Katerstimmung, Langsamkeit und altmodisches Gehabe

Seeigel in Düsseldorf Himmelgeist

Nach dem gestrigen Tag, der, was die Zugriffszahlen angeht, eine wahre Orgie war, ist am heutigen Montag die Nüchternheit zurückgekehrt. Ich möchte sogar einen Schritt weitergehen und behaupte, dass allgemeine Katerstimmung ihr Unwesen treibt. Das schlägt mitunter aufs Gemüt, weshalb ich mich heute morgen nur unter großen seelischen Qualen aus dem Bett gequält habe. Schon dieser Satzbau und die Wortwahl zeigen, welche Qual mich heimsuchte. Denn es war nicht nur die Qual allein. Nein, sie quälte mich auch. Quälende Qualen sind die schlimmsten von allen Qualen, die so auf Gottes grün-blau-brauner Erde rumwuseln.

Allerdings frage ich mich, was gestern so anders war, dass diese Seiten einen solchen Zulauf verzeichnen konnten. War es das Wetter? Das kann ich mir kaum vorstellen, weil das Wetter bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir beschlossen, spazieren zu gehen, gut war. Ja, wir gehen spazieren. Was landschaftlich schöne Erholungsausflüge angeht, wohnen wir trotz der doch recht zentralen Lage ziemlich günstig. Das habe ich aber auch nur festgestellt, weil ich seit letztem November wieder regelmäßig laufen gehe und die Distanz erhöht habe. Um nicht immer im Kreis zu rennen, dehne ich meinen Aktionsradius folglich immer weiter aus und stoße dabei auf unentdeckte Stadtteile. Vor ein paar Wochen war das Düsseldorf Himmelgeist, das ich laufenderweise erforschte. Natürlich habe ich mich verlaufen, was mich beinahe in den Rhein hat fallen lassen. Der vermutete Rundweg entpuppte sich als Sackgasse und darüber hinaus als Fähranleger ohne Schranke. Soetwas kommt der Motivation und Kurzweil eher nicht entgegen. Schließlich muss man den Weg, den man hoffte bereits hinter sich gebracht zu haben, wieder zurücklaufen.

Kurzum, gestern war gutes Wetter und wir waren in Himmelgeist spazieren. Spazieren zu gehen fällt wohl unter die Kategorie der viel zitierten Entschleunigung, was mittlerweile eine derart überstrapazierte Vokabel ist und derart gehypt wird, dass sie mir schon fast unsympathisch geworden ist. Außerdem hat jeder Hype den eigenartigen Nebeneffekt, dass ich ihn unabhängig dessen, um was es eigentlich geht, immer mit Hysterie und Stress assoziiere. Inwiefern das noch als entschleunigend angesehen werden kann, ist fraglich. Aber das ist wohl ein Fehler meinerseits.

Spazierengehen ist altmodisch. Das ist etwas für Rentner. Junge, dynamische Menschen taken einen walk oder integrieren diesen in ihr workout, um ihre innere balance zu wahren. Wir gehen einfach nur spazieren. Wir sind ohnehin in mancher Hinsicht vielleicht etwas altmodisch. Neuerdings halten wir uns an halbwegs feste Essenszeiten. Wir schränken uns also bewusst und freiwillig in unserer Freiheit ein. Ist das nicht verrückt? Nein! Verrückt ist vielmehr, dass es tatsächlich Leute gibt, die das Festhalten an Gewohnheiten als Beschneidung der eigenen Freiheit betrachten. Diesem Zwang möchte man sich nicht beugen. Eventuell entweicht der freiheitsliebenden Entität (ich möchte ja niemanden ausschließen) noch ein keckes „YOLO!“ und man hat den Stempel der tristen Langweiligkeit endgültig aufgedrückt bekommen. Drauf geschissen.

Ebenfalls eine Angelegenheit für uns Rentner ist das Winken am Küchenfenster. Je nach dem, wer das Haus gerade verlässt, rennt der jeweils andere nach dem Verschließen der Wohnungstür schnell in die Küche und wartet, bis der Verlassende zur Haustür hinaustritt. Und dann wird eifrig gewinkt. Das kann zu Verwirrungen führen. Denn wenn wir das Haus verlassen, uns umdrehen und winken, kann es vorkommen, dass auch im Erdgeschoss jemand am Küchenfenster steht, der sich durch das Winken angesprochen fühlt. Demjenigen gilt das Winken allerdings nicht, was man durch ein geschlossenes Fenster schlecht vermitteln kann. Ich muss also davon ausgehen, dass unsere Nachbarin im Erdgeschoss denkt, dass ich ihr gelegentlich winke. Womöglich auch, dass ich ihr nachstelle und nur darauf warte, dass sie im Küchenfenster erscheint, um ihr wie zufällig zuzuwinken. Ihr Freund könnte das allerdings ebenso denken, denn auch er steht manchmal in der Küche. Oder die halten mich für etwas gestört. Wobei das eigentlich eine in Stein gemeißelte Tatsache ist.

Ebenfalls altmodisch: Wir schreiben uns eine Nachricht, wenn wir gut irgendwo angekommen sind. Und sei es nur auf der Arbeit. In meiner Familie gilt der Grundsatz „Solange man nichts hört, ist alles gut.“, der es noch nicht in diese Beziehung geschafft hat. Ich werde manchmal unruhig, wenn ich zu lange nichts von ihr höre und muss mich dann immer mal wieder daran erinnern, dass ich schon etwas gehört hätte, wenn was passiert wäre. Im Falle eines Unfalls würde jemand im Nachrichtenverlauf des Smartphones der Frau, die in unserer Wohnung lebt, stöbern und merken, dass sie recht häufig mit jemandem schreibt, der dort kindischerweise Mantel-Popantel heißt. Zu diesem würde er dann Kontakt aufnehmen und ich würde wissen, was Sache ist. Aber soweit soll man gar nicht denken. Kern dieses Absatzes sollte bloß die Erkenntnis sein, dass wir uns gegenseitig Rückmeldung geben, wenn wir auf Reise sind.

Es ist schon erstaunlich, wo man landet, wenn man seinen Gedanken einfach mal folgt und das Ganze niederschreibt. Das kann in meinem Fall zweierlei bedeuten:

  1. Ich bin unglaublich kreativ und habe eine rege Gedankenaktivität oder
  2. Ich bin unglaublich hyperaktiv und habe nur eine begrenzte Aufmerksamkeitsspanne, was mich vom einen aufs andere und ein weiteres Thema kommen lässt.

Ein Mischung aus beidem mit einer leichten Tendenz zum zweiten Punkt wird es wohl sein.

Gerade eben habe ich auf Facebook erfahren, dass es draußen regnet, was meinen Alltag nur bedingt beeinflusst. Es beeinflusst lediglich den Feuchtigkeitsgehalt meiner Laufschuhe, die ich mir nachher noch unter die Füße schnallen werde. Eigentlich bevorzuge ich es, morgens laufen zu gehen, bevor Körper und Geist überhaupt bemerken, dass etwas Schlimmes passiert ist und sie sich nun auf einer Reise von mehreren Kilometern befinden. Denn wenn sie es registrieren, ist es schon zu spät. Ein wahnsinnig guter Trick. Heute morgen hat er nicht funktioniert, weil mir die Katze diese Nacht mehrere Male mit Anlauf auf den Bauch gesprungen ist und ich deshalb nicht wirklich erholt erwacht bin.

Das passt natürlich zur allgemeinen Katerstimmung dieses Tages nach einem Sonntag, der zwar gutes Wetter bot, aber viele Menschen veranlasste, den dritten und abschließenden Teil der „Einkaufen“-Saga zu lesen. Mir soll es recht sein. In meiner Statstik ragt nun ein einsamer Turm zwischen Samstag und Montag empor, was mich vor wenigen Monaten noch in helle Aufregung versetzt hätte, weil ich geglaubt hätte, dass es nun so richtig losginge. Stattdessen schaue ich mir gestern die Werte an und gehe anschließend spazieren. Ganz altmodisch. Ohne es von unterwegs zu posten. Unaufgeregt, langsam und Informationstafeln zu Sehenswürdigkeiten lesend. Lesen kann ich nämlich auch.

Wie altmodisch.

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16 Kommentare

  1. Ich finde in einem hektischen Alltag, darf man(n oder Frau) auch völlig unhektische Dinge tun. Ausser das Winken – das ich sowohl vom Stubenfenster (weil nur dort der Verlassene (also der aus dem Hausgehende) gesehen werden kann) und vom Kindergarten kenne – dass kann an mancher Stelle und abhängig von der zu winkenden Person, ganz schön hektisch werden.

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  2. Nichts macht so unfrei wie die Notwendigkeit, ständig Entscheidungen treffen zu müssen. Ein strukturierter Tagesablauf schafft da einiges an Freiheit für Gedanken, wie z.B. warum die Blog-Statistik… Andererseits könnte man in die Struktur auch einbauen, Blogstatistiken grundsätzlich zu ignorieren und sich statt dessen auszumalen, wie es wäre, im nächsten Leben (wenn ein solches denn geben sollte) Druide zu werden. Das Mistelaufkommen, wie im Foto dokumentiert, berechtigt zu den schönsten Hoffnungen einen ständig steigende Statistik über die Mistel-Ernte zu führen.

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