Das Bunte muss ins Dreckige!

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Als Kind treibt man sich viel auf Straßen herum. Der erste Satz ist geschrieben und schon bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich ihn so stehen lassen kann. Ich schließe da von mir auf andere, was man – das weiß jeder, der diese Phrase kennt – tunlichst vermeiden sollte. Ich würde es allerdings begrüßen, wenn es so wäre. Zumindest in manchen Belangen. Nicht in allen. Es wäre furchtbar, wenn sich jeder so verhalten und jeder so sein würde wie ich. Ich denke, dass ich Kopien von mir nicht verkraften könnte. Ich würde jede einzelne irgendwann umbringen, weil sie mich erst wahnsinnig machen und anschließend anöden würde. Nun lehne ich Selbstmord aus ureigenem Interesse ab, denn ich nütze mir tot relativ wenig. Wie es sich verhielte, wenn ich mich meuchelte, aber gleichzeitig am Leben bliebe, ist eine Frage, die ich ad hoc nicht beantworten kann.

Für solche Fälle gab es zur Zeit meines Vaters noch Schulungen. Nämlich für die Kriegsdienstverweigerer, die damals noch zu einer Anhörung zitiert wurden, um die Bundeswehr von ihrem Unwillen zu überzeugen. Bei mir reichten drei schriftliche Versuche einer Erklärung, warum ich Krieg scheiße finde. Die dritte und letzte haben sie genehmigt. Wenn ich mich recht erinnere, lautete die obligatorische Schlüsselfrage in der Anhörung meines Vaters, wie man reagieren würde, wenn man nachts gemeinsam mit seiner Freundin durch den Park spaziere, diese von einem Mann mit bösen Absichten ergriffen würde und man zufällig im Besitz einer Schusswaffe wäre. Die richtige Antwort – infolge derer man nicht eingezogen wurde – lautete: „Diese Situation ist für mich derart unrealistisch, dass ich die Frage nicht beantworten kann.“ Ich glaube, so war es. 

Immerhin hätte ich weniger Konkurrenz. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, wäre von jedem meiner Doppelgänger gleichermaßen beeindruckt, was mich als Original überflüssig machte und die Beseitigung meiner Kopien legitimierte. Aber an dem Punkt sind wir glücklicherweise noch nicht.

Jedenfalls bin ich früher viel auf der Straße unterwegs gewesen. „Die Straße“ ist in diesem Fall nicht „die Straße“, die manch Profilneurotiker nennt, sondern die Trierer Straße. Es hat lange gedauert, bis ich dahinter kam, dass wir nicht in Trier lebten. Und dass meine Heimatstadt aus mehr als dem Neubaugebiet bestand, in dem wir wohnten. Neubauviertel sind eine tolle Sache, weil man dort mit Gleichaltrigen aufwächst. Und Rentnern. Mit den Gleichaltrigen zog ich durch die Straßen. Mit den Rentnern nicht. Die waren zu alt und wollten auch gar nicht mitmachen. Stattdessen zogen sie vor Gericht, um gegen den Lärm von spielenden Kindern zu klagen. Sie verloren.

Die zunächst nur angespannte Situation mit einem Renterehepaar eskalierte, als Herr I. mit seinem Dobermann Gassi ging, dieser an der Garage unserer Nachbarn sein Bein hob und mein Kindheitskumpel Sebastian ob des Gehänges zu lachen begann. Ich lachte mit. Kinder sind manchmal kleine Nervensägen. Herr I. war wenig erfreut, meine Eltern daraufhin ebenso wenig und schleiften mich abends zu Ehepaar I., damit ich mich entschuldigte. Ich tat es. Und Ehepaar I. und Ehepaar von G. – das heimlich Fotos von uns Kindern machte, wie wir die verkehrsberuhigte Zone beunruhigten – taten sich zusammen und klagten gegen spielende Kinder auf einer Kinderspielstraße. Auch Rentner sind manchmal Nervensägen.

Abgesehen von dieser Episode meiner Kindheit, die zur Folge hatte, dass wir als eine Art Zugeständnis zumindest die Mittagszeit als Ruhezeit einhielten, waren wir den ganzen Tag irgendwo unterwegs und kamen erst abends völlig verdreckt wieder nach Hause. Wir haben Kaulquappen gefangen, von denen wir einige im Teich meiner Eltern aussetzten. Jahre später wurde Frau von G. dabei erwischt, wie sie durch unsere Gartenhecke Rattengift in den Teich schüttete, weil ihr das nächtliche Gequake den Schlaf raubte. Kröten und Frösche haben seit diesen Tagen bei mir einen schweren Stand. Denn seit ich eines Tages im Esszimmer stand und eine Kröte am Ufer erblickte, aus deren Maul noch der Schwanz einer Maus hing, halte ich diese Amphibien für kranke Psychopathen.

Wir sammelten Schnecken in Marmeladengläsern, was man heute bestimmt nicht mehr ohne riesigen Aufschrei machen könnte. Wir beobachteten Regenwürmer, die sich im frischen Aushub von sich im Bau befindenden Häusern wanden, spielten mit Dynamit (große Batterien, die wir auf Baustellen fanden. Hochgiftiges Zeug. Vermutlich der Grund, weshalb ich Blogger wurde.), kletterten auf einen morschen Baum, in dessen Geäst irgendjemand vor uns ein Baumhaus gebaut hatte. Dort saßen wir mit unseren vollgesauten Klamotten stundenlang, wenn es beispielsweise zu regnen begann. Denn drinnen waren wir geschützt. Im angrenzenden Bach fingen wir Stichlinge. Auch die setzten wir in den Teich meiner Eltern. Sehr zur Freude, der darin lebenden Forelle, denn die Goldorfen waren längst verspeist. Goldorfen sind übrigens Fische. Die Forelle ist möglicherweise an den Stichlingen erstickt. Wenig später trieb sie tot im Teich. Überhaupt trieb recht viel in unserem Teich. Diverse Mäuse fanden dort ihren Tod, ein Igel und äußerst befremdlich wirkte ein Schildkrötenpanzer, der eines Tages im Wasser lag. Viele Flugzeuge und Schiffe, die im Bermudadreieick verschwanden, tauchten in unserem Gartenteich wieder auf.

Irgendwann kam die Zeit der Inlineskates, die ich für mich mit einem komplizierten Armbruch beendete, der gerichtet werden musste. Davor kamen wir gemeinsam mit meinem Bruder auf die Idee, die Trierer Sharks zu gründen. Bei Aldi hatte es zuvor Skate-Hockey-Ausrüstung im Angebot gegeben, die uns von unseren Eltern gesponsort wurde. Aldi war in diesem Fall übrigens ein echter Segen, denn ein Großteil der Hockeyschläger ist für Rechtshänder konzipiert. Der Aldi-Schläger hingegen hatte keine Wölbung und konnte unter Erhitzung in die gewünschte Form gebracht werden.

Das Vorhaben, eine konkurrenzfähige Inline-Hockey-Mannschaft auf die Beine zu stellen, scheiterte daran, dass a) wir zu wenige Mitglieder hatten, b) außerdem richtig schlecht Hockey spielten und c) ein Teil der Mitglieder nicht auf der Trierer Straße wohnte. Wir mussten uns von ihnen trennen.

Das Lehre aus dieser Zeit besteht aus zweierlei Aspekten: Nichts lebt ewig und Tiere sind gelegentlich sehr, sehr dumm oder bringen sich gern um. Für mich persönlich überaus wichtig halte ich aber Folgendes:

Wir waren in der Lage, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Klar hatte der eine oder andere später eine Spielkonsole oder sogar einen Computer. Doch das waren Nebensächlichkeiten. Klingelte ich bei Sebastian, Felix, Julian, Kristof und Christoph (gewöhnliche Namen, merke ich gerade), kamen sie nach draußen, auch wenn sie gerade am Nintendo hingen. Oder ich kam rein, sie spielten noch den aus heutiger Sicht lächerlichen Level von Super Mario zuende und dann gingen wir raus. Und wir machten irgendwas. Den ganzen Tag. Vielleicht liegt es daran, dass ich heute eher dort rumlaufe, was man eventuell wirklich als „die Straße“ bezeichnen kann, aber Kinder fallen mir heute wenn überhaupt spielend, dann in ihr Handy vertieft auf.

Ich wünsche mir sehr, dass ich die Negativbeispiele stärker wahrnehme und diese Wahrnehmung nicht repräsentativ ist. Ich befürchte – weil ich es auf der Arbeit über einen Zeitraum von jetzt sieben Jahren beobachten konnte – dass die Tendenz eher zur Beschäftigung mit sich selbst unter Zuhilfenahme von Geräten deutet. Kinder erleben einen Ausflug im 16:9-Format über eine 14 Megapixelkamera. Sie schauen sich etwas nicht an, sondern schauen, ob das Foto davon etwas geworden ist. Der Blick geht selten weiter, als die Arme reichen. Ich hoffe einfach, dass diese Kinder zuhause angekommen – genauso wie ich es als Kind getan habe – das Haus verlassen, bei den Nachbarskindern klingeln, irgendwohin ziehen und dort ihre Hosen versauen, um eine halbe Stunde später als vereinbart nach Hause kommen, weil sie sowohl Uhr als auch Zeit vergessen haben.

Das können sich Kinder meinetwegen gern von mir abschauen, denn das konnte ich gut: Die Zeit verbaseln und verdreckt nach Hause kommen. Ach! Und Dinge verlieren. Zwei Bumerangs kamen, nachdem ich sie fortwarf, nie wieder zurück. Vermutlich waren sie kaputt. Auch in unserem Teich tauchten sie nie auf.


Erfrischend asozial: Facebook!

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27 Kommentare

  1. Deshalb werden mich meine Kinder hassen – sie bekommen eines dieser „Rentner-Mobiltelefone“ – damit sie anrufen können wenn sie vom Baum gefallen sind und dies nicht – wie bei mir dazu führt, dass sie stundenlang allein benommen herumsitzen …

    Aber danke für das nostalgische Gefühl – mit Humor und Denkanstoß 🙂

    Gefällt 3 Personen

  2. heute habe ich deinen Blogeintrag mit einem dicken Schmunzeln gelesen. Bei anderen Texten habe ich nach 5 Zeilen oft aufgehört zu lesen, weil du gern abschweifst oder gar in ganz anderen Dingen verlierst, als über die, über die du ursprünglich berichten hast wollen. Mir ging es ähnlich: ich war auch fast immer draußen unterwegs, was meiner Mutter nicht gepaßt hat, denn dreckig werden, sich raufen und rumlaufen ist ja sowas von „jungenhaft.“ Blöde sexistische Klischees! Hehe, ich habe mich nicht davon beeindrucken lassen… Puppen und sticken (also handarbeiten) is eben doch nicht so spannend. Mies war eben, dass eine Gruppe von Kindern andere Kinder terrorisieren wollte. Da der Ort sehr klein war und es wenig Alternativ-Kontakte gab, war ich irgendwann froh, nicht mehr dort zu sein. Das ist in der Stadt leichter!

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  3. Bin auch in der Zeit aufgewachsen, die mobilfunklos war… seitdem ich ein smartphone habe schaue ich – gefühlt -immer noch zu oft drauf… und egal welchen Alters: Leute, die nciht auf ihren Weg schauen, nerven! Noch hab ich niemanden umgenietet mit dem Rad – aber das Risiko dazu ist höher geworden.

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  4. im großen und ganzen danke für soviel Nostalgie ….. zu meiner Jugendzeit gab es noch keine Handys , Smartphones oder ähnliche moderne Technik … wer kennt noch das Blechdosentelefon ? Zwei Bohnenbüchsen mit einem gespannten Wollfaden verbunden … hat prima funktioniert … wir hatten viele Ideen wie man sich die zeit vertreiben konnte , ja und dreckig wurden wir auch ,zum Leidwesen von Mama die in Ermangelung einer Waschmaschine noch von Hand waschen musste …. schön wars trotzdem …. was bleibt ist Wehmut und Erinnerung ….
    Leider täuscht dich deine Wahrnehmung nicht …. selbst in unserer ländlichen Umgebung sieht man zu wenig spielende Kinder … 🙂

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  5. Ein herrlicher Ausflug zurück in die Kindheit und Jugendzeit, welche bei mir noch viel weiter zurückliegt als bei dir, jedoch im Wesentlichen sehr ähnlich, auf der Straße nämlich (oder eigentlich war es bei mir der an das Elternhaus angrenzende Park. Aber egal…) stattfand. Handy, Smartphone und Nindendo waren meines Wissens noch nicht einmal angedacht. Ja, vielleicht irgendwo, in einem besonders kreativen Kopf, welcher aber bestimmt nicht in unserer Straße oder unserem Park verkehrte, sonst hätte ich ja etwas darüber gehört (was ich nicht habe). Als ich, im stolzen Mannesalter von irgendwas zwischen 25 und 30 Jahren, mein erstes Handy bekam, versäumte ich sicher ein halbes Jahr lang jeden eingehenden Anruf, da ich das dazugehörige Läuten nicht als das mich betreffende identifizierte. Ach ja, waren das noch Zeiten (Jetzt rede ich genau wie meine Eltern und deren Eltern und deren Eltern, obwohl ich mir fest vorgenommen habe, es niemals zu tun. Ist vielleicht etwas in den Genen liegendes, evolutionäres. Muss ich mal googeln).
    Zurück zu deinem Artikel. Humorvoll geschrieben, Bilder entstehen lassend erzählt. Lang aber nicht langweilig. Im Gegenteil… na, kurzweilig halt Danke für die Bilder in meinem Kopf und für die kostenlose hypnotische Rückführung in mein schon fast vergessenes früheres Leben.

    Übrigens, den von dir empfohlenen Artikel, welcher mir das Geheimnis der Frau, welche bei euch wohnt, enthüllen soll, habe ich bewusst noch nicht gelesen. Ich möchte mir die Neugierde und Spannung noch ein wenig bewahren.

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