Leere

2016-05-03 14.52.02

Manchmal gibt es so Phasen, in denen irgendwie nichts so recht laufen mag, wie es sollte. Jammern auf höchstem Niveau, weil es sich hierbei um vorwiegend unerhebliche Dinge handelt. Dass kein Text zustande kommen will, dass die Steuerklärung gemacht werden möchte, dass montagsabends eine Sendung lief, deren Konzept sich mir bis zum Staffelende nicht erschloss, dass analog zu meiner Freizeitschriftstellerei auch die Masterarbeit lahmt. Global, international, national, regional, ja sogar kommunal höchst unerheblich. Erheblich für mich. Ich scheitere gelegentlich an meinen eigenen Ansprüchen an mich und mein Schaffen.

Dann und wann schlage ich Forschungsliteratur auf, lese einen Absatz, befinde ihn für relevant, beginne einen Satz, breche ihn ab, lösche ihn, beginne ihn neu, um anschließend daran zu verzweifeln, dass mir die Worte fehlen, um die Aussage des gelesen Absatzes angemessen zu formulieren. Dann schlage ich den Laptop zu und pfeffer das Buch auf die andere Seite des Sofas. Und ich verfluche Goethe, dass er so schwer zugänglich ist. Seine Werke wie auch er, denn er ist längst unter der Erde. Unerreichbar. Meinem Ärger darüber kann ich aber nicht im vernünftigen Maße Luft machen, denn ich weiß, dass es meine Unzulänglichkeit ist, die mich daran hindert, diesen blöden ersten Satz zuende zu schreiben. Morgen werde ich es erneut versuchen und es wird funktionieren.

(Liebe Uni-Bibliothek,

sämtliche Schäden an der ausgeliehenen Literatur waren schon vorhanden. Die Bleistiftnotizen in „Der Einzelne und die Gesellschaft in Goethes Wahlverwandtschaften“ befanden sich schon vor meiner Ausleihe auf Seite 18.)

Man schreibt nicht in Bücher, sofern es nicht seine eigenen sind. Darüber könnte ich mich hervorragend aufregen, weil es die eigene Rezeption massiv beeinflusst. Mein betreuender Professor wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass viele nach der Strategie verfahren „Was ein anderer schon markiert hat, kann so falsch nicht sein.“ und dass dies ein Trugschluss ist. Man kann sich nur schlecht dagegen wehren, dem Aufmerksamkeit zu schenken, was ein Anderer schon markiert hat. Das nervt, weil da manchmal Dinge stehen, die für mich nicht relevant sind, aber durch die optische Hervorhebung intensiver wahrgenommen werden.

Der eigene Anspruch steht mir aktuell auch im Weg, wenn ich für den oder das Dampfbloque schreiben. Dieser Beitrag ist im Grunde das Druckablassventil für eine gewisse Unzufriedenheit. Mich stört mein mangelndes Durchhaltevermögen, dass mich seit einigen Tagen plagt. Ich mache mir eigentlich kaum Druck, etwas zu veröffentlichen, aber nehme wahr, wenn es mir nicht gelingt, einen Beitrag zum Abschluss zu bringen. Allein in den vergangenen drei Tagen habe ich sechs Beiträge begonnen und gelangte bei jedem irgendwann an einen Punkt, an dem ich mir dachte, dass der Beitrag so nicht veröffentlicht werden kann. Über das Warum kann ich nur im Vagen bleiben, weil ich es selbst nicht konkretisieren kann: Sie verlieren sich in Belanglosigkeiten. Ich schweife gern einmal ab, aber finde immer wieder zurück. Thematische Schlenker sind für mich kein Merkmal eines misslungenen Beitrags. Aber wenn ich beispielsweise merke, dass ich einen Artikel in einem Ton beginne, den ich nicht bis zum Ende beibehalte (etwa weil die Stimmung umschlägt), gefällt er mir nicht mehr.

Als hätte jemand einen Schalter umgelegt, fehlt mir seit einigen Tagen die Konsequenz, Beiträge „rundzulutschen“, wie es der fiktive Autor Hank Moody einst in Californication ganz treffend ausdrückte. Ich winke ab und informiere die Frau, die in unserer Wohnung lebt, darüber, dass das heute nichts wird. Dass es nicht gelingen will und ich es deshalb für heute aufgebe. Ich bringe solche Momente oft in Zusammenhang mit geringer Ablenkung, was vollkommen paradox ist. Fokussierung zeichnet sich vor allem dadurch aus, gegenüber Ablenkungen unempfindlich zu sein. Allerdings stimmt es schon, dass ich prinzipiell produktiver bin, wenn ich mich woanders aufhalte oder den Tag über irgendwas getan habe, was nicht unter die Kategorie „Routine“ fällt. Gestern besuchte ich meine Oma. Es gibt Spannenderes. Und trotzdem konnte ich anschließend, als ich versuchte, die mir aufgenötigten fünf (!) Spiegeleier mithilfe eines Kaffees beim Bäcker zu verdauen, ein paar Dinge aufschreiben. Vielleicht wird daraus etwas. Vielleicht auch nicht. Denn als ich gestern nach Hause kam, war der kreative Schwung verpufft.

Und dann frage ich mich, ob ich jetzt aus irgendeinem Grund depressiv werde. Jeder Hobbypsychologe würde mir diese Vermutung wohl bestätigen, wenn er die Schlagworte „Sarkasmus“, „Antriebslosigkeit“, „Leere im Kopf“ und „Masterarbeit“ hört. Der Sarkasmus war schon immer da, wofür ich meiner Mutter enorm dankbar bin. Der ist also nicht akut. Der ist chronisch. Glücklicherweise. Das andere ist immer mal wieder akut, aber rechtfertigt keine Diagnose, die mich als depressiv entlarvt. Das ist Quatsch. Würde ich mal darauf achten, ich würde vermutlich diverse Intoleranzen feststellen. Mit Depressionen, die ich mir fälschlicherweise unterstelle, ist es ebenso. Ich neige zur Melancholie, aber das tun viele Menschen. Ich halte das für eine gute Eigenschaft an mir. Phasen fehlender Kreativität als Anzeichen einer Depression zu deuten, ist absoluter Unsinn. Es gibt Menschen, die sind vollkommen unkreativ und die sind nicht pausenlos unglücklich. Halten wir also fest: Wenn ich mich frage, ob ich depressiv bin, weil ich gerade mal keinen Beitrag zusammengefriemelt bekomme, ist das a) der blanke Hohn denjenigen gegenüber, die tatsächlich unter depressiven Phasen leiden und b) Unsinn.

Ich muss mich trotzdem gelegentlich daran erinnern, dass Momente, in denen ich innerlich und äußerlich die Hände über dem Kopf zusammenschlage, weil das geistige Treibholz im Kopf nicht zum eigenständigen Artikel taugt, vor allem nur eines sind: Momente. Man vergleicht sich dummerweise mit anderen Menschen. Man sagt – und das ist vermeintlicher Tenor einer vermeintlich gesamten Generation – das solle man nicht tun und viele, viele Angehörige meiner Generation werden vor allem medial nicht müde, ihre Scheißegal-Mentalität zu lobpreisen. Nun identifizieren wir uns ein stückweit auch durch Wettbewerbe. Explizite und implizite. Mannschaften treten beim Sport gegeneinander an oder Menschen vergleichen sich mit anderen. Und wenn ich betrachte, dass andere Menschen scheinbar an mir vorbeiziehen, während ich – ebenfalls scheinbar – auf der Stelle trete, dann bewundere ich das. Denn ich will auch. Im Großen wie im Kleinen.

Im Kleinen registriere ich um mich herum ausgeprägte Schaffensphasen diverser Blogs. Das ist wahrscheinlich das Unwichtigste, was einem überhaupt auffallen könnte. Aber vorwerfen kann man es mir nicht, denn das ist nunmal ein Bereich, dem ich mich widme. Im Großen will ich endlich fertig mit der Uni sein. Diesem Freizeit- und Feierabendkiller. Es gab in den letzten Jahren nur selten Momente, in denen ich wirklich vollkommen entspannt auf dem Sofa rumgammeln konnte, weil ich wusste, dass nichts mehr zu tun ist. Es gab eigentlich immer etwas zu tun.

Was will uns der Autor damit sagen? Völlig egal. Ich musste die geistigen Kissen mal ordentlich aufschütteln. Hab ich hiermit getan. Vielleicht läuft es ab jetzt wieder. Heute Abend geht es ins Theater. Wer weiß schon, wohin ein Theaterbesuch führen kann?

Und ab dafür!

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9 Kommentare

  1. Statt Depressionen tippe ich auf ein inneres Signal, mehr auf Wohlfühlen statt auf Leistung erbringen zu achten. Das sieht mir ganz danach aus, denn die Signale an allen Ecken und Enden sind klassisch. Ich empfehle ein großzügig abgeschnittenes Scheibchen Wohlfühl-Schlemm-Lieblingszeugs-machen. Solange bis der erwünschte Flow wieder „flowt“. 🙂

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  2. „Kopf hoch“ – Gänsefüßchen weil ich glaube das es nicht notwendig ist 🙂
    Dafür haust du dann wieder Knallerbeiträge über Dich als Heidi Klum raus, die vor Witz und Sarkasmus bei so manchem Leser die Notwendigkeit zur Folge hat, sein Lächeln mittels Kieferorthopäden abzuschrauben …

    … An dieser Stelle sei mal gesagt das ich unter anderem noch immer an den brennenden Einkaufswagen, den Dornenbusch und das tote Rotkelchen denken muss 😀

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  3. Fertigseinwollen ist wichtig und ein Durchhänger in dieser Phase hat vielleicht einen tieferen Sinn. So ein gesunder Überdruss, denn man braucht, um auch tatsächlich fertig zu werden. Sonst würde man bis ins Unendliche prokrastinieren. Zusätzlich gibt es als emotionalen Tritt solche psychologisch wichtigen Zeitpunkte bis zu denen man fertig sein oder wenigstens abgegeben haben will. Vor dem Urlaub, vor Weihnachten, … Zur Belohnung gibt es die Geburtstagsfeier, ohne dass Arbeit im Hintergrunde lauert. Zum Atemholen.

    Letztes Jahr war ich auf einem Seminar, wo es um das Betreuen von Studenten ging, da kam dieser Natur-Geisteswissenschaften-Kulturunterschied manchmal sehr deutlich raus. Da habe ich den Eindruck bekommen, dass Euresgleichen sehr viel allein im Kämmerchen mit dem Thema kämpfen muss. Daraus resultieren mehr oder minder erfolgreiche Betreuungskonzepte bei denen unsereins nicht wirklich versteht wozu sie gut sein sollen. Ich glaube als Student in den Naturwissenschaften hat man es einfacher mit der Masterarbeit, weil man zwar auch einsam und alleine schreibt, aber beim Erarbeiten der Inhalte mehr in einer Gruppe arbeitet.

    Öhm, ich geh gleich nochmal fragen, ob meine Studis das auch so sehen 😉

    Aber provokativ gefragt: Wieso glaubst Du, dass das mit dem Immer-was-zu-tun-geben nach der Uni besser wird? Oder anders provokativ: willst Du das?

    Aber so wie Du aus der Leere noch einen gelungenen und launigen Blogbeitrag zauberst, wird das auch mit dem sperrigen Goethe noch was werden.

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  4. Ein lautes – in Wort und Schrift – schriftlich festgehaltenes Selbstgespräch beruhigt die Nerven und die Unwelt. Warum? Solche oder ähnlich Zuständes des Seins gehören zum Prozess der Kreativität und des inneren Wachstums. Von daher – viel Freude im Theater. Schön, wenn auf anderen Brettern die Welt zur Bühne wird.

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