Wieder Junggeselle auf Zeit III – Studentenauflauf bei REWE. Oder: Was zwischen Teil I und II geschah

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Aufmerksame Menschen werden es schon bemerkt haben: Es gab einen grausam großen Sprung im Zeitstrahl. Vielleicht haben es aber auch unaufmerksame Menschen bemerkt, was mich jetzt vor einige Probleme stellt. Denn weder möchte ich jemandem unterstellen, dass er unaufmerksam ist – was er ja schlüssigerweise sein kann, weil er den Zeitsprung bemerkt hat – noch soll sich jemand zu den Aufmerksamen zählen müssen, der den Sprung nicht bemerkt hat. Schwierig. Tun wir so, als wäre nichts gewesen.
Außer eben diesem Zeitsprung, der bei genauerem Überlegen eigentlich kaum wahrnehmbar ist, weil er nahtlos erfolge. Um es kurz zu machen: Im ersten Teil lag zwischen der Verabschiedung im Krankenhaus und dem Stolpern über das hauseigene kniehohe Pferd am Ende des Beitrags noch eine heitere Fahrt durch eine laue Januarnacht. Unter anderem.

Und was erkennt man doch gleich auf dem Beitragsbild?

Ich verlasse das Krankenzimmer und schleiche am Schwesternzimmer vorbei. Den Zwieback griffbereit, falls ein Pinguin aus dem Hinterhalt angriffe. Es bleibt aber ruhig, weil sämtliche Schwestern gerade in ihrem Pausenraum sitzen und eine Mahlzeit genießen. Übrigens habe ich bei meiner Ankunft heute morgen im krankenhauseigenen Kiosk beobachtet, dass selbst Ärzte und Pflegepersonal den vollen Preis bezahlen. Und das, obwohl man doch sein Leben in diesem Laden verbringt. Das scheint allerdings in allen Betrieben so zu sein, was meines Erachtens nicht so sein dürfte. Da ist es kein Wunder, dass gottesfürchtige Pinguine das siebte Gebot brechen und Kugelschreiber stehlen.

Wobei ich vom geklauten Kugelschreiber zum Zeitpunkt, da ich den Pausenraum passiere, noch nichts wissen kann. Davon erfahre ich erst gegen Ende des ersten Teils, der ja (von der aktuellen Situation ausgehend) in der Zukunft liegt. Ihr habt ihn schon gelesen, den ersten Teil. Zeit ist etwas Verrücktes. Man sollte vorsichtig mit ihr umgehen. Das könnte andernfalls böse Folgen haben. Man merkt es ja jetzt schon und das hier ist bloß ein Blog. Also stets die Zeit im Auge behalten.

Ich vergesse also die Sache mit dem Kugelschreiber, weil ich sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen konnte, und befinde mich zu meinem Erschrecken noch auf Höhe des Pausenraums.

(Wer Interesse oder Zeit hat, kann von den letzten drei Absätzen gerne mal eine Zeichnung von Handlungsebenen und Zeitgraden erstellen. Ich musste gerade einige Minuten pausieren, weil es mich brennend interessiert hat, wie das aussehen könnte. Ich kam zu keinem Ergebnis.)

Die Schwestern unterhalten sich gerade über ihre Essgewohnheiten. Die eine kann nicht zu den regulären Pausen. Die anderen zwei schon. Dann verstummen sie, weil sie mich an der Tür vorbeigehen sehen. Ich wünsche ihnen betont freundlich einen schönen Abend. Sie glauben mir nicht und erwidern den Abschiedsgruß wortlos. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie sich einmal von mir verabschiedet haben. Es bleibt auch ruhig, als ich weitergehe, weshalb ich nun befürchte, dass die Schwestern mir hinterherschauen. Ich gehe schnell weiter und lasse den Zwieback fallen. Das würde sie einen Moment beschäftigen.

Draußen angekommen, beruhige ich mich langsam wieder, weil ich keine Lust habe, außer Puste beim Wagen anzukommen. Rund um das Krankenhaus ist die Parkzeit auf zwei Stunden beschränkt, was für normale Besucher wohl aureichen würde. Ich bin wohl eher nicht so normal mit acht bis zehn Stunden Aufenthalt. Auf dem Krankenhausparkplatz will man deshalb nicht parken, weil auch das Krankenhaus Geld verdienen möchte und im eigenen Parkplatz wohl die Gelegenheit dafür sieht. Die Parkgebühren sind pervers hoch.
Vielleicht ein wenig unethisch, wenn man den Umstand ausnutzt, dass diejenigen, die zur Notaufnahme müssen, natürlich nur kurze Wege gehen wollen. Die müssen also dort parken und weil Krankenhäuser chronisch unterbesetzt sind, dauert ein Aufenthalt in der Notaufnahme für gewöhnlich recht lang. Das Krankenhaus freut es. Es kann nun einen weiteren Arzt einstellen. Das hätte zur Folge, dass die Patienten schneller behandelt werden können. Diese müssten nicht mehr so lange auf dem teuren Parkplatz parken, weshalb dem Krankenhaus wichtige Einnahmen wegbrächen. Der Arzt müsste wieder entlassen werden.
Ich hingegen habe in einem nahegelegenen Wohngebiet geparkt, das aber eben doch einen kleinen Fußweg entfernt liegt. Also langsam gehen. Am Auto angekommen sehe ich, dass mich ein Wagen mit Bielefelder Kennzeichen eingeparkt hat.

„Das gibt’s doch nicht!“, denke ich mir.

Dann fällt mir die Bielefeldverschwörung ein und ich finde meinen Gedanken recht lustig. Ich schreibe ihn auf, um ihn später in einem Artikel zu verwenden.

Weil es dem menschlichen Körper geradezu ein Zwang ist, andauernd Stoffwechsel zu betreiben und bei mangelnder Nahrungsaufnahme irgendwann beschließt, zunächst den Geist und in Extremfällen auch alles andere auszugeben, zieht es mich zu einer Nahrungsquelle. Als Tier wäre ich aufgeschmissen, denn als solches müsste ich darauf hoffen, dass noch etwas Essbares vorbeigehoppelt kommt, oder eben selbst stundenlang auf Streifzug gehen. Vergisst man gern, wenn man im Überangebot von Nahrungsmitteln lebt. Darum kann man ja auch von der schönen Wildnis schwärmen, die so romantisch und herrlich ist. Unsere Mahlzeiten sind in der Regel wenige Minuten von unserem Wohnort entfernt. Darum sind wir auch die einzigen Tiere, die sich mehr bewegen, als sie müssten. Nämlich, wenn wir Sport betreiben. Kann sich sonst kein Lebewesen erlauben. Ökonomie und Effizienz. Danach leben wir schon lange nicht mehr. Ganz im Gegenteil.

Und so betrete ich den heimischen REWE, weil er als einziger Markt noch zu diesem Zeitpunkt geöffnet hat und darüber hinaus über eine Salattheke verfügt, die ich eigentlich nie frequentiere. Heute sollte es anders sein. Denn die Schiebetür öffnet sich und ich finde im REWE einen Studentenauflauf vor. Wo bei kannibalisch veranlagten Menschen unverzüglich Speichelfluss einsetzt, verspüre ich den Drang, umzudrehen und vielleicht doch lieber im Grafenberger Wald ein Stück Wild zu reißen. Es handelt sich freilich nicht um einen Auflauf in überbackener Form. REWE ist zwar zuzutrauen, die handelsübliche Lasagne mit Pferdefleisch zu bestücken, aber Ofenspeisen mit akademischen Inhalt…wohl eher nicht.

Weil ich müde bin, lasse ich Gnade walten. Glück für die Hirsche im Wildpark. Glück für mich. Ich habe gelegentlich den Drang, Menschen durch subtiles Voraugenführen ihr Fehlverhalten zu demonstrieren. An der Salattheke steht eine Studentin in weitem Gewand, Hochwasserjogginghose und Fitnessschuhen und guckt auf ihren Zettel. Allein die modische Kombination würde mir ausreichen, um tätig zu werden. Aber das ist nicht der Punkt. Sie steht dermaßen ungünstig an einer Ecke, dass man unangenehm nahe an ihr Vorbeigreifen muss, um sich eine Schüssel oder Salz/Pfeffer/Olivenöl oder Putenbruststreifen zu nehmen. Die ideale Gelegenheit ihr zu zeigen, wie beschissen sie im Weg steht. Wortlos. Das ist wichtig, weil es einfach mehr Spaß macht.

Also gehe ich zur Salattheke und beuge mich absichtlich von der falschen Seite herüber, um eine Plastikschale zu bekommen. Dann schaue ich mir den Inhalt der Theke an. Der Mozzarella sieht aus, als hätte ihn ein Schneemann dort hingeschissen, weshalb ich entgegen meiner Lust auf Mozzarella beschließe, auf diesen zu verzichten. Stattdessen nehme ich mir bewusst zu wenig grünen Salat. Anschließend gehe ich um die Theke herum und schlage einen großen Bogen um die noch immer im Weg stehende Studentin. Sie regt sich nicht. Vielleicht schläft sie ja. Ich könnte sie testweise umschubsen. Was bei schlafenden Kühen funktioniert…
Auf der anderen Seite der Salattheke angekommen nehme ich – ebenfalls bewusst – ein kleines bisschen Möhren. Ich lege die Zange zurück und tue so, als würde ich auf der gegenüberliegenden Seite etwas leckeres entdecken. Also gehe ich nochmal um die Studentin herum und nehme mir erneut ein wenig grünen Salat. Auf dieser Seite der Theke gibt es nichts, was ich sonst noch nehmen würde. Es ist für den Akt des Voraugenführens nur unfassbar wichtig, unnötig oft an der Studentin vorbeizulaufen. Auf der anderen Seite sehe ich nun die Tomaten. Nochmal an der akademischen Litfaßsäule vorbei. Dieses mal in einem etwas engeren Bogen. Sie verlagert ihr Gewicht auf das andere Bein. Ich nehme mir ein paar Tomaten und freue mich ob der Gewichtsverlagerung, denn jetzt sind Salz, Pfeffer und Öl nur noch zu erreichen, indem man umständlich an der Studentin vorbeigreift. Ich bin zwar noch längst nicht fertig mit dem Salat, aber die Gelegenheit muss ich nutzen und möchte nun meinen Salat schonmal salzen. Sie geht einen halben Schritt zur Seite und steht nun vor den Putenbruststreifen. Eine gute Wahl, denn die fehlen mir noch. Ich gehe also erneut um die Studentin herum und kann nur mit gespielter Mühe die Putenbruststreifen erreichen.
Sie scheint genervt zu sein, lässt empört die Arme fallen und geht zwei Meter weiter, um dort stehenzubleiben. Erfolg auf ganzer Linie! Ich lasse den Salat stehen, weil ich gar keinen Hunger auf Salat habe. Jetzt kann ich endlich einkaufen.

Mit allerlei ungesundem Kram stelle ich mich an einer Kasse an. Keine Ahnung, warum hier so viele junge Leute sind. Sind alle mehr oder weniger ähnlich gekleidet. Viele Jogginghosen, viele Hochwasserleggins, mit „Basecaps“, viele umweltbewusst dreinschauende Menschen. Und so legt die Dame vor mir ein riesiges Stück Ingwer ohne Tüte aufs Kassenband, inkonsequenterweise gefolgt vom Bio-Blumenkohl, der in Plastik eingeschweißt ist. Der Unbio-Blumenkohl wäre ohne Plastikverpackung zu haben gewesen. Für mich ist das irgendwie nicht ganz schlüssig. Nun geht noch ein junger Typ an mir vorbei und stellt sich neben die Dame vor mir. Die gehören wohl zusammen. Er hat eine auffällig rote Nase und etwas glasige Augen. Plötzlich dreht er sich um niest saftig in meine Richtung. Glücklicherweise halte ich immer ein wenig Abstand zu den Leute vor mir, weil ich es selbst nicht leiden kann, wenn mir jemand in den Nacken atmet.

„Dir ist das gerade was aus dem Gesicht gefallen.“, weise ich ihn auf den gelben Gelee am Boden hin.

„Ach, vielen Dank. Ja, das ist etwas Rotze. Die brauche ich aber nicht mehr.“

„Na, dann ist ja gut. Nächstes mal die Hand vors Gesicht halten.“

„Heutzutage nimmt man die Armbeuge. Ist viel hygienischer. Mit der Hand wischt man sich auch den Hintern ab und den würde man mit einer Erkältung anstecken, wenn man vorher in die Hand geniest hätte. Niesende Hintern sind keine tolle Sache.“

„Aha. Gut zu wissen.“

So oder so ähnlich hätte ein Dialog ablaufen können. Ich denke aus irgendeinem Grund an Cocktailsoße und an meinen Salat. Eigentlich sah der gar nicht so schlecht aus. Ich renne nochmal zur Salattheke zurück. Meine Schale steht noch dort. Ich klatsch mir etwas Cocktailssoße drauf und renne zur Kasse zurück. Auf dem Weg dorthin sehe ich die Studentin von vorhin vor dem Brotregal stehen. Wieder sehr ungünstig. Ich überlege, ob ich nicht noch genau das Brot brauchen könnte, das sie mit ihrem Körper versperrt, aber verzichte. Man darf so etwas nicht überreizen, zumal sie sich irgendwann belästigt vorkommen könnte. An der Kasse angekommen bezahle ich und fahre nach Hause.

Wer den ersten Teil gelesen hat, wird kaum überrascht sein, wenn er nun hier die Information liest, dass mich kurz vor Betreten der Wohnung eine schockierende Nachricht erreicht. Allen anderen sei nahegelegt, den ersten Teil zu lesen, der unter anderem dieses Bild enthält:

Pinguinpack

Mit der erschreckenden Erkenntnis, dass ein Pinguin die Frau, die in unserer Wohnung lebt, bestohlen hat, und den Eindrücken von REWE betrete ich die Wohnung, um – wer hätte das gedacht? – über die Katze zu stolpern, die mich anzickt, warum ich denn erst jetzt nach Hause komme.

Und wenn ihr jetzt nochmal den zweiten Teil lest, seid ihr für immer in einer Zeitschleife gefangen. Ich schrieb es bereits: Spielereien mit der Zeit können böse Folgen haben.


Hier geht’s zum zweiten Teil!Hier geht’s zum ersten letzten Teil!

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15 Kommentare

  1. Im Discounter meiner Wahl stehen ja eher Mütter rum. Mindestens zu zweit, immer im Weg, diskutieren sie die letzten Windelergüsse des Nachwuchs. Dieser, längst im Laufalter, steht nicht im Weg, sondern fällt mir dauernd vor die Füße. Da muss man, auch mit non-verbalen Botschaften sehr vorsichtig sein, damit man nicht als kinder- oder gar mütterfeindlich rüberkommt.

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      • Ja. Aber die dürfen das. Die sind Mütter. Ich bin zwar auch eine, sogar mehrfach, aber eben schon zu alt. Ich verstehe das alles gar nicht mehr und überhaupt … gehöre ich wahrscheinlich zu denen, die ihren Nachwuchs verprügelt haben.
        Zumindest habe ich den meinen auf den Topf gezwungen. Und daran gehindert, Mitmenschen vor die Füße zu fallen. Meistens jedenfalls. Auf Gespräche in Discountern hatte ich auch keine Lust bzw kein Thema, weil ich ja meinen Nachwuchs auf den Topf gezwungen habe und deswegen keine Windelergüsse hatte, über die ich hätte disputieren können. Oder so

        Gefällt 1 Person

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