Der Unausgleich durch Ischias

Dinosaurier

Ich bin nicht ausgelastet. Geistig vielleicht schon, aber dem Körper fehlt Bewegung. Vor einer Woche musste ich einen Lauf abbrechen, was sowieso schon hart genug für mich ist. Die Muskeln wollten einfach nicht mehr und zu allem Überfluss fing der linke Fuß zu schmerzen an. Jeder Versuch, den Lauf fortzusetzen, schlug fehl, weshalb ich eine knappe Stunde durch die Kälte nach Hause gehen musste. Das ist a) langweilig und b) kalt. Ein wenig aufgelockert wurde die Langeweile durch einen offensichtlichen Großbrand in oder bei Neuss, den ich vom Rheindeich aus entstehen und wieder eingehen sah. Begleitet von lautem Tatütata. Ich denke zumindest, dass der Brand gelöscht wurde, denn erst war schwarzer Qualm zu sehen und dann nicht mehr. Es spricht viel für einen erfolgreichen Einsatz der Feuerwehr. Das verschaffte mir etwa 20 Minuten Ablenkung.

Leider ist es so, dass sowohl Füße als auch andere Körperteile ein sehr gutes Gedächtnis haben. Jedes Auftreten an den Tagen danach sorgte für ein Stechen im Fuß. Außerdem scheint Wilhelm Busch ein kluger Mann gewesen zu sein, weil er im dritten Streich von Max und Moritz die Auswirkungen von Kälte auf den menschlichen Körper beschrieb. Zwar bekam Schneider Meck Magenschmerzen, als er in den kalten Bach stürzte, die ich nicht bekam, aber prinzipiell reagiert der Rücken ähnlich. Ich hatte Rückenschmerzen, die bis vorgestern anhielten. Weil die Schmerzen bis abends halbwegs verschwunden waren, habe ich meine Hüfte „eingeknackst“. Funktionierte gut. Hat schön geknackt. Fühlte sich gut an. Der Ischias sah das anders und klemmte sich irgendwo ein.

„Mein Bein stirbt!“

„Was?!“

„ES STIRBT!“

Es starb nicht. Nachdem mir Google die äußerst erkenntnisbringenden Infos ausspuckte, dass der Ischias zwar heftige Schmerzen verursache, aber ansonsten harmlos sei ooooder Gewebe absterben lasse, habe ich mich aufs Sofa gelegt und mich nicht mehr bewegt. Dann tat es auch nicht weh. Dann stirbt auch nichts ab. Ärgerlich war das Ganze trotzdem, weil ich noch am Sonntagabend groß rumtönte, dass ich am Montag wieder laufen gehen würde. Kurz darauf starb mein Bein, was es dann doch nicht tat. Das kann ich heute rückblickend feststellen.

Ebenfalls feststellen kann ich eine gewisse Unruhe körperlicherseits. Weil mein linkes Knie zu allem Überfluss auch noch rumzickt, habe ich mir eine Sportpause auferlegt, die mir gar nicht passt. Normalerweise neige ich dazu, Schmerzen wegzulaufen, aber weil ich mittlerweile längere Ausfallzeiten befürchte, wenn ich aus purer Ignoranz wie gewohnt weitermache, übe ich mich in Geduld. Und ich übe schlecht.

Die Tasten unserer Fernbedienung habe ich bereits gezählt. Es sind 48. Wir verwenden lediglich zehn davon. Ich habe alle ungenutzten Tasten schwarz angemalt.

„Was machst du da?!“

„Ich male die Tasten schwarz an, die wir noch nie verwendet haben und die wir auch nie benutzen werden.“

„Wieso?!“

„Wir brauchen sie nicht.“

„Aber deshalb musst du die doch nicht anmalen.“

Sie hatte vollkommen Recht. Ich legte den Edding zur Seite und habe anschließend die ungenutzten Tasten mit einem Feinmechanikerschraubenzieher aus der Fernbedienung gehebelt. Danach warf ich die Fernbedienung in den Flur, um sie wiederholen zu müssen. Bewegen, irgendwas machen. Sie ist nun kaputt und wir können den Fernseher nicht mehr einschalten. Das hat die Frau, die in unserer Wohnung lebt, glücklicherweise noch nicht mitbekommen.

Jetzt sitze ich hier. Die Raufasertapete ist nicht mehr so interessant wie vor einer halben Stunde, als ich lustige Figuren darin sah. Also stand ich auf und verband mit dem Edding verschiedene Punkte miteinander. Nun prangen über unserem Fernseher ein deformierter Dinosaurier und zwei Seesterne. Ich könnte die Tiere in unserer Wohnung zählen und den aktuellen Bestand in eine Excel-Tabelle eintragen, um den Durchschnitt an Tieren in dieser Wohnung zu errechnen. Momentan liegt der Schnitt bei fünf Tieren pro Wohnung. Spannend.

Ich stehe auf und gehe zum Türrahmen unserer Wohnzimmertür. Es ist nur der Türrahmen ohne Tür. Die steht seit unserem Einzug im Keller, weil es uns offen besser gefällt. Die Tür hat den Wasserschaden im Keller schlecht überstanden. Sie ist im unteren Teil etwa doppelt so dick wie weiter oben, weshalb wir sie in Sicherheit gebracht haben. In einen anderen Kellerraum, der ebenfalls feucht ist. Aber ich brauchte den Platz in unserem Kellerabteil für mein Autorenteam. Am Türrahmen angekommen bemerke ich etwas abblätternde Farbe.

Zeitsprung.

Meine Fingernägel schmerzen etwas. Mir ist langweilig. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, arbeitet, was bedeutet, dass sie mit Kopfhörer vor ihrem Laptop sitzt und stundenlang Gespräche strukturiert. Was sie da genau macht, weiß ich nicht. Darf ich nicht wissen, weil es sich gelegentlich nach eigener Aussage um „heißen Scheiß“ handelt. Deswegen hat sie aber auch nicht mitbekommen, dass ich gerade anderthalb Stunden am Wohnzimmertürrahmen verbracht habe.

Ich könnte den Flur fegen. Gute Idee. Der Besen befindet sich meiner Erinnerung nach im Schlafzimmer. Während ich ins Schlafzimmer gehe, verliere ich die Lust am Fegen. Interessant, wie man seine Meinung innerhalb von drei Sekunden ändern kann. Weil ich aber gerade in Bewegung bin und aufs Bett zulaufe, springe ich ab und werfe mich auf die Decke. Das Bett beschwert sich lautstark und ich spüre, dass es in Panik ausbricht. Nach kurzem Gewühl schießt die Katze unter mir hervor und sucht das Weite. Ich habe mich auf sie geworfen. Nun liege ich bäuchlings auf dem Bett und verfluche meinen Rücken, weil er verhindert, dass ich schmerzfrei und wie ein normaler Mensch aufstehen kann. Weil ich neulich erst beim Versuch aufzustehen vom Sofa gefallen bin, bleibe ich einfach liegen. In Gedanken staple ich unsere Haustiere. Wenn es funktioniert, könnte man ein lustiges Video von den Düsseldorfer Stadtmusikanten drehen. Ich könnte sowieso auch hinsichtlich des Dampfbloques ein wenig mehr audiovisuell tätig werden. Unterhaltung auf sämtlichen Kanälen.

Von drüben höre ich Geräusche.

„Puh! Fertig! Wo bist du?“

„Schlafzimmer. Langeweile.“

„Warum ist die Katze ein Waschbär?“

Katzen haben die lustige Angewohnheit, in schreckhaften Momenten ihren Schwanz aufzubauschen. Er ist dann etwas dreimal so dick wie normal und das erinnert stark an ein Waschbären.

„Hat sich erschrocken, weil…“

„Ochnee, hat die etwa hier am Sofa rumgerupft?“

„Ja“, lüge ich.

„Das ist ja völlig zerfleddert.“

Gelegentlich knibbel ich geistesabwesend an Dingen herum. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, scheint jetzt vom Arbeitsplatz aufgestanden zu sein. Sie klingt etwas ungläubig. Vermutlich runzelt sie die Stirn, was ein wichtiges Detail in der menschlichen Kommunikation ist.

„Sag mal…was ist mit dem Türrahmen im Wohnzimmer passiert?!“

„Da blätterte etwas Farbe ab.“

„Etwas?!“

„Das sah nicht aus, also habe ich alles runtergekratzt. Kannst du mir gleich ein paar Splitter ziehen?“

Sie schweigt. Es ist nie gut, wenn sie schweigt. Dann versucht sie sich, zusammenzureißen. Oft klappt es.

„WAS IST DAS ÜBER DEM FERNSEHER?!!“

Diesmal klappt es nicht. Aber wenn wir eh schon an dem Punkt sind:

„Übrigens ist die Fernbedienung irgendwie kaputt.“


Facebook. Ich wollte es nur erwähnt haben.

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17 Kommentare

  1. Und wieder mal ist der Beweis erbracht, dass Langeweile ein kreativer Zustand ist!
    Du hättest in deiner Langeweile mal deine Facebook-Postfach checken können werter Kollege, vermutlich ist meine dreiste Interviewanfrage im Ordner für freche Weiber gelandet 😉

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  2. Ich dachte immer, Kinder und Langweile sind eine schlechte Kombi … nun gut, eben wurde ich eines besseren belehrt … wische mir nun meine Tränen aus den Augen, welche vor Lachen auch schauen wollten was da los ist und starte in den Tag … Sonnige Grüße

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  3. Hat die Frau, die in… Dir schlußendlich aufgeholfen, als Du zwischen Sofa und Tisch geruht hast? Sie trüge damit ihren Teil zu Deinen doch sehr kreativen Dekorationskünsten bei und hätte nicht wirklich einen Grund zum kommunikativen Stirnrunzeln. Oder?

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  4. […] Ich laufe heute noch oft genug viel zu leicht bekleidet durch Herbst, Winter und Frühling. Auf der Arbeit erntete ich dafür empörte Blicke. Meistens geht für mich alles gut aus. Das „meistens“ konnte ich vor wenigen Jahren noch durch ein „immer“ ersetzen. Gehe ich heute bei niedrigen Temperaturen zum Sport, rächt sich das umgehend. In diesem Frühjahr absolvierte ich einen Lauf, vertrat mich fünf Kilometer bevor ich zuhause gewesen wäre, und musste unter dem Einfluss kaltem Westwindes nach Hause gehen. Man darf mich nicht fragen, wie das möglich sein kann, aber die Kälte klemmte mir den Ischias ein. Darüber schrieb ich auch. […]

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