Homeoffice – ein nur halb-fiktives aber sehr ehrliches Protokoll

Als der Wecker klingelt, bin ich schon wach. Das hat weniger mit meiner eisernen Disziplin zu tun als mit dem Umstand, dass eine unserer Katzen jeden Morgen eine halbe Stunde vor ihrem eigentlichen Frühstück ein Mittel gegen Übelkeit erhält. Um es kurz zu machen: Katzen sind die unangefochtene Krönung der Schöpfung. Denn weil das Tier weiß, dass es das Mittel mit ein wenig Futter bekommt, und sich außerdem darüber im Klaren ist, dass monotones Maunzen im Zwielicht den handelsüblichen Mittdreißiger zur Verzweiflung treibt, klingelt mein Wecker zwar um 6.15 Uhr und der zweite um 6:45 Uhr, ich aber stehe das erste mal um 5:50 Uhr und das zweite mal um 6:30 Uhr auf. Das geht nun schon seit Dezember 2019 so und weil wir coronabedingt im Homeoffice arbeiten und damit der Arbeitsweg entfällt, drängt sich die Frage auf, was man denn jetzt bis 9 Uhr noch machen soll.

Nach dem dritten Kaffee habe ich das Internet zuende gelesen. Allgemeiner Tenor der Medien: Corona ist noch da.

Am Insektenhotel auf unserer Terrasse beginnt emsiges Treiben und erste Bienen beginnen mit der Arbeit. Arbeit – gutes Stichwort. Ich schaue auf die Uhr. 8:13 Uhr. Ich mache mir noch einen Kaffee. Der fordert gegen 8:17 Uhr seinen Tribut. Um 8:19 Uhr stehe ich in meinem Arbeitszimmer, das erstaunliche Ähnlichkeit mit unserem Wohnzimmer hat. Der Grund ist so simpel wie einleuchtend: Es ist unser Wohnzimmer.

Also setze ich mich an unseren Ess-Schreibtisch, öffne das Arbeits-Notebook und werde von einer noch geöffneten Photoshop-Datei begrüßt. Stimmt, ich wollte ein Alpaka freistellen. Die Tatsache, dass Alpakas zu etwa 98 % aus sehr feinen und vom Körper abstehenden Haaren bestehen, war der Grund, weshalb ich am Vortag um 20 Uhr frustriert den Rechner zugeklappt hatte. Aber heute wird alles anders.

Um 8:26 Uhr beschleicht mich das Gefühl, dass heute alles genau so wird wie gestern.

Deshalb stehe ich auf und streichle zur Beruhigung unsere anderen beiden Katzen. Die jüngste schlägt nach mir und hinterlässt auf dem Fingerknöchel einen feinen Kratzer. Ich bedanke mich und setze mich wieder an die Haare des Alpakas.

Verschiedene Quellen vermelden, dass es dem gemeinen User in sozialen Netzwerken ungemein wichtig ist, eine gewisse Normalität zu verspüren, weshalb Marken angehalten seien, diese zu demonstrieren. Kann ich voll und ganz unterschreiben. Deshalb schnappe ich mir den riesigen Plüschhasen meiner Freundin und lege ihn an der Stelle aufs Sofa, wo ich abends normalerweise liege. Wenigstens einer, der im Wohnzimmer das tut, was man im Wohnzimmer so tut. Aus Gründen der Authentizität legt ihm meine Freundin später noch die Fernbedienung unter den Arm. Ich ergänze eine Flasche Weißwein.

Als ich irgendwann gegen 10 Uhr vom Alpaka ablasse, weil ich den Kampf gegen die Haare gewonnen habe, schreibe ich noch schnell einen Beitragstext und plane den Post für unsere Social Media Kanäle ein. Anschließend verschiebe ich die entsprechende Karte in Trello – das nutzen wir als Redaktionsplanungstool – auf „Eingeplant“.

Mein Smartphone vibriert. Facebook Messenger. Es ist eine meiner Mitarbeiterinnen:

„Mach doch mal bitte dein Mikro aus. Bevor es peinlich wird. Ich höre dich tippen oder so.“

Sämtliche Mitarbeiter der Agentur haben den gesamten Tag über Discord im Hintergrund offen. Im Prinzip ist es ein Chatprogramm, dass es uns ermöglicht, mit allen oder mit ausgewählten Personen zu kommunizieren, ohne eine Telko einberufen zu müssen. Es funktioniert sehr gut. Dementsprechend dürfte der eine oder andere nun mitbekommen haben, dass ich meine Freundin darüber informiert habe, dass „nur Idioten auf die Idee kommen würden, ein Alpaka freizustellen“. Da das mit dem Alpaka meine Idee war, bin ich niemandem zu nahegetreten. Um die Situation einigermaßen souverän aufzulösen, antworte ich meiner Mitarbeiterin:

Vielleicht mache ich daraus einen Kanal für gelangweilte Menschen. „Heute und die kommenden Monate täglich: Manuel arbeitet – LIVE!“

Ich lege eine neue Trello-Karte mit dem Titel „Manuel arbeitet –LIVE“ an und schiebe sie gleich unter die Karte „Zwei Flaschen, ein Thema – der Podcast“. Ein noch nicht umgesetztes aber in meinen Augen vielversprechendes Projekt: Zwei Gesprächspartner mit jeweils einer Flasche ihres alkoholischen Lieblingsgetränks und ein Thema, das es zu diskutieren gilt. Eines Tages, wenn das Kontaktverbot aufgehoben wird …

10:30 Uhr. Telko mit einem Kunden. Nach einer Stunde haben alle das Gefühl, dass man sich durch die unterschiedlichen Verzögerungen des Audiosignals nun genug gegenseitig ins Wort gefallen ist und beendet das Telefonat. Trotz der Herausforderungen der nicht ganz einwandfreien Audioverarbeitung wurde alles geklärt und jeder ist glücklich.

Dadurch dass ich aufstehe und zur Küche gehe, aktiviere ich unsere jüngste Katze, die hinter mir her stürmt, um mich kurz vor der Küchentür tunneln zu wollen. Wäre ich ein Fahrrad, würde ich mich jetzt überschlagen. Weil ich aber ein Mensch bin, stolpere ich nur. Mit einer Flasche Wasser kehre ich ins Wohnzimmer zurück. In der Agentur kennt man mich als der Typ, der immer (!) mit Wasserflasche in der Hand rumrennt. Im Homeoffice komme ich dieser Gewohnheit nicht mehr nach und trinke daher zu wenig, wenn ich nicht ständig eine Flasche neben mit stehen habe.

Während ich die nächsten zwei Stunden damit verbringe, weitere Themen für unsere Kanäle zu sammeln und aufzubereiten, spielen die beiden jüngeren Katzen miteinander so etwas wie Fangen. Es ist im Prinzip eine Mischung aus Fangen und Ringkampf mit Beißen. Vor allem aber ist es sehr laut. Ich vertrete mir die Beine und mache mir etwas zu essen.

Als ich zurückkomme und feststelle, dass ich den Rechner aufgeklappt gelassen habe, hat eine der Katzen schon die Worte „ayzhlö-“ und „qqaqa#ä“ in eine Trello-Karte geschrieben und außerdem Keynote geöffnet. Dementsprechend arbeite ich an einem Konzept eines unserer Kunden weiter und schicke die Präsentation später einer Kollegin aus der Beratung. Währenddessen hat die jüngste Katze etwas hinter dem kleinen Gewächshaus auf der Fensterbank entdeckt. Aus diesem Grund muss das Gewächshaus möglichst ungeschickt beiseitegeschoben werden, bis es hinunterzufallen droht. Ich springe auf und verhindere das Schlimmste. Dabei stelle ich fest, dass „etwas“ in diesem Fall „nichts“ war. Rein gar nichts. Es war NICHTS hinter dem Gewächshaus.

Ich schaue zum Plüschhasen auf dem Sofa. Der hat’s gut. Aber er schenkt mir den Lichtblick des unaufhaltsam sich nähernden Feierabends und ich gehe zurück zum Ess-Schreibtisch. Dabei springt mir die kleinste Katze aus nur ihr bekannten Gründen ohne Vorwarnung ans Bein und tackert sich an meiner Wade fest. Danach beginnt das Tier an einem Bein des Wäscheständers rumzukauen.

Es ist ja so, dass Katzen – ähnlich wie vermutlich Kinder – eine absolute Bereicherung fürs Leben darstellen.

Ich telefoniere mit verschiedenen Kollegen und vereinbare mit einem LinkedIn-Kontakt einen Termin für einen Austausch über TikTok. Währenddessen beginne ich, die nächsten Motive für unsere Social Media Kanäle umzusetzen, schreibe parallel Ideen für eine Kampagne auf und verhindere erneut den Absturz des kleinen Gewächshauses auf der Fensterbank. Weil ich der Meinung bin, dass mehrere Gehirne prinzipiell immer mehr leisten können als ein einziges Gehirn, hole ich per Mail die gesamte Agentur an Bord und bitte sie darum, mir mal ihre Gedanken zu einem bestimmten Thema zukommen zu lassen.

Am Ende kommen so viele Ideen zustande, dass ich rund 80 % aussortieren muss, damit es nicht zu viel wird. Auf die Agentur ist Verlass. Draußen feiern die Nachbarn offenbar eine Party über mehrere Balkone hinweg. Den restlichen Tag versuche ich, mit Entscheidern potenzieller Kunden ins Gespräch zu kommen und speichere erstmals an diesem Tag die offenen Projekte in Photoshop, Illustrator und Aftereffects ab.

Dann beginnt eine Zeitspanne von etwa einer Stunde, von der man nicht so genau weiß, ob jetzt schon Feierabend ist oder man noch was anfangen soll. Das Kuriose am Homeoffice ist, dass es hier nicht diesen einen Moment gibt, der den Feierabend besiegelt. Rechner aus, Jacke an, raus aus der Agentur. Nein, man klappt seinen Rechner zu und sitzt einfach nur da. Das ist dann der Feierabendmoment. Ich verleihe dem ganzen etwas mehr Nachdruck und rufe demonstrativ „So! Feierabend!“. Fühlt sich schon besser an.

Ich drehe mich zum Plüschhasen auf dem Sofa um, entreiße ihm die Weinflasche, schütte mir ein Glas ein und setze mich raus in den Garten.

Das ist er. Der Moment des Feierabends. Und während ich den Bienen am Insektenhotel bei der Arbeit zuschaue, sehe ich im Augenwinkel einen dunklen Schatten von Innen auf die Fensterbank springen.

Kurze Zeit später stürzt das kleine Gewächshaus mit großem Getöse zu Boden.

Anmerkung: Ich trinke keinen Weißwein. Der Rest stimmt weitestgehend.


Diese Buchstaben erschienen erstmals auf LinkedIn unter https://www.linkedin.com/pulse/homeoffice-ein-nur-halb-fiktives-aber-sehr-ehrliches-manuel-h%C3%B6ttges

Das zählt zu diesem Social Media, von dem seit neuestem alle reden.

Ein Kommentar

  1. Eeeeendlich wieder da ✌🏻🎉💐😂👍🏻Freut mich sehr!Herzlicher Gruß und Kuss❤️😘🍀🍀🍀🍀🍀🍀🍀🍀🍀🍀🍀💙💙💙

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