Ein leerer Abfluss und die Hausmeisterei im Allgemeinen

2016-04-19 11.44.48

Man darf niemals die Vorzüge eines Hausmeisters unterschätzen. Bislang hatte ich nur einmal eine Wohnung, bei der die Mieter für die Treppenhausreinigung zuständig waren. Weil die Frau, die in unserer Wohnung lebt, damals noch nicht in unserer Wohnung lebte, weil sie eine eigene hatte, es folglich kein „unsere“ gab und ihre Wohnung gleich um die Ecke war, hielt ich mich öfter bei ihr auf. Ich wohnte also nicht wirklich in meiner Wohnung, für die ich am Reißbrett den ultimativen Einrichtungsplan erarbeitet hatte. Die Wohnung wurde mangels Grundriss genauestens vermessen und anhand dieser Daten in Photoshop eine maßstabsgetreue Draufsicht gezeichnet. Sämtliches Mobiliar wurde ebenfalls vermessen, um auch von diesem maßstabsgetreue Grundflächen zu erstellen. Es hätte super ausgesehen. Das Appartment wäre gemütlich und modern gewesen und durch optimale Raumnutzung aufgefallen. Wie die Mustereinrichtungen bei Ikea.

Es kam nie dazu, denn ich zog irgendwann im Sommer wieder aus. Vielleicht auch im Sommer des Folgejahres. Da verschwinden die Details im Nebel der Vergangenheit. Was mir aber noch gut im Gedächtnis geblieben ist, sind die unzähligen Male, die ich den Flur im Erdgeschoss hätte putzen müssen. Ich tat es nicht, was mir mein äußerst sympathischer Vermieter irgendwie ungestraft durchgehen ließ. Ein Rechtsanwalt, den ich dreimal zu Gesicht bekam. Bei der Besichtigung, bei der Wohnungsübergabe und bei der Wohnungsübergabe an meine Nachmieterin.

Eines Tages kam ich zu einer routinemäßigen Inspektion in meine Wohnung und wurde von einem interessanten Geruch begrüßt. Lebensmittel konnten es nicht sein, denn wo kein Leben, da keine Lebensmittel. Möbel befanden sich zu diesem Zeitpunkt auch keine mehr in der Wohnung, weil ich praktisch schon bei der Frau wohnte, die damals noch in ihrer Wohnung lebte, und ich meine Wohnung schon inseriert hatte, damit sich jemand anderes an ihr erfreuen kann. Am Tag des ekelhaften Geruchs sollten mein Vermieter und eine Interessentin kommen, weshalb mir der Gestank nicht unbedingt in die Karten spielte. (Damit wären es vier Gelegenheiten, bei denen ich meinen Vermieter hätte sehen können. Aber er kam nicht, weil ihm jemand am Kotflügel touchiert hat. Ach! Wo wir gerade von Kot reden:) Nun war es Sommer und darüber hinaus eine überaus heiße Phase desselben. Wasser reagiert auf Hitze mit trotziger Verdunstung, was prinzipiell erstmal nichts Schlimmes ist. Ein Klo enthält ebenfalls Wasser, das verdunsten kann. Warum sollte es hier auch anders sein?

Wenn das Wasser, welches normalerweise den Abfluss füllt, den Aggregatzustand wechselt, werden Teile der Toilette freigelegt, die schon unzählige Male Bekanntschaft mit allerlei Unappetitlichem gemacht haben. So etwas hinterlässt Spuren, die man nicht beseitigen kann, weil sie einfach zu weit hinten sind, um erreicht zu werden. Kein Problem, solange zwischendurch immer mal wieder gespült wird und diese Bereiche vom Wasser versiegelt werden. Ohne Wasser als Geruchsbarriere verwandelt sich die Kloschüssel also in eine stinkende Höhle, die den damals 26-jährigen „Bewohner“ der Wohnung zu Würgereflexen veranlasst. Glücklicherweise gibt es Raumsprays. Vanille war es bei mir und ich verteilte 750 ml dieses Dufts auf 38m². Die Wohnung wurde anschließend vermietet, was angesichts des Puffgeruchs ein großes Wunder war.

Nie wieder putzen, was ich ohnehin nur zweimal getan hatte und beide mal mit tatkräftiger Unterstützung der Frau, in deren Wohnung ich bald offiziell wohnen würde. Und ich höre schon die verächtlichen Stimmen, die mich als unfähigen Mann identifizieren, der nicht allein putzen kann. Vollkommen richtig. Immerhin kann ich kochen.

Zurück zur Hausmeisterthematik. Als die Frau, die in unserer Wohnung lebt, und ich die erste wirklich gemeinsame Wohnung bezogen, fanden wir uns in einem gepflegten Viertel wieder, in dem viele junge Familien und einige sehr alte Menschen lebten. Viele von denen leben immer noch und die Nachbarschaft ist nach wie vor sehr gepflegt. Sämtliche Büsche, Hecken und Bäume wurden wöchentlich von einem Anlagen-Halter gepflegt. Was ist ein Anlagen-Halter? Ich weiß es nicht. Man spricht vom housekeeping, was hier nicht passen würde, denn der gute Mann – Herr Hermann – keepte nicht die houses sondern die komplette Wohnanlage. Wohnanlage ist auch nicht der korrekte Ausdruck, weil es den Eindruck erweckt, es handele sich um einen Wohnkomplex, was es nicht ist.

Jeden Dienstag röhrte Herr Hermann mit einem Laubbläser durch das Viertel, um das zuvor unter nicht minder lautem Röhren abgetrennte Zuviel von Büschen und Hecken zusammenzublasen. Es war ein lautes, nervtötendes Röhren, das aber nicht den Anteil Menschlichkeit vermissen ließ. Schließlich war es Herr Hermann, der dort röhrte. Oft sahen wir Herrn Hermann mit einer Harke an der Straßenecke stehen, sich mit Nachbarn unterhaltend, rauchend. Rauchen ist ungesund. Herr Hermanns Rauchen war gesund und vermutlich leben die sehr alten Menschen in unserer Nachbarschaft nur deswegen noch, weil Herr Hermann sie mit seinem lebensspendenden Qualm vitalisierte.

Er grüßte immer und jeden. Selbst diejenigen, die nicht hier wohnten, was nicht selbstverständlich ist, weil sich hier manchmal sogar die Nachbarn nicht gegenseitig grüßen. Man kennt sich, aber manchmal wirken die Augen der Mitmenschen auf die eigenen wie gleichpolige Magneten. Sie stoßen sich ab. Damit muss man wohl leben. Herr Hermann war auch für die Treppenhausreinigung sämtlicher Wohnhäuser zuständig, was geschäftsmäßiger klingt, als es war. Denn bei der durchgehend zweigeschossigen Bebauung befinden wir uns hier in einem Viertel, das äußerlich den Eindruck erweckt, spießig zu sein. Kleinfamilien in Kombis und SUVs, die in einer Großstadt mit Sicherheit irgendeinen Sinn erfüllen; die SUVs. Herr Hermann putzte die Treppenhäuser wie ein etwas zu dicker, liebenswerter Engel in Jeans und T-Shirt, der mit Mitte 40 Treppenhäuser putzt.

Heute ist Dienstag und es röhrt in der Nachbarschaft. Allerdings ist es ein kaltes Röhren. Ein zu technisches, das falsch klingt. Es ist irgenjemand, der da das Laub zusammenpustet. Es ist nicht Herr Hermann. Herr Hermann wurde lange nicht mehr gesichtet. Er ist einer Rationalisierungsmaßnahme zum Opfer gefallen und wir haben die Befürchtung, dass es unsere Schuld ist. Herr Hermann wird nie wieder mit seinem Putzgerät gegen unsere Wohnungstür bollern. Das übernimmt jetzt die Objektbetreuung Doerrmeyer & Co. Doerrmeyer & Co. kommen jeden Dienstag in einem schwarzen Transporter angefahren und der spuckt die vermutlich in Zeitarbeit eingestellten Mädchen für alles aus. Diese begeben sich sogleich ans Werk und spüren mit klinischer Genauigkeit die ihnen zuvor berichteten Mängel auf und beseitigen sie. Da wird nicht zwischendurch mit dem Besen an der Hauswand gelehnt und geraucht. Es wird gearbeitet. Die Grünanlagen werden gepflegt, das Laub zusammengeblasen und die Mülltonnen raus- oder wieder reingerollt. Die Mülltonnen haben jetzt einen Aufkleber, der jedem mitteilt, dass hier nun Doerrmeyer & Co. ihr Zepter schwingen. Früher wusste jeder, dass Herr Hermann dafür zuständig ist. Dazu brauchte es keinen schwarzen Aufkleber.

Das Schlimme ist, dass wir uns für diese unerfreuliche Wendung eine Mitschuld geben dürften. Wir laborieren nach wie vor an den Folgen eines Wassereinbruchs im Keller vor beinahe zwei Jahren, dessen Ursache bis heute nicht behoben ist. Weil sich unsere Hausverwaltung knapp ein Jahr Zeit ließ, bevor sie Maßnahmen einleitete, die ein weiteres Eindringen von Wasser durch die Hauswand verhindern sollen, sind wir beim Mieterverein vorstellig geworden. Der sollte uns ein Druckmittel sein, damit endlich etwas geschehe, zumal uns ein nicht unerheblicher Schaden an den im Keller gelagerten Gegenständen entstanden war. Wir haben also über den Mieterverein Druck auf die Hausverwaltung ausgeübt. Dieser schaute sich auch Nebenkostenabrechnungen und Mietvertrag an und stellte fest, dass dort Dinge als Hausmeisterleistung abgerechnet werden, die nicht auf die Mieter abgewälzt werden dürfen.

Diese Beanstandung der Nebenkostenabrechnung ließ der Mieterverein der Hausverwaltung zukommen, was wahrscheinlich eine Kettenreaktion auslöste. Möglicherweise erachtete man den Leistungskatalog von Herrn Hermann für den bisherigen Preis für unverhältnismäßig. Darüber kann man nur spekulieren. Zwei Wochen später war es dann eben nicht mehr Herr Hermann, der seinen Laubbläser schwang. Nun sind es Doerrmeyer & Co., die nach einem genauen Zeitplan ihre Checkliste abarbeiten, um der Nachbarschaft am kommenden Dienstag zur gleichen Zeit mit mechanischem Lärm wieder zu demonstrieren, dass das freundliche Gesicht des Viertels in der heutigen Zeit keinen Platz mehr hat.


Mehr wunderbare und -same Herren aus unserer Nachbarschaft gibt es hier und eventuell auch da.

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