Blackie frisst Kartoffelpüree II – Gespräche an Neujahr

schwarzes_schweinchen

Kontext

Es ist Neujahr und ich sitze mit einem potenziellen Beutetier in der pompösen Empfangshalle einer Düsseldorfer Tierklinik, die sich an mir hemmungslos bereichern will. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, ist zuhause geblieben und erwartet die Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten bei unserer Rückkehr. Um nicht den richtigen Namen Fleckenfurz 18 anzugeben, habe ich die Meersau als Stupsi angemeldet, was mich dazu motiviert hat, auch für mich selbst den Ursprung unserer beknackten Tiernamen zu ergründen. Außerdem dokumentiere ich die Umgebung mittels der Notiz-App meiner mobilen Fußfessel von Samsung und ärgere mich gelegentlich über die Tastatur, die mich bei manchen Buchstaben einfach missversteht. Mittlerweile weiß ich, dass der Hund einer sehr extrovertierten Mitwarterin – Blackie heißt die Stresstöle – gerne Würstchen frisst und heute unter Umständen noch Kartoffelpüree bekommen wird. Das aber nur als Randnotiz. Der erste Teil ist nun nicht mehr zwangsläufig Pflichtlektüre aber immerhin lesenswert.

Unser männliches Meerschweinchen habe ich vor etwa sechs Jahren Der Nasenmann genannt. Der Artikel gehört zum Namen und muss immer (!) mitgenannt werden, weshalb sich Aussagen über das Tier folgendermaßen anhören:

„Das ist das Häuschen von dem Der Nasenmann.“

oder

„Ich suche die Türklingel des Der Nasenmann.“

Sehr unterhaltsam. Sehr Helge-Schneider-esk, von dem ich diesen Namen geklaut habe. Ein weiteres Meerschweinchen bekam seinen Namen nach einer anatomischen Eigenart, die allen Meerschweinchen gemein ist: Stopfmagen. Stopfmagen wohnt mittlerweile woanders, wo es wahrscheinlich sehr viel Erde gibt; und Dunkelheit. Alternativ auch viele Wolken oder einen Regenbogen. Die Kaninchen wurden lediglich nach ihrer Optik benannt, weshalb die Häsin mit ihrem Backenbart Euer Ehren getauft wurde. Das Hasenmann hieß eigentlich Cookie, was uns zu langweilig war. Nun heißt er (dicker) Bumskopf. Weil er einen besitzt. Man ist, was man ist.

Blackie versucht gerade wieder die schwarze Kuscheldecke mit Troddeln zu erobern. Ohne Erfolg. Fleckenfurz 18 und ich lachen ihn aus und werden kurz darauf aufgerufen. Im Behandlungszimmer weise ich darauf hin, dass ich lediglich ein Meerschweinchen dabei habe und damit niemanden enttäuschen möchte. Die Ärztin ist einverstanden und ich erzähle von den Ungereimtheiten in Verhalten und Aussehen des Meerschweinchens. Die Ärztin weist mich darauf hin, dass Meerschweinchen von Geburt an und auch in ihrer Wildform einfach albern aussehen und das noch lange kein Grund ist, einen Tierarzt zu konsultieren. Ich entschuldige mich und bitte die Dame trotzdem, ihren fachmännischen Blick über das Tier schweifen zu lassen. Sie zeigt Erbarmen.

Gemeinsam holen wir Fleckenfurz 18 aus ihrer Transportbox und die Ärztin schaut sich insbesondere eine Körperöffnung interessiert an. Fleckenfurz 18 schaut mich vorwurfsvoll an. Mir wäre es auch unangenehm. Meine Musterung war schon die pure Demütigung. Nicht nur, dass die Ärztin dort eine der unangenehmeren Sorte war. Sie hat mich auch, während ich die obligatorischen (ich glaube es waren) zehn Kniebeugen machen musste, einfach alleine gelassen und wunderte sich, dass mein Puls nach ihrer Rückkehr fünf Minuten später so normal war. Sie glaubte mir nicht, dass ich wirklich Kniebeugen gemacht hatte und ließ sie mich wiederholen. Dann kategorisierte sie meinen Körperbau als normal, wovon sie sich trotz meines Hinweises, dass ich schon relativ sportlich bin, nicht abbringen ließ.
Das ist natürlich schon etwas anderes als beim Tierarzt, weil die Amtsärzte vom Bund nicht dafür bekannt sind, schwache Kandidaten einfach mal einzuschläfern. Meine Revanche war dann ein ziemlich polemischer Text mit der Begründung, weshalb ich verweigere. Den nahmen sie nicht an und ich musste einen zweiten schreiben, der aus Versatzstücken bereits geschriebener Argumentationen aus dem Internet stammte. Der dritte wurde dann genehmigt.

Die Ärztin hat Fleckenfurz 18 zum Röntgen abgeholt, weil ihr Bauch auf einer Seite mit einem harten Knübbelchen ausgestattet ist, über das Meerschweinchen von Geburt an eigentlich nicht verfügen.

„Aber nicht kaputt machen, ja?“, ermahne ich die Ärztin.

Während ich warte, höre ich Blackie im Behandlungszimmer nebenan kläffen. Er wird wohl nicht Ernstes haben. Vielleicht ein etwas zu mitteilungsbedürftiges Frauchen, wogegen ein Tierarzt wohl kaum etwas ausrichten kann. Manche Menschen sind nunmal so, dass sie betont beiläufig und gerade deshalb sehr auffällig ihren Mitmenschen ihr Leben aufdrängen. Was das Schriftliche angeht, bin ich ganz offensichtlich auch so ein Kandidat. Anders lässt sich dieser bzw. dieses Blog nicht erklären, weshalb ich mal ganz leise sein sollte.

Gerade als ich darüber nachdenke, welche Dosis Röntgenstrahlung notwendig wäre, um ein Meerschweinchen zu pulverisieren, geht die Tür auf und Fleckenfurz 18 kommt ins Zimmer. Die Ärztin ist auch dabei und erklärt mir, dass wir jetzt noch auf die Bilder warten und dann wisse man mehr. Dann verschwindet sie wieder. Das Schweinchen hat sich unter dem Stroh und dem Handtuch versteckt und hat wenig Interesse an irgendeiner Form von Interaktion. Eigentlich ist es verglichen mit anderen Dingen total unerheblich, aber trotzdem ist man besorgt, wenn es dem Haustier schlecht geht. Als die Ärztin wenig später wiederkehrt und verkündet, dass wir uns die Bilder zusammen mit einer anderen Ärztin in einem anderen Raum anschauen werden, macht es das nicht besser.

Nebenan schaut sich die neue Ärztin Fleckenfurz 18 nochmal genauer an. Nach einigen Wortwechseln und einer Injektion verlassen beide Ärztinnen den Raum und lassen mich erneut mit dem Schweinchen allein.

„Tut mir leid, dass es dir so kacke geht.“

„Ach, da kannst du nichts für. Hätte mich ja mal rechtzeitig melden können, dass mein Bauch wehtut. Macht man als Meerschweinchen aber nicht. Zu gefährlich. Könnte ein Raubtier anlocken.“

„Verstehe, dafür sitzen wir jetzt hier und müssen dich verarzten.“

„Restrisiko und Instinkt. Machste nix.“ 

Immerhin sind wir ja jetzt beim Arzt und helfen dem kleinen Klugscheißer. Überhaupt scheinen unsere Haustiere die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben.

„Aber hättest du nicht zumindest ein paar Tage früher oder später Beschwerden anmelden können? Jetzt ist Feiertag und das wird sauteuer.“

„Jetzt entspann dich mal. Ich bin diejenige, die hier auf dem Behandlungstisch liegt.“, schimpft sie zurück und ich schäme mich, dass ich überhaupt daran gedacht habe. „Außerdem“, fährt sie fort, „hätte das nichts an der Situation geändert. Geld hätte es immer gekostet.“

Da hat sie nicht ganz Unrecht. Davon abgesehen muss man immer davon ausgehen, dass ein Tier krank werden kann. Insofern bin ich auch nicht wirklich erbost darüber.

„Geht’s dir denn jetzt wenigstens etwas besser?“

„Abgesehen davon, dass die Alte mich gerade mit der gigantischen Spritze durchbohren wollte, ist alles top. Meinetwegen können wir.“

Eine Ärztin – die erste, die uns behandelt hat – kommt zurück und beantwortet mir noch ein paar Fragen. Scheint wohl nichts Ansteckendes zu sein, was schonmal gut zu wissen ist. Um mein Gewissen wegen der falschen Namensangabe bei der Anmeldung zu beruhigen, stelle ich bei der Verabschiedung klar, dass der richtige Name Fleckenfurz 18 ist. Zum Glück hat die Ärztin Humor und weist mich nicht direkt ein.

„Mit dem Namen wird sie bestimmt auch in Zukunft schnell Freunde finden.“

Wir verlassen die Klinik. Ich schaue ins Transportkörbchen.

„Hast du gehört?“

„Ja, die ist ja lustig. Was meint die, wie viele andere Meerschweinchen ich noch kennenlernen werde?“

„Stimmt, zwei von euch reichen uns schon. Aber war ja nur lieb gemeint von ihr.“

„Ich weiß, aber ihr Menschen mit eurer Art, allem und jedem irgendwelche menschlichen Eigenschaften anzudichten…albern. Weißt du, was ich gemacht habe, als meine Eltern gestorben sind?“

Das wird mir jetzt langsam unangenehm. Ich antworte trotzdem.

„Nein.“

„Siehst du, ich auch nicht.“

Sie macht eine Pause und ich vermute, dass da noch mehr kommt. Die Pause ist sehr lang und ich habe das Gefühl, dass ich antworten muss.

„Und?“

„Was, ‚Und‘?“

„Ja, was wolltest du mir damit sagen, dass du nicht weiß, was du gemacht hast, als deine Eltern gestorben sind?“

„Achso. Weiß ich nicht mehr. Meerschweinchen haben ein extrem schlechtes Gedächtnis…glaub ich.“ 

Wir kommen am Auto an. Ich schließe die Beifahrertür auf, stelle die Transportbox auf den Beifahrersitz und schnalle sie an. Wir fahren nach Hause und sehen erstaunliche viele Menschen auf den Straßen, die Sonnenbrillen tragen und in Jogginghose sowie etwas vermacht über die Ampeln geistern. Manche haben Schlafsäcke im Gepäck. Vor Hotels stehen Gruppen von jungen Menschen, die sich offenbar ein Konterbier gönnen. Das ist der Vorteil, wenn man am Vorabend nicht groß feiern gewesen ist. Man kann seine Mitmenschen besser beobachten.

Zuhause angekommen bleiben wir noch ein paar Minuten im Auto sitzen.

„Alles klar?“, frage ich die fette Weiße.

„Logo. Hab ja schon gesagt, dass wir ein schlechtes Gedächtnis haben, weshalb wir uns nicht großartig mit Dingen aufhalten, die vergangen sind. An die Spritze erinnere ich mich aber noch sehr gut. Hat ordentlich gezwiebelt.“

„Erstaunlich, dass es jetzt immer noch wehtut.“, antworte ich gedankenversunken.

„Ach, ist aber halb so wild. Die Zauberformel lautet ‚Egal, was los ist: Einfach immer weitermachen.‘ Anderenfalls blockiert man sich…und lockt Raubtiere an.“

Relativ klug. Andererseits natürlich auch ziemlich blöd, weil uns diese Strategie erst zum Tierarzt gebracht hat.

„Dann müssen wir jetzt mal gucken, wie wir das mit den anderen Tierchen machen. Nicht, dass sich der Schweinemann wundert. Du solltest jetzt ja erstmal nicht dazugesetzt werden. “

Sie lacht.

„Ach, der kommt klar. Ich würde mir eher Gedanken um die Frau machen, die in eurer Wohnung lebt. Und um dich. Ihr seid schließlich Menschen und die sind manchmal etwas zu emotional.“ 

Mit dieser Einschätzung hat sie wohl ins Schwarze getroffen. Ich ziehe den Autoschlüssel aus dem Zündschloss und schnalle die Transportbox wieder ab. Erstaunlich, wie die Zeit manchmal fliegt. Vor fast sechs Jahren habe ich die Meerschweinchen bekommen. Vor zweieinhalb Stunden bin ich mit dem Schweinchen zuhause losgefahren und eigentlich ist alles wie zuvor. Mit dem einzigen Unterschied, dass auf der Hinfahrt noch zwei Herzen in diesem Auto geschlagen haben.

Hier geht’s zum ersten Teil!

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16 Kommentare

  1. zum ersten Teil: ich kann Leute die sich beim Tierarzt damit die Zeit vertreiben allen wartenden die Leidensgeschichte ihres Tieres aufzudrücken nicht ausstehen, was vermutlich daran liegt, dass wenn ich mit meinen Hunden beim Tierarzt bin, wo dann meist nur Katzen warten, irgendeine Verletzung die genäht werden muss der Grund des Besuches ist … Da hab ich keinen Kopf für die Altersbeschwerden von Struppi, Mietzi und Co … Außerdem vertrete ich mit Hund beim Tierarzt sowieso die Theorie – zu zweit hingehen und mit dem Hund vor der Tür warten während der andere drinnen sitzt und wartet

    Ich hänge und wage kaum zum Fragen … das heißt Fleckenfurz 18 ist … ?

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  2. Beileid weiß noch wie es war als mein „Poldi“ eine weißes männliches Merli von mir ging 😥

    Vielleicht heiterts ja auf, wenn man einen Hund hat, muß man auch mit Regen, Kälte und Co leben können, außerdem kann man ihn beim draußen warten schön müd machen, wenn der Tierarzt voll ist, mach ich mit ihnen unter zu Hilfe nahme von Leckerlis Suchspiele oder lass sie kleine Tricks machen ….Nicht selten sehen Hund und Herrchen dann wie begosene Pudel aus 🙂

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    • Vielen Dank, wenn man das so sagen darf. 🙂 Ich denke spätestens beim zweiten Lesen des Teils nach der Spritze fügt sich das alles relativ deutlich zusammen. Beim ersten mal ist es ja noch etwas vage. Man fällt halt nicht mit der Tür ins Haus. 😉

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  3. Uffz. Man ey. Diese Zwiebeln…
    Richtig gut geschrieben. Weh tut das Ende trotzdem ein bisschen.
    Hab ja auch 3 von den Fellkugeln hier sitzen und musste letztes Jahr innerhalb von zwei Monaten meine beiden alten Damen gehen lassen. 😦

    Jetzt hält mich das junge Gemüse in Aktion, alle aus Notfällen gerettet und froh über den Platz, den die anderen gemacht haben, als deren Kerzchen erloschen.

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  4. Oh, wie traurig!!! Ein sehr schöner, rührender Abschluss. Ich musste nach oben scrollen und nochmals lesen, weil ich es gar nicht glauben konnte. Beim 2. Mal lesen erscheint es dann unter einem ganz anderen Licht. Die Tiere können noch so klein sein, der Abschied schmerzt.

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