Erwachsen und ernüchtert

2016-03-01 10.20.32

Ganz offensichtlich habe ich in den vergangenen 30 Jahren eine Transformation durchlaufen. Transformationen und Metamorphosen sind finde ich immer interessante Angelegenheiten, weil ein Zustand zugunsten eines anderen Zustands abgelöst wird. Ich glaube, das kann man so stehenlassen. Ob dieser Zustand am Ende dann besser ist, steht auf einem anderen Blatt und ist so genau gar nicht zu erörtern. Denn versteinertem Ton wird es herzlich egal sein, dass er, sollte er in große Tiefen Richtung Erdmantel absinken und dort großem Druck ausgesetzt sein, eventuell zu Schiefer wird. Ist Schiefer besser als Ton? Vielleicht befindet sich die Gemeinschaft der Steine in einem ewigen Disput über die Qualität von ihresgleichen.

„Ich bin als Calcit eindeutig der schönste Stein auf Erden. Jedes Bruchstück von mir ist immer würfelförmig.“

„Nein! Der Marmor ist viel besser. Denn wir Marmorgesteine sind die nächste Evolutionsstufe des Calcit!“

„Pffft! Calcit, Marmor. Albern! Metamorphose kann jeder und dann sieht es manchmal sogar kacke aus. Als Sandstein passiert mir das nicht. Aber er hier mit seinem Pickelgesicht…“

„Ey!!! Das sind Granate, du Penner! Und sehen wunderschön aus.“

„Nicht so schön wie ich, als Diamant.“

„Du bist doch nur ein Zufallsprodukt, das aus uns Kohlestücken entsteht.“

„Also ich finde ja, wir Bernsteine sind auch sehr hübsch.“

„…“

„…“

„Du bist kein richtiger Stein.“

Es ist schwer zu sagen, was besser ist. Prinzipiell funktioniert die Evolution ja schon unter dem Aspekt der Optimierung. Dieser Prozess hat aber kein Ziel, sondern reagiert prinzipiell nur auf die Umwelt. Schwieriges Thema, denn logischerweise zählen wir uns zu den am weitesten entwickelten Lebewesen, haben aber unsere geregelten Probleme damit, auf unsere Umwelt zu reagieren. Außerdem ist es nach wie vor so, dass ein Mensch, der auf dem Klo sitzt, sich in einer bedrohlichen Situation befindet. Nie ist er verwundbarer als in diesem Moment. Da besteht Ausbesserungsbedarf.

Meine ganz persönliche Transformation ist überwiegend körperlich erfolgt, weshalb ich meine Anfangsgröße beinahe vervierfacht habe (minus 20 cm) und neuerdings recht bärtig daherkomme. Aufrecht gehen kann ich mittlerweile auch. Ansonsten ist mein Geist relativ jung geblieben, was mir immer dann auffällt, wenn ich beispielsweise bei der Bezeichnung Gliederfüßer an ein Tier denke, das sehr wahrscheinlich bei jeder Bewegung unfassbare Schmerzen erleiden muss. Außerdem haben wir uns gestern zur Feier des Tages (der nach keiner Feier verlangte, aber man sagt das halt so) ein Micky Maus-Heft gegönnt. Da stehen ein 30-Jähriger und eine 26-Jährige vollkommen begeistert vor dem Zeitschriftenregal und bewundern ein Kinderheft, weil es eine Nachtsichtbrille beinhaltet.

„Was wir damit alles machen könnten!“

„Ja, nachts sehen zum Beispiel.“

„Ja.“

„Ja…“

„Und auch in der Dämmerung!“

„Ja, genau! Diese Brille ist einfach unfassbar vielseitig.“

Nachdem wir inflationsbedingt einige Tränen vergossen haben (vor 20 Jahren 3,- DM, heute 3,50 €!) fuhren wir voller Vorfreude von Kaiser’s Tengelmann nach Hause. Der Umstand, dass das Frontcover mittlerweile Werbung enthält, stößt mir unangenehm auf. Früher gab es nur den Hinweis auf die im Heft enthaltenen Sammelkarten etc., heute wirbt man für „Fack ju Göhte 2“ auf DVD und einen neuen Disney Kinofilm. Das entzaubert die Sache ein wenig.

Ohnehin geht das Erwachsenwerden mit einer gewissen Ernüchterung einher. Als Kind fand ich es unfassbar traurig, dass sich mein Vater zum Geburtstag ein Parfum von Chanel No.5 wünschte. Nichts zum Spielen. Etwas Kleines, das keinerlei Zweck erfüllt. Ich hingegen wünschte mir stets Spielzeug. Ein elektronisches Auto zum Reinsetzen, das ich nie bekam, oder eine Bohrmaschine, die ich aus gutem Grund ebenfalls nie erhielt. Was will ein 8-Jähriger mit einer Bohrmaschine? Die Antwort ist eindeutig wie naheliegend: bohren. Für meine Eltern ein gutes Argument gegen die Bohrmaschine.
Dass ich mit meiner Bohrmaschine nicht ein sinnvolles Loch in den Putz unseres Hauses gefräst hätte, war für mich völlig nebensächlich, denn eine Bohrmaschine ist viel mehr als nur Mittel zu Zweck. Sie ist aufregend und abenteuerlich. Heute bin ich froh, wenn ich nicht Bohren muss, denn man kommt nur mithilfe eines pneumatischen Bohrhammers durch Decken und Wände. Dummerweise gelingt dies ziemlich gut, weshalb ich befürchte, dass ich unfreiwillig zwei Wohnungen miteinander verbinden würde, sobald ich die Teufelsmaschine in Gang setzte.

Man weiß als Erwachsener um die Prozesse hinter den Dingen und das frustriert sogar ein wenig. Wir Nachbarskinder sind manchmal den ganzen Tag lang über das Brachland von noch nicht erschlossenem Bauland gewandert und haben uns mit allerlei Sachen beschäftigt, bei denen man als Erwachsener sagt, dass man das bloß nicht anfassen, dass man da bloß nicht reingehen, dass man den Regenwurm bloß nicht essen soll. Wir haben uns im Brombeerdickicht einen geheimen Raum entdeckt und dort unsere Schätze gelagert. Hefte, die die Bauarbeiter haben liegen lassen, mit denen wir Grundschüler nicht das Geringste anfangen konnten. Aber wir sind trotzdem Woche für Woche auf allen Vieren ins Herz des riesigen Brombeerstrauches gekrochen. Im Inneren war es tatsächlich halbwegs trocken, wenn es regnete. Allein schon wegen der Bierflaschen, die überall herumlagen, würde ich mir heute verbieten, mich da reinzusetzen. Ebenso, wie ich heute erhebliche Vorbehalte hätte, in so Kanalbauelemente aus Beton zu klettern. Einfach weil da jeder reingeschifft hatte. Wir haben den Uringeruch wahrgenommen, aber er war uns egal. Heute denkt man gleich an alle möglichen Krankheiten.

Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, und ich haben die Brille dann auch getestet. Der Witz an dieser Heftbeilage war eine kleine rote Leuchtdiode, die sich über der grünen Brille befindet. Sobald ich gesehen hatte, dass es sich um eine rote Lampe handelt, hatte ich das Teil verstanden. Nachtsichtgeräte funktionieren unter anderem mit Wellen im Infrarotbereich. Logisch, dass man als Micky Maus-Herausgeber ein etwas günstiger herzustellendes Pendant verwendet: rotes Licht.
Wir sind in unser fensterloses Badezimmer gegangen, haben das Licht ausgeschaltet und die Tür geschlossen. Und es war unglaublich! Kaum hatte ich die Brille aufgesetzt und das rote Lämpchen eingeschaltet, kratzte die Katze von draußen an der Tür. Ansonsten passierte realtiv wenig. Denn wenn man sich eine grüne Brille aufsetzt und dazu ein rotes Licht einschaltet, erscheint die Umgebung erstaunlicherweise wie die gewohnte Umgebung, die einen ordentlichen Grünstich hat und von einer roten Lampe beleuchtet wird.

So sieht übrigens derjenige seine Umgebung, der die Brille nicht aufhat:

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Das Schlimme daran ist nicht, dass es keine richtige Nachtsichtbrille war, die im Dunkeln funktioniert. Das wirklich Enttäuschende war die Tatsache, dass ich sofort verstanden hatte, wie die Brille funktionieren soll und vor allem, dass sie nicht funktionieren würde. Ich habe nicht einmal daran geglaubt, dass sie funktionieren könnte. Ob dieser Zustand tatsächlich immer ein besserer ist als der, in welchem man noch Dinge glaubt und sie sich nicht sofort erklären kann, wage ich zu bezweifeln.

Andererseits ist es auch beruhigend zu wissen, dass mich eines schönen Tages eben nicht der Teufel holen kommen wird. Und er würde mich holen. Allein schon wegen der Sache mit den Heften der Bauarbeitern.

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14 Kommentare

  1. Es ist doch die Frage was man daraus macht. Stelle dir vor: Die in den Medien angedeutete Zombieapokalypse kommt und das Militär sortiert die verbleibende Menschheit nach ihren Fähigkeiten. Spätestens jetzt wirst du dankbar sein bei „Kann mit Nachtsichtgeräten umgehen“ ein Häkchen setzen zu können 😉

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  2. Ach komm, wir werden noch im Altenheim versuchen, eine Seifenblase zu machen und den Finger reinzustecken, ohne dass sie platzt! Und weißte was? ICH BITTE DARUM. Das Universum bewahre mich, uns, vor Vernunft ! 😀

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  3. Ich selber war ja als Kind sehr enttäuscht, dass ich nie einen Chemiebaukasten bekam (was ich damit wollte? Leben erschaffen selbstverständlich). Nun, so als „Erwachsene“ hab ich mich vor ein paar Jahren nachträglich damit beschenken lassen und ich nehme mir seit Jahren ganz furchtbar fest vor, auch mal damit zu spielen. Das Thema „Leben erschaffen“ hab ich aber mittlerweile mittels dieser Methodik abgeschrieben (habe ja zum Glück die für effizientere und wesentlich spaßigere Methoden nötigen „Bauteile“ hier), ganz allgemein wär das Ding in meiner Kindheit vermutlich spannender gewesen. Allerdings muss ich sagen, dass die Extras bei den Mickey Maus Heften eigentlich IMMER SCHON ernüchternd waren (so wie das Zeug im Überraschungsei – Puzzle… mit 8 Teilen -.- super Überraschung) was einem aber sehr schnell klar machte: Werbung lügt. Eine wichtige Einsicht ^^

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  4. …und die Generation, die ihr letztes Taschengeld für diesen Plastikkram ausgeben würde, stirbt nie aus. Erst vor kurzem bei meiner dreijährigen festgestellt, die vollkommen verzaubert vor einem rosa Plastikhandy in einer „Prinzessin Lillifee“ -Zeitschrift stand. 3,50€ für das Ding, das nach dem ersten Stopfen in die Kindergartentasche auseinander brach. Wenn man bedenkt, wieviele Generationen von Kindern von den Machern dieser Plastikdinger enttäuscht wurden…die Zahl geht sicherlich in die Milliarden. Dass da noch keiner eine Petition gestartet hat…

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  5. Wirklich merkwürdig. Ich bin entweder schon zu weit fortgeschritten, um mich noch an die Zeit vor BRAVO und GIRL! zu erinnern… oder ich hab es aus traumatischen Gründen verdrängt, weil ich wer-weiß-was mit den in den Heftchen mitgelieferten Dingen angestellt habe.
    Also Micky Maus und/oder YPS, nicht die der Bauarbeiter.

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