Der neongelbe Ninja und Schuhwerk, das ihm würdig ist

2016-03-25 14.34.09

Mittwoch, der 23.03.2016

Seit Stunden sitze ich nervös im Wohnzimmer und nage an einem Stück Pappe, das mir die Frau, die in unserer Wohnung lebt, zur Ablenkung gab. Eine nette Geste, die vor allem zum Ziel haben sollte, unsere Kissen zu schonen, die ich alle paar Minuten zornig richtete, weil sie meinem Rücken schlicht unbequem waren. Unser Sofa besitzt keine gepolsterte Lehne, sondern unzählige Kissen in drei verschiedenen Größen, die wir möglichst gemütlich hinter unserem Rücken drapieren. Mittlerweile glaube ich übrigens daran, dass es sich bei dem Hersteller unseres Sofas um ein Unternehmen mit mafiösen Strukturen handelt. Oder ein Unternehmen, das von mafiösen Strukturen kontrolliert wird. Es ist mir nicht anders zu erklären, dass wir einen Sofabezug haben, der – wenn man mal darauf achtet – millionen- wenn nicht sogar milliardenfach in anderen Haushalten zu finden ist. Die Sofaindustrie wird ganz offensichtlich von einem einzigen Hersteller für Sofabezüge versorgt. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Man sieht dieses grobe schwarz-grau-weiße Geflecht überall.

Die Kissen liegen wieder nicht mehr richtig. Ich setze mich genervt auf und durchwühle die zusammengedrückten Kissen hinter meinem Rücken. Anschließend werfe ich mich wieder nach hinten. Es stimmt noch immer nicht.

„Was ist denn los?“, will die Frau, die in unserer Wohnung lebt, wissen.

„Das stimmt hier alles nicht. Ich bin knatschig!“

„Willst du was essen?“

„Ich will nichts essen. Ich will, dass er kommt!“

Er ist der DHL-Mann. Die letzten Wochen habe ich damit verbracht, mir Angebote aus dem Schlussverkauf von Laufschuhen anzusehen. Die alten Schuhe sind durch. Mein linkes Knie kann ein Lied davon singen. Weil gute Laufschuhe aber in der Regel irgendwo zwischen 130 und 140 Euro liegen, dachte ich, dass ein Auslaufmodell eventuell den Geldbeutel schonen könnte. Deshalb hatte ich mich vor einigen Wochen schon zu diversen Fachgeschäften aufgemacht, um mich kompetent beraten zu lassen. Abgesehen von einer Liste in Frage kommender Schuhe, die sich wie die Speisekarte eines Lieferdienstes für Sushi liest, beendete ich diese Bildungstour mit der Erkenntnis, dass der Verkauf von Laufschuhen offensichtlich halbjährlichen Zyklen folgt. Also ist jetzt gerade der richtige Zeitpunkt, um nach Schuhen der vergangenen Herbstkollektion Ausschau zu halten. Ein paar Schuhe konnte ich probetragen, weshalb ich mich online durch diverse Schlussverkaufsangebote wühlte und schließlich eine kleine Auswahl an passenden Latschen in den Warenkorb verfrachtete.

Als sogenannter Überpronierer, der beim Abrollen mit den Fußgelenken nach innen knickt, habe ich mir diverse Stabilschuhe bestellt, die den Fuß beim Abrollen unterstützen sollen. Obwohl ich in meinen aktuellen Laufschuhen, die ich vor etwa einem Jahr günstig erstand und die – das weiß ich heute – eher nicht das Gelbe vom Ei waren, mit Einlagen gelaufen bin, hat sich vor einigen Wochen mein linkes Knie gemeldet. Es war schon kein gutes Omen, dass ich meinen letzten Lauf abbrechen musste und einen Tag später begannen die Schmerzen im Knie. Manchmal scheint sich der Körper rechtzeitig zu melden, bevor Schlimmeres passiert. Seit gestern weiß ich, dass ich mit dem Laufen wohl werde pausieren müssen. Aber in diesem Artikel ist gestern = morgen, weshalb ich im nicht-kursiven Teil dieses Textes noch nicht wissen kann, dass ich mir unter Umständen sogar die falschen Schuhe bestellt habe, was mir mein Orthopäde gestern mitteilte. Aus Sicht des Artikels also morgen. Das sollte klar sein.

Ich schreibe mir gelegentlich übersinnliche Fähigkeiten zu, die vermutlich weit verbreitet sind. Das dürfte jeder kennen, der mehr oder weniger unbewusst zum Handy greift, das just in diesem Moment vibriert, weil eine Nachricht oder ein Anruf eingeht. Sehr zum Schock desjenigen, der anruft, weil man unverzüglich drangeht. Ich gehe übrigens auch dran, wenn ich nicht drangehe. Das wird durch einen Mailboxtext möglich, der dem Anrufer nach dreimaligem Freizeichen (das wohl richtigerweise Freiton heißen muss) suggeriert, dass ich tatsächlich am Apparat bin.

„Ja, Manuel Höttges?………..Ah hallo. Bevor wir weiterreden: Ich kann gerade leider nicht ans Telefon gehen, aber wer möchte, kann mir gerne eine Nachricht nach dem Piepton hinterlassen. Tschö!“ 

Das Ergebnis sind diverse gereizte Nachrichten auf meiner Mailbox, weil sie beginnen, mit mir zu sprechen, und dann feststellen, dass sie auf der Mailbox gelandet sind. Meine Mutter hat es mittlerweile raus und wartet erst ab, bevor sie etwas antwortet. Das nur als Randnotiz, denn nach wie vor besitze ich übersinnliche Fähigkeiten. Beispielsweise bin ich in der Lage, genau in dem Moment aus dem Küchenfenster zu schauen, in dem der Lieferdienst mit der bestellten Ware eintrifft. Dem voraus gehen oft zig Male, die ich vergebens zum Küchenfenster renne, ohne dass Leo’s Grill (ja, der Apostroph, aber immerhin machen die gute Burger) vor der Tür steht. Aber irgendwann klappt es.

So funktioniert es auch beim DHL-Mann. Der DHL-Mann steht bei uns seit geraumer Zeit unter Beobachtung, weil er oft genug einen Zettel hinterließ, obwohl wir zuhause waren. Der DHL-Mann ist übrigens in Wirklichkeit drei verschiedene DHL-Männer + ein Aushilfs-DHL-Mann, als die DHL strock/strak/streikte. Der aktuelle ist zuverlässig und freundlich.

Das Stück Pappe ist mittlerweile zu Konfetti geworden und auf meinem Oberkörper verstreut. Plötzlich erfasst mein Unterbewusstsein eine Schwingung in der Nachbarschaft.

„Ha!“

Ich setze mich ruckartig auf. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, wirft mir einen gelangweilten Blick zu.

„Ist er wieder da?“

„Ja! Jetzt wirklich!“

„War er das nicht die letzten vier Male heute auch schon?“

„Diesmal ist alles anders!“

Ich springe auf und renne in die Küche. Weil ich nach wie vor gelegentlich meine Hausschuhe trage, die unser Laminat in eine spiegelglatte Oberfläche verwandeln, schlage ich mit der Schulter gegen unseren Flurschrank und gehe zu Boden. Ich rapple mich auf, humple in die Küche, schaue aus dem Fenster und erblicke ihn!

„ER IST DA!!! WAS SAGST DU JETZT?!“

„Das hast du ganz fein gemacht!“

Ich überhöre den Sarkasmus absichtlich, renne zur Wohnungstür und reiße unsere Garderobe zu Boden, damit ich durch den Türspion schauen kann. Ich sehe niemanden im Flur.

„Muss er nicht erstmal anklingeln, bevor er vor unserer Wohnungstür stehen kann?“

Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, hat vollkommen Recht. Als es klingelt, warte ich fünf Sekunden, damit der DHL-Mann nicht den Eindruck bekommt, ich hätte ihn erwartet. Ich springe auf und ab und öffne die Tür.

„DHL Paketpost!“, ruft der DHL-Mann von unten.

„Jo.“, antworte ich betont unbeeindruckt.

Der DHL-Mann bringt zwei Pakete in unsere Etage, was mich noch mehr freut, denn ich hatte mit nur einem gerechnet. Dass der zweite Onlineshop ebenfalls heute liefern würde, war mir nicht bewusst.

„Höffger?“

„Höttges.“

Es folgt der obligatorische Blick aufs Türschild, wo neben meinem ein zweiter unaussprechlicher Nachname prangt.

„Was steht da?!“

„Der obere Name. Das darunter ist…das ist…ja. Also nur der obere.“

Er tippt aufreizend langsam meinen offensichtlich sehr, sehr komplizierten Nachnamen in seinen Apparat und reicht ihn mir anschließend für die Unterschrift. Ich unterzeichne mit meiner gewöhnlichen Rune, die schon manchem Kassierer im Supermarkt bei der Bezahlung Rätsel aufgab. Sie ist immer anders und erinnert nicht im geringsten an Etwas, das meinem Namen entsprechen könnte. Ein Dreijähriger könnte für mich unterschreiben, wäre er in der Lage, einen Stift flüssig zu führen. Ich reiche dem DHL-Mann den Stift zurück und reiße ihm die Pakete aus der Hand, die eigentlich auf dem Boden stehen, aber in Gedanken reiße ich sie ihm aus der Hand.

„Gib her! Frohe Ostern!“

„Frohe…“

Ich schlage die Tür zu und renne mit beiden Paketen auf dem Arm zurück ins Wohnzimmer. Weil ich nicht sehe, wohin ich renne, laufe ich zunächst gegen den Türrahmen und lande auf dem Rücken. Nachdem ich wieder atmen kann, sammle ich die Pakete ein und schleppe mich keuchend ins Wohnzimmer.

„Frau, die in unserer Wohnung lebt! Staune ob meines neuen Schuhwerks, das mich erreichte! Es wird mich besser machen! Schneller, ausdauernder. Jetzt verstehe ich euch Frauen, warum ihr immer so ausrastet, wenn eine H&M-Lieferung ankommt.“

Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, lächelt mich milde an und schaut zu, wie ich voller Begeisterung die Pakete aufreiße und die Schuhkartons ordentlich nebeneinander drapiere.

„Ich freue mich ja wirklich für dich. Ganz ehrlich. Aber bevor du deine Schühchen auspackst, schaffst du erstmal dein vollgesabbertes Pappkonfetti vom Sofa. Ich fass das nicht an.“


Die Wahl fiel auf ein Schuhmodell, das meinen übrigen neongelben Laufklamotten in nichts nachsteht. Die Ähnlichkeit mit anderen Fabrikaten, die mir zuletzt über den Weg liefen, nährt den Verdacht, dass es nicht nur eine Sofabezugmafia geben muss sondern ebenfalls eine Laufschuhfarbmafia.

Ob Facebook, Twitter und Instagram bereits mit seltenen Bildern meiner Laufschuhe versorgt wurden, kann ich an dieser Stelle nicht ohne Zweifel sagen.

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23 Kommentare

  1. Aus dem Text resultieren zwei Fragen: Wie liest sich die Speisekarte eines Lieferdienstes für Sushi?
    Und (bezogen auf den Text über eure Katze von schon länger her): Rutscht sie noch immer fröhlich über euren Fußboden? 😀

    Gefällt 1 Person

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