„Proaktivität wurde mir nicht beigebracht“ – Von der ewigen Schuld anderer

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Eigeninitiative ist ein Wort, das seit Jahren Trend ist. Wer etwas auf sich hält oder Eindruck schinden möchte, streut es hier und da mal ein, lobt die eigene Fähigkeit, Aufgaben „selbstständig und eigeninitiativ“ zu meistern. Das ist obligatorisch in jedem Bewerbungsschreiben, wird gern gesehen, hat aber durch die massenhafte Verwendung kaum eine Bedeutung. Hoch stapeln um des Hochstapelns Willen. Machen alle, also macht man mit. Schwierig wird es allerdings dann, wenn das Hochstapeln als solches identifiziert wird. Wenn sich dahinter das genaue Gegenteil dessen abbildet, was eigentlich kommuniziert wurde. Fehler sind unangenehm aber verkraft- und verzeihbar. Die Ursache für eigene Unzulänglichkeiten woanders ausmachen zu wollen, ist allerdings schlicht unverschämt und unreif.

Das scheint aktuell aber Usus zu sein, wenn man sich durch Artikel diverser Magazine und Zeitschriften wühlt.

Bei Facebook lasse ich mir herrlich unkompliziert diverse schriftliche Ergüsse größerer Zeitschriften und Zeitungen zukommen. Ganz individull für mich zusammengestellt. Genauso individuell wie für Millionen andere Facebooknutzer. Das bringt das Problem mit sich, dass gelegentlich und ungelegentlich Artikel auftauchen, die nicht ganz dem entsprechen, was ich mir von dem jeweiligen Medium erhoffe. Grundsätzlich möchte ich auf dem Laufenden bleiben, weshalb ich neben den eher unter beruflichen Aspekten relevanten Zeitschriften HORIZONT und Werben&Verkaufen auch die Zeit mit all ihren Ausprägungen abonniert habe. Die Welt (WeLT) habe ich gekickt, weil deren Art, Leserkommentare zu beantworten, anfangs noch erfrischend war, mittlerweile aber nicht mehr vom Treiben eines Trolls zu unterscheiden ist.

(Wikipedia klärt die Glücklichen unter uns, die nicht pausenlos mit Facebookdiskussionen behelligt werden, auf:

„Als Troll bezeichnet man im Netzjargon eine Person, welche Kommunikation im Internet fortwährend und auf destruktive Weise dadurch behindert, dass sie Beiträge verfasst, die sich auf die Provokation anderer Gesprächsteilnehmer beschränken und keinen sachbezogenen und konstruktiven Beitrag zur Diskussion enthalten. Dies erfolgt mit der Motivation, eine Reaktion der anderen Teilnehmer zu erreichen.)

Während Werben&Verkaufen aktuell auf dem Prüfstand steht, weil man die Oberflächlichkeit der Artikel gelegentlich nicht nur an der Kürze sondern auch an der Fülle an Fehlern ablesen kann, machen die anderen einen soliden Eindruck.

Wenn da nicht ZEIT Campus wäre.

DIE ZEIT, das bilde ich mir ein, passt zu mir. Sie schreibt ordentlich und springt einem nicht mit der eigenen, einzig wahren und richtigen Meinung ins Gesicht, wie es etwa eine RP oder die BILD machen, ohne die beiden in einen Topf werfen zu wollen. Aber die RP – zumindest ihre Entsprechung bei Facebook – garniert ihre teils tendenziösen Beiträge gern mit rhetorischen Fragen, die gelegentlich ultimativ plump daherkommen und auf Emotionen abzielen. Das Problem aller Onlinemedien ist deren hochfrequenter Veröffentlichungsrhythmus. Gefühlt alle paar Minuten erscheint ein neuer Artikel, der sich nach dem Klicken als Kommentar eines Lesers entpuppt. Es ist also nicht alles Artikel, was veröffentlicht wird. (Letztlich ist auch dies hier lediglich ein Meinungsbericht.) Und leider ist auch nicht alles hochwertig, was da erscheint. DIE ZEIT hält für gewöhnlich die Waage bei kontroversen Themen und beleuchtet Hintergründe. DIE ZEIT Campus macht das auch. Nur ohne Waage, weshalb dort ein Bild von bösen Unis, Verfehlungen anderer Bildungsinstitutionen, zu hohen Ansprüchen der Gesellschaft und des Arbeitgebers sowie besonders von armen Studenten entworfen wird.

Das liegt zum einen daran, dass dort Studenten schreiben, was manchmal angenehm ist, aber dann auch mal unfassbar anstrengend, weil ein bestimmter Tenor bemüht wird. Und der lautet: „Ich bin nicht schuld!“ oder noch schlimmer: „Ja, aber…!“

Die Kritik an Universitäten und den Neuerungen durch Bologna ist mittlerweile ein alter Hut, gibt allerdings immer wieder Stoff für neue Kommentare, die noch einmal betonen müssen, wie schlecht das System ist und dass es ganz anders sein müsste. Im Falle von ZEIT Campus sind es oft Studienanfänger, die dort über ihre Erfahrungen schreiben. Dadurch entsteht das Bild eines verstaubten Bildungsapparates, der den Ansprüchen der jungen Wilden nicht mehr entspricht. Ich befürchte allerdings, dass vielmehr die Ansprüche die entscheidende Variable in dieser Gleichung sind. Ansprüche und Selbstüberschätzung.

Ein Artikel der ZEIT Campus vom 18. August 2016 bringt diese Problematik passagenweise zum Ausdruck. Die Gegenüberstellung der Eindrücke eines Professoren und einer Studentin hinsichtlich der Qualität des Email-Verkehrs zeigt die Fronten auf, die eigentlich gar nicht exisiteren dürften. Professoren sitzen erfahrungsgemäß am längeren Hebel. Das mag einem schmecken oder nicht, es sind die Spielregeln der Uni. Wenn ich als Student ein Anliegen habe, trage ich dieses so vor, wie es der Hierarchie angemessen ist. Diese Hierarchie wird von der Studentin kritisiert. Was im übrigen ein weit verbreitetes Phänomen ist. Man solle heute vielmehr um Augenhöhe bemüht sein. Die Studentin führt an, eine Mail geschrieben zu haben, die – sie zählte die Wörter nach – 100 Wörter umfasste, und zeigte sich enttäuscht, dass ein Einzeiler als Antwort kam. Ganz abgesehen davon, dass ich persönlich 100 Wörter nicht gerade als umfangreich erachte (meine jüngste Mail an meinen Professor bezüglich meiner Masterarbeit umfasste 400 Wörter, was kaum relevant ist), ist der Schluss, dass man angesichts einer solch knappen Antwort ebenfalls kumpelhaft und/oder formlos schreiben könne, ein falscher.

Wer sich im Vorfeld ein wenig mit den Abläufen an der Uni auseinandersetzt, wird keine Überraschungen erleben. Und selbst wenn nicht, sollten gewisse Transferleistungen eigenständig erbracht werden. Denn wer im Vorfeld schon seine Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen sammeln konnte, wird durchschauen, wie Kommunikation in vielen Fällen abläuft. Die Eigeninitiative, die im Grunde durch das alltägliche Leben entstehen müsste, scheint aber gelegentlich als nicht mehr notwendig erachtet zu werden. Irgendwann fällt man auf die Nase, weil sich Situationen ergeben, die uns zum Handeln zwingen. Je später das ist, desto schwerer fällt uns die Bewältigung von Problemen.

Kurioserweise richtet sich die Frage nach dem Schuldigen nicht an die Person selbst, die vor dem Problem steht, sondern an die Gesellschaft. In einem anderen angenehm selbstkritischen Artikel der ZEIT Campus vom Mai 2016 taucht die Formulierung auf „außerdem wusste ich nicht, wie man ein Konto eröffnet“. Ich würde mich nicht trauen, eine solche Äußerung zu tätigen, weil das selbstständige Erlernen bestimmter Fähigkeiten eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Hier wird allerdings der Eindruck vermittelt, dass der Autorin etwas nicht beigebracht wurde.

Als im Frühjahr 2015 der Tweet einer Schülerin gehypt wurde, indem sie sich darüber beklagte, dass sie zwar Gedichtsanalysen in vier Sprachen verfassen könne, allerdings keine Ahnung von Steuern, Versicherungen oder Miete habe, schämte ich mich zutiefst. Nicht für den Tweet als solchen, sondern für die breite Zustimmung für die Aussage zwischen den Zeilen. Die Eltern tauchen in kaum einer Kritik über Versäumnisse des Nachwuchses mehr auf, der Schuldige sitzt in den Augen vieler woanders. Die Elternproblematik soll hier allerdings nicht auch noch ausgerollt werden.

Denn selbst die Eltern sind nicht immer die Verantwortlichen. Nun brachte auch mir niemand bei, wie ich ein Konto eröffne. Niemand sagte mir, wie ich eine Steuererklärung anfertige. Und auch die Beantragung eines Studienkredits, den Abschluss des ersten Mietvertrags, von Hausrat- und Haftpflichtversicherung, die Einreichung von Bewerbungen für den Nebenjob am Anfang des Studiums und aktuell für den Einstieg ins Berufsleben nach dem Studium: Das brachte mir und der Frau, die in unserer Wohnung lebt, niemand bei. Wir wurden irgendwann mit diesen Aufgaben konfrontiert und dann kümmerten wir uns dsarum. Das war nicht immer angenehm, aber dass wir bis zu diesem Zeitpunkt keine Routine im Umgang mit solchen Situationen hatten, warfen wir niemandem vor; weder unseren Eltern noch dieser Gesellschaft.

Andere erwarten allerdings, dass ihnen gewisse Fähigkeiten vorgekaut werden. Das geschieht kurioserweise zu einer Zeit, in der uns sämtliche Informationen jederzeit zur Verfügung stehen, während Zugehörige älterer Generationen ohne Internet zu durchaus lebensfähigen Menschen heranwuchsen. Zur Schulzeit unserer Eltern gab es keinen Steuererklärungsunterricht oder eine Kontoeröffnungsschulung. Heute aber folgt der Verwunderung, dass es gewisse unbekannte Situationen im Alltag gibt, der Schrei nach demjenigen, der Schuld daran trägt, dass diese Situation unbekannt ist.

Das ist auch ein Topos, der mir in meinem Alltag gelegentlich begegnet. Auf der Arbeit kam es zuletzt nicht mehr vor, aber es gab Situationen, in denen neue Mitarbeiter es schafften, über Monate hinweg nicht ein Wort mit den Kollegen zu wechseln, mit denen man tagtäglich zu tun hatte. Sie stellten sich einfach nicht vor, obwohl sie sich im selben Raum befanden. Nach ewigen Zeiten fragten dann diejenigen, bei denen man sich eigentlich vorstellen sollte, wer denn Person XY sei, und waren erstaunt, dass sie schon längst nicht mehr neu sind. Darauf angesprochen kam dann schonmal die Antwort

„Achso, ich sollte mich vorstellen? Das wusste ich nicht.“

Das sagt eine Menge darüber aus, wo man sich in der beruflichen Nahrungskette eines Unternehmens einordnet. Wer sich nicht vorstellt, erachtet die Person, mit der man sich nicht bekannt macht, als nicht relevant. In diesem konkreten Fall sind wir auf diejenigen aber angewiesen. Und selbst wenn nicht: Ich sehe meinen Chef vielleicht einmal in der Woche, manchmal Monate nicht. Er weiß trotzdem, wer ich bin. Und das weiß er nicht, weil man mich dazu drängen musste, mich ihm vorzustellen.

Hat mir keiner gesagt. Habe ich trotzdem gemacht. Und es war gar nicht schwer.


Beide verlinkten Artikel sind durchaus lesenswert, zumal der Bericht des Professoren ziemlich treffend abbildet, was mir in meiner Studienzeit an Kommilitonen – überwiegend jüngeren – aufgefallen ist. Es sind natürlich nicht alle über einen Kamm zu scheren, nur sorgen die sozialen Medien und die hohe Frequenz der Artikelveröffentlichungen größerer Zeitschriften dafür, dass derartige Beschwerden über die Versäumnisse anderer stärker ins Auge fallen. Zumal diese dann massenhaft geteilt werden. Beispielsweise bei Facebook.

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3 Kommentare

  1. Du sprichst mir aus dem Herzen :-).
    Als jemand, der nicht zwischen den Stühlen, sondern auf zweien sitzt (ich arbeite in einer Universität und studiere berufsbegleitend an einer FH), stelle ich das auch immer wieder fest.

    Ob es der Anspruch ist, dass VOR Beginn des Semesters, also z.B. an der FH gegen Ende Februar, schon feststehen muss, an welchem Tag welche Prüfung am ENDE des Semesters, also im Juli, stattfindet. Man müsse ja schließlich seinen Urlaub planen, und eine Einschränkung des Prüfungszeitraums auf 2 Wochen ist da viel zu vage. Oder Studis, die anrufen und wirklich elementare Fragen stellen, und wenn man sie fragt, ob sie sich die Infos auf der Uni-Seite schon mal angeschaut haben, antworten sie „ach, finde ich das da auch?“ Ja, ist natürlich auf dem Handydisplay alles auch nicht so gut lesbar…

    Wobei die Erkenntnis, dass man gar nicht immer von anderen bösen Mächten abhängt, sondern vieles selbst in der Hand hat oder durch eigenes Verhalten beeinflussen kann, zwar im ersten Moment etwas unbequem, aber dann ja auch sehr befreiend ist… 😉

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  2. „selbstständig und eigeninitiativ“ stand in keiner meiner 80 Bewerbungen. Trotzdem habe ich jetzt drei Jobangebote, kann ein Konto eröffnen, weiß wie man Miete zahlt und vieles mehr. Ich bin natürlich schon älter. ABER: Ich wusste das tatsächlich schon mit 18 und als ich dann eines morgens in einem anderen Land aufwachte, habe ich sogar rausgefunden, wie frau Sozialhilfe bekommt. Selbstständig. Und natürlich eigeninitiativ. Es scheint, als hätte ich meinen Töchtern diese Gabe irgendwie weiter gegeben. Hoffen wir mal, dass ihnen das mit deren Kindern, was also sozusagen, nein ganz sicher meine Enkelkinder sind, auch gelingt. Allerdings glaube ich, was Sie meinen. Ich hatte letztens einen Gast hier und habe mich hernach doch gewundert, wie sie überhaupt hierher gefunden hat.

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