Im Inneren der Gurke – Gedanken zum Unvermeidlichen

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Die Trauer ist eine höchst persönliche Angelegenheit. Jeder geht anders mit ihr um, was zum Einen interessant ist, auf der anderen Seite aber auch schade. Denn so wird niemand wirklich den anderen verstehen, wenn er sagt, dass er trauere. In dem Zusammenhang fallen öfter mal die üblichen Floskeln, die man sich mit besorgt-feierlicher Miene zukondoliert. Unbefriedigend für beide Seiten. Dem Trauernden kann in dem Moment nur Wenig Linderung verschaffen, weil er mit dem Trauern beschäftigt ist. Der Beileidbekundende weiß um diese Tatsache und schleicht sich mit eingekniffenem Schwanz von dannen. Bloß weg. Man kann ohnehin nichts tun, aber die Phrase konnte man noch loswerden.

Vielleicht beißt sich meine Argumentation schon hier in den Schwanz. Vielleicht setze ich mein Empfinden in solchen Situationen als standardmäßig voraus und denke, dass Trauernde generell in Momenten der Trauer nichts Sinnvolles gesagt bekommen können oder gar wollen. Wenn ich richtig schlecht drauf bin, kann mich nichts davon abbringen, in seichter Verzweiflung zu versinken. Da bringt es wenig, mir gut zuzureden, weil ich das selbst am besten kann, wenn ich denn aus dem kleinen Tal der Frustration weit genug emporgestiegen bin. Dann wäre ich auch wieder für aufbauende Wort empfänglich. Den ersten Schritt muss dennoch ich machen. Vielleicht ist das aber auch bei jedem Menschen unterschiedlich.

Ich für meinen Teil habe mir im Umgang mit traurigen Ereignisse die recht praktikable Strategie des realistischen Optimismus zurechtgelegt. Realistisch deshalb, weil ich versuche, mir viele Dinge aus Sicht einer anderen Person vorzustellen. Und wenn das nicht reicht, weil diese Person eventuell selbst innerhalb der Grenzen des menschlichen Daseins „gefangen“ ist, müssen halt imaginäre Außerirdische herhalten. Prinzipiell geht es mir dann immer um den Gedanken „Was würde jemand denken, der mit alledem nichts anfangen kann?“. Ich gelange dabei oft an den Punkt, dass ich mir selbst die Beiläufigkeit und Alltäglichkeit einer Sache bewusst mache. Was sind schon kleine Katastrophen in einem Leben, das erdgeschichtlich ein Fliegenfurz ist? Kaum auf der Welt, schon wieder verschwunden. Aber alles andere geht weiter.

Das mutet vielleicht etwas nüchtern an und mag gleichgültig klingen. Ist es aber nicht. Es kann nur nicht schaden, sich seiner eigenen Vergänglichkeit bewusst zu sein. Fernab von #yolo und Selbstfeierei. Gleichgültig ist mir das alles nicht, sonst gäbe es nicht die Momente, in denen ich niedergeschlagen wäre. Es macht mir nur keine große Angst, zu wissen, dass ich und vor allem andere Menschen um mich herum eines Tages nicht mehr sein werden. Es gehört dazu. Und das ist der optimistische Teil der Art und Weise, die kleinen und großen Senken im Leben zu überwinden. Es geht allen Menschen so, dass sie mit Dingen zu kämpfen haben. Die einen mehr, die anderen weniger. Verglichen mit anderen betrachte ich sämtliche meiner Schicksalsschläge – sofern man sie überhaupt so nennen mag; das hat mir etwas zu viel Pathos – als wenig außergewöhnlich. Denn noch sitze ich hier. Irgendwie bin ich groß geworden und sogar halbwegs wohlgeraten. Innerlich. Das Äußere müssen andere beurteilen. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, scheint Gefallen an mir zu finden, wenn man von meinem Versuch, mir im Gesicht einen Bart zu züchten (wo auch sonst?), absieht. Das muss mir reichen und es reicht mir tatsächlich.

Auch wenn ich für meinen Geschmack etwas zu viel Zeit an der Uni verbracht habe – was auch seine Gründe hatte – bedeutet das hinsichtlich meines restlichen Lebens rein gar nichts. Wenn ich morgen tot umfiele, würde niemand anschließend darüber reden, dass ich doch schneller mit dem Studium hätte fertig sein können. Es würde niemanden mehr interessieren und das zeigt doch, wie unerheblich manche Dinge sind, die wir künstlich auf Podeste stellen und als erstrebenswert erachten.

Dazu zählt mit Sicherheit auch die eigene Lebenserwartung. Menschen sterben. Das schließt mich unter Umständen nicht aus. Ich habe keine Angst davor, tot zu sein. Das Angenehme am bereits erfolgten Ableben ist der Umstand, dass man selbst wohl eher selten noch etwas davon mitbekommt. Das Danach ist kein Zustand, der mir Sorgen bereitet, sofern es das Danach als Zustand überhaupt gibt. Man selbst muss nicht damit leben, gestorben zu sein. Man ist schließlich tot. Damit das nicht falsch verstanden wird: Ich möchte selbstverständlich nicht sterben. Vor dem Sterben selbst habe ich großen Respekt und es wäre schön, wenn der Moment noch in weiter Ferne liegt. Aber – und da kommt der realistische Optimismus wieder ans Licht – ich habe es nicht in der eigenen Hand. Das könnte man auch mit einem Anflug Unbehagen betrachten, weil man eben nicht weiß, dass einen der Tod ereilt. Das ist es bei mir nicht. Weder Zeitpunkt, noch die Tatsache, dass er überhaupt mal eintritt, ängstigen mich. Das Wie schon eher. Wobei in dem Zusammenhang Angst der falsche Ausdruck ist.

Weil ich uns Menschen im Grunde als etwas komplexeres Nervensystem mit der Fähigkeit über dieses zu reflektieren betrachte, wirkt der Blick auf die Tierwelt sehr beruhigend auf mich. Prinzipiell sind wir etwas höher entwickelte Tiere. Potenziell höher entwickelt, denn bei dem einen oder anderen beschleichen mich ernsthafte Zweifel, ob die das Potenzial der menschlichen Intelligenz tatsächlich nutzen. Wichtig aber ist: Nur weil wir Menschen einen teils enorm großen Aufwand betreiben, um uns von der Wichtigkeit dieses oder jenes Umstandes zu überzeugen, heißt das nicht, dass diese Gewichtung real oder natürlich ist. Selbstverständlich trauern auch Tiere, wenn ein Artgenosse stirbt. Man kennt das von Elefanten, von Delfinen und anderen Arten, die beim Verlust eines Herdenmitglieds zunächst anders als gewohnt reagieren.

Aber anschließend geht es weiter. Davon zeugen – so nichtig das anmutet – zahllose Tiere, die tot am Straßenrand liegen und um die sich niemand kümmert, deren Schicksal ihren Artgenossen kaum bekannt sein wird. Von uns ganz zu schweigen. Wenn uns der Tod von fremden Tieren oder gar uns unbekannten Menschen nicht interessiert, warum sollte unser eigener da eine Ausnahme darstellen? Wo ist der Unterschied? Wenn ich stürbe, wüssten rund 7 Milliarden Menschen rein gar nichts davon. Darauf angesprochen käme die Rückfrage, wer ich denn gewesen sei und man ginge seinem gewohnten Tagesablauf nach. Damit kann ich hervorragend leben, weil alles andere unrealistisch wäre.

Ist das eine zu nüchterne Sicht auf das Leben und den Tod? Ich denke nicht, denn ich weiß aus leidvoller Erfahrung, dass der Verlust eines Menschen für einen selbst den Alltag in diesem Moment aushebelt. Vielleicht sogar für eine gewisse Zeit das eigene Leben, weil es in dieser Situation nichts Schlimmeres geben kann, als die Tatsache, dass jemand aus heiterem Himmel nicht mehr nach Hause kommen bzw. künftig nicht mehr da sein wird. Es ist also nicht so, als würde ich mir das alles mit abstrakten Denkmustern schönreden wollen. Es nimmt mir nur anschließend den Schrecken an der Sache, wenn ich mir das der Welt zugrundeliegende Prinzip vor Augen führe: Nichts bleibt ewig und das haben wir alle gemeinsam. Die einzige Variable ist der jeweilige Zeitpunkt. Er ist der einzige Faktor, der überrascht.

Das Sterben ist Teil des Lebens. Manche einer würde nun denken, dass ich mir vielleicht Unterstützung suchen sollte, weil ich mir Gedanken um den Tod mache. Vielleicht benötige ich diese nicht, gerade weil ich darüber grübele. Das beschwört nichts herauf und macht mich nicht zu einem depressiven Menschen. Etwas Melancholie schadet niemandem, wobei ich die negative Note an dem Ausdruck nicht so wirklich sehe. Je mehr man denkt, desto mehr erfährt man über das Gedachte. Und die Reflexion über den Tod unterscheidet schließlich am Ende zwischen den zwei Aussagen „Das hätte ich ja niemals für möglich gehalten!“ und „Es war im Bereich des Möglichen, aber ich hatte gehofft, es vergeht noch viel Zeit bis dahin.“. Die Frage nach dem Warum sollte man sich am besten gar nicht stellen, denn sie wird keine Antwort haben.

Das Sterben als Prozess selbst besorgt mich, weil ich nicht sterben will. Der Tod hingegen macht mir keine Angst. Denn auch wenn ich weiß, dass die Wochen und Monate nach dem Tod für die Angehörigen voller Leere sein werden, sind Menschen in der Lage dazu, damit zurechtzukommen. Nämlich indem sie nicht den Fokus darauf richten, was nie mehr sein wird, sondern sich an die Momente erinnern, die einem nie wieder genommen werden können. Das ist nämlich das Tolle an der Vergangenheit: Sie fördert auch das eine oder andere Gute zutage.

Und das verschafft mir in den seltenen traurigen Momenten Aufheiterung.


Der Titel ist das Ergebnis eines Gleichnisses, das ich vorhatte aufzustellen. Es hakte an diversen Ecken. Einzig folgender Vergleich hat die Prüfung bestanden und verdient es, an dieser Stelle – losgelöst vom eigentlichen Beitrag – erwähnt zu werden:
Gurken haben eine Haut und innen sind sie saftig. So wie Menschen.

Noch weniger Gleichnisse gibt es bloß an einem Ort: meinem sozialen Außenposten auf Facebook.

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7 Kommentare

  1. Liebster Dampfbloque. Als gerade „aktiv“ Trauernde, fühle ich mich noch mehr als sonst dazu verpflichtet und getrieben, diesen Beitrag zu kommentieren.

    Es ist so schräg. Ich ertappe mich seit Samstag dabei, wie ich mich immer wieder zurechtweise, ein betroffenen Gesicht zu machen. Bitte, nicht falsch verstehen. Ich bin betroffen, sehr sogar und getroffen auch und es tut höllisch weh.
    Aber ich habe seit Samstag auch schon wieder gelacht, sogar aus vollem Herzen! Um dann innerlich sofort erschrocken den Mund zuzuklappen und große Augen zu machen….oh je. Darfmandas?

    Als ich heute im Pflegeheim meiner verstorbenen Mutter ihre persönlichen Sachen abgeholt habe, habe ich aus Versehen die Pflegenden mit einem strahlenden Lächeln begrüßt. Wie es ja sonst auch immer meine Art ist. Ok, vielleicht nicht ganz so raumerhellend wie sonst. Aber ich lächelte. Als man mir dann das Beileid aussprach, dachte ich nur „F***, wie sieht das denn jetzt aus. Na super, die denken jetzt bestimmt…..“
    Ja was sollen sie schon denken?

    Man macht den Verlust eines geliebten Menschen nicht besser, in den man sich nur noch gramgebeugt und mit verzerrtem Gesicht zeigt. Nein. Wenn ich in manchen Momenten schon wieder einigermaßen geradeaus und ohne zu Heulen gucken kann, ist das total in Ordnung und tatsächlich, weiß ich manchmal gar nicht, was ich auf die Kondolenzwünsche sagen soll. Aber vielleicht bin ich da auch irgendwie anders als alle anderen.

    Dein Beitrag tat gut. Wollte ich nur kurz sagen.

    Gefällt 9 Personen

    • Diese Bedenken, falsch bzw. unangemessen zu reagieren, kann ich nachvollziehen. Darf man auf der Beerdigung lachen? Wie lange muss man traurig sein? Wann darf man wieder Freude am Leben haben? Das sind aber eher Fragen, die ich mir stelle. Ich glaube, dass DAS EINE korrekte Verhalten eher selten von anderen verlangt wird. Das ist zumindest meine Erfahrung.

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  2. Lieber Dampfbloque, auch ich trauere derzeit aktiv und heftig und möchte mich Deinen Worten und dem Kommentar von Matchen Mai anschliessen.

    Trauern ist eine sehr persönliche Angelegenheit, die jeder Mensch wohl anders erlebt. Für mich spielt es keine Rolle, welche Worte jemand von sich gibt, um mich zu trösten, wenn es denn diesen Effekt hat, für den ich ja schlicht dankbar bin. Umgekehrt ist es mir aber auch vollends egal, ob ich denn nun in den Augen von anderen ‚richtig‘ oder angemessen trauere – wenn sich das, was ich tue, für mich gut anfühlt, dann mache ich das halt. Punkt.

    Die Endgültigkeit des Todes zu begreifen ist nicht ein Akt rationalen Verstehens, sondern ein Prozess, den man selber durch- und erleben muss um einen Weg zu finden, um mit dem Verlust eines geliebten Menschen weiterleben zu können. Denn: der Tod gehört zum Leben wie die Geburt, auch wenn wir modernen Menschen uns bisweilen schwer tun mit diesem Gedanken.

    Alles Liebe.
    Stella

    Gefällt 2 Personen

  3. Ich sehe es ähnlich wie Du, ich würde gern nicht mitbekommen, dass ich sterbe oder bald sterben muss. Sonst macht mir der Tod keine Angst. Ich kann gut akzeptieren, dass meine Zeit hier nur limitiert ist.

    Mit meiner eigenen Trauer umzugehen, gelingt mir auch ganz gut: Ich bin für kurze Zeit völlig am Boden zerstört und dann raffe ich mich wieder auf und mache weiter. Die Trauer Anderer hingegen lässt mich immer etwas hilflos werden.

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  4. Wo ist die Gurke- ich glaube ich habe sie überlesen :D. Erstmal ein sehr toller Text… 😀 Da ich mir aufgrund meiner Lage ebenfalls viele Gedanken darum mache füge ich ein paar Worte hinzu. Man braucht Zeit und Raum um zu trauern. Ich finde dabei sollte man sich nicht vergleichen ob A oder B mehr/weniger trauert/ trauern könnte. Es ist ok so wie du es machst. Trauer zeigt auch wie viel der Verlust uns bedeutet. Dabei entscheidet nicht die Dauer. Ja, jeder hat sein Päckchen zu tragen. Im Vergleich können die Päckchen unterschiedlich aussehen, aber für den einzelnen ist sein Problem gleichwertig schwierig zu meistern. Ich habe schon viele gehört die ihr Problem im Gegenzug zu meinem weniger Wert bei gemessen haben- häufig hatte das leider den Unterton, dass sie weniger wichtig/unbedeutend seien oder derjenige sich mehr anstellt. Ich möchte nicht mit den Problemen der anderen tauschen. Ich habe ebenfalls keine Angst vor dem Tod, mehr die Angst zu erfahren, dass man nur eine bestimmte Zeit zu leben hat. Also dieses Spannungsgefühl ist glaub schwierig.. Naja und das „wie“ auch! Auf jedefall sollte man bis zum Schluss alles erdenkliche tun um das Leben zu leben…dann kommt man auch nicht dazu es zu betrauern. Wenn ich meine Situation jetzt betrauern würde..ginge es mir schlechter als es jetzt der Fall ist. Ja, drüber nachdenken hilft, in solchen Situationen Herr der Lage zu werden, denn dann braucht man nicht während dessen überlegen wie man mit der Situation umgeht. lg Onko

    Gefällt 1 Person

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