Wo Patschehändchen sinnlos walten – Es gibt Seuche und Seuche

Guten Morgen allerseits. Ich bin vorhin aufgewacht und hatte direkt ein paar Gedanken hinter der Stirn rumwuseln. Das kommt häufiger vor. Sowohl das eine, als auch das andere, wobei ersteres beinahe täglich stattfindet. Es folgt zweiteres…das Zweite…das nach dem Ersten:

Wer sich ein wenig in der deutschen Medienlandschaft umschaut und seinen Blick über solche Sendungen schweifen lässt, die sich mit der – wenn auch nur punktuellen – Präsentation mehr oder weniger melodischer Darbietungen befassen, wird es vielleicht bemerkt haben: Wir können keine Musik. Das bezieht sich jetzt nicht so sehr auf die Qualität der produzierten Dreieinhalbminüter, die schließlich ihren Gang ins SD-Karten-Nirwana antreten. (Wobei ich auch hier den Eindruck habe, dass sogenannte Interpreten heute immer häufiger kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. Lass den einen das Lied eines anderen singen und es würde kaum bemerkt werden.) Es geht vielmehr um das Verhalten, wenn Musik ertönt.
Wir sind offensichtlich erfolgreich konditioniert worden und verfallen in einen pawlowschen Reflex, sobald der entsprechende Reiz auftritt. Pawlow war der mit dem Hund. Gib dem Hund Fressen und er wird sabbern. Klingle mit einem Glöckchen und der Hund macht nichts. Gib dem Hund Fressen und klingle währenddessen mit dem Glöckchen und der Hund wird sabbern. Irgendwann wird der Hund schon sabbern, wenn du nur mit dem Glöckchen klingelst. Oder ein anderes Beispiel aus der schulischen Laufbahn: Elternsprechtag. Irgendwann hast du schon Angst, wenn du die Haustür ins Schloss fallen hörst. Ob Elternsprechtag war oder nicht.

So ähnlich verhält es sich mit dem Umgang der Deutschen mit Musik. Wir sabbern nicht und haben auch im besten Fall keine Angst, wenn Musik ertönt. Wir klatschen halt gern, wenn Musik ertönt und wir dabei sitzen. Da habe ich einen Verdacht, warum das so sein könnte: Das Sitzen hindert uns an der Ausführung vom Discofox. Ein weiterer Reflex, den man uns lange anerzogen hat. Wenn Musik und Beinfreiheit: Discofox. Wenn Musik und eingeschränkt beweglich: Klatschen. Interessant ist übrigens auch, dass wir taub werden, wenn wir zu oft zu laut Musik hören. Das bezieht sich allerdings auf die gesamte Menschheit und ist folgendermaßen – wenn auch historisch und erdgeschichtlich nicht ganz plausibel – zu erklären:
Früher, also ganz früher, als die Dinosaurier noch lebten, war es so, dass ein Brüllen generell Gefahr bedeutete. Oft war es dann eben so, dass ein dahinschlendernder Urzeitmensch ein Brüllen hörte, dem der Angriff eines Dinosauriers folgte. Der Urzeitmensch schied häufig dahin, weil sich unser Körper angewöhnt hat, zu sterben, wenn er gefressen wird. Das geht mit dem Umstand einher, dass auch unser Gehör den Dienst einstellt. Wenn wir nun heute laute Geräusche hören, denkt unser Körper, dass er gefressen wird. Folglich werden wir taub.

Evolution ist schon ein Teufelskerl!

Gut, aber es ging ums Klatschen und Tanzen. Da stoßen wir nämlich auf ein interessantes Problem, das für viele Deutsche keines ist: Discofox ist ein Tanz im 3/4-Takt. Das hindert aber niemanden daran, ihn auf sämtliche Taktarten anzuwenden. Da ich gelernter Schlagzeuger bin, geht diese Art zu Tanzen bei allem, was nicht 3/4- oder 6/8-Takt ist, gegen meinen Instinkt. Ich verfalle dann in eine Schockstarre und muss von der Tanzfläche transportiert werden, um keine Gefahr mehr darzustellen. Die meisten Unfälle sollen ja im Haushalt geschehen. Alles Quatsch. Tanzflächen, Discofox-Tänzer in Ekstase, ich als baumähnliches Hindernis, Trägheit der Masse. Das sind die Zutaten der deutschen Unfallstatistik.

Um nochmal kurz auf die Sache mit den Takten zurückzukommen: Wenn gesagt wird, man könne Discofox auf alles tanzen, müsste das ebenso für Walzer gelten. Aber niemand tanzt Walzer auf Schlager, obwohl die Schritte nahezu identisch sind. Was schreiben wir uns also auf unsere to-do-Liste? Richtig: Rock am Ring geht auch mit Walzer.

Zazu
(aus „Der König der Löwen“; der Film, nicht das Musical)

3/4-Takte sind im übrigen auch eine potenzielle Verwirrungsquelle für den Klatscher…sollte man meinen. Die Bilder im Fernsehen zeugen allerdings von konsequenter Ignoranz den Gesetzen der Rhythmik gegenüber. Nicht falsch verstehen. Es ist möglich, bei einem 3/4-Takt auf die 1 und die 3 zu klatschen (danach auf die 2 und anschließend von vorn). Es ist aber unnötig und für mich fühlt es sich in etwa so an, wie es oben im Bild aussieht. Immerhin merkt man dem einen oder anderen Gesicht an, dass auch der Besitzer desselbigen registriert, dass da irgendwas nicht stimmt. Allerdings weiß keiner genau, was es ist. Aber weil es ja alle machen, scheint es wohl richtig so zu sein. Völlig ohne Rhythmusgefühl (folglich taktlos) geht es auch. Irgendwie klatschen. Irgendeine Zählzeit wird man schon treffen.

Und dann gibt es eben noch die mit den verschränkten Armen. Die klatschen immerhin nicht. Die Optik vermittelt nur diese Lustlosigkeit. Ja, wir finden doch alle, dass Musik eine furchtbare Sache ist. Aber es ist nunmal auch ein notwendiges Übel, um einige wenige zu unterhalten. Also könnte man sich ja mal überwinden, zumindest so zu tun, als wäre man nicht in diese Veranstaltung gezwungen worden. Andererseits ist Vielfalt ja auch eine schöne Sache, also lässt man jeden in seinem Verhalten gewähren. UND: Angesichts der Masse, die den Armeverschränker wirr klatschend umringt, kann man ihm seine Teilnahmslosigkeit kaum verdenken.

Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Es gibt halt solche und solche…Seuche und Seuche…passt. Ha! Die Artikelüberschrift hat ihren Status soeben vom Arbeitstitel „Gegen unkontrollierte Gewalt unter Händen“ in die nun offizielle Artikelüberschrift geändert. Den muss ich mal eben direkt mal der Frau, die in unserer Wohnung lebt, erzählen.

Wir haben sehr gelacht. Vor allem ich. Sie hat nicht so sehr gelacht. Sie hat gar nicht gelacht. Hat geschwiegen und nach etwas gesucht, das sie mir ohne rechtliche Folgen entgegenschleudern kann. Die Wahl fiel, wie so oft, auf eine Taschentuchpackung. Sie hat es manchmal sehr schwer mit mir.

So, Kaffee ist leer. Und da ist er wieder, der Reflex. Immer wenn die Augen sehen, dass die Tasse geleert wurde, sagt das Gehirn der Blase, dass sie jetzt mal ein wenig Terror machen soll, weil sie ja ach so voll ist. Das Kuriose daran ist, dass sich dieser kausale Zusammenhang nicht umkehren lässt. Bisher ist es noch nie vorgekommen, dass ich aufstehe, mir einen Kaffee mache, auf Toilette gehe und anschließend ist die Tasse Kaffee leer. Aber das mit diesen Variablen in einer Gleichung habe ich noch nie so wirklich verstanden. Es kann ja auch nur Verwirrung stiften, wenn x in jeder verdammten Aufgabe eine andere Zahl darstellt.


Beitragbild kommt von hier: http://www.fotocommunity.de/pc/pc/display/28524581

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13 Kommentare

  1. Ich habe all diese Probleme nicht, weil das Thema „Musikalität“ komplett an mir vorübergegangen ist. Sowas wie „Taktgefühl“ (auf die Musik bezogen), ist bei mir nicht angekommen. Also werde ich auch nie in das Problem schliddern, Tanzen zu sollen oder im Takt zu klatschen.
    Wobei mich an der Klatscherei ohnehin eines ganz entschieden stört: Da wird geklatscht, weil es alle tun, ohne dass einer so genau weiß, warum er eig klatscht. Und deswegen enthalte ich mich in der Regel jedem Geklatsche, z.B. wenn einer eine Rede hält, und lasse ihm meine Zustimmung einmal am Schluss komprimiert zukommen. Stereotyp alle 10 Sek. zu klatschen, weil sich das so gehört, das wäre mir zuwider und erinnert mich zu sehr an Kolonnen, die im Gleichschritt marschieren.

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  2. Und all das fällt Dir ein, wenn Du aufwachst – Halllloooooo????!!! Was für ein BRAIN bist Du denn? Gewaltig – ich werde mal meine Bücher unters Kopfkissen legen und schauen, ob mir dann auch soviele Ideen kommen, wenn ich aufwache. Gewaltiger Beitrag! 🙂

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  3. Großartiger Blog! Das vorab.

    Die Sache mit dem Klatschen… Warum nur hatte ich spontan Helene Fischer im Ohr? Atemlos…? Schwitzende klatschende Masse mit angestrengt lächelnden roten Gesichtern? …ich selbst leide an Klatsch-Sperre. Ich gehöre zu denen mit den verschränkten Armen und ausdrucksloser Miene. Das ist das Beste, was ich aufbringen kann angesichts der in meinem Innern ablaufenden Fremdscham. 🙂

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  4. Ein geiler Beitrag, ich habe mich schlapp gelacht! Daumen hoch und Hut ab!
    Mein Mann und ich tanzen gelegentlich auch sehr gerne Discofox. Aus Spaß. Er ist der Auffassung, Discofox geht auf alles. Ich tanze Discofox auf Malleschlager und Schlager im allgemeinen. Das führt nicht selten zu ehelichen Spannungen. Egal. Spätestens seit Michael Mittermeier weiß ich, daß ein Discofoxpärchen auf der Tanzfläche als äußerst störend empfunden wird, wenn alle anderen gerade am Headbanging sind.
    Ich werde ihm diesen Artikel heute abend zeigen. Auf die Reaktion freue ich mich schon jetzt! 😀

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  5. Bin jetzt erst auf diesen hervorragenden Text gestoßen! Ganz wunderbar! Die zwei Todfeinde des Live-Musikers: Klatschen (schunkeln ist in meiner Branche – Jazz – allerdings noch abartiger) und der allgegen- und widerwärtige Foxtrott. Werde ich sicherlich in naher Zukunft auch mal durch den Blog ziehen…

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