Die Krux mit dem moralischen Standpunkt – Ein Gespräch mit Peta

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Es klingelt an unserer Wohnungstür. Dass es nicht die Haustür ist, hört der kundige Wohnungsinsasse an der Art der Klingel. Die Haustürklingel macht „ding dang dong“ wie ein Schulgong, der in Wirklichkeit „ding dang dong döng“ macht. Das „döng“ kann von vielen Schullautsprechern nicht wiedergegeben werden, weshalb ich 13 Jahre lang im „döng“ einen anderen Ton hörte als er eigentlich sein sollte. Irgendwann hörte ich denselben Gong über modernere Lautsprecher und war entsetzt. Nicht so bei uns zuhause, wo es lediglich „ding dang dong“ tönt. Es sei denn, jemand steht schon im Hausflur und betätigt die Wohnungsklingel. Die macht dann „nääääääääät“ und erschreckt uns zu Tode. Deshalb öffnen wir nie. Weil wir tot sind. So auch dieses Mal. Es klingelt und wir erschrecken uns zu Tode. Niemand kann mehr die Tür öffnen.

Ende des Blogbeitrags.

Was aber wäre, würden wir das „Nääääääääät“ der Wohnungsklingel überleben?

Es klingelt also an unserer Wohnungstür. Ich erschrecke mich beinahe zu Tode und reanimiere die Frau, die in unserer Wohnung lebt, weil sie vor Schreck starb. Nun lebt sie wieder. Schwein gehabt! Ich schaue durch den Türspion, was bei uns nicht ohne weiteres möglich ist, denn er wird von allerlei Gejäck verdeckt, was bedeutet, dass Jacken vor ihm hängen. Innen. Nicht außen. Vor der Tür steht Peta. Peta ist der Sohn römisch-alternativer Auswanderer, die ihm aufgrund ihres Unwillens, ein Zwei-Geschlechter-Konzept anzuerkennen, die Endung „-er“ strichen und durch „-a“ ersetzten. Das macht Peta zu einem Namen, der eigentlich männlichen Nachkömmlingen zugeschrieben wird, durch die weibliche Endung aber die Männlichkeit negiert. Letztlich macht der Name nichts anderes, als das anzuerkennen, was eigentlich abgelehnt wurde.

Peta ist ein komplizierter Charakter. Ich hänge die Jacken wieder auf und schließe die Tür auf. Peta wartet nicht, bis die Tür offen ist, und steht schon im Wohnungsflur. Gut, dann muss ich die Klinke ja gar nicht betätigen.

„Hallo Peta.“

„Habt ihr ein Glas Wasser?“

„Ja.“

„Nein danke.“ 

Wir gehen ins Wohnzimmer. Als Peta unseren Weihnachtsbaum erblickt, verzieht er das Gesicht. Ich verdrehe die Augen, weil ich weiß, was jetzt kommt.

„Warum denn diese Abscheulichkeit?! Ich halte ja grundsätzlich nicht viel von Plastik, aber ein Plastikbaum schenkt Euch jahrzehntelang Freude und Besinnlichkeit. Du weißt, dass dieser Baum sein gesamtes Leben lang leiden musste, bis er dann geschlagen und in ein Netz eingepfercht wurde?“, belehrt er mich.

„Ja, ist uns bewusst.“, antworte ich gelangweilt. „Aber er war billig.“

„Das sieht Euch ähnlich. Kauft Euch einen Plastikbaum!“

„Du weißt schon, dass bei Herstellung und Transport von Kunststoffgranulat jede Menge Mikroplastik in die Umwelt gelangt und schließlich im Meer landet?“, klugscheißere ich zurück, wohlwissend, dass diese Diskussion nichts bringen wird.

Peta ignoriert mich. Oft pflegt er in solchen Moment zu sagen, dass dies typischer whataboutism sei, die Antwort auf eine Frage mit einer Gegenfrage. Letztlich hat er damit Recht, was allerdings nicht klärt, weshalb er sich mit seiner Empfehlung eines Plastikbaums auf dünnem moralischem Eis bewegt.

Es spielt keine Rolle, denn er hat unsere Tiere entdeckt.

„Tiere??!!“

„Wegen des Geschmacks.“, antworte ich trocken und wissentlich provozierend.

Peta rastet unverzüglich aus und beschimpft mich. Ich solle doch nur einen Tag in einem Stall untergebracht sein und so leiden wie diese armen Geschöpfe. Ich halte dagegen, dass diese „armen Geschöpfe“ das Durchschnittsalter ihrer in der Natur lebenden Artgenossen mehr als verdoppelt haben. Peta glaubt es mir nicht. Eines seiner Hauptargumente. Dann streichelt er die Hasenfrau und befindet sie für ganz niedlich. Die Katze betritt die Szene und Peta eskaliert erneut. Nach wenigen Augenblicken streichelt er die Katze.

„Leute wie ich befreien Tiere ja, weißt du. Artgerecht ist nur die Freiheit.“, erklärt er mir. „Weite Prärie, saftige Wiesen, friedliche Ozeane und keine Unterdrückung.“

„Da würde sich die Katze aber freuen.“, antworte ich und behalte für mich, dass in vielen Haushalten es vielmehr die Katze ist, die unterdrückt.

Reizthema. Wie eigentlich alles.

„Ich spreche von allen Tieren. Neulich erst habe ich mit einigen Mitstreitern in einer extrem erfolgreichen Aktion meinen Beitrag zur Tierrettung geleistet.“, erzählt er mir stolz.

„Was habt ihr gemacht?“

„Wir haben uns nackt an Laternenpfähle gekettet und Tiergeräusche gemacht. Hättest die Passanten sehen sollen. Die haben Augen gemacht.“, erläutert mir Peta lachend.

Mit Peta kann man schlecht über den Sinn und Unsinn solcher Aktionen diskutieren. In seinen Augen ist alles ein Erfolg, was Aufmerksamkeit erregt und provoziert. Ein realer Effekt lässt sich in der Regel nicht ausmachen, was Peta aber nicht interessiert. Bei ihm läuft viel über das Glauben und Nichtglauben. Was er glaubt, wird nicht hinterfragt. Was er nicht glaubt, ist unüberprüft nicht wahr.

„Man muss doch nur ein wenig Empathie haben, um zu wissen, was richtig und was falsch ist.“, pflegt er dann zu sagen.

Das Finanzamt biss sich an ihm die Zähne aus, als Peta ihm einfach nicht glaubte, dass er Steuern nachzuzahlen hätte. Er verdient eine Menge Geld, was zunächst bedeutet, dass er ein Ass in Sachen Selbstvermarktung ist, was seine Ursache vor allem darin hat, abweichende Haltungen mit Unwissenheit zu begründen.

Das Problem: Er ist moralisch auf der richtigen Seite. Es ist verwerflich, Tiere zu essen und es ist verwerflich, Tiere einzusperren. Die Kehrseite der Medaille – nämlich den Umkehrschluss all seiner Forderungen – blendet er allerdings aus, was in einem Dilemma endet.

„Angenommen, ich esse von nun an kein Fleisch mehr.“, gebe ich zu Bedenken. „Ich bräuchte eine alternative Energiequelle.“

„Soja!“, brüllt Peta und reckt die Faust in die Luft.

Die Katze sucht das Weite. Ob sie es findet, kann ich nicht sagen. Es ist einfach zu weit weg.

„Ernährst Du Dich ausschließlich von Soja?“, frage ich ihn.

„Nein. Es gibt mittlerweile eine riesige Auswahl an rein pflanzlichen Lebensmitteln. Kokosprodukte, Seealgen, Avocados. Und die werden immer günstiger!“

„Und die werden einfach aufgesammelt, wo sie gerade angespült werden oder herunterfallen?“, frage ich weiter.

Er wird sauer. Es ist immer so, dass er sauer wird, wenn es darum geht, dass seine Haltung ebenfalls ihre Schwachpunkte hat. Denn alles, was wir hierzulande kaufen, ist industriell gefertigt, massenhaft angebaut und teilweise nur per Einhaltung gewisser Quoten nachhaltig und bio.

„Wenigsten tue ich was, während Du hier mit Deinem beschissenen Weihnachtsbaum und Deinen armen Haustieren Leid verbreitest und propagierst! Ich setze mich ein! Ich werde aktiv! Du hast ja keine Ahnung. Wenn Du nur einen Funken Mitgefühl hättest, würdest Du anders denken! Die Menschen sind eine Seuche!“, schreit Peta hysterisch herum. „Und jetzt spreche ich nicht mehr mit Dir. Du bist ein Arsch!“

Peta erhebt sich und verschränkt beleidigt die Arme. Jede Diskussion mit ihm endet so. Mit vielen Punkten hat er Recht, nur denkt er die Dinge nicht zuende. Langsam schreitet er durch den Wohnungsflur und bleibt vor der Wohnungstür stehen.

„Nächste Woche, gleiche Zeit?“, fragt er.

„Nein.“, antworte ich.

„In Ordnung. Ich werde da sein.“

Es ist wie ein Spiel und das seit Jahren. Keine Entwicklung zu erkennen. Wir drehen uns im Kreis. Peta möchte die Wohnung verlassen.

„Soll ich dir nicht die Tür erst öffnen…?“, frage ich ihn.

Zu spät. Er ist schon draußen. Fakten erkennt er nicht an.


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20 Kommentare

  1. Solche Gespräche führt man mit jedem, der eine tiefinnere Überzeugung für etwas hat. Peta erinnert mich beispielsweise an stark religiöse Mitmenschen. Meine Antwort auf alle Fragen, ist keine Gegenfrage mehr, sondern ein mildes Lächeln. (Ein Lächeln, wie ich es früher an mir schon sehr alt erscheinenden Menschen gehasst habe.)

    Gefällt 3 Personen

    • Jegliche kategorische Sichtweise hat einen Pferdefuss (schlechter Witz, ich weiss … 😉 ):
      Sie schliesst einen Teil der Realität aus.

      Was will man erwarten, wenn äusserst penetrante, besserwisserische, alles mögliche behauptende und postfaktisches dauerlabernde Personen einem was um die Ohren schlagen. Bevor man die Message mit bekommt hört man doch schon gar nicht mehr zu, da das Auftreten dermassen nervt.
      Da wird einem das Interesse am Thema schlicht vergällt.

      Obwohl gerade in Deutschland der Begriff Tierwohl kaum bekannt, jener des tierquälerisch produzierten Gammelfleisches jedoch allzu präsent ist, erntet das Auftreten, Kommunizieren und Handeln von PETA von mir das schlichte Prädikat: FAIL, big time. Eine Schulung in der Psychologie der Kommunikation täte denen gut.

      Gefällt 2 Personen

  2. Tja, schon entlarvend, dieser Artikel über PETA. Ich hatte mehrmals mit denen zu tun – und dachte danach immer wieder: „Um Himmels willen …“

    Das darf man wohl aber auch nicht sagen, denn im Himmel leben ja angeblich die Schafe … Das Schlachtvieh also, das man bei PETA gerne zum Schächten freigibt, nur beim weißen Mann nicht. Das wäre, in deren Augen, ja noch schöner.

    Diese Leute machen Menschen zu dem, was sie zutiefst verabscheuen: Schlachtvieh

    Und sind hinterher sehr verwundert über’s Ergebnis …

    Man verzeihe mir meinen Sarkasmus!

    Gefällt 2 Personen

    • Verziehen. Grundsätzlich ist die Idee hinter dem Unternehmen nicht schlecht, nur eben nicht konsequent zuende gedacht. Und im Laufe der Zeit wurde Peta zu einer PR-Agentur, die vor allem Eigenreklame betreibt, aber sehr wenig Zählbares leistet.

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  3. Nääääääät! Wie ich diese Klingel gehasst habe! Mir sind regelmäßig sämtliche Pommes vom Teller und Biere aus den Gläsern geflogen, weil ich mich so erschrocken habe. Habe es jetzt glücklicherweise nur noch mit einem klassischen „Ding Dong“ zu tun. Ein echter Gong, kein elektronisches Gebimmel. Mit Peta hatte ich noch nicht zu tun. Der kommt mir auch nicht ins Haus. Hätte viel zu viel Schiss, dass der meine Sammlung edler Pelze mit roter Lackfarbe besprüht.

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      • Köstliche Anwort, Dampfbloque.

        „vegane und umweltfreundliche Lackfarbe aus glücklich gemolkenen Lackschildläusen“

        Das funktioniert so leider nicht, denn zuvor müssem ja noch die Jod-S11-Körnchen extrahiert werden, wegen des Umweltschutz‘ und so. Bis dahin gilt aber wohl die Parole:

        Melken und Pressen!

        Da kennt der grüne PETA-Fan keine Gnade …

        Gefällt 1 Person

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