„Leben“ trotz Katze – Morgenstund‘ tut Wahrheit kund

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Es ist jetzt etwa 7:30 Uhr. Und weil ich extrem unflexibel bin, manchmal immer noch in D-Mark umrechne und weil ich hier ja eh schreiben kann, was ich möchte, weise ich auf die Relativität von Zeit hin. Denn diese Uhrzeit wäre vor fünf Tagen (Stichwort: Zeitumstellung) noch eine andere gewesen; nämlich 8:30 Uhr. Verrückt.
Normalerweise wäre ich heute erst ein wenig später aufgestanden, weil ich erst spät arbeiten gehen muss, aber etwas hat mich wachgehalten. Dieses Etwas wiegt ungefähr viereinhalb Kilo und dürfte für unsere Nachbarn unter uns wie ein etwa viereinhalb Kilo schwerer Gummiwürfel klingen, der durch unsere Wohnung gerollt wird. Oder wie ein etwa viereinhalb Kilo schweres Pferd. Oder eben wie eine irreparabel geschädigte Katze. Eigentlich hätten wir sie schon längst vom Leid erlösen müssen. Das Problem an der Sache ist: Wir sind es, die leiden. Der Katze geht’s prima. Und deshalb liest sich die Chronik dieses Morgens so:

1:39 Uhr
Die Katze spielt Polizeihund und springt mir an den Arm, umklammert meine Hand und beißt kurz in einen meiner Finger. Hab mehrere davon, deshalb ist das halb so wild. Ich erschrecke mich aber zu Tode und habe sofort vergessen, was ich zuvor geträumt hatte. Vermutlich bin ich selbst daran schuld, weil ich – todesmutig, wie ich nunmal bin – meinen Arm nicht unter der Decke verstaut hatte. Das ist einer meiner häufigeren Fehler in diesen Hallen.

3:12 Uhr
Irgendjemand im Schlafzimmer brüllt ohrenbetäubend „Geronimo!“ und wirft sich mit Anlauf auf meinen Bauch. Ich bin sofort wach und greife geistesgegenwärtig zu meiner Schusswaffe auf dem Nachttisch, um mich zu verteidigen. Ich feuere einen Schuss ab, der erstaunlich leise ist. Ziel verfehlt. Ich höre lautes, unregelmäßiges Getrappel, das von einem etwa viereinhalb Kilo schweren Gummiwürfel stammen könnte. Plötzlich dämmert mir, dass ich keine Schusswaffe besitze und wohl ein Ohropax in die Richtung gepfeffert habe, wo ich das blöde Viech vermutete. Ich stehe auf und sammle ihn wieder ein. Nicht, dass die Katze den in ihrer grenzenlosen Weisheit noch frisst.

3:54 Uhr
Schon wieder der Arm.

5:02 Uhr
Irgendjemand hat mir einen Stempel auf Gesicht gelegt. Etwas Kaltes aus Gummi scheint auf meiner rechten Backe (die Wange ist gemeint) zu liegen. Ich reiße die Augen auf, weil Stempel, die einem in frühen Morgenstunden aufs Gesicht gelegt werden, selten eine gute Sache sind. Unverzüglich wird der Stempel entfernt und es folgt lautes Getrappel. Der Würfel hat wieder zugeschlagen!

5:24 Uhr
Ich stehe vor den Marketingleuten von Adidas und referiere über die Chancen und den Nutzen der neuen Kampagne unter dem Hashtag #runforrestrun. Irgendjemand ächzt in regelmäßigen Abstanden. Ich schaue mich um, kann aber nichts Auffälliges entdecken. In dem Wissen, dass ich eh gerade träume, drehe ich mich nach rechts und greife nach meinem Handy, um auf die Uhr zu schauen. Es steht irgendeine Zeit drauf. Dann wache ich tatsächlich auf, weil mir klar wird, dass rechts neben mir lediglich die Frau, die in unserer Wohnung lebt, liegt. Da wäre also kein Handy gewesen. Wieder Ächzen. Ich mache die Augen auf. Auf der Bettkante, nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt, sitzt die Katze und will mir etwas sagen. Ich puste sie an, was sie als Einladung versteht, mir wieder ins Gesicht zu packen. Ich drehe mich um.

5:47 Uhr
Die Katze ist gerade – wieder einmal – durch die gesamte Wohnung gepest und an einer Wand hochgesprungen, um danach den obligatorischen Klagelaut ertönen zu lassen. Die Nachbarn dürften jetzt wach sein. Ich fange langsam an, mich über das Tier zu ärgern.

6:19 Uhr
Wieder Ächzen. Wieder in nervtötenden Abständen. Gerade wenn ich glaube, dass es endet, straft mich der nächste in seiner Zartheit penetrante Laut Lügen. Ich mache die Augen auf und denke mir, dass es unfair wäre, der Katze dafür böse zu sein und rede ruhig auf sie ein: „Komm, leg dich hin. Noch etwas schlummern.“ – „BBRRRAAAAAAUZZZ!!!“
Ich werfe mich auf die andere Seite und schlage die Decke über den Kopf.

6:40 Uhr
Die Katze sitzt in der Schlafzimmertür. Nicht direkt in ihr. Im Rahmen. Also auch nicht direkt…sie sitzt eben dort, wo normalerweise die Tür ist, wenn sie denn geschlossen wäre. Sie ist aber offen. An der Schwelle zum Flur sitzt also dieses Tier und klagt in regelmäßigen Abständen. Ich ignoriere sie und versuche irgendwie einzuschlafen.

6:58 Uhr
Die Katze möchte mir ein Geheimnis verraten:

„Psst!“ 

„Ja, was denn?“

„Ich muss dir was sagen.“

„Weißt du eigentlich, dass ich noch schlafen könnte?“

„Weißt du eigentlich, dass es jetzt normalerweise schon fast 8 Uhr wäre?“

„Als würdest du dich jemals an Uhrzeiten orientieren.“

BBRRRAAAAAUUUUZZZZ!!!

7:10 Uhr
Weil ich der Katze verboten habe, mir mitzuteilen, dass sie seit etwa sieben Stunden (da gab es das letzte mal was zu spachteln) wieder hungrig ist, und weil das eh kein sonderlich gut gehütetes Geheimnis ist, fängt sie an, unsere Umzugskartons in ihre Einzelteile zu zerlegen. Jetzt kann man natürlich einwenden, dass Umzugskartons immer einteilig sind. Der Katze ist das egal.
Der Grund, weshalb wir überhaupt Umzugskartons in der Wohnung stehen haben, ist unser seit nunmehr einem Jahr feuchter Keller. Was gerettet werden konnte, steht nun in unserer Wohnung. Die Katze freut es.

7:22 Uhr
Ich überlege, ob es noch sinnvoll wäre, die Ohropax an die für sie vorgesehene Stelle zu befördern, weil die Katze nun auch die Einschübe für unseren Kleiderschrank für sich entdeckt hat und an diesen rumrupft. Andererseits bin ich nicht mehr wirklich müde und bevor ich mich noch mehr erschrecke, weil ich dann nicht mehr höre, wann der Gummiwürfel auf mich zugaloppiert kommt, schwinge ich mich aus dem Bett.

7:31 Uhr:
Die Katze ist mittlerweile satt und hat sich am Fußende des Bettes auf der Seite der Frau, die in unserer Wohnung lebt, zusammengerollt. Sie schaut mich streng an und gibt mir zu verstehen, dass ich diesen Frieden viel früher hätte haben können. Übrigens deshalb nur ich, weil ich derjenige bin, der bei Futterfragen konsultiert wird. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, ist für die Streicheleinheiten zuständig. Wir können die Uhr danach stellen, dass der Fellsack bis etwa 22 Uhr auf dem Schoß der weiblichen Belegschaft dieser Wohnung verweilt, um sich anschließend (vorerst) schweigend mit durchdringendem Blick neben mich zu setzen.

7:33 Uhr:
Der Kaffee ist fertig. Ich setze mich ins Wohnzimmer und lege unseren Meerschweinchen und Kaninchen eine Auswahl an Grünzeug in den Stall. Und nachdem sich jeder auf seine Etage, in seine Ecke oder sein Häuschen verkrochen hat, setze ich mich an die Tastatur und schreibe die zur Überschrift passende Weisheit ins Textfeld:

Ohne Tiere wäre es manchmal echt langweilig.


Die Kategorie zum Artikel mit weiteren tragischen Texten zum Leben trotz Katze: „Leben trotz Katze“.


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14 Kommentare

  1. Beim Lesen deines Nachtruhe-Protokolls habe ich mich dermaßen tot gelacht, dass ich schon wieder lebendig bin!!! Herrlich, wirklich herrlich!! Einige Situationen habe ich ähnlich erlebt. War einige Jahre lang auch Besitzerin einer Katze. Viel Freude weiterin :))

    Gefällt 1 Person

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