Weihnachtsmärchen II – Verstörende Gespräche

Es ist 3:23 Uhr am 21.12.2015. Die Luft ist noch immer geschwängert von dem Räucherstäbchen und den Dämpfen aus dem Räuchermännchen. Aus dem Wohnzimmer höre ich Gerumpel. Einbrecher? Vielleicht. Aber die sind normalerweise leise, um nicht entdeckt zu werden. Vielleicht ein etwas dummer Einbrecher. Wobei das jeder Einbrecher wäre, denn im Wohnzimmer lauern furchterregende Bestien. Meerschweinchen und Schlimmeres. Wer schonmal saftig von einem Kaninchen gebissen wurde, wird wissen, was gemeint ist. Die Geräusche aus dem Wohnzimmer zeugen von roher Gewalt, die auf Holz ausgeübt wird. Ruckartige Bewegungen. Nashörner? Es klingt tatsächlich wie ein Nashorn, dass sein Horn an etwas wetzt. Ich kann die Klänge nicht einordnen. Auf jeden Fall sitze ich sofort aufrecht im Bett und rüttle die Frau, die in unserer Wohnung lebt, wach. Zumindest halbwegs. Wir müssen flüstern, weil die Situation äußerste Achtsamkeit verlangt.

„Was’n los…?“

„Da ist Gerumpel im Wohnzimmer.“

„Einbrecher?!“

„Vielleicht. Aber die sind normalerweise leise, um nicht entdeckt zu werden“, entgegne ich und bin extrem beeindruckt davon, dass ich soeben meine eigenen Gedanken plagiiert habe. „Außer die dummen Einbrecher. Klingt auch ein wenig nach einem Nashorn.“

„Im Dezember?“

Ich weiß nicht, was sie meint, lasse es darauf beruhen und verlasse das Bett. Ich gebe der Frau, die in unserer Wohnung lebt, das Handzeichen, dass sie sich ruhig verhalten soll. Sie tut es. Denn sie schläft schon wieder.
Ich überlege, die Katze mitzunehmen, muss mir dabei aber ein Lachen verkneifen. Sie wäre nur bedingt hilfreich, obwohl sie es nahezu perfekt beherrscht, menschlichen Wesen vor die Füße zu latschen. Vor Fremden hat sie großen Respekt. Das dürfte wohl auch für den Fall eines randalierenden Nashorns gelten.
Ich schaue sie trotzdem auffordernd an. Sie springt lautstark vom Bett und setzt sich in Bewegung. Das Gerumpel legt eine kurze Pause ein. Es muss ein Nashorn sein. Die sind sehr aufmerksam und reagieren empfindlich auf Geräusche. Ich verfluche mich dafür, dass ich die Katze aufgefordert habe, mich zu begleiten. In Bezug auf Nashörner bin ich wenig kampferprobt. Ich habe nur einmal mit einem zu tun gehabt, das mich angreifen wollte. Allerdings habe ich das nur geträumt und es handelte sich dabei um eine Ente.

Zu meinen Glück setzt das Rumpeln wieder ein und die Katze und ich betreten den Flur. Mit Handzeichen gebe ich der Katze zu verstehen, dass sie ob ihrer unscheinbaren Statur schonmal vorgehen solle, um einen ersten Eindruck vom Szenario zu erhalten. Ich würde ihr den Rücken freihalten. Sie nickt, trottet vorwärts, biegt allerdings rechts in die Küche ab und setzt sich erwartungsvoll vor ihren Futternapf. Ich gestikuliere erneut mit eindringlichem Gesichtsausdruck. Die Katze nickt abermals und deutet auf ihren Futternapf. Ich presse meine Lippen aufeinander, reiße die Augen auf und gebe der Katze zu verstehen, dass sie unverzüglich neben mir zu stehen hat. Sie fällt um und spielt mit imaginären Dingen herum. Ich weiß nicht, wer von uns beiden der oder die Klügere ist.

Bleibt es also doch an mir hängen. Ich schiebe mich langsam vorwärts und bin schließlich am Wohnzimmer angelangt. Die olfaktorischen Hinterlassenschaften des Räuchermännchens beißen etwas in der Nase. Mir wird wieder etwas schummerig. Ich spähe schnell um die Ecke, kann aber nichts entdecken, was mir eigenartig vorkäme. Die Geräusche dauern an. Sie kommen aus dem Stall. Es muss ein relativ kleines Nashorn sein. Etwas mutiger schalte ich das Licht an. Das Gerumpel hört aprupt auf und ich höre Stimmen murmeln.

„Super, jetzt ist er wach.“

„Ich hab’s euch doch gesagt!“

„DU konntest ja nicht aufhören!“

Ich stemme die Hände in die Hüften.

„Leute, das ist nicht euer Ernst, oder?!“

Eines unserer Kaninchen steckt zur Hälfte im Häuschen, das für die Meerschweinchen vorgesehen ist. Ein Meerschweinchen kauert in einer Ecke des Stalls, das andere dürfte wohl im Häuschen sitzen. Das Kaninchen – es ist das Männchen – steckt mit dem Kopf im Eingang des Häuschens und versucht, es mit seinem Kopf anzuheben, was die nashornartigen Geräusche erzeugt. Es scheint wütend zu sein.

„Komm‘ da raus!“,brüllt es.

„Nope.“, piepst es von drinnen.

„Jetzt kommt mal beide etwas runter. Heute wird hier keiner mehr angebrüllt. Ist bald Weihnachten.“, versuche ich die Wogen zu glätten.

„Er hat aber angefangen!“, kreischt das Kaninchen.

Als wenn es nicht schon schlimm genug wäre, dass ich mich gerade mit unseren Haustieren unterhalte, muss ich hier einen Streit schlichten. Streits sind nicht so meine Sache. Ich meide sie. Weil es aber Menschen gibt und einige davon so richtig menschlich sind, meiden die Streits nicht mich. Also muss ich mich mit ihnen auseinandersetzen. Auch, wenn es sich um sprechende Haustiere handelt, denen es offensichtlich an Menschlichkeit nicht zu fehlen scheint. Denn sie streiten.
Nach einigen Wortwechseln scheint sich herauszukristallisieren, dass die Meerschweinchen wohl auch gerne mal in die obere Etage gelangen wollen, die sie aber nicht erreichen sollen – aus gutem Grund: Meerschweinchen sind, was ihre „Geschäfte“ angeht, nicht ortstreu; im Gegensatz zu Kaninchen. Die Kaninchen wollen allerdings auch mal ins Meerschweinchenhäuschen. Kindergarten.

„Ist das denn so wichtig, wer von euch wo sitzen darf? Da oben ist es mindestens so gut wie unten.“

„Aber höher.“, erwidert das Meerschweinchen aus dem Häuschen. „Außerdem war ich da noch nicht und es sieht einfach besser aus.“

„Und ich will ins Häuschen!“, knatscht das Kaninchen, das nun beleidigt seine Ohren zurückwirft.

Das Ganze ist albern. Ich versuche es mit einem Appell an die Brüderlichkeit:

„Wisst ihr, gerade jetzt zu Weihnachten sollte man sich nicht wegen solcher Kleinigkeiten in die Wolle kriegen.“

„Was ist denn Weihnachten?!“, schaltet sich jetzt die Hasenfrau ein.

„Da ist vor 2.000 Jahren der Sohn von Gott geboren.“

„Wer?!“

„Jesus.“

„Ach? Und nach so langer Zeit feiert ihr den noch?“, brummt der Hasenmann.

„Naja, das war Gottes Sohn.“

„Was ist denn ein Gott?!“

Jetzt haben sie mich. Wie erklärt man einem Tier, das sein eigenes Spiegelbild nicht erkennt, was oder wer Gott ist? Zumal wir ihm zu Ehren gerne einmal gebratenen Hasen auftischen.

„Ist das der, für den neulich jemand die ganzen Menschen da getötet hat?“, tönt es aus dem Häuschen.

Sie verfolgen also das Weltgeschehen.

„Nein, das war im Namen von jemand anderem. Zumindest sagen die das.“, erkläre ich und befürchte, dass diese Erklärung nicht reichen wird.

„Da gibt’s also mehrere von? Ihr seid ja komisch!“, lacht das fette weiße Meerschweinchen meine Spezies aus.

„Aber ihr seid es, die sich hier darüber zoffen, wer wo sitzen darf und wo nicht.“

„Macht ihr doch auch.“, entgegnet die Hasenfrau achselzuckend.

„Was?!“

„Ja, alle beklagen sich, dass immer mehr Menschen irgendwohin kommen. Und dann sollen die wieder weggeschickt werden, weshalb sich alle streiten.“ 

„Ich habe da ehrlich gesagt gar kein Problem mit. Ihr solltet mal meinen Blog lesen.“

„Lenk nicht ab! Die Hasentante hat schon Recht. Und überall haben die Leute Vorurteile und Angst, obwohl noch gar nix passiert ist oder jemand einen Nachteil hätte.“, erklärt mir das Meerschweinchen im Häuschen weiter.

Das geht mir hier in eine völlig falsche Richtung. Ich sollte hier die moralische Instanz sein. Trotzdem frage ich nach:

„Ist das bei euch nicht auch so? Ich betrete den Raum und ihr geht erstmal stiften.“ 

„Instinkt.“, klugscheißert die fette Weiße mit erhobenm Zeigefinger. Die wird mir immer unsympathischer. Zum Glück ist sie schon alt.

„Außerdem“, fährt der Schweinemann im Häuschen fort, „brauchst du uns jetzt nicht mit Weihnachtszeit und solchem Kram ankommen und rumpupen, dass man jetzt besonders nett zueinander sein solle.“

Ich versuche das ganze abzukürzen:

„Wir machen das einfach so. Versuchsweise setze ich die Schweine in den Hasenbereich. Wenn es funktioniert und der Bereich bleibt trocken, dann teilt ihr ihn euch zukünftig. Dafür dürfen aber ab heute die Hasen ins Häuschen.“

Die Tiere sind einverstanden. Danach unterhalten wir uns noch kurz über Sport und wie langweilig die Bundesliga in den letzten Jahren geworden ist. Die Katze kommt irgendwann gelangweilt ins Wohnzimmer gelaufen und würdigt mich keines Blickes. „Moin“, begrüßt sie die anderen Tiere. „Moooooiin!“, tönt es vierstimmig aus dem Stall. „Willst du jetzt was fressen?“, frage ich sie. „Jetzt auch nicht mehr. Ich habe jetzt schon eine Knoblauchzehe gefressen, die in der Küche lag. Hast du dir selbst eingebrockt.“
Das hat sie schonmal gemacht. Sie stank eine Woche lang wie eine getragene Socke, die man in Knoblauchöl gewaschen hat und dann monatelang irgendwo vergessen hat. Ich habe keine Lust mehr auf Konfrontation und verlasse das Wohnzimmer.

Völlig erschöpft von dieser anstrengenden Diskussion schleiche ich ins Bett zurück. Die gesamte Wohnung sehe ich wie durch Rauchglas. Schwindelig ist mir auch noch. Kommt die Katze mit? Ich blicke zurück, aber sehe davon ab, den ungewöhnlich langen Weg ins Wohnzimmer zurück zu gehen, um die Lage zu kontrollieren. Von dort höre ich Stimmen. Sollen die sich ruhig unterhalten. Solange nicht wieder eines der Kaninchen darauf kommt, Nashorn zu spielen.
Im Schlafzimmer angekommen frage ich mich, seit wann unser Flur so unendlich lang ist. Die Durchquerung hat ewig gedauert. Die Tiere haben aufgehört sich zu unterhalten und pennen vermutlich schon. Ich lege mich wieder hin. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, dreht sich zu mir um. Hoffentlich fragt sie mich nicht danach, wo ich gewesen bin. Draußen fängt schon das erste Federvieh zu brüllen an. Da wäre eine Nachfrage durchaus berechtigt. Ich wüsste nicht, was ich antworten sollte. Zu meinem Glück scheint dieser Kelch…

„Wo bist du denn so lange gewesen?“

Na super. Ich kann ganz schlecht spontan die Unwahrheit sagen. Noch nicht mal mit Vorbereitung gelingt mir das, weshalb ich mit unangenehmer Regelmäßigkeit Geburtstagsgeschenke verrate oder die Auswahl so extrem einschränke, dass kaum jemand am Ende wirklich überrascht ist. Erschwerend kommt hinzu, dass mir dieser Räucherkerzenduft noch immer in der Nase hängt und ich wahrscheinlich total drauf bin. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, fragt außerdem immer dermaßen gezielt nach, dass ich am besten gar nichts sage.

„Toilette?“, piepse ich im Brustton der Überzeugung.

„Drei Stunden?!“ 

Die Frage ist eigentlich zu erwarten gewesen. Ich muss souveräner werden.

„Weißt du…ein Teil der Antworten würde dich enorm verunsichern.“

Ich habe ja nicht einmal selbst eine Ahnung davon, was da vorhin passiert ist. Räucherstäbchen, Opium, Räuchermännchen, Nashörner, eine arbeitsverweigernde Katze, streitende Haustiere, der elend lange Flur. Und jetzt ist im Wohnzimmer noch irgendwas aus Holz auf den Boden gefallen.

Hier geht’s zum ersten Teil!Hier geht’s zum dritten Teil!

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