Einkaufen I – slim tapered boot cut denim

Eigentlich habe ich nichts gegen das Einkaufen. Ich weiß meistens, was ich brauche und steuere gezielt die jeweilige Abteilung meines bevorzugten Schneiders an. Es sind zwei Schneider. Einer heißt Hennes und der andere irgendwas mit einem M am Anfang. Das könnte alles mögliche sein. Michael, glaube ich. Ja, Michael. Das letzte Mal war ich bei den beiden, als ich mir feinste Sakkos besorgen musste, um bei einem Job nicht wie ein Waldschrat aufzulaufen. Schließlich habe ich dort den Bürgermeister von Dormagen treffen dürfen. Treffen ist jetzt auch ein wenig übertrieben. Er grüßte mich im Vorbeigehen auf einer Abendveranstaltung, was ihn als Bürgermeister entlarvte. Sonst grüßte kaum jemand. Ansonsten fiel er nicht sonderlich auf, denn der Kerl ist jünger als ich. Es wurde ein demütigender Abend. Andererseits auch für ihn, weil ich ihn mit meinem neuen Sakko optisch überstrahlte. Er hat trotzdem gewonnen, weil er wohl den deutlich höheren Stundenlohn bekommt.

Wenn familienintern vom „shoppen“ gesprochen wird, dann passiert das nicht ohne ausdrückliche Anführungsstriche. Dafür bin ich einerseits enorm dankbar, denn ich finde es beizeiten doch recht eigenartig, in welchen Zungen die hippen Leute daherschwafeln. Manchmal verstehe ich nicht, was die sagen wollen und ob die überhaupt was sagen wollen. Vor lauter Verschlüsselung bleibt nämlich Eines oftmals auf der Strecke: der Sinn. Da geht es wohl nur um das Dreschen cool klingender Phrasen, weshalb „Oh my gooood“ kein tatsächlicher Anruf an Gott ist, sondern ein antrainierter Reflex ist, über den schon Grundschüler verfügen. Die sich im übrigen schon schminken. Neulich in der Mall erst gesehen. Beim Shopping. In ihren skinny high waist dragon fit Jeans. Ihr iPhone mit Triple-Tuner und SmartFart-Gadget können sie kaum mit einer Hand tragen, weshalb sie immer in Bewegung bleiben müssen. Andernfalls fallen sie nach vorn um.

(Folgendes geistert mir seit Monaten durch den Kopf und ich habe bereits einen Beitrag dazu angefangen, den ich vermutlich nicht veröffentlichen werde: Irgendwann im Oktober – oder in irgendeinem vergleichbaren anderen Sommermonat – wurde ich bei Facebook für meine Kritik an meiner Generation und allgemein diesen bzw. dieses Blog kritisiert. Ich sei ganz offensichtlich verbittert darüber, dass ich nicht zu den coolen Leuten gehöre und deshalb ziehe ich über diese her. Mein Leben sei bestimmt sehr traurig und nicht so fröhlich wie das des Kritisierenden und meine Artikel seien nicht lustig. Sie seien von Traurigkeit geprägt.
Erst dachte ich, dass er mich auf den Arm nehmen wollte. Dann dachte ich, dass er nur auf seinen Blog aufmerksam machen wollte und als es mir zu verstrahlt wurde, bin ich geflohen. Was ich an diesem Tag gelernt habe: Kritisierende Menschen sind neidisch auf das, was sie kritisieren. Was das konkret bedeutet: Ich möchte auch eine skinny high waist dragon fit Jeans. Und ein iPhone. Und Grundschüler sein.

Das wusste ich noch nicht.)

Ich drifte ab.

Meine Schneider waren leider nicht im Haus, sonst hätte ich mich gerne beraten lassen. Es hat sich nämlich seit meinem letzten Hosenkauf ein wenig was getan. Eine neue Hose muss nun definitiv her, weil es die alte einfach nicht mehr auf meiner Hüfte hält. Haben Männer Hüften? Das assoziiert man unwillkürlich mit Weiblichkeit. Brechen wir doch einfach mal die geistigen Grenzen auf und stellen fest: Meine alte Hose möchte nicht mehr auf meinen Hüften sitzen. Langjährige Verfolger dieses Blogs werden schon festgestellt haben, dass ich seit November konsequent laufen (!) gehe. Nicht joggen. Ich habe bezüglich dieses feinen Unterschiedes schon viel gelernt. Ebenso werden langjährige Verfolger dieses Blogs bemerkt haben, dass es ebendiesen erst seit letztem August gibt, womit das Attribut „langjährig“ hinfällig ist. Was das bedeutet? Vermutlich, dass ich Zeit schlecht einschätzen kann. Auch beim Laufen, das mich hat abnehmen lassen. Danke, liebes Laufen. Meine Knie schmerzen dadurch heute ein bisschen. Der Hose ist das egal und sie rutscht.

Früher war der Hosenkauf relativ leicht: Meine Mutter kommt vom Einkaufen wieder und hat bei Karstadt oder Horten eine Hose für mich gekauft. Keine 20 Jahre später sehe ich mich mit der Situation konfrontiert, dass es keine sinnvolle Bezeichnung mehr für Hosen gibt. Das merke ich besonders dann, wenn mir eine 17-jährige Verkäuferin mit geglätteten Haaren, Leggins, unfassbar glatter Haut und Lippenstift über den Weg läuft.

„Entschuldigung?“

„Ja? Wie kann’sch dir helfään?“, flötet sie mir entgegen.

„…dirdirdirdir…“, hallt das Echo in meinem Kopf wider. Seit der elften Jahrgangsstufe bin ich daran gewöhnt, dass man mich siezt. In Musiker- und Künstlerkreisen sowie der Medienbranche ist das anders, aber jetzt wollen wir die Kirche mal im Dorf lassen. Die Verkäuferin ist mit Sicherheit weit davon entfernt, ein Künstler zu sein. Auch wenn das Gesicht und insbesondere die Augenbrauen derartiges vermuten lassen. „Reiß dich zusammen!“, denke ich mir, um nicht einen sarkastischen Kommentar abzulassen oder darauf hinzuweisen, dass ich ihr Vater sein könnte. Was natürlich angesichts einer Vaterschaft mit 13 Jahren äußerst unwahrscheinlich ist, aber manchmal muss man mal zeigen, wo der Hammer hängt. Andererseits habe ich nichts gegen das Duzen. Allerdings sollte es sich schon um annähernd Gleichaltrige handeln, was bei mir bei 24 anfängt und bei 97 endet.

„Ich suche eine Hose. Eine Jeans.“

„Also so Denim, ne? Ja, musste halt hier so gucken, ne. Eher so straight oder mehr so skinny? Die sitzen halt enger als in slim, ne. Hamm’wa aber auch mit tapered low fit.“

„Richtig. Eine Jeanshose.“

Ich verstehe die Dame nicht und erkenne auch in den erläuternden Abbildungen kein System, ziehe nach näherer Betrachtung des Models in der super skinny Hose nur das Fazit, dass die 80er wieder da sind. Bestimmte Begriffe kann ich mir herleiten und unter loose kann ich mir durchaus etwas vorstellen (auch, wenn keine Hose dieser Art im Store vorrätig ist). Denn so soll sie sitzen. Locker. Aber tapered lässt mich verzweifeln, weshalb ich Hennes und Michael – die ja heute leider nicht da waren – wieder verlasse, um mich später im Onlineshop meiner Schneider auszutoben. Ich ziehe weiter. Denn:

Ich benötige neue Laufschuhe.

Hier geht’s zum zweiten Teil!

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35 Kommentare

  1. Erheiternde Beschreibung! 😀 Würde es den Ausruf „Oh mein Gott“ nicht geben, würde ich am Tag sicher um 5 Stunden weniger reden. 😉 Man kann es nämlich in mindestens 10 Nuancen aussprechen und es ist für mich Ausdruck jeglicher Gefühlslage…. Und ich freue mich total, wenn mich jemand duzt… Vielleicht auch, weil ich nur in Kreisen verkehre (oh Gott, wie klingt das jetzt?!) wo man sich duzt 😉 Kann aber verstehen, wie du das mit dem „Du“ und „Sie“ meinst!

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  2. Gut auf den Punkt getroffen. Ich persönlich kann „shoppen“ nicht ausstehen. Und ich sage immer ganz bewusst „shoppen“. Der Anglizismus passt für mich haarscharf zu dieser Art von „Freizeitbeschäftigung“. Langweilig, zeitdiebisch und einheitsbreiisch irreführend. Und ja – ich bin trotzdem modisch up-to-date, fühle mich weiblich-schön und bin durchaus design-interessiert. Wow – bin gerade selbst überrascht. Ich kann shoppen wirklich nicht ausstehen! Und deshalb fahre ich jetzt zum Gärtner meines Vertrauens für meinen Garten einkaufen 😉. Dir noch viel Erfolg beim Finden des passenden Beinkleides 🍀. Danke für deinen Beitrag. Macht immer wieder Spaß dein Gast zu sein. LG von gartenkuss 🌸

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  3. Einkaufen geht bei mir auch meist extrem schnell: Rein in den AWG, Hose in der korrekten Größe vom Hänger nehmen, einmal reinschlüpfen, um zu überprüfen, ob sich da auch wirklich nichts geändert hat, bezahlen, heimgehen. Zum Glück sind die dort personell so dünn gesät, dass mich noch nie jemand angesprochen hat. Und an der Kasse ist meist so viel los, dass gar keine Zeit für „Kunden-Smalltalk“ bleibt. Uff!

    Dieser positive Nebeneffekt des Laufens ist schon verblüffend. Vor ein paar Jahren habe ich damit (und noch mit einigen anderen Tricks) glatt 20 Kilo abgenommen. Danach musste ich mich komplett neu einkleiden, was aber gar nicht so unangenehm war, ich wusste ja immer, was ich wollte…

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    • Ui! 20 Kilo ist schon ’ne Hausnummer. Das wäre bei mir dann schon eher bedenklich, aber wenn noch zwei, drei Kilo runtergehen, bin ich zufrieden. Wobei es mir in erster Linie darum geht, die Pumpe bei Laune zu halten. Deshalb ist die Kiste mit dem Gewichtsverlust wirklich nur ein Nebeneffekt.

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  4. bin ich froh das mein „Schneider“ über Online (da ist es wieder) Handel verfügt … Ein Bekleidungsgeschäft hab ich schon lange nicht mehr von innen gesehen … Auch meine Laufschuhe erhalte ich so … „Anglizismus“ kann ich selber nicht leiden, bemerke aber, dadurch, dass selbige in meinem Umfeld stark genutzt werden ich ebenfalls damit anfange … Grauenhaft.
    Und mit dem „Dutzen“ sollt ich gar nicht erst anfangen, ich gehöre auch noch zu der Riege die eingetrichtert bekam das ältere Respektspersonen sind und nicht mit „Du“ anzusprechen sind solange sie es nicht anbieten … Bekomm manchmal fast einen innerlichen Koller wenn mich jemand duzt … Meist bin ich aber so frustriert und unhöflich das ich Antworte „bösartig“/sarkastisch korrigiere …

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  5. Hmmm (höhö) … Meine bevorzugten Schneider heißen Hedi (sic!) und Minna. Ob die Hennes und Michael kennen?
    Der Vorteil dieser Damen ist zweifellos, dass sie im Unterschied zum Rest der Innenstadt Hosen führen, die mir passen. Allerdings auch erst, nachdem ich mich durch alle Beschreibungen durchprobiert und alle Hilfsangebote erfolgreich abgewehrt habe. Was das Duzen angeht, ist das übrigens ein Kompliment für jugendliches Aussehen, das rede ich mir zumindest immer ein, wenn es mir jenseits von IKEA widerfährt. 🙂

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  6. …mein Göttergatte denkt schon, ich hätte einen Schlaganfall, wenn ich beim Lesen die ganze Zeit grunze und quieke, weil ich mich so amüsiere. Du bist ja vielleicht goldig! Könnten wir mal zusammen shoppen gehen…oder wird die Frau, die in Deiner Wohnung lebt, mich dann töten?

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  7. Hm. Als Lösungsansatz würde ich vorschlagen, Sie versuchen es mit der nächsten Buchse direkt bei Clamotten Anton, denn dann sind Sie dem richtigen Alter/ der richtigen Zielgruppe zugehörig, werden evtl. beraten und wenn, nicht geduzt. Allerdings wird die Hose auch nicht auf den Hüften hängen, sondern unter den Armen geschlossen – so in Brusthöhe 😛

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  8. Dann bin ich also nicht der einzige, dem es so geht. Ich passe in keine dieser neumodischen Hosen. Das Problem ist dabei nicht der wohlstandsinduzierte Hüftumfang, sondern das Problem sind die Oberschenkel. Die passen nicht rein. Und wenn doch, dann sieht die Jeans danach aus wie eine Leggins, was, wie sich dem Leser von selbst erschließen dürfte, höchst unangenehm ist.

    Bei einer Anzugshose aber wird es spätestens richtig grotesk. Zum Anzug trägt man keine Strumpfhosen. Jedenfalls möchte *ich* keine Strumpfhose oder Leggins zum Anzug tragen. Wer das mag, bitte. Aber ich nicht.

    Und dabei mache ich jetzt nun schon seit Jahren kein schweres Kniebeugen mehr, nur ein bißchen Kraftausdauertraining und an und an ein paar Sprints. Jedenfalls bin ich vom Kraftsportler oder gar Bodybuilder weit entfernt und verfüge nur über ein bestenfalls gerade ausreichendes Kraftniveau – den allgemein in der aktuellen Herrenmode vorzuherrschenden Schnitten nach scheine ich aber sowas wie ein muskulöser Freak zu sein.
    Anzugsjacken sind ähnlich. Daß es Leute geben könne, deren Schultern nicht kraftlos nach vorne fallen, und das man, wenn man ab und an ein paar Liegestütze macht, tatsächlich die Brustmuskulatur vom Verschwinden abhalten kann, diese also auch etwas Platz braucht – welch unerhörter Gedanke!

    Der idealtypische Männerkörper, scheint mir die derzeitige Mode sagen zu wollen, zeige sich in zwei Formen.
    a) der knabenhafte Jüngling, unterernährt mit schmaler Taille, dem dann mit Schulterpolstern und betont tailliertem Schnitt zu etwas Figur verholfen wird;
    b) der Fettsack mit ausladendem Bauch und Gesäß, aber völlig atrophierter Muskulatur, sei es an Brust, Armen oder Beiden; also ein birnenförmiger Rumpf auf zwei dünnen Stelzen mit zwei aus den Schultern wachsenden Streichhölzern.

    Ist das wirklich normal? Und was macht, wer nicht in dieses Schema reinfällt, also jeder der Pubertät entwachsene Mann, der sich zumindest gelegentlich mal körperlich betätigt und ab und an ein paar Hanteln schwingt? Tragen die alle/tragt Ihr alle Eurer Väter und Großväter Klamotten auf oder laßt Ihr tatsächlich maßschneidern? So viele Schneider, wie es dazu bräuchte sehe ich nämlich nicht, wenn ich durch die Stadt laufe… Davon, daß das keine Sau mit einem normalen Gehalt bezahlen kann einmal ganz abgesehen.

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