Momente der Ohnmacht

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Ich werde wach, weil in den sozialen Netzwerken ängstlich geflüstert wird. Ein nervöses, fragendes Wispern. Ein hysterisches Säuseln. 5.56 Uhr. Ich stehe auf und beschließe, mir zunächst einen Kaffee zu machen. In einer halben Stunde hätte ich ohnehin aufstehen müssen. Ich versuche mir zwar gelegentlich einzureden, dass sich die Minuten, die ich vor dem Wecker aufwache, im Verlauf des Tages bemerkbar machen werden, aber letztendlich liege ich in der Zeit, bis der Wecker dann klingelt, ohnehin wach. Also stehe ich auf.

Auf dem Weg in die Küche kreuzt die Katze meinen Weg. Sie ist aufgebracht und murmelt irgendwas von unsicheren Zeiten und Chaos. Sie verschwindet im Wohnzimmer und ich höre sie auf die Fensterbank springen. Ich lasse zunächst alle Lampen aus. Die Dunkelheit, die in einer Stadt wie Düsseldorf zu jeder Zeit immer noch hell genug ist, um sich orientieren zu können, wahrt den Schein eines ruhigen Starts in den Tag. Volle Festbeleuchtung macht vielleicht wach, aber beendet unbarmherzig das wohlige Gefühl der Nachtruhe. Also bleibt das Licht vorerst aus. Ich sehe genug.

In der Küche angekommen werfe ich einen Blick aus dem Fenster. Unten auf den Parkplätzen hinter dem Haus stehen einige Nachbarn und schauen ratlos in den nächtlichen Morgenhimmel bzw. auf die innerhalb deutscher Staatsgrenzen geradezu typisch graue Wolkendecke. Auf die Wolkendecke? Man schaut wohl unter die Wolkendecke, weil wir uns sehr wahrscheinlich unter ihr befinden. Es stehen also Menschen da unten und schauen sich von unten, wie es die Art der Menschen ist, die sich vom Erdboden aus etwas höher Befindliches anschauen, die Wolkendecke an. Von Zeit zu Zeit deutet mal jemand nach oben und dreht sich zu jemand anderem um, der ebenso ratlos den Kopf schüttelt. Was ist denn dort? Ich erkenne nichts Außergewöhnliches.

Der Kaffee ist fertig. Ich optimiere ihn mit Zucker und Kaffeesahne und schlurfe ins Wohnzimmer. Dort schalte ich eine unserer Deckenlampen ein oder an. Heißt es an oder ein? Vermutlich an. Bei Licht wäre es eindeutiger. Das wird angeschaltet. Aber Lampen?

„Mach die Funzel aus!“, brüllt mich jemand vom Fenster her an.

Im Reflex gehorche ich und schlage hektisch auf den Lichtschalter ein. Er dankt es mit dem Ausschalten der Deckenlampe. Als ich mir darüber bewusst werde, dass ich ohne nachzudenken einer mysteriösen Stimme aus dem Off gehorcht habe, schalte ich das Licht wieder an.

„Was machst Du denn da?!“, wimmert die Stimme.

„Ich schalte das Licht an, denn ich wohne hier und hätte nun gern etwas warmes Licht in meinem Wohnzimmer.“, antworte ich und komme mir bescheuert vor.

Denn ich spreche mit der Katze.

„Schaust Du keine Nachrichten? Schon online gewesen?“, fragt mich die Katze.

„Nicht um kurz nach sechs morgens.“, antworte ich und lasse mich aufs Sofa fallen. „Was ist denn passiert?“

Als Antwort erhalte ich ein verächtliches Schnauben. Die Katze schaut aus dem Fenster Richtung Himmel. Was ist denn heute los? Ich fühle mich eigenartig. Rechts von mir höre ich Gemurmel. Ich werde beobachtet. Ich lasse mir zunächst nichts anmerken, werfe nach wenigen Sekunden den Kopf ruckartig nach rechts. Die Kaninchen und das Meerschweinchen, die bis gerade eben mit ihren Nasen an ihrem Stallfenster klebten, erschrecken sich und rennen in alle Himmelsrichtungen davon, sofern man das in einem selbstgebauten Stall und zu dritt bei vier Himmelsrichtungen überhaupt machen kann. Das Meerschweinchen klappert mit den Zähnen.

„HAST DU SIE NOCH ALLE?!“, brüllt mich die Hasenfrau, Euer Ehren, an.

„Was ist denn mit Euch los?“, frage ich die sich nun wieder langsam nähernden Tierchen.

Von der Fensterbank schnaubt es erneut verächtlich.

„Schau doch mal raus. Warst Du schon online?“, fragt mich das Meerschweinchen.

„Nicht um kurz nach…ach, was soll das?“, sage ich im Grunde zu mir selbst und öffne Facebook, damit die Tiere endlich Ruhe geben.

Viele haben panische Posts abgesetzt. Manche lediglich genervt, mit entsprechendem Smilie dazu. Man schreibt von „ausgerechnet heute“, „verrückten Zeiten“ und dass es gestern noch anders war. Dazu diverse Fotos. Die meisten Posts kommen von Freunden aus Düsseldorf und Umgebung.

Ich trete ans Wohnzimmerfenster. Unten auf der Straße stehen einige Nachbarn. Ich öffne die Balkontür. Es ist arschkalt. Auf dem Nachbarbalkon steht das Pärchen, das in der entsprechenden Wohnung lebt, und schaut abwechselnd zum Himmel und auf die Straße. Unten höre ich die Nachbarn murmeln, verstehe aber nur einzelne Wörter wie „Was ist das?“ oder „Was zum Teufel…?!“ oder „Chaos pur!“.

„Lass uns bitte raus und setz uns auf die Fensterbank! Wir wollen das sehen!“, quengeln die Tiere im Stall.

Ich erfülle ihnen den Wunsch und setze mich wieder aufs Sofa, während sich unsere vier Haustiere am Wohnzimmerfenster die Nasen plattdrücken. Plötzlich Geschrei von draußen.

„Es kommt wieder!“, kreischt jemand.

„Bleibt ruhig! Bleibt ruhig! Bleibt ruhig! Bleibt ruhig!“, schreit jemand anderes, während er offensichtlich die Straße entlangrennt.

Wie hat die Menschheit bis heute überleben können, wenn sie sich dermaßen dämlich anstellt?

„Da!“, ruft die Katze. „Es kommt wieder!“

Ich schaue nicht hin und scrolle mich durch meine Timeline bei Facebook. Allgemeine Hysterie. Man sei nicht vorbereitet auf derlei unnatürliche Phänomene. Man wolle alles Menschenmögliche tun, um der Situation Herr zu werden, was allerdings erst möglich sein werde, wenn der Krisenstab zusammengekommen sei. Wie solle man nun den Alltag bestreiten? Wie weitermachen? Als sei nichts? Es wird mir zu blöd und ich stelle mich mit meinem Kaffee zu den Tieren ans Wohnzimmerfenster. Die Nachbarn fliehen vor irgendwas. Einige stürzen. Allgemein sehen deren Bewegungen alles andere als elegant aus. Wenn man dem Internet glaubt, ist dies auch das erste mal, das so etwas geschieht. Es scheint, als wisse niemand, wie damit umzugehen ist. Weiter hinten auf der Straße hat es eine Karambolage mit mindestens fünf Autos gegeben. In einer verkehrsberuhigten Straße mit Schrittgeschwindigkeit ist das schon eine Leistung.

„Was ist das denn nur?!“, wimmert das Meerschweinchen auf der Fensterbank.

Die anderen Tiere trösten es.

„Du wirst es überleben.“, sage ich ihm trocken.

Ich öffne noch einmal Facebook und sehe nun folgende Meldung:

„Wir versuchen, unseren Kunden einen möglichst reibungslosen Ablauf zu garantieren. Angesichts der unvorhersehbaren Ereignisse bitten wir Sie allerdings, Ruhe zu bewahren und weitere Meldungen durch unser Personal abzuwarten. Aktuell ist der Betrieb eingestellt, aber wir arbeiten an Lösungen.
Bitte meiden Sie Straßen, da diese auf ungewisse Zeit unpassierbar geworden sind, bis die Stadt Maßnahmen einleiten kann. Dies ist für uns alle eine außergewöhnliche Situation.

Vielen Dank und viel Glück! Ihr Team von der Deutschen Bahn“

Draußen bricht langsam Chaos aus. In der Nacht hat es erstmals in diesem Winter geschneit. Auf den Straßen liegen zwei Zentimeter Neuschnee. Jetzt gerade beginnt es wieder zu schneien. Ich schalte den Fernseher ein. Sondersendung von RTL. Titel: „Wetterchaos – Im frostigen Griff des Klimas“.

Ich schalte den Fernseher wieder aus.


Soziale Außenposten zum Klicken und Liebhaben:

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21 Kommentare

  1. Trotz dieser Naturkatastrophe wünsche ich dir ein frohes neues Jahr. Auch wenn, es nicht vorhersehbar war, ich hatte schon länger so ein komisches Gefühl. Dass es sich derart extrem bewahrheitet, immerhin liegen bei uns auch nahezu 10 Zentimeter, kam erschreckend überraschend. Bei uns im Baumarkt gab es mehrere Verletzte, da Streit um die letzte verfügbare Schneeschaufel entstand. Ich fürchte, das Ende ist nah 😱

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  2. 😀 wie treffend formuliert! .. vor allem – erst FB öffnen, dann aus dem Fenster schauen ^^ ich hab’s da einfacher, mein Dachfenster informiert mich schon beim ersten Augenöffnen über die aktuelle Wetterlage. Aber das Chaos war vorprogrammiert, auf dem Weg in die Stadt fuhr man vor mir mit 50 km/h über die Landstraße.. dabei war die sogar schon geräumt… einen Dank an all diejenigen, die noch früher aufstehen und ohne Murren (meinetwegen auch mit) den Schnee beseitigen! Und dir danke für den guten Start in die Woche mit dem Text.

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  3. Ich halte es für das beste, durch Einschalten der Lampe das Licht anzuschalten. Überdies sollten alle Betroffenen Ruhe bewahren um so zur Entspannung der angespannten Lage beizutragen. Verfolgen sie unseren Liveticker und verpassen Sie so keine einzige Flocke. Wir informieren Sie, sobald die Gefahr durch entgegenkommendes Wasserkondesat vorüber ist.

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  4. …und beim lesen dachte ich schon, dass ein unheimliches Geheimding losgegangen ist… irgendwas, dass niemand weiß und sieht… und die Tiere hätten endlich die Fähigkeit mit uns zu kommunizieren. Wobei ich nicht weiß, ob du dann die Sprachen der Tiere sprichst oder sie unsere…

    Hättest du bloß nicht die Nachrichten gelesen…
    … dann könnte ich den Gedanken noch weiter spinnen…

    Danke für deine lustigen Zeilen…

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