Niemand mag Klugscheißer…obwohl…

Es hat neun Semester gedauert, bis ich erstmals auf einen Professoren traf, der mir tatsächlich eine im realen Leben anwendbare Formel an die Hand gab und meinem ewigen Grübeln die lang ersehnte Berechtigung gab: „Nichts lässt sich mit ‚Is halt so‘ erklären.“ Genau genommen ist das die zweite hilfreiche Aussage in meinem Studium. Im ersten Semester baute uns ein Dozent mit folgenden Worten auf: „Sie können stolz auf sich sein. Sie werden der letzte Jahrgang sein, der noch richtig schreiben kann.“ Der anfänglichen Freude über diese vermeintliche Tatsache und darüber, dass es Dozenten unterhalb der 50 Jahre gibt, wich in den folgenden Jahren der ernüchternden Erkenntnis, dass dieser Mann Recht hatte: Manche Menschen, die mit der höchstmöglichen Schulbildung an die Uni gekommen waren, hatten das Schreiben entweder ver- oder nie wirklich gelernt. Was einem da zur Korrektur teilweise unter die Augen kam, hätte ich als Dozent nicht bewerten wollen. Zum Glück bin ich kein Dozent. Zum Unglück denke ich viel nach und frage mich, woran die Schreibfaulheit liegen mag. Heute bekam ich eine mögliche Antwort.

Gelegentlich fahre ich Bahn. Das ist ok. Mich stört das nicht. Es ist beizeiten sogar recht interessant, weil mir Menschen im Alltag manchmal einfach den Impuls geben, die Hand mal so richtig vor die innere Stirn zu klatschen. Das ist wichtig für das innere Gleichgewicht oder sowas in der Art. An anderen Tagen gewinnt man eher eine furchtbare Einsicht. So eben auch heute. Es ist unvermeidbar, die Gespräche anderer Leute zu belauschen, wenn diese sich a) sehr laut und b) sehr dumm unterhalten und man darüber hinaus genug Zeit hat, zuzuhören.
Nachdem drei Mädchen auf dem Vierersitz vor mir einige Selfies vor einem braun-grünen Farbmatsch (viel mehr dürfte von der vorbeifliegenden Landschaft auf dem Foto nicht zu erkennen sein) gemacht haben, unterhielten sie sich über das kommende Studium. „Unterhielten“ trifft es vielleicht nicht ganz, weil es sich um keinen reinen Informationsaustausch handelte. Vielmehr ging es darum – und das scheint weit verbreitet zu sein – negative Assoziationen mit Coolness bei gleichzeitiger Diskreditierung anderer zu verbinden. Und das klingt dann so:

Teil 1:

A: Ich schwöre. Die Lehrer an der Uni sind voll die Arschlöcher. Da ist Hausaufgaben und die kontrollieren voll streng.

B: Ja, chill mal. Ich hab noch nie Hausaufgaben gemacht. Auch in Schule nicht.

Soweit der erste Hinweis auf Gründe für die Rechtschreibproblematik. Ohne sie je regelmäßig außerhalb vom Smartphone benutzt zu haben, wird es tatsächlich schwer, die eigene Sprache halbwegs unfallfrei nach Hause zu schaukeln. Was hier übrigens auch eindrucksvoll bewiesen wird, weil schließlich an der Uni „Hausaufgaben ist“. Aber weiter:

Teil 2:

A: Ja, ich auch. Ey, ich hätte fast die Einschreibung vercheckt. Ich hab Bewerbung für Bachelor of Education [ja, richtig gelesen] falsch ausgefüllt. Hat aber noch geklappt.

B: Willst du Lehrer werden?!

A: Ja klar! Ich schwör. Voll geil. Ich werd‘ mit den Peoples in der Klasse immer nur Filme gucken.

B: Haha! Lässig!

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich freuen soll, weil das Rätsel aufgelöst ist, oder aber in Tränen versinken sollte, weil ich langsam um die Schulbildung meiner zukünftigen Kinder bangen muss. Nun ist ja jeder Mensch in der Lage, sich zu ändern. Auch ich habe aus meiner Schulzeit mit minimalem Aufwand das maximale Ergebnis rausgeholt; allerdings mit der richtigen Portion Ernsthaftigkeit ab der Jahrgangsstufe 10. Die Unizeit begann dann entspannt und wird ambitioniert enden. Das heißt also, dass man sich heute anders verhält als vor und in ein paar Jahren. Was mir aber überhaupt nicht in die Birne will:
Warum entscheidet sich ein 18-jähriger Mensch, der Lehrer offensichtlich nicht leiden kann, in der Schule nicht zum Arbeiten motiviert werden konnte und auch keinerlei Interesse daran zeigt, Kindern etwas zu vermitteln, für ein Lehramtsstudium?

Und dann fiel mir der Dozent aus dem ersten Semester wieder ein. Es ist vollkommen einleuchtend, dass jemand, der ohne etwas für die Schule zu machen sein Abitur packt, im Studium eventuell von der Realität eingeholt wird. Die sieht unter Umständen so aus, dass schlechte Leistungen entsprechend bewertet werden. Soweit die Theorie, denn die traurige Tatsache ist, dass selbst die sprachlichen Graupen ihr Germanistikstudium erfolgreich abschließen konnten. Sprachliche Richtigkeit ist nun wirklich kein Gesetz und den linguistischen Ansatz, der alles erlaubt, solange eine Verständigung möglich ist, kann ich bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Aber gerade als Lehrer sollte man doch über das Handwerkszeug verfügen, das es braucht, um jemandem etwas beizubringen. Die Erstsemester der vergangenen Jahre kamen mit übergroßen Egos und unglaublich miserabler Schreibe an die Uni, weil zur Schulzeit etwas versäumt wurde. Und zukünftig werden diese Absolventen ihrerseits auf Schüler treffen, denen sie eine korrekte Sprache weder vorleben noch beibringen können.

Ich will die Germanistik nicht wichtiger machen, als sie ist. Aber auffällig ist schon, dass insbesondere die schriftliche Verwendung von Sprache mit zunehmendem Einfluss digitaler Medien unter einem zügigem Verschleiß gelitten hat und es noch immer tut. Richtig schreiben zu können, ist nicht so wichtig. Wer das kritisiert ist ein grammar nazi.
Man stelle sich vor, andere Fachbereiche wären auf ähnliche Weise vom Schlendrian betroffen:

„Die Niere? Ach, keine Ahnung. Vielleicht das da? Nee…ja guck einfach. Wenn der Herzmonitor lange piepst, war es das falsche Organ.“

„Kreative Freiheit“ nennt sich sowas. Naja…

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