Wie ich Heidi Klum wurde – Kühe, warum sie so ein Gesicht machen

Topmodel_II_Beitragsbild

Nachdem ich mir die Zigarette angesteckt habe, kommt eines der Mädchen auf den Laufsteg getippelt. Weil der Sender nicht möchte, dass rauchende Menschen in einer seiner Sendungen gezeigt werden, wechseln die Einstellungen zwischen dem daherstaksenden Mädchen, Micky, der mit dem Gesichtsausdruck einer Bulldogge den unnatürlichen Bewegungsablauf verfolgt, Tommy, der das Mädchen lüstern nickend und mit zusammengekniffenden Augen verfolgt, und meinem Hinterkopf. Während der ganzen Zeit huste ich absichtlich laut und provoziere damit, dass mir irgendein Niemand aus der Technikcrew die Kippe abnimmt. Nachdem ich eine Weile mit ihm gerungen habe, was man auf den Bilder nicht sehen, über die Saalmikros aber durchaus hören kann, überlasse ich ihm den Glimmstengel.

Eine Unart dieses Formats ist die Weise, wie über jemanden gesprochen wird. Es scheint gleich, ob sich die Person im selben Raum befindet. Das Gespräch wird über aber nicht mit ihr geführt. Außerdem scheint es hier angesagt zu sein, den Namen der Gesprächspartner unangemessen oft und an jeder noch so unpassenden Stelle zu erwähnen.

Micky: „Du, Tommy, der Walk war eines der besten, die wir in dieser Staffel gesehen haben.“ 

Das ist irgendsoein neues Phänomen grammatikalischer Ungenauigkeit bzw. Schludrigkeit. Die Konstruktion „eine/s/r der besten, der/die/das…“ (oder ein vergleichbarer Satzbau) ist zu einem sprachlichen Stolperstein geworden. Woran das liegen könnte, vermag ich nicht zu sagen. Möglicherweise verfügt manch einer heutzutage nur noch über die Aufmerksamkeitsspanne eines toten Wiesels und vergisst, auf was er sich beziehen wollte. Auffällig ist aber, dass vielfach mit einer unglaublichen Treffsicherheit das falsche Genus geraten wird: „…der Walk, die wir gesehen haben…“. Gntm steht dem in nichts nach.

Ich: „Herrgott!“

Tommy: „Ja, absolut, Micky. Der Walk hatte alles, was wir von Samantha E. erwartet haben. Er hatte attitude, einen edgy touch…simply ein awesome look, y’know. Samantha E. ist einer unserer besten Mädchen, Micky.“

Micky: „Totaaal, Tommy! Die Samantha E. ist wirklich meine Top-Favouritin.“

Samantha E.: „Danke euch. Das ist…“

Tommy: „Und Samantha E. ist auch ansonsten very professional, Micky. Das wird heavy für die anderen girls, nicht wahr Micky?“

Micky: „Ja, Tommy. Hahahaha!“

Tommy: „Word, Micky! Hahahaha, Micky!“

Samanta E. steht währenddessen vor der Jury und wird keines Blickes bedacht. Tommy lümmelt breitbeinig auf seinem Stuhl rum und blickt konzentriert in Richtung von Micky.

Tommy: „Aber was war da neulich los mit der Samantha E.? Beim Fotoshooting wollte sie nicht so recht aus sich herauskommen in Gegenwart des malemodels, Micky?“

Micky: „Ja, Tommy. Was war da los mit der Samantha E.?“

Ich: „Ja, was war das los?“, frage ich den Kameramann, der eben noch meinen Hinterkopf filmte.

Er kann es mir nicht sagen. Eine schwierige Situation. Wer kann Licht ins Dunkel bringen?

Samantha E.: “ Ja, also ich wollte einfach…“

Viele Köpfe wirbeln ruckartig herum und starren konsterniert auf Samantha E.

„Es spricht!“, entfährt es mir.

Samantha E.: „Meine Mutter hat mich einfach noch nie einem Typen rummachen sehen. Erst recht nicht vor Millionen von Menschen.“

Auch meine Mutter hat mich noch nie vor Millionen von Menschen mit einem Typen rummachen sehen. Ich überlege es ihr zu sagen, fürchte aber, dass mir der Sender deswegen die Hölle heiß machen würde. Wir dürfen hier nicht unnötig provozieren und durch die Zigarette dürfte ich ohnehin in Ungnade gefallen sein. Also antworte ich:

„Auch meine Mutter hat mich noch nie vor Millionen von Menschen mit einem Typen rummachen sehen.“

„CUT! Herr Röttmeier…“

„Höttges.“

„…Sie müssen einfach irgendwas sagen. Die Hauptsache ist, dass Sie mit ‚Aber deine Konkurrentinnen…‘ beginnen, was danach kommt ist relativ egal. Denn nach Ihrem Part kommt der Einspieler. Sie kennen ihn.“

Ich kenne ihn. Seit Jahren ist er gleich bzw. kaum verändert worden. Das betrifft auch Heidis Stimme aus dem Off, die seit eh und je eine unnatürliche Intonation aufweist. „Denn nur EIne…kann GERmanys next TOPmodel WERden.“

Nachdem dieser Teil abgedreht ist, muss noch etwas Stimmung gemacht werden. Die Zuschauer sind bislang nicht in der Form polarisiert, wie es der Sender gern hätte. Das liegt unter anderem daran, dass es schwer abzuschätzen ist, was als negativ und was als positiv wahrgenommen wird. Beispielsweise zeichnet sich ein Mädchen, Zoe, durch ihr loses Mundwerk und gespielte Coolness aus. Mir ist sie unsympathisch. Tommy findet sie klasse, weil die „einfach sagt, was sie denkt“. Micky und mir ist sie unsympathisch, weil sie schlicht unverschämt ist. Der Sender schenkte ihr vor Kurzem ein Auto. Völlig überraschend natürlich. Niemand konnte ahnen, dass einer der Hauptsponsoren wie in den Jahren zuvor irgendwann Karren verschenkt. Während alle übrigen Kandidatinnen in Ah- und Oh-Rufe verfielen, schaute Zoe mit dem Gesichtsausdruck einer aggressiven Kuh und sprach:

„Wollt ihr mich verarschäään?!“

Die Dankesformel der schlichten Gemüter. Später höre ich aus dem hysterischen Geblubbere nur noch „Ey verarschen?!“ heraus. Nicht, weil der Rest des vermuteten Satzes untergeht. Nein, sie sagt tatsächlich nur noch die zwei Worte: „Ey, verarschen?!“
Mir reicht es irgendwann, springe auf das Autodach, das daraufhin nachgibt und ich mich im Innenraum des Autos wiederfinde. Zumindest mit den Beinen. Das Gegackere verstummt.

Ich: „Wie, Zoe, wäre es mit einem Dankeschön, Zoe? Der Sender, Zoe, schenkt dir ein Auto. Zeig mal ein bisschen Respekt!“

Zoe: „Ähm hallooo?! Ich sage einfach meine Meinung. Ich bin nicht hier, um Freundinnen zu finden.“

Man kennt das. Wer nicht in der Lage ist, sich in gewissen Situationen zusammenreißen, schiebt es auf seinen Ehrgeiz. Tommy steht breitbeinig neben dem Auto und applaudiert. Ich kann schlecht schätzen, aber ich vermute, dass seine Füße einen Abstand von etwa drei Metern haben. Eine extrem natürliche Haltung. Eigentlich wollte der Sender im 9:16-Format senden, damit unprofessionell gefilmte Handyvideos der Kandidatinnen im Vollbild gezeigt werden können. Wegen Tommy versuchte man es erst mit 3:4, dann 4:3 und letztlich landete man bei 21:9.

„Wow, Zoe, wow! Was ein spirit! I like!“

Zoe sieht sich in ihrer Position bestärkt und fährt fort.

„Willst du Friends? Willst du Hater? I don’t care!“ 

Was auch immer das bedeuten mag, aber sie sollte nicht diejenigen vergessen, denen es letztendlich vollkommen egal, was in dieser mit ihr Sendung passiert. Nachdem alle Mädchen mit irgendeiner hochgiftigen Feuchtigkeitscreme als Lockmittel wieder in ihre Häuser getrieben wurden, besprechen wir das weitere Vorgehen.

Ich: „Wir bräuchten noch ein paar Einstellung mit mobbenden Weibern.“

Micky: „Wie wäre es, wenn sich drei Mädchen in die Badewanne setzten und sich dort ganz zwanglos unterhielten?“

Tommy: „Ja, Micky! Wow! Badewanne! Drei Mädchen! Amazing!“

Ich: „Alles klar. Ich ruf die mal eben an. Bei der Gelegenheit sollte Peggy-Joelina vielleicht nochmal ihren blöden Freund anrufen. Bunny oder Honey oder wie die ihn nennt. Da kommt eigentlich immer irgendwas Brauchbares bei raus.“

Also rufe in der Modelvilla an. Der Anruf ist nicht ganz unwichtig, denn wir müssen die Gemüter auch irgendwie wieder beruhigen, um sie in den nächsten Tagen die Emotionen wieder aufkochen zu lassen. Davon lebt diese Sendung. Vom Wechselspiel von Aggression und sanften Tönen. Zuckerbrot und Peitsche. Bei der Gelegenheit werde ich das nächste Reiseziel bekanntgeben. Es spielt kaum eine Rolle, wohin wir fliegen. Allein Betonung und Intonation lösen bei den auf Sprechmelodie konditionierten Äffchen Begeisterungsstürme aus. Es klingelt…

„Modelvilla, hallo?“

„Tach, hier ist der Chefjuror. Passt auf. (hektisches Getuschel am anderen Ende der Leitung, irgendjemand flüstert „Boah, halt doch mal die Frässäää.“) Wir kommen gleich und brauchen drei von euch in der Badewanne. Gerne mit Wasser. Und Peggy-Joelina soll ihren Freund anrufen.“

„In Deutschland ist es gerade mitten in der Nacht.“

„Darauf können wir keine Rücksicht nehmen. Sie soll ihn anrufen oder wir machen ihr die Haare noch kürzer!“

„Geht klar.“

„Außerdem haben wir ein neues Reiseziel. In eine der absoluten Fashionmetropolen der Welt. Wo sie alle hinwollen. Es geht nach…“


Wohin es geht, warum Heidi gefeuert wurde und was das alles mit Peggy-Joelinas Haaren zu tun hat, erfahrt ihr wenn überhaupt hier, aber keinesfalls bei Facebook.

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14 Kommentare

  1. Sorry, konnte nicht mehr als den ersten Absatz ertragen. Was in diesem Fall für eine extrem gelungene Persiflage des Genres spricht. Die Sendung ertrag ich nämlich auch höchstens 10 Sekunden. Wenigstens hat Dein Text nicht so eine tödliche Fiepsstimme…

    Gefällt 2 Personen

  2. Wenn man nicht lachen darf – weil der Galan an einem Kater leidet sollte man hier nicht mitlesen …
    Bei fast jeen Absatz habe ich unterdrückt geprustet – was im Endeffekt wie irgendwas zwischen Niesen und Husten klang und das ganze verschlimmerte …
    Herrlich, ich muss mir diese Sendung jetzt mal ansehen und du trägst Schuld daran.

    Gefällt 1 Person

  3. „Eine Unart dieses Formats ist die Weise, wie über jemanden gesprochen wird. Es scheint gleich, ob sich die Person im selben Raum befindet. Das Gespräch wird über aber nicht mit ihr geführt.“
    find ich auch immer wieder faszinierend!

    Gefällt 1 Person

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