Zukunftsmusik – Rätselspaß im Jahr 2068

2068_Titel

Düsseldorf im März 2068

Vielleicht befinde ich mich auch irgendwo am Niederrhein. Seit der Stadtrat von Düsseldorf im Herbst 2044 bestimmte, sämtliche Industrie- und Gewerbebauten unter die Erde zu verlegen, ist das Stadtbild von Einfamilienhäusern geprägt. Die Idee, die Schandflecke der Stadt zugunsten größerer Grundstücke für Wohnhäuser unter den Erdboden zu verlagern, ging voll auf. Alle 3,1 Millionen Einwohner sind in Einfamilienhäusern mit kleinem Garten untergebracht. Insofern kann es sein, dass ich diese Zeilen von Düsseldorf aus schreibe. Vermutlich bin ich aber am Niederrhein. Oder ganz woanders. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, sitzt neben mir auf unserer Veranda und löst ein Kreuzworträtsel.

„Ausruf der Belustigung mit drei Buchstaben…“

„Mit zwei Buchstaben?“

„MIT – DREI – BUCHSTABEN!“

Seit ich eines Tages mit Mitte 50 in Eile war und beim Aussteigen aus dem Wagen die Lautstärke meiner bevorzugten Musik nicht heruntergedreht hatte, bin ich schwerhörig. Als ich mich am kommenden Morgen noch etwas verschlafen in den Wagen zwängte, um zur Arbeit zu fahren, hat mir Blink 182 die Trommelfelle zerfetzt. Beim Autokauf sollte man nicht am Radio sparen und besser eines einbauen, das nicht mit der zuletzt eingestellten Lautstärke lostrompetet. Die Angewohntheit, laut Musik zu hören, hat die Frau, die unserer Wohnung lebt, schon früh in unserer Beziehung bemängelt und ihr im Alter von gerade mal 22 fast einen Herzinfarkt beschert, als sie mit dem Wagen etwas erledigen wollte. Seitdem musste ich immer darauf achten, dass ich die Lautstärke runterdrehe, bevor ich den Motor stoppe, und/oder die SD-Karte mit „meinem Krach“ entfernen und die mit ihrer Musik in den Slot stecken.

„Drei?

„JA DOCH!!!“

„Keine Ahnung. Vier Buchstaben hätte ‚haha‘ sein können, aber drei…mir schwant Böses.“

„Mir auch. Wenn da jetzt ‚lol‘ hinkommt, verbrenne ich das Rätselheft.“

Das könnte lustig werden.

„Warte kurz, ich hole die Kamera. Für…für irgendwas.“

Das Internet hat sich nicht durchgesetzt. Facebook ging 2031 offline und Youtube war schon drei Jahre zuvor von Nestlé gekauft und der Name für einen Schokoriegel verwendet worden. Nestlé hat schon immer alles mögliche aufgekauft. Es gibt kaum noch etwas, was nicht zum Nestlé-Imperium gehört. Stellt sich die Frage, wofür ich überhaupt noch filmen soll. Für uns? Schauen wir uns nie im Leben an, zumal unser Leben wohl nicht mehr allzu lang dauern wird. Im Rahmen einiger Neuerungen wurde sogenannter Content in sozialen Netzwerken nicht mehr geklickt und geliket, sondern ein Algorithmus erfasste fortan, ob ein User ein Video, einen Text oder ein Bild tatsächlich angeschaut und verstanden hatte.

Es war der Tod von social media. Es stellte sich heraus, dass sich nur noch wenige Menschen Inhalte tatsächlich überhaupt ansahen bzw. durchlasen und darüber hinaus verstand kaum noch jemand einen Text, der aus mehr als 140 Zeichen bestand. Als Twitter im Frühjahr 2016 die Zeichenbegrenzung abschaffte, las kaum noch jemand die viel zu langen Texte und Twitter wurde nach und nach eine Plattform der Intellektuellen. Folgerichtig sackten die Nutzerzahlen von durchschnittlich 300 Millionen Nutzern pro Monat auf knapp 1,2 Millionen im Quartal ab, weshalb Twitter einige Jahre später den noch verbliebenen Nutzern empfahl, doch lieber in Bibliotheken zu gehen, weil dort das Niveau höher sei.

Also würde ich auch das gleich zu drehende Video nicht irgendwo hochladen. Früher war es das Normalste der Welt, Dinge auszupacken und Videos davon auf eine entsprechenden Plattform hochzuladen. Total bescheuert. Heute ist man sich wieder des Werts eines Videos oder Fotos bewusst. Wieviel Terabyte an Fotos wurden produziert, um nie wieder betrachtet zu werden? Aufgenommen, einmal begutachtet und nach nicht mal fünf Minuten im Nirwana der Speicherkarte vergessen.

Ich hole dennoch die Kamera. Wohl wissend, dass ein Video ihrer Mutter, wie sie ob einer inakzeptablen Antwort in einem Kreuzworträtsel das Heft im Zorn verbrennt, bei Dörthe und Wombat kaum für Begeisterungsstürme sorgen wird. Ebenfalls wenig begeistert waren die zwei, dass wir ihre Arbeitstitel auch nach der Geburt beibehielten. Wir hatten rege Schwierigkeiten uns neue Namen auszudenken, weshalb wir einfach bei den alten blieben. Die Grundschulzeit war hart, die gymnasiale Mittelstufe furchtbar, wobei wir auf den Elternsprechtagen lustige Momente hatten. Denn auch die Lehrer fanden die Namen unserer Kinder sehr lustig und konnten sich nur schwer zusammenreißen. So wie wir. Weil ich nach unserem Umzug in ein pervers großes Landhaus mit riesigem Grundstück ebenfalls Probleme mit dem nun neuen Namen der Frau, die in unserer Wohnung lebt, hatte (‚die Frau, die in unserem pervers großen Landhaus mit riesigem Grundstück lebt‘ war mir zu sperrig), behielt auch sie ihren Namen bei.

„So, wo muss man denn hier draufdrücken?“

„Record. Der rote Punkt.“

„Ach? War der nicht mal grau?“

„Nee, Aufnahmeknöppe waren immer rot.“

„Muss ich mal im Lexikon nachschlagen. Wie haben wir nur zu Zeiten von Google etwas herausfinden können?“

„Wir haben es gegoogelt.“

Herausfinden. Nicht ‚gefährliches Halbwissen tanken‘.“

„Klingelt gerade das Telefon?“

„Sowas kannst du mich nicht fragen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich dich gerade richtig verstanden habe. Warte mal … klingelt da etwa gerade das Telefon?“

„GENAU – DAS – HABE – ICH – GERADE …“

„Merk dir, was du sagen wolltest. Ich glaube, dass das Telefon klingelt. Ich geh mal gucken.“

Es klingelt tatsächlich. Ich hebe ab. Es ist ein Abonnent meines Blogs. Er möchte einen bestimmten Artikel lesen. Weil es das Internet nicht mehr gibt, er aber wissen möchte, ob der Beitrag gut ist, muss ich ihm den gesamten Text vorlesen.

„Hm … ja, der war lustig, aber hast du noch einen, der lustig aber auch ernst ist? Mir ist gerade so melancholisch zumute, aber will nicht zu niedergeschlagen sein.“

Ich lese ihm Ungünstige Momente für Schwächeanfälle vor.

„Ja, das ist gut. Witzig, aber eigentlich ernst. Das nehme ich.“

„Hat es es Ihnen gefallen?“

„Ähm…ja. Ich nehme es.“

„Nehmen Sie es?“

„JAHA!“

„Nana, sie müssen nicht gleich so schreien, junger Mann. Ich bin schon alt, Freundchen. Per Post?“

Ich drucke den Text aus und sende ihn mit einer 12,65 €-Briefmarke ab.

Es ist erstaunlich, dass es nach wie vor Tage gibt, die durch unfassbar schlechte Zugriffszahlen geprägt sind. Ich bekomme von der Dampfbloque Entertainment Group by Nestlé täglich die Berichte von Anrufern, denen ein Artikel gefällt und wieviele überhaupt einen Beitrag angefragt haben. Dabei ist nicht zu durchschauen, warum manche Tage schlechter laufen als andere. Ich habe mich in der Anfangszeit gelegentlich mal mit anderen Bloggern darüber ausgetauscht. Auch diese wussten sich keinen Reim darauf zu machen.

Ich sollte vielleicht mal den Initiator der SBA fragen. Was Zugriffs- und Abonnentenzahlen angeht, ist er durchaus nacheiferungswürdig. Mit seinen aktuell 874.913 Followern war er schon immer ein gutes Stück über meinen Statistiken. Vielleicht rufe ich ihn mal an. Nein, das geht nicht. Ich habe seine Nummer nicht. Nie gehabt. Habe ich die Auszeichnung 2016 eigentlich erhalten? Ich weiß es nicht mehr. Einiges verschwimmt im Nebel der Vergangenheit. Ich gehe zurück zur Frau, die in unserer Wohnung lebt.

Auf dem Weg nach draußen stolpere ich über die Katze, die über eines unserer Meerschweinchen gestürzt ist. Sie ist mittlerweile 62 Jahre alt, hat lange graue Haare und ist sehr langsam. Das macht es für mich nachts sehr schwer, weil die mich noch immer aus dem Schlaf brüllt, um Fressen zu fordern. Sehr zu ihrem Frust nehme ich – bedingt durch meine Schwerhörigkeit – ihr Klagen nicht wahr. Mysteriöserweise wache ich dennoch auf. Wenn ich dann aufstehe, benötigt sie noch ein wenig Zeit, um zu realisieren, dass es gleich etwas zu spachteln gibt. Ich gehe normalerweise erstmal auf Klo und anschließend wieder ins Bett, während sich die Katze noch auf dem Weg in die Küche befindet. Weil ich ohnehin jede Nacht fünf mal aufstehen muss, um einmal zu pinkeln, gehe ich zwischendurch einfach schauen, wie weit die Katze gekommen ist und gebe ihr Futter, wenn sie die Küche erreicht hat.

Weil ich, während ich über die Katze fiel, unsere Garderobe samt Teilen der Treppe ins Obergeschoss zu Boden riss und das Gröbste noch aufgeräumt habe, komme ich mit erheblichem Zeit- und Gedächtnisverlust wieder auf die Veranda. Leider einige Minuten zu spät. Wie es aussieht, hat die Frau, die in unserer Wohnung lebt, das Lösungswort für „Ausruf der Belustigung mit drei Buchstaben“ herausgefunden. Das Heft liegt brennend auf unserem Rasen. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, tritt gerade aus unserem Geräteschuppen in den Garten. Mit geschulterter Schrotflinte. Ich beginne zu filmen.

„Siehst du, was da steht?!“, brüllt sie mir zart entgegen.

Ich schaue mir das Rätselheft genauer an. Einiges kann man noch entziffern.

„Siehst du es?! ‚Synonym für niemals, auch keinen Fall‘ mit neun Buchstaben?! ICH RASTE AUS!“

Ich sehe es. Ich kann mich manchmal noch immer nicht zusammenreißen, wenn jemand anderes in Rage gerät, aber versuche mein Lachen so gut es geht mit Husten zu verschleiern. Das gesuchte Wort ist zu 8/9 schon gelöst. Der letzte Buchstabe fehlt. Das Rätsel wird unvollendet bleiben. Während das Feuer langsam das Kreuzworträtsel verschlingt, gehe ich die Buchstaben durch: N – E – V – E – R – x – V – E -R.
Und so stehe ich mit 82 Jahren – brüllend vor Lachen – auf unserer Veranda, halte eine Videokamera in der einen, mein Gebiss in der anderen und schaue der Frau, die in unserer Wohnung lebt, dabei zu, wie sie über Anglizismen fluchend mit unserer Schrotflinte auf das brennende Rätselheft schießt.

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23 Kommentare

    • Die wird sie aus dem Schuppen geholt haben. Da wird sie für den Fall hängen, dass sich Maulwürfe durch unseren Rasen wühlten. Oft säßen wir auf Klappstühlen im Garten und beobachteten den Boden, um im reaktionsschnell das Schießeisen zu benutzen.
      Dieser Gedanke beruht übrigens auf einer wahren Gegebenheit. In den Hauptrollen: ein alter Schwede, sein perfekt gepflegter Rasen und diverse Maulwürfe, die ebendiesen zu zerstören versuchen.

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  1. befinde mich zwar noch im Halbdillirium meiner Fieberattacken – halte jedoch meine Niess-Rippen-Fraktur- schön fest 😀 Lachmuskeltraining oder was? – doch nicht alles für die Katz* 😀 😀 – Nestle macht’s möglich

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  2. Im Jahre 2016 in der Nähe von Düsseldorf sitzen in der Klasse meines Atelier-Kindes – das dir als gehörloses Kind und später auch mal gehörlosem Erwachsenen erklären könnte, dass du als schwerhöriger Opa die Katze und ihren Ton spüren kannst, du musst sie gar nicht hören, als Mensch mit extremen Dauertinnitus bin ich seinen Worten gefolgt, habe das Experiment gemacht und weiß, dass es Recht hat – Kinder aus der SUV-Fraktion, also ganz wahrscheinlich Gymnasialanwärter, die zwar so gewöhnliche Rufnamen wie Anna, Emma, Luis, Ben etc. und was sonst gerade in der Szene und generell in ist haben, dazu aber Zweitnamen wie Sunshine, Angel, Starlight (das ist ein Junge) und Phineas. Was soll denn dann in ein paar Jahren an sowas wie Dörthe (ich schätze sogar, dass die Mode bald wieder kommt, kenne sogar eine einjährige Astrid) und Wombat problematisch sein für das äußere Umfeld? Für die Kinder persönlich vielleicht schon. Hatte selber einen in meiner Kindheit seltsam anmutenden Namen (und sorgte dann dafür, dass mein Bruder so eine Art Sammelbegriff in eurer Generation – er ist ein Jahr jünger als du – bekam), daher könnte ich das nachvollziehen. :p

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  3. Genial geschrieben! Aber was unerwähnt bleibt, ist ob das Meerschweinchen auch unverletzt blieb – wenn so eine grosse Katze drüberlatscht… Und das Schweinchen ist vielleicht auch nicht mehr das jüngste. Der uebliche „No newspapers were harmed“-Disclaimer geht ja schon mal nicht, dann hoffen wir doch für die Haustiere…

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    • Des Rätsels Lösung: Das Gehirn des gewöhnlichen Meerschweinchens hat ein Gewicht von etwa 5 Gramm. Weil Schmerzen etc. im Kopf entstehen, im Hirn des Meerschweinchens aber keine Kapazitäten dafür zur Verfügung stehen, bemerkt es nicht, dass die Katze drüber gefallen ist. Es würde auch nicht merken, dass es tot wäre, und lebte einfach weiter. Verrückt!

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      • Spooky! Kleine Zombie-Meerschweinchen, die uralten Katzen auflauern. Das Jahr 2068 hat es nicht nur techNOlogisch (logisch, no Internetz-Technologie) in sich 🙂 Womit auch leider wiederlegt wäre, Katzen seien die heimlichen Herrscher der Welt! Vom Meerschweinchen vom Thron gestoßen zu werden, tut aber schon weh…das darf ich meinen felinen Mitbewohnern nicht verraten!

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  4. Ich weiß jetzt nicht mehr genau, worüber ich am meisten gelacht habe. Die 12,65€-Briefmarke, die Methusalem-Katze oder Twitter als Plattform für Intelleckt…Intille…Leute, die mehr als 140 Zeichen verstehen.

    Kleine Anmerkung: Terabyte. Terra ist ein Planet. Schlag mal im Lexikon nach 😀

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