Der Näiwie Tziss – Frustfernsehen am Nachmittag

MRT_Beitrag

Es hat durchaus Vorteile, Student zu sein. Das ist eine Sache, die ich selten öffentlich zugeben würde, weil für mich die Nachteile einfach überwiegen und mich dieser Status nur noch ankotzt. Wenn ich mich nun hinstellen würde und behauptete, dass das Studentendasein toll sei, wäre das unglaubwürdig. Aber es gibt nunmal auch Licht im Schatten. Das Studium würde ich eigentlich nicht als Schatten bezeichnen, weil es einen bestimmten Zweck erfüllt, der nicht unterschätzt werden sollte: Wir sorgen dafür, dass der Biosektor nicht ausstirbt. Vielleicht ist man mit der Annahme auch ein wenig auf dem Holzweg, weil es eben nicht zwangsläufig die Besserverdienenden sind, die durch den Bioladen schlendern.

Andererseits bin ich mit der Vermutung, dass eben doch schwerpunktmäßig Akademiker Biokunden sind, in bester Gesellschaft. Zumindest, was die Tatsache angeht, dass ich überhaupt etwas behaupte, was nicht bewiesen ist. Es bestünde eine generelle Nachfrage nach Bio in der Bevölkerung, wird von Seiten der Enorm konstatiert. Da bin ich mir nicht so sicher. Bio ist eine eigene Marke beworden, die über diverse Siegel den Eindruck der Seriösität vermitteln soll. Ich glaube nicht daran, dass solche Siegel über alle Zweifel erhaben sind, zumal bei einigen schon ihre Zweifelhaftigkeit bewiesen wurde. Insofern verlange ich beispielsweise nicht nach Bio-Nahrungsmitteln. Ich bin eher der Ansicht, dass man uns einfach mit vernünftigen Fressalien versorgen sollte. Ob da Bio draufsteht oder nicht, ist mir reichlich latte. Und dass Nachhaltigkeit in vielen Fällen lediglich „Nachhaltigkeit ab einem bestimmten Zeitpunkt“ meint, dürfte klar sein. Ganz gleich, wie nachhaltig und „bio“ die Bilanz einer Palmölplantage auf Borneo aussieht: Bevor sie geschaffen wurde, war die Monokultur schlicht und ergreifend Urwald, der nun nicht mehr da ist.

Da erstaunt es umso mehr, dass die vermeintlich aufgeklärten Akademiker kollektive Augenwischerei betreiben, wenn sie den veganen Lebensstil in den Himmel loben. Sie sollten es besser wissen. Andererseits ist der Gedanke dahinter ein guter. Lediglich die Ausführung scheitert an diversen Punkten, weil die Welt nunmal nicht so schön in zwei Polaritäten zu teilen ist, wie man es gerne hätte.

Übrigens auch ein Nachteil des Studiums. Man bekommt beigebracht, Dinge zu hinterfragen, was natürlich einerseits – auf einer gesellschaftlichen Ebene – sinnvoll ist. Privat führt es dazu, dass manch kindliche Unbeschwertheit verloren gegangen ist. Was man sich erklären kann, verliert seinen Reiz. Deshalb werde ich niemals das Interesse an Frauen verlieren. (Ich habe diesen Satz gerade der Frau, die in unserer Wohnung lebt, vorgelesen. Weil die Reaktion ein Stinkefinger war und ich das Folgende ohnehin noch schreiben wollte, nehmt dies:) Besonders nicht an einer. Aber da kommen verschiedene Dinge zusammen, die dazu führen.

Zum Wesentlichen: Als eingeschriebener Student mit einem doch recht überschaubaren Arbeitspensum, das einem das Überleben halbwegs sichern soll, was ohne Zuschüsse kaum funktioniert, ist man in der zweifelhaften Lage, tagsüber fernzusehen. Als Kind war ich immer hocherfreut, wenn ich tagsüber mal eine Sendung schauen konnte. Heute ist das anders. Und trotzdem läuft gerade der Fernseher. Das hat verschiedene Gründe. Einerseits ist es so, dass wir beide für effektives Arbeiten Hintergrundberieselung brauchen. Ein Radiosender würde mich zu sehr binden und ich brächte keinen vernünftigen Gedanken zustande. Also lieber sinnentleertes Fernsehprogramm. Nun schreibe ich gerade in diesem Moment nicht an meiner Masterarbeit, weshalb wir auch Radio hören könnten.

Aber ich bin ein wenig gefrustet, was meinen Fernsehkonsum rechtfertigt. Vorgestern wurde ich nach dreiwöchigem Vorlauf, den ich mir selbst eingeräumt hatte, bei meinem Orthopäden vorstellig. Mit den Worten „Also wenn der Innenmeniskus nicht in Fetzen hängt, können wir das konservativ behandeln.“ wurde mir ein Termin für ein MRT verpasst, der heute Vormittag stattfand. Der Meniskus hängt nicht in Fetzen. Das ist die gute Nachricht. Was mich dennoch wurmt, ist die Tatsache, dass ich bedingt durch ein doch recht hohes Laufpensum in den letzten Monaten stolzer Besitzer eines abermals gereizten Innenbandes im Knie bin. Das ist für mich, den gestern zwei mit in engerer Auswahl stehenden neuen Laufschuhen gefüllte Pakete erreichten, ein großer Mist. Deshalb klatschten wir uns nach der Heimkehr vorhin ins Wohnzimmer und bestaunten unter anderem eine Errungenschaft unseres heutigen Einkaufs.

Zunächst einmal lege ich gern, wenn die Frau, die in unserer Wohnung lebt, nicht hinschaut, ein Überraschungs-Ei so auf das Kassenband, dass sie es nicht sehen kann. Nicht bedacht hatte ich, dass sie heute zahlen würde, weshalb sie irgendwann entzückt feststellte, dass sie sich nun selbst ein Überraschungs-Ei bezahlt hätte. Das Überraschungs-Ei ist aber verglichen mit dem der aktuellen Micky Maus beiliegenden Gimmick nicht der Rede wert. Es handelt sich um ein Furz-Piano, das ich nun in jedem passenden und unpassenden Moment betätige. Es verfügt über unterschiedliche Furzarten und wird die Frau, die in unserer Wohnung lebt, eines Tages in den Wahnsinn treiben. Gerade eben schon, als sie etwas fragte und ich mit dem E des Furzpianos antwortete, bereute sie, diese Zeitschrift gekauft zu haben. Man darf so etwas nicht überstrapazieren, denn ich weiß, dass ich nervtötend sein kann. Außerdem muss man für eine maximale Wirkung den Einsatz des Furzpianos wohl dosieren. Also blieb nur noch der Fernseher zur Beseitigung des Verletzungsfrusts.

„Los! Schmeiß an die Glotze! Shopping Queen gucken! Ich liebe Shopping Queen!“

„Ey, was soll das denn? Ich habe eh schon ein schlechtes Gewissen, weil ich das manchmal gucke. Außerdem läuft gerade noch Schrankalarm. Schlimm, dass ich das weiß.“

„Ja…! Ich liebe Schrankalarm…“

Ich hasse Schrankalarm. Es kombiniert alles, was ich an unserer medial übersättigten Welt nicht mag. Das wären zum einen Charaktere, die völlig drüber sind und deshalb absolut unauthentisch. Ich halte diese Sendung für billig produziert, was sich unter anderem an Rechtschreibfehlern in Bauchbinden äußert. Denn es macht durchaus einen Unterschied, ob man „Was sich liebt, das neckt sich“ schreibt oder aber „Was sich liebt, dass neckt sich“. Mir rutschen derartige Fehler gelegentlich mal durch, aber ich werde für diese Texte hier nicht bezahlt. Noch nicht! Von diesen Dingen mal ganz abgesehen, nehme ich die in der Sendung geäußerten schlauen Dinge nicht ernst. Wer mit Formulierungen wie „Das ist totally casual und etwas edgy!“ seine Begeisterung über ein körperschmeichelndes Outfit ausdrücken will, während die Gebauchpinselte wie ein klebriges, in Lametta gefallenes und unter Hochdruck stehendes Himbeerbonbon aussieht, ist bei mir unten durch. Und sie sind so hip! Wie kann man so hip sein? Zum Kotzen!

Um dieses Übel zu umgehen, zappt die Frau, die in unserer Wohnung lebt, weiter durch die Programme.

„Solange noch Schrankalarm läuft, können wir für ein paar Minuten den Näiwie Tziss gucken.“

Der Näiwie Tziss ist gut. Es handelt sich dabei um die nicht ganz korrekte Aussprache von Navy CIS. Wir schauen diese Serie gern, wenn auch nicht unbedingt im Nachmittagsprogramm, weil es ja mittlerweile nicht nur Werbeblöcke gibt, sondern gelegentlich mitten in der Sendung rund ein Drittel des Bildes von irgendeinem Programmhinweis bedeckt wird. Während mit Navy CIS die für Verbrechensaufklärung zuständige Behörde gemeint ist, ist der Näiwie Tziss die Hauptperson der Serie. Mark Hammon heißt der Schauspieler. In der Serie Leroy Jethro Gibbs. Er ist der Näiwie Tziss. Über das Intro lässt sich folgender Text übrigens hervorragend singen. Zumindest über die erste Tonfolge:

„Der Näiwie Tziss…der Näiwie Tziss ist richtig gut in Kriminalfälle-Lösen!“

Und das ist er tatsächlich. Er ist der Näiwie Tziss. Er ist unser Mann. Er löst Verbrechen, wo er kann. Der Näiwie Tziss. Sämtliche andere Navy CIS-Formate sind übrigens nicht so empfehlenswert. NCIS-New Orleans haben wir selten gesehen und dann wäre da noch NCIS Los Angeles, kurz: NCIS L.A., bei uns: Näiwie Tzissla.

Ich hoffe inständig, dass uns jemand mit versteckten Kameras aufzeichnet und uns die Bilder samt Ton in vielen Jahren anonym zukommen lässt. Dann darf ich hoffentlich auch wieder laufen gehen mit meinen neuen, der übrigen Optik angepassten Laufschuhen. Der neongelbe Ninja würde vollendet sein!

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15 Kommentare

  1. Bevor du es von jemand anderem erfährst: Ich muss dir leider mitteilen, dass der Farbton doch eher neongrün ist.
    Aber wozu gibt es das 14-Tage-Wiederrufsrecht. Übrigens:
    Ich geb dir ’nen Euro, wenn du auf den Retourenzettel als Rücksendegrund irgendwas Wütendes mit „neongelber Ninja“ schreibst. In Großbuchstaben.

    Gefällt 2 Personen

  2. Danke für das morgendliche Amusement. De NäiwieTziss (klingt irgendwie kölsch) kenne ich nicht. Aber als zu Hause arbeitende Freiberuflerin kenne ich das mit der notwendigen Hintergrundberieselung durch sinnentleertes Fernsehen. Schrankalarm geht aber gar nicht, weil ich dann die ganze Zeit hingucken und mich aufregen muss, was für ein geschmacklos aussehendes Pärchen, das sich erdreistet, Frauen so zu verschönern, dass sie fast genauso geschmacklos aussehen, dabei aber vor Freude fast weinen. 😦 Shopping Queen dagegen ist problemlos möglich. Übrigens habe ich ungefähr sechs Wochen lang eine Stressfraktur am Fuß verdrängt, leider nicht erfolgreich.

    Gefällt 1 Person

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