Schwul oder unschwul – Das ist keine Frage

panik

Hier sitze ich, löffle eine Suppe aus, die ich mir selbst eingebrockt habe. Gekocht hat sie die Frau, die in unserer Wohnung lebt, aber ich bin derjenige, der nun vor ihr sitzt. Hühnersuppe. Sie schmeckt gut. In ihr schwimmen einige Nudeln. Kleine Suppennudeln, die nur normale Nudeln wären, schwämmen sie nicht in einer Suppe. Sie tun es aber. Gekocht wurden sie in einem Weihnachtsgeschenk. Ein Geschenk der Liebe. Kochtopf. Wer der Meinung ist, dass Kochtöpfe keine Geschenke der Liebe sind, hat keine Ahnung von Sprichworten. Liebe geht durch den Magen, das sagte vermutlich schon Odysseus und der wusste eine Menge, wie das bei fiktionalen Charakteren eben so ist. Niemand schreibt eine Geschichte, die von einem Typen handelt, der nichts weiß. Ich werde der Erste sein. Nicht jetzt. Irgendwann. Merkt Euch meinen Namen! Und den von Odysseus.

Der Sohn meines Fußballtrainers, sofern man ihn so nennen möchte, heißt tatsächlich Odysseus. „Trainer“ sollte man hier in An- und Abführung schreiben, weil die Mannschaft, deren Teil ich bin, nicht wirklich trainiert. Eine Hobbymannschaft der Uni. Das Gute: andauernd neue Talente um die 18 Jahre. Das Schlechte: Ende der Hochschulfußballkarriere mit Mitte 20. Das Los einer Hochschulmannschaft.

Odysseus also. Nein, er ist nicht schwul, wobei man Griechenland gern mit der gleichnamigen Liebe in Verbindung bringt, was dann allerdings nicht „Griechenland“, sondern „griechische Liebe“ heißt. Goethe hat sich mit der griechischen Antike und der dazugehörigen Liebe ausführlich befasst, wenn auch auf einer etwas anderen Ebene als der, die man heute gern darin sähe.

„Höhö, Goethe war schwuuul!“

Goethe war nicht schwul. Seine Faszination galt vielmehr der Liebe auf einer emotional-kognitiven Ebene. Die Verbindung der Brüder im Geiste, wenn man so will.

Das kann ich so frech schreiben, weil ich vor nicht allzu langer Zeit eine gewisse Arbeit mit dem Namen „Master“ über Goethe und Geschlechterkonzepte schrab. Diese Arbeit wird nach ihrer Veröffentlichung die Literaturwissenschaft erschüttern. Dann nämlich, wenn die Forscher den eindeutigen Beweis dafür finden werden, dass Goethe nichts gegen Schwule hatte. Wenn sie bemerken, dass ich in der Arbeit mit keinem einzigen Wort Goethes fragliche Homosexualität erwähne.

„Es steht nichts über Goethes Homosexualität in dieser Arbeit.“

„Der Beweis! Goethe war nicht schwul. Wenn hier nichts darüber steht, dann wohl deshalb, weil sie nicht existierte!“

„Toll!“

So wird es wohl ablaufen.

Es ist mir nicht ganz klar, weshalb manch einer wegen Homosexualität so einen Aufriss macht. Ist es Verklemmtheit? Angst? Ekel vor dem eigenen Geschlecht? „Geschlecht“ klingt unschön. Es klingt so technisch. Aber ansonsten? Schwulsein ist nichts Schlimmes. Wäre ich nicht schon unschwul, wäre ich mit Sicherheit nicht unschwul. Oder unlesbisch. Das sähen die Lesben aber nicht so gern, was sie natürlich sehr intolerant erscheinen lassen würde.

Ich persönlich mache mir nichts aus sexuellen Gesinnungsrichtungen. Es ist vielleicht anfangs interessant, dass da jemand etwas anderes bevorzugt als man selbst, aber für mich wird das dann recht schnell langweilig. Ja, Homosexualität ist ebenso langweilig wie Hetero- und jede andere Sexualität. Sie ist Alltag. Wir hatten früher jemanden in unserem Freundeskreis im Verdacht, schwul zu sein. Wir gingen schwerst davon aus, was wir nicht an klischeehaften Verhaltensmustern festmachten, sondern an logischen Argumentationen. Wir lagen kolossal falsch. Er war nicht schwul. Ganz im Gegenteil. Was ist das Gegenteil von schwul?

In meinem Bekanntenkreis gibt es Schwule, die ich noch als Nicht-Schwule kannte. Seither hat sich nichts geändert. Der Eine kleidet sich nach wie vor nicht unbedingt modisch, der Andere ist ein schwuler Chauvinist. Und ich schaue mir das an und denke mir: Ja, warum zum Henker sollte es denn auf der anderen Seite des Zauns nicht auch Arschlöcher geben?

Auf die Gedanken zu diesem Beitrag kam ich, weil ein Bekannter heute verkündete, wieder Sport treiben zu wollen. Er fand eine Gruppierung, deren Trainingszeiten sich mit seinen Arbeitszeiten vereinen ließen. Eine schwule Mannschaft. Es wird ja immer mal wieder reges Interesse an vermeintlichen Enthüllungen im Profifußball gezeigt. Auch das spielt für mich keine Rolle. Der Bekannte namens Willi ist vermutlich nicht schwul. Kann, will und brauche ich nicht (zu) beurteilen, denke ich nicht drüber nach. Warum auch?

Bei Willi ist es so, dass er nicht viel älter als ich ist, aber mit „Willi“ – der Kurzform für Willhelm (tatsächlich mit doppeltem „l“!) – einen recht altmodischen Namen trägt. In seiner Schulzeit wurde er deswegen mutmaßlich gehänselt, was Euch nicht zu interessieren hat und ohnehin gelogen ist, denn ich habe mir den Namen ausgedacht. Jedenfalls witzelten wir heute gelegentlich über sein Vorhaben und kamen dahinter, dass Formulierungen wie „auch mal hintenrum spielen“, „Manndeckung“, „enge Kiste“, „Bälle halten“ und „Hintermann“ durchaus amüsant sind.

Mehr aber auch nicht.

Auf dem Rückweg von der Arbeit stand ich in der Bahn und überlegte, woraus jemand seine negative Faszination, seine Antipathie für oder gegen Schwule bezieht. Ich habe keine Antwort. Würde mir ein Schwuler blöd kommen, dann würde ich ihn ebenso scheiße finden, wie ich einen Heterosexuellen, eine Lesbe oder wen auch immer scheiße finden würde.

Sympathie ist für mich keine Frage der sexuellen Orientierung. Für manche allerdings scheint das ein Grundsatz zu sein. Aber das sind dann meistens ohnehin Arschgeigen.


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9 Kommentare

  1. Ich finde, dass mich das Sexualleben von niemandem etwas angeht, jedenfalls solange da nichts Strafbares passiert. Sonst würde ich mir wahrscheinlich schon mal Gedanken über eine Person machen.

    Generell sind wir alle nur Menschen. Wir müssen nicht jeden lieben, aber wir sollten einander immer mit Respekt begegnen.

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    • Absolut. Kleiner Haken an der Sache: Was strafbar ist und was nicht, ist nicht in Stein gemeißelt. Der Tatbestand der Sodomie beispielsweise umfasst heute deutlich weniger Praktiken als noch vor einigen Jahren. Es gelten ja auch je Gesellschaft andere Normen, ab wann jemand beispielsweise als erwachsen gilt. Vieles ist konstruiert.

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