Gerösteter Nacken um 6:30 Uhr

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Ich sitze beim Arzt. Das kommt mir fast schon wie eine Eingangsfloskel von schlechten Witzen vor. Dabei fällt mir ein Witz ein, den Rüdiger Hoffmann vor Jahren, als er vermutlich noch einen Rest Haare auf dem Kopf trug, in einem seiner Bühnenprogramme zum Besten gab. Es ist eher ein Lied, das er sang, wobei er es auch nicht sang. Er spielte Klavier und sprach den Text dazu. Es ist ein kurzer Witz. Rüdiger Hoffmann neigt dazu, sein Geld in der Zeit zu verdienen, in der er nicht spricht. Das ist der Großteil seiner Programme. Wie dem auch sei. Der Witz:

„Herr Doktor, kann ich mit Durchfall baden?“

„Sicher, wenn sie die Wanne vollkriegen.“

Heute sitze also ich beim Onkel Doktor. Ohne Durchfall, mit „Husten“. Dieser Beitrag findet in der Vergangenheit statt, was kaum wundert, weil ich doch eher seltener um 6.30 Uhr beim Arzt sitze. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich könnte das so machen, aber kein Arzt würde mir die Tür öffnen, weil diese in der Regel zu dieser Zeit noch in ihren abartig teuren Massivmarmorhimmelbetten mit Marmorvorhängen und Marmorlattenrost lägen, während meine Erkältung gerade das Upgrade zur Lungenentzündung durchliefe. Stattdessen läuft mir allenfalls die Nase. Nur links. Weiß der Geier, warum die nur links läuft. Es stört mich nicht, sondern nervt mich kolossal! Rechts ist alles zu, was zur Folge hat, dass sämtliche Atemluft durch ein einziges Nasenloch in mein Gehirn schießt. Denn ich atme kräftiger ein, weil das eine Loch ja zu ist. Man könnte auch durch den Mund atmen, aber dann würde ich den Arzt in helle Aufregung versetzen, weil er in meinem Mund anstelle meiner Zunge einen vertrockneten, runzeligen Lederfetzen vorfinden würde. So fühlt es sich zumindest an, wenn man eine Nacht nur durch den Mund geatmet hat. Tagsüber sieht es kaum anders aus.

Zumal die Luft im Wartezimmer extrem trocken ist. Leider habe ich nicht gesehen, wo ich mich genau hinsetzte, denn dann wäre mir aufgefallen, dass direkt hinter meinem Kopf ein Heizkörper an der Wand hing. Auf Schulterhöhe. Und weil ich dazu neige, Leiden lieber mannhaft zu ertragen, anstatt nochmal aufzustehen, um mir einen anderen Sitzplatz zu suchen, bleibe ich sitzen. Erbarmungslos röstet mir die Heizung meinen Nacken. Die Tür „springt“ auf und niemand tritt ein. Es wirkt ein wenig so, als wolle ein kleines Tier, sagen wir ein Meerschweinchen, die Tür aufdrücken, um ins Wartezimmer zu gelangen. Und so ist es auch fast. Eine alte Dame zwängt sich durch die Tür (also die Türöffnung) und schafft es nach wenigen Minuten ins Innere des Raums. Hätte sie versucht, unter der Tür durchzukriechen, es hätte kaum umständlicher vonstatten gehen können. Schließlich ließ sie sich erschöpft auf eine freie Sitzfläche fallen und atmete durch. Vielleicht doch ganz gut, dass ich vor der Heizung sitze. Würde die Dame sich auf meinen Platz setzen, sie ist dermaßen alt und klein, dass sie Gefahr liefe, durch die Hitze der Heizung augenblicklich zu verpuffen.

„Wat riescht dat denn so jut hier?!“

„Ach, das ist mein Nacken. Wollen Sie ein Stück?“

„Ach junger Mann, wissen’se, mit meinen Zähnen wird dat nischts. Aber isch danke Ihnen.“

Ich wüsste nicht, wie das sonst hier weitergegangen wäre, wenn die Dame eine Scheibe meines Nackens gewollt hätte. Und glücklicherweise hat der Dialog da oben auch nie stattgefunden.

Ich schaue mich im Wartezimmer um. Das mache ich immer äußerst gern, weil man als Mann in einem Wartezimmer eher selten Männerliteratur zur Verfügung hat. Ich könnte mich darüber informieren, welche Tapeten die Queen an den Wänden ihres Lokus hängen hat. Aber mir ist selten nach Klatsch und darüber hinaus sind mir Leute mit Tapeten anstatt von Fliesen in ihrem Bad suspekt. Wer macht denn sowas?! Ich weiß nicht, ob die Queen überhaupt Tapeten im Klo hängen hat, aber wenn, dann wäre das ein nicht zu unterschätzendes gesundheitliches Risiko.

Die Wände im Wartezimmer waren mit diversen Kunstwerken verschönert. Ich glaube, es war Kunst. Angesichts meines aktuellen Aufenthaltsortes könnte es sich bei einem Großteil der undefinierbaren, mehrfarbigen Muster um mehrere auf Leinwand verfrachtete Nieser gehandelt haben. In unterschiedlichen Erkältungsstadien.

Ansonsten frage ich mich in Wartezimmern gern, an was meine Mitwarter wohl leiden. Die alte Frau könnte ebenfalls erkältet sein, was man bei Frauen an den fehlenden Symptomen erkennt. Da muss man nicht großartig nachdenken, um sicher zu sein, dass eine gesund wirkende Frau beim Arzt wohl kaum gesund sein kann und angesichts der weiblichen Fähigkeit, so tun zu können, als wäre nichts, einzig und allein an einer Erkältung erkrankt sein kann.
Eine andere Frau scheint unter schwerer Unausgeglichenheit zu leiden. Sie beschwert sich bei ihrem Mann darüber, dass die hier ja nicht verstünden, wenn man sagt, dass es im Liegen in der Flanke wehtue.

„Das musst du denen sagen.“

„Heeeermann! Das hab ich denen jesacht.“

„Ja wat weiß ich denn? Ich saß doch hier und hab nix mitgekriecht. Ist denn da was gebrochen?“

„Hermann! Ich weiß doch, dass da was jebrochen ist!“

Ich habe genug gehört und mische mich ein.

„Nana, nun lassen sie mal ihren Mann in Frieden. Der hat es auch nicht leicht.“

Stille.

„Sach mal, Jung, bist du das, der hier so duftet? Halt dich mal zurück, sonst fress ich deinen Nacken!“

„Sei besser ruhig. Die macht das wirklich.“, gibt mir Hermann als Entscheidungshilfe.

Ich habe großes Glück, denn auch dieser Wortwechsel hat nicht stattgefunden.

Ein junger Mann betritt die Praxis, stellt sich mit dem Namen Feldner oder Feldmann vor und spricht mit den äußerst beschäftigten Damen an der Rezeptionstheke. Am Emfang? Da vorne eben, wo man als Gebeutelter um ein offenes Ohr bittet. Die Damen blicken nicht auf und hacken während des Gesprächs weiter auf ihre Tastaturen ein.

„Guten Morgen. Feldner oder Feldmann mein Name. Ich komme von Herrn Doktor Irgendwas und soll hier ein Soundso machen lassen. Das ist wohl im Vorfeld abgeklärt worden. Ich bin leider zu spät. Stand im Stau.“

„Haben Sie denn die Überweisung dabei?“

„Ochnee, die Überweisung. Die hängt noch am Kühlschrank.“

Die Empfangsdamen scheinen unbeeindruckt.

„Haben Sie Ihren Kühlschrank dabei?“

Ein weiterer Mann betritt die Praxis und steuert sofort das Wartezimmer an. Er scheint irgendwie zu einer anderen alten Dame im Wartezimmer zu gehören. Die Dame beklagt sich bei dem Neuankömmling, dass sie das Patientenformular zwar schon ausgefüllt hätte, aber es wohl falsch gemacht habe.

Ich bin auch immer wieder beeindruckt, wie wenig vernetzt Ärzte und/oder Ämter im Jahre 2016 untereinander sind. Das merkt man beispielsweise bei BAföG-Anträgen. Für jeden Furz muss man selbst laufen, weil das BAföG-Amt grundsätzlich alles vergessen hat, was man ein Jahr zuvor schonmal eingereicht hat. Es besteht keine Kontaktmöglichkeit zwischen BAföG-Amt, Krankenkasse, Sparkasse, Einwohnermeldeamt, Finanzamt oder gar Universität. Aus Datenschutzgründen. Die können bei begründeten Zweifeln an meinen Angaben veranlassen, dass denen beispielsweise mein Kontostand vom 23.11.2014 um 15:02 Uhr mitgeteilt wird, aber sind nicht in der Lage, sich Daten zu besorgen, bei denen man selbst nie sicher ist, ob man die korrekt eingetragen hat.

Da besitzt man schon eine elektronische Gesundheitskarte, die beim Arztbesuch gelesen wird, aber anschließend bekommt man ein Blatt Papier in die Hand gedrückt, um zu beweisen, dass man seinen Namen buchstabieren kann.

Die alte Frau, die sich anfangs ins Wartezimmer gekämpft hat, wird aufgerufen und erhebt sich. Gerade in diesem Moment wuchtet Herr Feldner oder Feldmann einen Kühlschrank in die Praxis. Nachdem die Sprechstundenhilfen ihn darauf hingewiesen haben, dass der Kühlschrank aus Brandschutzgründen nicht in der Praxis warten könne, verschwindet er samt Kühlschrank und kehrt eine Viertelstunde später zurück, um im Wartezimmer Platz zu nehmen.

Nur kurze Zeit später steckt die alte Dame den Kopf durch den Türspalt.

„Fährt hier ein Herr Feldner oder Feldmann nachher nach Osterrath?“

„Ja.“

„Können Sie mich mitnehmen?“ 

„Ja, natürlich.“

„Können Sie mich danach auch wieder zurückfahren?“

„Öh…ja, kann ich machen. Liegt sowieso ungefähr auf dem Weg.“

„Gut, ich muss nur noch eben das Auto umstellen.“

Mir kommt das hier alles zunehmend eigenartig vor. Immerhin haben die die glühend heiße Heizung runtergedreht. Jetzt kommt eine Sprechstundenhilfe.

„Herr…Höffges?“

„Höttges.“

„Herr Höcknes, sie werden nicht behandelt.“

„Was?! Warum?“ 

Es wird noch einmal kälter und komischerweise auch dunkler im Zimmer.

„Ihnen fehlt es an nichts, Herr Röttgers.“

„Höttges! Aber es kratzt im Hals und ich habe einen Sonnenbrand am Nacken.“

„Es gibt Schlimmeres, meinen Sie nicht?“

Schlagartig wird es eiskalt und dunkel. Ich finde mich erschöpft neben dem Eingang des Hauses wieder, in dem sich die Praxis befindet. Das eine laufende Nasenloch ist mir jetzt egal. Auch das Kratzen im Hals. Ich schaue auf die Uhr. 6:30 Uhr. Es ist arschkalt. Noch drei Stunden in der Kälte warten.

Und zum Glück habe ich mir das Ende dieser Geschichte nur ausgedacht.


Andere Menschen würden selbst zu den Öffnungszeiten einer Arztpraxis dort keine Behandlung erhalten. Unabhängig dessen, weshalb jemand auf der Straße lebt, hat er es verdient, dass man sich um ihn kümmert, wenn Not am Mann ist. Für solche Fälle gibt es seit einigen Jahren die sogenannten Kältebusse, die Obdachlosen zumindest für kurze Zeit einen warmen Essplatz, eine Sprechstunde oder einen Krankentransport bieten. Für Düsseldorf haben vision:teilen und fiftyfifty den gutenachtbus ins Leben gerufen, der sich nach 22 Uhr um die Menschen kümmert, die andernfalls keine Aufmerksamkeit erhalten würden. Das verdient Anerkennung, auch oder gerade weil es sich bei den sich dort engagierenden Menschen um Ehrenamtler handelt.

Mehr Infos unter:
https://www.facebook.com/vision.teilen/
und
http://www.gutenachtbus.org/

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16 Kommentare

  1. Als ein ausgesprochener Experte in Sachen Wartezimmer, habe ich mich sofort heimisch in Deinem Post gefühlt. Klasse, Du bringst nicht nur alle Gedanken und Ängste des „armen Wartenden“ so vortrefflich zur Geltung, sondern auch noch eine Botschaft. Und diese Botschaft verdient wirklich Anerkennung und Unterstützung!

    Viele Grüße Thomas

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  2. Ein Glück, dass ich hier mitlesen kann, was in Wartezimmern so alles passiert 😉 Mich sieht mein Hausarzt so selten, dass ich ab und zu Briefe von ihm bekomme mit der Aufforderung mich „Grippe impfen“ zu lassen, weil ich ja zur Gruppe der gefährdeten Seniorinnen gehöre oder auch gerne mal, dass ein „Gesundheits-Vorsorge-Check“ fällig sei – alle 2 Jahre!
    Ich glaube aber sowieso, dass du das alles nur geträumt hast. Schönes Wochenende 😀

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  3. Ich glaub, ich mach mir Feinde, wenn ich erzähle, daß bei meinem Lieblingszahnarzt der Playboy im Wartezimmer liegt. Aber ich komme nie dazu, die interessanten Inteviews zu Ende zu lesen, weil ich den Arzt persönlich kenne und praktisch nie warten muß. Und er verpaßt dann auch ausreichend Betäubung.

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  4. Sehr unterhaltsam und ich erkenne mich beim umherschauen wieder. Das mache ich nämlich lieber als die Tratsch Zeitungen lesen. Ist auch alle mal unterhaltsamer. Finde es lobend mit der Botschaft am Ende.

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