgendwann wurde die Talfahrt gestoppt, weil die Flechten durch die nun geringere Anzahl von Rentieren wieder blühen konnten. Ungeachtet der Tatsache, dass Flechten nicht blühen, und des Umstands, dass ich keine Ahnung von Flechten habe (denn tatsächlich können sie blühen; sagt Google), ging es mit der Rentierpopulation wieder aufwärts. Der ewige Kreislauf des Lebens. Das wusste schon Mufasa 1993. Und der ist lediglich Löwe. Schon viel früher wussten es die barocken Dichter. Allen voran Andreas Gryphius mit „Es ist alles eitel“. Andreas Gryphius ist schon lange tot und die ursprüngliche Bedeutung des Wortes eitel kaum noch jemandem geläufig. Grund genug für mich, hier darauf zu verweisen. Die ursprüngliche Bedeutung schwingt übrigens auch heute noch immer mit, wenn man jemandem Eitelkeit unterstellt:

„Lass das mal bleiben mit diesem Gewese um dein Aussehen. In 100 Jahren wirst du eh scheiße aussehen.“

Aber das ist nicht schlimm. Das werden wir alle. Ähnlich ist es übrigens mit dem Essen. Ganz gleich, wie schön es vorher aussieht…

Kurzum: Ich stehe in der Küche. Exakt an der Stelle, an der ich schon vor einigen Wochen über ungünstige Situationen für Schwächeanfälle sinnierte. Die Kaffeemaschine arbeitet unter lautem Knattern und ergießt schwarze Brühe in meine sheepworld-Tasse, die noch nicht mal mir gehört, die ich aber umgehend in Beschlag genommen habe, als ich sie erstmals sah. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, hat diese und weitere Tassen in die Beziehung gebracht. Ich bin froh, dass es sich bei dem im Kaffeepad enthaltenen Pulver um gemahlene Kaffeebohnen handelt und nicht irgendwelche Speisebohnen. Geröstete, pulverisierte grüne Bohnen mit kochendem Wasser übergossen beispielsweise. Wobei man sich wohl auch daran gewöhnen könnte.

Anders als in meiner Phantasie, bin ich weit entfernt von möglichen Schwächeanfällen, von denen ich ohnehin nicht heimgesucht werde. Mein Körper ist diesbezüglich eine Festung. Fast nie krank, nie ohnmächtig. Lediglich einmal, beim Blutabnehmen im Krankenhaus vor bestimmt 20 Jahren, hat mein Körper das Bedürfnis gehabt, die Gardinen zuzuziehen. Ansonsten ist meine körperliche Verfassung beneidenswert, wenn man von aktuell noch fünf Kilogramm absieht, die verschwinden müssen. Machbar.

Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, war und ist erkältet. Aus dem Wohnzimmer klagt s gerade eben, dass sie eine Körpertemperatur von 35,6 Grad habe. Das entspricht etwa meiner Normaltemperatur, weshalb ich mir auch bei ihr keine Sorgen mache, auch wenn ihre Durchschnittstemperatur für gewöhnlich anderthalb Grad wärmer ist. Körpertemperaturen folgen bestimmt auch einem Zyklus oder vielmehr Spannungsbogen. Anfangs noch warm ist man am Ende ziemlich kalt. Vielleicht muss ich mir doch Sorgen machen. Der Kaffee ist fertig und ich wundere mich über eine Packung feinster Rispentomaten, die thematisch unpassend neben der Kaffeemaschine stehen. Vielleicht werde ich sie mir heute noch mit Mozzarella zubereiten. Die Tomaten. Kaffeemaschinen sind generell und auch in Kombination mit Mozzarella schwer bekömmlich. Mit Mozzarella schmecken sie lediglich etwas besser. Ich bin mir nicht mehr sicher, warum ich mich wundere, denn schließlich habe ich die Tomaten gestern selbst dort deponiert. Es stört einfach meinen Sinn für Ästhetik. Um Aufwand zu vermeiden, schiebe ich die Tomaten einfach hinter die Kaffeemaschine. sie sind nun offiziell „weg“. Ich darf sie nur nicht vergessen.

Morgens bin ich beizeiten nicht gänzlich aufnahmefähig. Komischerweise aber abgabefähig, weshalb viele meiner Beiträge früh morgens entstehen. Und wenn dann die Frau, die in unserer Wohnung lebt, aufsteht, sind die Texte auch endlich fehlerfrei und ich halbwegs niedergeschlagen, weil sie einfach manchmal nicht dort lacht, wo ich es erwarte. Ich schlurfe samt Kaffee ins Wohnzimmer. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, beseitigt gerade die Reste unserer Weihnachtsdekoration. Und mit Resten meine ich sämtlichen Schmuck außer dem Weihnachtsbaum. Der steht nach wie vor an seinem Platz und verliert nun (nach zwei Monaten!) erstmals einige Nadeln. Wir hatten die Hoffnung, dass er bis nächstes Jahr Weihnachten, was korrekterweise mittlerweile dieses Jahr Weihnachten ist, durchhalten würde. Er verhielt sich zunächst vorbildlich. Vor einigen Tagen tauchten mysteriöse Geräusche auf. Ein Knistern. Normalerweise is die Katze der Grund für eigenartige Geräusche.

„Katze! Nerv nicht!“

Die Katze reagiert, indem sie weiterschläft. Gewitztes Tier!

„Die Katze liegt doch bei mir.“

„Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Irgendjemand muss an den Geräuschen Schuld sein und ich bin es nicht.“

Nachdem wir mit geneigtem Kopf in die Stille unseres Wohnzimmer gehorcht haben, was von außen mit Sicherheit leicht befremdlich wirkte, stellten wir fest, dass die Quelle der knisternden Geräusche der Weihnachtsbaum ist. Der Baum ist für uns alle eine große Enttäuschung.

Nun schaue ich der Frau, die in unserer Wohnung lebt, beim Entdekorieren zu. Sie kann sowas besser als ich. Wenn es nach mir ginge, ich hätte an manchen Tagen keine Lust, den ganze Killefit wieder mühsam zusammenzusuchen und in einer Kiste zu verstauen. Der Baum samt Schmuck würde vom Balkon in den Teich unserer Nachbarn fliegen. Da wohnt gerade eh niemand. Sowohl in der Wohnung als auch im Teich, seit dieser von diversen freilaufenden Hauskatzen aufgesucht wird. Da rächt es sich, dass die Evolution so langsam ist. Sonst hätten die Fische einfach den Teich verlassen können, um sich zu retten. Verlassen haben sie den Teich immerhin.

Unser Baum hat gerade viele Nadeln verloren, weil er entschmückt wurde. Weihnachtsbäume haben eine ganz eigenartige Sache an sich, die sie nur schön aussehen lässt, wenn auch wirklich Weihnachten ist. Lediglich zum rauschenden Fest entfaltete er seine wahre Schönheit, um ab dem Morgen danach total unspektakulär auszusehen.
Den Zusammenhang mit rauschenden Festen, der Schönheit und dem Morgen danach kann man übrigens auch bei Menschen beobachten.

So, das war’s dann auch für heute. Besser wird’s vermutlich nicht mehr, zumal uns unsere Nachbarin von nebenan seit Stunden mit sanften Bässen verwöhnt, was gehörig auf die Konzentrationsfähigkeit schlägt. Aber abrupte Abschlüsse haben gelegentlich auch ihren…


Ebenfalls durchaus reizvoll ist mein sozialer Außenposten bei Facebook, der nur unwesentlich mehr Inhalt bietet als diese Seiten. Wer also Bewegbilder des sterbenden Weihnachtsbaums sehen möchte, sollte einen Blick riskieren.

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13 Kommentare

  1. Wie bitte, Kaffeeherstellung ohne die Bohnen selbst zu mahlen? Ganze Biobohnen aus fairtrade Verkauf sind doch wohl selbstverständlich als Kaffee-Liebhaber bzw. Liebhaberin.

    Also ich besitze sogar zwei Mühlen, elektrisch und die schöne hölzerne mit Kurbel von meiner Oma. Zudem habe ich einen schönen großen Kaffeestrauch heran gezogen, der mir inzwischen schon bis zur Hüfte reicht und im dritten Jahr die ersten Blüten tragen soll. Eine wunderschöne Kaffeepflanze, vielleicht stelle ich mal ein Foto ein – Kaffeestrauch nebst Mühlen aus verschiedenen Epochen. Habe auch noch eine uralte Messing-Reise- Kaffeemühle vom Balkan. Wunderschön! So macht die Kaffeeherstellungsprozedur richtig Spaß und aus der French-Press oder auch zu gut deutsch „Kaffee-Stempel-Kanne“ schmeckt er ja auch zu köstlich! LG ☼Sigrid☼

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      • Wir haben letztes Weihnachten in einen Plastikbaum investiert. Der hätte die Deko aufgehoben, war aber zu groß, um das ganze Jahr lang darum herumzulaufen. Ein kleiner Plastikbaum mit Plastikdeko – das wär’s. Den könnte man einfach zusammenklappen wie eine Wäschespinne und hinter einen Schrank stellen. … wenn da nicht schon das Bügelbrett stände. Ach, Mann…

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  2. Da mein nächstes Weihnachtsschmücken-oder-nicht schon in 9 Monaten wieder dran ist, bin ich wohl spät dran. Mit dem Lesen Deiner vor-dem-Kaffee-Gedanken. In meiner vorm-schlafen-gehen-Stimmung, die sich ähnlich dazu verhält, wie zu der vor-dem-Kaffee.
    Ach ja, der Baum bzw. die Nadeln. Dreck eben.
    Ich hab auch mal einen Plastikbaum gekauft, um eben diesem Dreck aus dem Weg zu gehen… und was macht das Dingen? Es nadelt, wenn man es abschmückt!
    Jetzt bleibt das Zeugs dran, die Plastik geht als Komplettkunstwerk am 1. Januar jeden Jahres in den Keller, um am 23.12. jeden Jahres das Licht meiner Welt zu erblicken… bzw. zu erhellen. Im Gegensatz zur Waschmaschine hat er sogar ein Podest.

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