Sport mit Frau – Ich bin ihrer nicht würdig

2016-08-01 19.04.16

Dies ist der Nachfolger seines Vorgängers. Der zweite nach einem ersten Teil. Den ersten Teil kann man lesen, muss man aber nicht, zumal viele Worte auch ohne das Wissen des vorherigen Beitrags verständlich sein dürften. Wer es dennoch nicht lassen kann, dem sei folgender Link ans Herz gelegt, der sich in einem gänzlich neuen Fenster oder Tab (WordPress ist sich da nicht ganz einig) öffnen wird: folgender Link.

Seit einer halben Stunde liege ich wohl hier im Wohnzimmer auf einer Isomatte, die sich die Frau, die in unserer Wohnung lebt, für ihre sportlichen Aktivitäten zurechtgelegt hatte. Ich betrat die Wohnung, stellte die geschätzten zwei Tonnen Einkäufe in den Flur, „ging“ ins Wohnzimmer und nahm die erstbeste Liegefläche in Beschlag, die sich mir bot. Das Sofa war blockiert, weil die Frau, die in unserer Wohnung lebt, dieses für eine Übung mit Hanteln missbrauchte. Nun hätte ich auch einfach die andere Sofahälfte als Liegefläche nutzen können, aber sie war mir zu weit entfernt. Drei weitere Meter. Unmöglich. Der Vorgang des Hinlegens erinnerte eher an das Umfallen eines narkotisierten Dinosauriers, der aber noch halbwegs wach genug ist, um gegen die Betäubung anzukämpfen. Irgendwann liege ich und sterbe vor mich hin. Und es fing so harmlos an.

Frau M. von S. verließ um exakt halb zehn morgens das Haus und setzte sich auf den Beifahrersitz. Sie sei müde. Ein erster Triumph. Ich bin wach. 1:0 für mich. Dann sagte sie, dass sie aber gleich wach sein würde, wenn sie in Bewegung sei. 1:1. Denn ich werde normalerweise müde, wenn ich mich bewege.

Als wir am Treffpunkt eintreffen, bin ich erleichtert, dass es sich bei den übrigen Teilnehmern dieses Drills zumindest optisch um Menschen handelt. Keine Maschinen. Maschinen würden an solchen Veranstaltungen vermutlich gar nicht teilnehmen. Es wäre ihnen langweilig, denn sie würden sie ohne Probleme bewältigen.

Nach einem kurzen Aufwärmprogramm, das ich, hätte ich es alleine absolviert, wohl als eigenständiges Workout betrieben hätte, beginnt es mit Laufen. Ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen: Laufen kann ich. Geradeaus, stupide, aber ausdauernd. Frau M. von S. steht unter strenger Beobachtung meinerseits. Vorfußlauf. Sie weiß, was sie tut. Ich auch und knicke bei einem Abstecher durch hohes Gras das erste mal um. 1:2 für sie.

Nach wenigen Minuten geht es erstmals ins Wasser, was für Maschinen nicht ganz ungefährlich ist. Allerdings trog der erste Eindruck nicht. Alle Teilnehmer sind Menschen und verlassen den See ohne Kurzschluss.

Wasser ist allerdings auch für den handelsüblichen Hautsack mit Knochen- und Organfüllung nicht ganz ungefährlich. Neben der allgegenwärtigen Bedrohung des Ertrinkens leben in Gewässern gelegentlich Tiere. Als Kind schwamm ich in einem Baggersee, einer ehemaligen Kiesgrube, meines Weges und trat plötzlich gegen etwas Glitschiges, das unerwartet großen Widerstand bot. Es muss also schwer gewesen sein. Ich denke, die 20 Meter bis zum Ufer legte ich in Weltrekordzeit zurück. Seitdem habe ich gegenüber Baggerseen leichte Vorbehalte.

Als wir nach dem kurzen Ausflug in den See weiterlaufen, weise ich Frau M von S. darauf hin, dass ich Wasser im Schuh habe. Ein sensationeller Scherz. Sie reagiert nicht. Es steht nun 1:3 für sie.

Dann Fallschirmspringen. Dummerweise merke ich in einer Höhe von etwa 600 Metern, dass mein Fallschirm nicht auslöst, weshalb ich am Boden angekommen konzentriert abrollen muss, um nicht größere Schäden davonzutragen. Das Ergebnis kann man im Beitragsbild bestaunen. Möglicherweise könnte es aber auch so gewesen sein, dass ich, während wir durch ein gerade mal knietiefes Bächlein waten, von einem Felsen unter der Wasseroberfläche hinterhältig auf alle Viere gezwungen wurde und mir dabei das Knie am Felsen stieß. Da gehen die Berichte ein wenig auseinander. Zuhause berichte ich der Frau, die in unserer Wohnung lebt, die Geschichte mit dem Fallschirm. Sie ist beeindruckt und wuchtet eine Hantel in die Höhe.

Natürlich schmerzt es, wenn man sich das Knie stößt und gerade an dieser Stelle haben Schmerzen ein erstaunlich langes Echo, das erst nach einiger Zeit abklingt. Was mich aber deutlich mehr in Rage versetzt, ist das idiotische Bild, das ich dabei abgab. Ein Mann geht durch ein friedliches Flüsschen, fällt plötzlich mit der Eleganz eines Baumes ins Wasser und als er aus dem Bach steigt, blutet sein Knie. Und jeder weiß, wie elegant Bäume fallen. Sie fallen einfach um. Wie die Vollidioten. So wie ich.

Der Organisator des Ganzen bietet mir an, mich liegenzulassen, um mich später einzusammeln. Da ich jemandem, der mir vorschlägt, zwei Stunden lang in Brennnesseln am Wegesrand auf Rettung zu warten, auch zutraue, mich anschließend nicht einzusammeln, ziehe ich die Fortsetzung des Programms vor. Zumal ich keine Ahnung mehr habe, wo ich bin.

Am Ende eines halbwegs trockenen Grabens neben einem Waldweg stoßen wir zum zweiten mal auf eine Brücke, die es zu bezwingen gilt. Das bedeutet, dass man sich eine zwei Meter hohe Mauer hochziehen und das Geländer überwinden muss. Da ich beim ersten mal kniff, was ich mir gegenüber damit rechtfertige, dass auch Frau M. von S. darauf verzichtete, muss ich nun in den sauren Apfel beißen, um mein Gesicht nicht zu verlieren. Frau M. von S. klettert mit einer Selbstverständlichkeit die Mauer und das Geländer empor, dass ich froh bin, dass sie vor mir ist und (hoffentlich) nicht bemerkt, wie ich nur mit Hilfe dieses Hindernis bezwinge. Ich, der einen guten Kopf größer als sie ist. 1:4 für sie, aber das kann sie nicht wissen.

Am Ufer rächt es sich, dass ich vor zwei Tagen gezieltes Beintraining betrieb, was ich natürlich auch kommuniziere, um meine vibrierenden Oberschenkel zu erklären. Denn während alle anderen die zu absolvierenden Kniebeugen mit Leichtigkeit hinter sich bringen, fürchte ich, dass mir die Oberschenkel jeden Moment aufplatzen könnten. Sie halten. Noch. Und dann kommt der Moment, als Frau M. von S. mich tatsächlich tragen muss. Und ich sie. Huckepack. Als sie mir auf den Rücken springt, ändert sich mein Laufstil vom gelenkschonenden Vorfußlauf zum unkontrollierten Stampfen eines Ogers. Als wir wechseln, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil Frau M. von S. nun zusätzliche 77 kg mit sich herumschleppen muss. Die Angst, dass sie möglicherweise unter der Last zusammenbricht, ist unbegründet. Sie ist ein erstaunlich stabiler Unterbau. 1:5.

Nachdem ich ein weiteres mal – diesmal mit links – souverän auf gerader Strecke und ohne Fremdeinwirkung umknicke (es steht 1:6), gelangen wir zum Startpunkt, an dem wir vor knapp drei Stunden mit dem Aufwärmtraining begannen. Meine Hoffnung, dass ich heute keine Burpees mehr werde absolvieren müssen, bekommt neue Nahrung, als wir eine Runde, etwa 2.439 m, sprinten geschickt werden. Vielleicht waren es zwei, drei Meter weniger. Anschließend bekommen dann meine Befürchtungen neue Nahrung, dass ich gleich Burpees werde machen müssen. Sprint, 5 Liegestütze, auf allen Vieren krabbeln, 5 Liegestütze, Sprint, 5 Liegestütze, auf allen Vieren krabbeln, 5 Liegestütze. Das Ganze dann nochmal mit etwas, was nicht Burpee heißt, dem aber unangenehm nahe kommt und danach noch ein Durchgang mit dem, was Burpee heißt und dem auch sehr nahe kommt. Während ich den einen oder anderen Burpee auslasse, kämpft sich Frau M. von S. durch den Parcours. 1:7. Es ist unfassbar, wie anstrengend Krabbeln sein kann. Sämtliche Säuglinge können sich meiner Anerkennung sicher sein.

Letzte Übung. Menschliches Bockspringen. Ich entscheide mich – ganz Gentlemen – dass ich zuerst den Bock mime. Es verschafft mir eine Pause. Fünfmal soll der Partner übersprungen werden, dann in die entgegengesetze Richtung durch die Beine krabbeln, zehn Meter sprinten, an einem aufgestellten Hütchen eine Liegestütze machen, wieder zurücksprinten und das Ganze noch weitere vier Male wiederholen. Frau M. von S. legt ein ungeheures Tempo vor. Ich motiviere mich, diese Übung noch einmal mit Vollgas durchzuziehen. Sie überspringt mich ein zweites Mal, während ich durch meine Beine nach hinten schaue. Ein fremder Anblick. Verkehrt herum. Aber entspannend. Während ich mich dieser phantastischen Erfahrung hingebe, krabbelt Frau M. von S. in einem Affenzahn durch meine Beine. Ich erschrecke mich zu Tode.

Ich muss meine Kräfte sammeln, um gleich Leistung zu bringen. Ich schließe die Augen. Plötzlich brüllt jemand hinter mir „DREI!“ und ich erschrecke mich erneut zu Tode. 1:8. Woher nimmt diese Frau die Kraft, um noch bei voller Belastung Luft für Gebrüll zu haben? Roch es gerade nach Motoröl? Hörte ich da nicht Servomotoren surren? Fühlten sich ihre Schultern nicht vorhin, als ich wie ein Hobbit auf ihrem Rücken getragen wurde, hart wie Metall an? Titan? Es hilft nichts. Schon der erste Bocksprung, den ich absolviere, raubt mir sämtliche Energie, die ich in den Minuten zuvor sammelte. Der Rest der Übung erinnert an einen betrunkenen Orang-Utan, der am Ende des dreistündigen Drills bestätigt bekommt, blaue Lippen zu haben.

Ich muss mir eingestehen, dass ich zwar bei allem, was mit reiner Ausdauer zu tun hat, durchaus mithalten und vielleicht sogar mehr als das könnte, aber bei andauernder Muskelbelastung dieser Frau gnadenlos unterlegen bin. Am Ende steht es 2:40. Ein Punkt für mich, weil ich die drei letzten Übungen überlebte. 32 weitere Punkte für Frau M. von S.. Einfach so. Weil sie wohl wirklich ein Mensch ist.

Jetzt gerade in diesem Moment steigt die Frau, die in unserer Wohnung lebt, über mich hinweg und setzt sich aufs Sofa. In zwei, vielleicht drei Stunden werde ich die minimal aufgeladenen Akkus meines Körpers dazu nutzen, um eventuell die 40 Höhenzentimeter aufs Sofa zu überwinden. Bis dahin muss die Frau, die in unserer Wohnung lebt, mit dem Bild zurechtkommen, dass da zwischen Wohnzimmertisch und Fernseher ein narkotisierter Dinosaurier liegt. Und sie wird damit leben müssen, dass sie, sollte sie mal in eine bedrohliche Lage geraten, vielleicht besser die Nummer von Frau M. von S. wählt als meine.


Schön war’s! Fandet ihr nicht auch? Bestimmt. Drückt auf „gefällt mir“ und teilt, was das Zeug hält! Immerhin verliert hier ein Mann gegen ein Frau. Das hat das Zeug, auf Facebook ein Viralhit zu werden.

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