Gutes tun ist so einfach, oder: Sie wissen nicht, was sie tun

2016-04-16 09.21.00

Es scheint gerade die Zeit wiederkehrender Gedanken zu sein. Nach dem langen, harten Winter, der in Deutschland nicht stattgefunden hat, kehren allmählich die Themen zurück ins Bewusstsein, die sich über den Jahreswechsel woanders hin verdrückt hatten. Keine Ahnung. In den Süden. Grundlage dieser Zeilen ist ein Gedanke, den ich schon vor einigen Monaten, als ich sternTV sah, hatte und der jetzt wieder aufkeimte. Damals und erst vor Kurzem erneut war eine Dame zu Gast, die im Rollstuhl saß und davon berichtete, bald den Jakobsweg fahren zu wollen. In Begleitung selbstverständlich. Soweit vermutlich nicht ungewöhnlich, denn ich kann mir vorstellen, dass einige Rollstuhlfahrer mit diesem Gedanken liebäugeln. Allerdings handelte es sich bei der Dame im Studio um eine Frau mit der degenerativen Nervenerkrankung ALS.

Nun bin ich niemand, der für Trends empfänglich ist, wenn man von einem Eastpak-Rucksack in der Mittelstufe mal absieht. Ein Sack, der mit Sicherheit für die eine oder andere Fehlhaltung heutiger Erwachsener verantwortlich ist. Wenig später folgte das genaue Gegenteil: Rucksäcke, die eigentlich für Wanderungen konzipiert wurden und dem (mittlerweile) Oberstufenschüler ein gewisse Sportlichkeit anhaften ließen. Im Gegensatz zum Eastpak halten diese Wanderrucksäcke einiges aus und meiner steht bei uns im Flur und hat tatsächlich noch keinen einzigen Schaden, was bei meinem Umgang mit manchen Gegenständen ein Wunder ist.

Kein Wunder war es allerdings für mich, als das öffentliche Interesse um ALS nach dem anfänglichen Hype von jetzt auf gleich abebbte. Wobei Hype im Zusammenhang mit einer Krankheit ein unglaublich zynischer Ausdruck ist, denn er verbirgt alles, was eine Krankheit ausmacht. Ebenso wie die mit der Popularität der Krankheit verbundene „challenge“, wie man neudeutsch sagt. Ich habe nichts dagegen, wenn man für die Sensibilisierung für ein Thema ungewohnte Wege geht. Das macht mitunter gute Werbung aus. Nur habe ich ein Problem, wenn die eigentliche Sache vollständig im Nebel der entstandenen Hysterie verschwindet. Und hysterisch wurde es, wenn sich junge Frauen und Männer das eiskalte Wasser über die Birne gossen. Da wurde gekreischt und gebrüllt. Letztendlich ging es nachher nur noch darum, wer sich traut und wer nicht. Später tauchten dann erste Videos auf, in denen man darauf hinwies, dass man sich nicht mit Wasser übergießen werde, aber natürlich gespendet habe.

Denn darum ging es unter anderem. Die ALS ice bucket challenge sollte primär auf die Nervenkrankheit hinweisen und als Konsequenz Spenden generieren. Sinnvoll, keine Frage. Nur verkam die Angelegenheit zur puren Spaßveranstaltung und Plattform für Profilneurotiker, die obligatorische Information über die Krankheit am Anfang wurde Nebensache oder ersatzlos gestrichen. In Deutschland sollen die Spendenaktivitäten deutlich zurückhaltender gewesen sein als beispielsweise in den USA oder Großbritannien. Das sei wohl darauf zurückzuführen, das kaum jemand wusste, was die ALSA – jene Einrichtung, die um Spenden warb – überhaupt ist, und wohin überwiesen werden sollte. Immerhin: Nationale Einrichtungen konnten kurzzeitig eine erhöhte Spendenbereitschaft feststellen.

Davon spricht heute niemand mehr. Und vermutlich weiß auch nur ein Bruchteil derer, die sich an der Aktion beteiligt haben, worum es überhaupt ging und was ALS ist. Auch ich weiß bloß, dass es diese Krankheit gibt, in deren Verlauf die motorischen Fähigkeiten eines Menschen immer weiter eingeschränkt werden. Allerdings weiß ich auch nicht so wirklich, was genau in einem Körper passiert, wenn er erkältet ist. Möglicherweise bin ich ein ignoranter Idiot. Den Vorwurf musste man sich gefallen lassen, wenn man die Art und Weise der sozial-medialen Ausschlachtung einer ernsten Angelegenheit anprangerte. Immerhin tue man ja etwas, während ich untätig bliebe.

Das ist ein mir vertrautes Muster bei moralisch prinzipiell richtigen Aktionen. Ich kenne es aus dem Tier- und Artenschutz, wo manche Organisationen mit doch eher verwerflichen und teilweise sogar illegalen Vorhaben auffallen. Darauf angesprochen, dass dieser oder jener Plan nach geltenden Gesetzen nicht durchführbar sei und die Organisationen dies sehr wohl wissen (weil darüber beispielsweise schon öffentlich debattiert wurde), kommt oft eine ähnliche Antwort:

„Ja und? Immerhin machen die was, um zu helfen!“ 

Aktionismus hat sein „-ismus“ nicht ohne Grund. „Ismen“ sind Marker für Massenphänomene. In diesem Zusammenhang wenig zielführende und teilweise bedenkliche. Denn oft werden Konsequenzen nicht bedacht oder bewusst ausgeblendet, um den eigenen Zweck zu erfüllen.

Und damit verkam die ALS ice bucket challenge zu einer Veranstaltung, die viele für ihre Selbstdarstellung nutzten. Wobei man festhalten sollte, dass das, was wir in den sozialen Medien sehen, mit der Realität einer Sache oftmals nur noch wenig zu tun hat. Ich kenne Menschen, die sich auf Facebook offen und tolerant geben und in der Realität nichts davon erkennen lassen. Oder man präsentiert sich ausgeflippt und crazy (eine Wortkombination, die in der Form oft bei studiVZ zu lesen war), während man im echten Leben ein absoluter Langweiler ist. Bin ich übrigens. Wobei das auch nicht ganz stimmt, aber man neigt schon dazu sich selbst zu überzeichnen. Das ist auch in Ordnung, aber die Diskrepanz zwischen Gezeigtem und Gelebtem sollte doch überschaubar bleiben.

Und so beteiligen sich Millionen von Menschen an einer Aktion, von der sie irgendwann selbst nicht mehr wussten, wofür die eigentlich gut sein soll. Stattdessen sollte man sich eventuell etwas Zeit nehmen und Hintergründe recherchieren. Recherche ist nicht bloß Medienangelegenheit. Wer etwas wissen möchte, der sollte selbst tätig werden oder sich dort bedienen, wo Wissen vorliegt. Dass jeder Text, jeder Beitrag, jede Dokumentation immer schon eine gefilterte Darstellung einer Sache ist, sollte jedem klar sein. Aber da wirkt sich Quantität oftmals auf die Qualität aus. Was nicht zwangsläufig bedeutet, dass wer viel liest grundsätzlich schlauer ist. Man kann auch viel Schwachsinn lesen und daraus falsche Schlüsse ziehen.

Man kann aber auch nur einen Schwachsinn machen und denken, damit sei eine komplexe Angelegenheit abgehakt. In solchen Momenten werde ich sarkastisch, weil es mich ärgert, wie wenig manchmal nachgedacht wird. Da haben sich so viele Menschen sooo viel Mühe gegeben und haben sich gegen ALS eiskaltes Wasser über die Birne geschüttet und weder konnte der Frau bei sternTV dadurch geholfen werden, noch hat sich ein Bewusstsein für die Krankheit entwickelt. Darüber sollte man nachdenken. Und darüber, dass man in einem zehnminütigen Beitrag mehr über diese Krankheit gelernt hat als bei den millionenfachen Beweisen des menschlichen Herdentriebs.

„Höhö! Witzig! Und es macht sooo aufmerksam.“

„Auf was denn?“

„Ja hier…ALS, ne.“

„Was ist das?“

„Ich glaub‘ ne Nervenkrankheit.“

„Was ist eine Nervenkrankheit?“

Hmm…


 

Ich finde es wichtig, zu betonen, dass solche Aktionen sinnvoll sein können. Ich möchte keine pauschalisierenden Aussagen über jemanden treffen, der sich daran beteiligt. Leider führt eine gewisse Eigendynamik dazu, dass in der Öffentlichkeit am Ende etwas anderes im Vordergrund steht. Ebenfalls öffentlich: Facebook.

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5 Kommentare

  1. kurz und knapp : es gibt nichts Gutes, es sei denn man tut es . Ich bin eher der Meinung wenn man für eine gute Sache spenden und werben will braucht man keine selbstdarstellungs-challenge sondern vielmehr ein Konzept hinter dem man dann aber auch voll und ganz steht .
    bei ALS fällt mir eigentlich nur Steven Hawkins ein …. vielmehr weiß ich über diese Krankheit auch nicht …. ist aber eigentlich nicht dramatisch , man muss nicht alles wissen nur sollte man , wenn man über etwas spricht, dann auch wissen worüber man spricht ….das nennt man , soweit ich mich erinnere vorab Informationen sammeln.
    schönen tag noch wünsch die immer uns überall ihre Pfotenabdrücke hinterlassende wolfcat 🙂

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  2. Sehr guter Artikel finde ich, Differenzierung liegt leider nicht jedem. Herdentrieb dagegen vielen, vielleicht sogar allen, nur manchen weniger als anderen, aber da lehne ich mich eventuell zu weit aus dem Fenster.
    In Sachen Selbstdarstellung bin ich im Übrigen gestern auch recht aufbrausend geworden…Wenn jemand „in echt“ einfach nur egozentrisch und unsozial lebt und dann von den Medien als eloquenter, erfolgreicher und fleißiger Mensch von nebenan bejubelt wird stellen sich mir einfach die Nackenhaare auf. Nun gut, in diesem Fall ging es um einen Schauspieler, der seinen Job perfekt beherrscht, wie in dieser Angelegenheit defintiv deutlich wurde.

    So, danke, dass du mir Gelegenheit gegeben hast, mich in deinem Blog auszutoben, ich hatte tatsächlich Angst bei mir in meiner Erzürnung einen nicht familientauglichen Ton anzuschlagen und daher davon abgesehen über dieses Thema zu schreiben 😉

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  3. mmmh ich hab gedacht da kommt jetzt noch was zur krankheit und vorallem der Jakobswegidee und dem Gepäck 😀 Also ich war ja nie ein Eastpackfan. Wie nimmt man denn das Gepäck mit dem Rollstuhl mit. Ich hab ca. 3 Bücher über den Jakobsweg gelesen und wollte das immer mit meinem Hund machen. Inzwischen bin ich älter und habe Kerkelings Buch auch noch gelesen wo mir dann klar wurde das ich auf keinen Fall in diesen Massenunterkünften schlafen kann.
    Aber den Jakobsweg gibts ja auch inzwischen noch woanders, sprich es wurden z.B. in Deutschland in Sachsen die alten Strecken wieder aufgenommen, das geht vielleicht besser mit dem Rollstuhl? Na aufjedenfall würde mich das interessieren.

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  4. Danke für den Artikel! Mich hat dieser Hype auch sehr genervt damals, vor allem als dann sämtliche Promis das auch noch gemacht haben. Ich wusste üüberhaupt nicht um was es da ging. Als ich es dann wusste mochte ich es trotzdem nicht. Mein Onkel hatte auch ALS und ich dachte mir nur wahrscheinlich geht es vielen so, dass sie nicht wissen um was es eigentlich geht, was die Krankheit mit sich bringt und dass sie lachen, weil es so kalt ist, aber sie nebenbei ihr facebook-profil mit einem neuen Video polieren..
    Ich hoffe es hat viele Spenden eingebracht und zumindest ein bisschen für das Thema sensibilisiert.
    Ich bin aber froh, dass doch viele die Eigendynamik dahinter erkennen und hoffe, dass in Zukunft die eigene virtuelle Handlung mehr durchdacht oder zumindest reflektiert wird.

    Ich habe übrigens den Dakine-Hype ausgelöst 😉

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