Ein Weihnachtsmärchen I – Hölzerner Einfluss

Sie riechen gut. Aber sie riechen auch irgendwie komisch. Allerdings anders als Clowns, die ja auch komisch riechen müssten, weil sie komisch sind. Für derartige Wortspiele ernte ich zuhause oftmals nüchterne Blicke, weil der Witz langsam abgedroschen ist. Ich dresche ihn dennoch unermüdlich. Weil er witzig ist. Sollte man von draußen rein kommen und jemand stellt fest, dass es komisch rieche, könnte man antworten, dass man draußen vielleicht auf einen Clown getreten ist. Ich begnüge mich nicht bloß mit dem Konjunktiv, sondern lasse Taten sprechen.
Und so ergab es sich, dass wir voller Euphorie und in Erwartung festlicher Stimmung anlässlich des nahenden Weihnachtsfestes ein Räucherstäbchen entzündeten. Das ist schon ok mit dem Feuer in der Wohnung, weil wir davon ausgehen, dass die Feuchtigkeit des noch immer nicht nutzbaren Kellers nun in sämtliche Wände und Decken des Hauses gezogen ist. Es ist unbrennbar. Wahrscheinlich wird es in naher Zukunft wie ein nasses Lehmhaus in sich zusammenfallen. Wir müssten uns aus den Resten ein neues töpfern.

Soweit ist es aber noch nicht und deshalb haben wir eben ein Räucherstäbchen angekokelt. Vermutlich mit Clownsaroma. Es riecht komisch, aber auch gut. Das steht schon weiter oben, deswegen möchte ich es dabei belassen. Redundanzen sind zu vermeiden. Nach einiger Zeit stellen wir allerdings fest, dass dieser liebliche Dunst reichlich penetrant in der Nase zu brennen beginnt. Können Räucherstäbchen ablaufen? Wir haben die schon, seit wir zusammengezogen sind und davor hatte sie die Frau, die in unserer Wohnung lebt, ebenfalls schon mehrere Monde in ihrem Besitz.
Niemand klärt die Bevölkerung über eventuelle Nebenwirkungen von derlei Duftutensilien auf. Darum ist es auch kein Wunder, dass wir uns nach den ersten unerklärbaren Erscheinungen dazu gezwungen sahen, die Bude zu lüften. Das Stäbchen dampft weiter friedlich vor sich hin. Ein Blick auf die Verpackung versprach auch keine Erhellung, weil da fast alles in Denavagari geschrieben stand, was ich jetzt gerade auch erstmal ergoogeln musste, um es so selbstbewusst aufschreiben zu können.
Wir tippen auf Opium. Oder brennender Eukalyptuswald. Und weil minus und minus bekanntermaßen plus gibt, habe ich in einem Anflug von Genialität ein Räucherkerzchen entfacht. Die beiden Räuche (Plural zu Rauch…wissen die wenigsten…ist gelogen) müssten sich gegenseitig auslöschen. Es hat super funktioniert.

Mit einem Anflug von Genugtuung hörten wir in der Wohnung unter uns jemanden husten. Im Erdgeschoss nebeln die sich immer dermaßen mit Deo ein, dass es im gesamten Treppenhaus nach Pfirsich oder Apfel oder sowas müffelt. Oder wie in der Duftkerzenabteilung eines Gartencenters. Das riecht ja eh nur nach dem, was uns die Industrie als natürlichen Duft verkaufen möchte. „Optimiertes Aroma“. Das hat nur in seltensten Fällen etwas mit dem originalgetreuen Geruch zu tun. Ich mag beispielsweise keine Erdbeeren, aber sehr wohl Erdbeer-Maoam. Mit den Räucherstäbchen bin ich ehrlich gesagt überfragt, zumal mir in Bezug auf Opium – das aus irgendeinem Grund ein typisch weihnachtlicher Duft ist – die Referenz fehlt.

Zu Nikolaus hat mir die Frau, die in unserer Wohnung lebt, ein Räuchermännchen geschenkt, weil ich ihr ein paar Tage zuvor davon vorgeschwärmt habe, wie toll ich das früher zuhause fand. Es war natürlich ein anderes als in dem Haus meiner Eltern. Das wäre mir auch aufgefallen. Dieses hat sogar richtige Haare, was eigentlich in Verbindung mit Feuer selten empfehlenswert ist. Aber wer bin ich, das zu beurteilen? Die Räuchermännchenindustrie dürfte wohl am besten wissen, wie sie ihr Räuchermännchen am räuchermännchenhaftesten aussehen lässt.
Die äußere Erscheinung dieser Holzmänneken ist übrigens eine äußerst uneindeutige Sache. Sie strahlen eine ungeheure Gemütlichkeit aus, während sie auch ein wenig was von einem Psychopathen haben. Leere Augen, offener Mund. Ein wenig wie zur Salzsäule erstarrt. Übrigens lustig, dass viele Menschen diesen Ausdruck benutzen und gerade in dieser Zeit unglaublich fromm daherspenden (und teilweise um ihre christlichen Werte bangen), aber keine Ahnung haben, woher die Sache mit der Salzsäule kommt. Ob das Männchen das weiß? Ich sollte es mal fragen.

„Na, trotz des göttlichen Verbots umgedreht?“

„Nee. Aus ’ner Buche gedrechselt. Aber gut, dass du mich ansprichst. Ich wollte es die letzten Tage immer mal wieder wagen, aber als Räuchermännchen wird man selten ernst genommen.“

Das mit dem Sprechen ist neu.

„Warte mal ab, was passiert, wenn ich dieses Gespräch hier aufschreibe und veröffentliche.“

„Verletzt das nicht mein Recht auf geistiges Eigentum?“

„Ich glaube bei Gesprächen mit Holzwaren ist die Gesetzeslage sehr schwammig.“

„Mir hört ja eh niemand zu. Aber kannst du mein Oberteil mal bitte wieder richtigherum auf meine Beine stellen? Meine Fußspitzen zeigen seit einer Woche irgendwo nach rechts hinten und das bereitet mir einige Probleme auf dem Klo.“

„Aber du hast nur einen runden Sockel. Da sind keine Füße zu erkennen.“

„Das heißt aber nicht, dass keine da sind. Bei dir kann ich beim besten Willen kein Gehirn erkennen, aber irgendwo muss eines sein. Wobei ich mir da manchmal nicht so sicher bin.“

Er wird frech! Muss ich mir nicht geben. Viel beunruhigender ist aber Folgendes: Er ist schlagfertig. Das macht ihn in dieser Wohnung zu einem direkten Konkurrenten. Ich muss ihn von der Frau, die in unserer Wohnung lebt, fernhalten. Damit ich mir nicht noch mehr Ungeheuerliches anhören muss, lasse ich ihn einfach stehen und setze mich aufs Sofa. Er piepst mir noch irgendwas von Erkenntnis, verstörenden Erfahrungen, die mich heimsuchen werden, und seinem großen Einfluss in „diesem Laden“ zu, was ich ignoriere. Den restlichen Abend beobachte ich ihn. Und er beobachtet mich. Er kann es besser. Ich schaue immer wieder weg.

Ich fühle mich ordentlich angeschickert, obwohl ich nur Wasser getrunken habe. Liegt es am Räuchermännchen? Hypnose? Lächerlich. Ich stehe auf und drehe ihn um. Und weil man jeden Tag eine gute Tat vollbringen soll und ich mich heute schon über den zweimal klingelnden Paketboten aufgeregt habe, setze ich widerwillig Ober- und Unterteil des Männchens wieder korrekt aufeinander.
Das war wohl etwas viel Rauch heute, der auch jetzt noch aus dem Männchen wabert. Das darf man nicht unterschätzen und sich vor allem von den Räuchermännchen nicht manipulieren lassen. Immer ein Auge drauf haben. Zumal mancher Rauch ganz offensichtlich Menschen in die Lage versetzt, Töne sehen zu können. Haben Räucherkerzen einen ähnlichen Effekt? Im Halbschlaf macht sich ein ungutes Gefühl breit. Räuchermännchen sind arglistig und bestimmt aggressiv. Sie sehen zwar harmlos aus; etwa wie Reinhold Messner oder Rainer Langhans. Aber man kann ihnen nicht trauen…man muss vorsichtig sein. Man darf ihnen nicht trauen…nicht trauen.

„Trau ihm nicht…“, höre ich jemanden von ganz weit weg rufen.

Ich wuchte mich aus meiner Polsterburg auf dem Sofa, schalte alle Lampen aus und schaue noch einmal zum Männchen. Es schaut mich an. Hatte ich es nicht umgedreht? Irgendwie schleppe ich mich die wenigen Schritte durch den Flur ins Bett.

„…nicht trauen … verstörende Erfahrungen … kleine Nashörner … Weltgeschehen … will auch mal nach da oben …“

Mit zusammenhangslosen Wortfetzen, die mir verschiedene Stimmen zuflüstern, sinke ich in einen unruhigen Schlaf…

Hier geht’s bald zum zweiten Teil!

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8 Kommentare

  1. Bist du sicher, dass es sich lediglich um Opium-_Räucherstäbchen_ gehandelt hat, und dir das Zeug nicht irgendwie in Reinkultur untergekommen ist?
    Hat das Räuchermännchen vlt Mund-zu-Mund-Beatmung mit dir gemacht? Da muss man vorsichtig sein… Sehr vorsichtig… 😁

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  2. Clowns, die ja auch komisch riechen müssten, weil sie komisch sind – mir gefällt der spruch, ich mag aber clowns nicht „fratzenallergie“. Auch das räuchermännchen ist mir suspekt, hätte mich fast davon abgehalten den beitrag anzuklicken
    bezüglich schwummerig – manche menschen sind auf alle duftstoffe „allergisch“, manche nur auf manche – ich vertrag z.B. keine duftkerzen die nach „Weihnachten“ riechen sollen – vanille und die „frische wäsche“ duftkerze hingegen machen mir gar nichts. Wegen so manchen parfums musste ich das kino verlassen, weil meine nase unaufhörlich ronn. Auf „Axe“ bekomm ich kopfschmerzen – das gleich penetrante „tobacco“ mach mit gar nichts ….

    Gefällt 1 Person

  3. Aus diesen hier angegeben Tatsachen, befindet sich kein Räuchermännchen in meinem Haus – nur ein Räucherhäuschen … und manchmal habe ich das Gefühl (ein unbestimmtes Gefühl), dass ein Räuchermännchen heimlich aus diesem Häuschen schaut …

    Gefällt 2 Personen

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