Sonntags unterwegs – oder: Wie Herr Scheuren eine Ente wurde

HerrScheuren01

Es ist früh morgens und ich bin wach. Glücklicherweise gehöre ich zu denjenigen, die bislang jeden Morgen erlebt haben. Mal mehr, mal weniger intensiv. Einmal glaubte ich, über Nacht eine Querschnittslähmung erlitten zu haben. Es stellte sich heraus, dass mir lediglich mein Arm eingeschlafen war. Im Gegensatz zu ihm war ich sofort hellwach, denn Panik machte sich breit, als ich meinen Arm nicht spürte. Nichts ist ein effektiverer Wecker als Panik. Heute bin ich normal aufgewacht, was bedeutet, dass kurz vor dem richtigen Wecker eine zarte Melodie anschwillt, die ich bald ändern muss. Wenn man eines mit 100%-iger Sicherheit sagen kann, dann dass ein als Weckton eingestelltes Lieblingslied sehr bald nicht mehr das Lieblingslied sein wird. Die anschwellende Melodie vor dem eigentlichen Wecker hab ich mittlerweile über und auch der folgende Weckton stört mich gewaltig.

Ich schleiche durch die dämmerige Wohnung. Die Katze hat sich gerade einen Kaffee gemacht, sitzt am Küchentisch, von dem wir noch immer nicht ganz sicher sind, ob er diese Bezeichnung verdient, und blättert in der Einkauf aktuell. Regelmäßig kommt dieses Heftchen, das uns über Angebote der umliegenden Supermärkte informiert. Es ist verrückt. Früher gab es die METRO und Supermärkte. Mittlerweile gibt es die METRO (als Stellvertreter der Gewerbemärkte), Supermärkte, Markendiskounter und noch irgendwas. Ich komme nicht drauf. Diskounter! Oder Discounter.

„Wir brauchen neues Katzenlecker.“

Die Katze weiß genau, wo sie ihr Futter kaufen könnte, aber sie lässt es von uns zu sich bringen. Als Dank schifft sie uns regelmäßig in hohem Bogen aus dem Katzenklo. Immer dann, wenn sie der Ansicht ist, dass ihr Urin im Inneren des Katzenklos nicht recht zur Geltung käme. Das Arschloch. Gemeint ist die Katze.

Die Hasenfrau wird vom Hasenmann durch den Stall getrieben. Sie hat keine Lust.

„Wir müssen dem Hasenmann eine aufblasbare Gummihasenpuppe besorgen.“, gebe ich der Frau, die in unserer Wohnung lebt, zu verstehen. „Die bekommt eines Tages noch einen Herzinfarkt.“

„Die versucht übrigens gerade, sich ins Schweinehäuschen zu quetschen…“

Das Schweinehäuschen hat winzige Eingänge. Es ist ein Haus der Marke Eigenbau, das wir aus einer Schublade gebaut haben. Weil Meerschweinchen und Kaninchen oftmals unterschiedlicher Meinung sind, war uns klar, dass wir den Schweinchen eine Rückzugsmöglichkeit würden bieten müssen. Und es gab bereits Konfrontationen, in denen das Häuschen gute Dienste leistete. Denn die Öffnungen sind gerade so groß, dass die Meerschweinchen hindurchpassen. Das hat ihnen ein ums andere Mal das Leben gerettet, wenn die Hasenfrau beispielsweise mal wieder aufgeräumt hat und die Fressnäpfe aus dem Obergeschoss in die untere Etage fallen ließ.

„…und sie ist drin.“

Der arme Schweinemann wird reichlich verstört sein, dass die Welt außerhalb seines Häuschens soeben einen Hasen in den Innenraum des Häuschen gebar. Dann sehe ich allerdings, dass er sich nicht im Häuschen befindet. Die Häsin quetscht sich kurze Zeit später wieder aus dem viel zu kleinen Häuschen, sprintet durch den Stall und hüpft ins Obergeschoss. Der Schweinemann verschwindet skeptisch grummelnd im Häuschen und beschwert sich darüber, dass es darin intensiv nach Hase riecht und man diesen Geruch nie wieder rausbekäme.

Mir bleibt kaum Zeit, darüber nachzudenken, denn ich muss zur Arbeit. Auf dem Weg zum Auto überhole ich eine junge Frau, die urplötzlich zu keifen anfängt. Vermutlich telefoniert sie. Schwer zu sagen, weil man heute sein Telefon ja oftmals nicht mehr ans Ohr hält, sondern seine Umwelt mit dem Lautsprecher belästigt. Meine Ohren klingeln, weil sie die richtigen Frequenzen trifft. Schlimm. Auf unserem Autodach liegt Herr Scheuren und macht ein Nickerchen. Warum er das nicht auf seinem eigenen Wagen macht, weiß niemand aus der Nachbarschaft. Man schweigt darüber. Herr Scheuren ist eine Ente mittleren Alters und arbeitet als Versicherungskaufmann im Außendienst. Ich muss ihn aufwecken, damit er keinen Herzinfarkt bekommt, wenn ich einfach losfahre. Einmal habe ich ihn übersehen und bin mit ihm auf dem Dach die 40 Kilometer zur Arbeit gefahren. Und nachmittags wieder zurück. Herr Scheuren ist sehr faul und fliegt nur, wenn man ihn wirft.

Ich nehme einen Stock und stupse mit diesem Herrn Scheuren an einer Stelle an, die ich für unverfänglich halte. Bei Enten bin ich relativ unerfahren, wie es mit der Korrektheit aussieht. Bei Menschen ist das ja schon das Spiel mit dem Feuer.

„Herr Scheuren. Aufwachen. Ich muss zur Arbeit.“

„Ah, guten Morgen Herr Höcknes.“

„Höttges.“

„Fahren Sie zufällig durch die Stadt und könnten mich am Volksgarten rauslassen? Man hat den schönen Klaus gefunden. Tot. Ich muss da noch für die Versicherung einige Gegebenheiten verifizieren.“

Ich fahre nie am Volksgarten vorbei, wenn ich zur Arbeit fahre. Das weiß Herr Scheuren auch. Er versucht aber immer mal wieder, seine Mitmenschen für seine Zwecke auszunutzen.

„Nein, ich würde gern über die Autobahn fahren. Die ist sonntags in der Regel frei.“

„Nein, dann fahre ich selbst. Ich bin später noch am Unterbacher See. Sehen wir uns dort?“

Das Gespräch wird mir unangenehm. Herr Scheuren frönt der Freikörperkultur. Wenn ich nackte Vögel sehen möchte, bestelle ich mir ein halbes Hähnchen bei unserem bevorzugten Grill in Düsseldorf. Ich entziehe mich der Situation, indem ich ohne zu antworten in den Wagen steige. Im Auto riecht es mal wieder nach irgendetwas Nassem. Eventuell nasser Hund oder totes Tier. Ich überprüfe meine Schuhsohlen. Links ist alles unauffällig. Rechts entdecke ich einen Chihuahua, auf den ich wohl auf dem Weg zum Auto getreten bin und werfe ihn auf den Bürgersteig. Hat wohl jemand rumlaufen lassen, was ungewöhnlich ist. Denn Chihuahuas werden in Düsseldorf für gewöhnlich in Taschen umhergetragen. Dass die kleinen Ratten Beine besitzen, ist ein Fehler, den die Evolution noch bereinigen wird. Der Chihuahua rappelt sich auf und rennt kläffend zu der nun hysterisch plärrenden Tusse von gerade. Sie heißt Stella-Izabelle. Das entnehme ich der albernen Handtasche, die in der Armbeuge baumelt. In der Hand des anderen Arms hält sie ihr mit Strasssteinchen besetztes iPhone. Solche Menschen heißen meistens Stella-Izabelle.

Abends fahre ich über de Autobahn zurück nach Hause. Ich bin so in meine Gedanken vertieft, dass ich nicht bemerke, dass sämtliche Autos langsamer fahren. Plötzlich durchzuckt ein roter Blitz die Abenddämmerung. Reflexhaft entfährt mir „Expelliarmus!“, der einzige Harry Potter-Zauberspruch, der mir auf die Schnelle einfällt. Er hätte nicht unpassender sein können, denn wenn der rote Lichtblitz auf einen Angriffszauber zurückzuführen ist, wäre jede Reaktion zu spät gewesen, insbesondere der Entwaffnungszauber. Unpassend ist er außerdem, weil ich lediglich geblitzt wurde. Oder mein Nebenmann. Ich schaue nach links und tatsächlich werde ich gerade überholt. Herr Scheuren sitzt in seinem alten Volvo und scheint laut zu fluchen. Weil Herr Scheuren kreisrunden Haarausfall hat, kann ich sehr deutlich erkennen, wie sich seine Kopfhaut rot färbt. Ich bremse ab, bevor er mich sieht.

Als ich durch die Dunkelheit zur Haustür gehe, mustere ich den Neubau, der im vergangenen halben Jahr entstanden ist und mehrere Eigentumswohnungen enthält. Im ersten Obergeschoss links brennt noch eine Glühbirne. Der Innenausbau hat vor etwa drei Wochen begonnen und nun stehen täglich Transporter mit Aufschriften wie „Das Beste, was man aus Parkett machen kann“ oder „Meister Lampe – Weil Licht ohne Strom keines ist“ in unserer Nachbarschaft. Ich gehe weiter und aktiviere den Bewegungsmelder, der für nennen wir es „Beleuchtung“ sorgt. Exakt in dem Moment, in dem ich unsere Haustür erreichen werde, wird die Beleuchtung erlöschen und ich mit dem Schlüssel das Fensterglas in der Haustür zerkratzen. Es fällt mir so schon schwer genug, das Schlüsselloch zu treffen. Die Tür wurde vorigen Herbst frisch gestrichen. Rund ums Schlüsselloch wäre der nächste Anstrich fällig. Ich sollte mir angewöhnen, schneller zur Haustür zu gehen.

An der Hauswand vom Nachbarhaus lehnt ein Fahrrad. Als ich vorbeigehe, grüßt es nicht. Warum sollte es auch? Wir kennen uns kaum. In unserer Wohnung angekommen bemerke ich, dass die Meerschweinchen verschwunden sind.


Warum die Meerschweinchen verschwunden sind, Herr Scheuren auf der Autobahn fuhr und wer der schöne Klaus ist, wird hier eines Tages geklärt. Keinesfalls allerdings bei Facebook.

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8 Kommentare

  1. […] Herr Scheuren ist unser Nachbar in Düsseldorf, mittleren Alters und arbeitet als Versicherungsangestellter in der Versicherung, in der er angestellt ist. Weil vor einigen Wochen der „Schöne Klaus“, ein stadtbekannter Schwan, der im Südpark lebte, tot aufgefunden wurde und man von kaltblütigem Mord ausgeht, ist Herr Scheuren mit der reibungslosen Abwicklung dieses Versicherungsfalls betraut worden. Als ich von der Arbeit nach Hause fahre, wird das Auto, das neben mir fährt, in einer Baustelle geblitzt. Beim Fahrer handelt es sich um Herrn Scheuren. Zuhause angekommen muss ich feststellen, dass die Meerschweinchen verschwunden sind. Im Detail nachzulesen im ersten Teil „„Sonntags unterwegs – oder: Wie Herr Scheuren eine Ente wurde“. […]

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