Arzt müsste man sein…oder Verkäufer

2016-05-09 16.26.58

In den Grundzügen ihrer Arbeit besteht zwischen Ärzten und Verkäufern kein signifikanter Unterschied. Beide sitzen in ihren Geschäftsräumen und ohne Geld können sie wenig machen. Ganz so einfach ist es dann vielleicht doch nicht, aber der heutige Tag beweist eines: Was dem Arzt sein Patient, ist dem Verkäufer sein Kunde. Der Verkäufer hilft gern, weil es ihm den Verkauf der Ware verspricht. Der Arzt hilft auch gern. Oder verweist auf einen anderen Arzt, der das besser kann als er oder sich zumindest des Patienten annimmt. In den vergangenen Monaten habe ich eines gelernt: Befunde sind der Untergang des Patientengesprächs. So auch heute, als ein Arzt zur Besprechung eines Befunds lud, den ein anderer Arzt anhand von MRT-Aufnahmen erstellte. Es wurde tatsächlich lediglich der Befund besprochen, was bedeutet, dass man zwei Wochen auf einen hoffentlich erkenntnisbringenden Termin hinfieberte, bei dem die Formulierungen des vorliegenden Befunds (ohne Befund) mit anderen Worten wiedergegeben wurden. Kurioserweise war der Arzt in der Lage, auf Nachfrage Dinge auszuschließen, die weder im Befund standen, noch während einer Untersuchung (die nicht stattfand) abgeklärt wurden. Weil die Frau, die in unserer Wohnung lebt, leicht auf Krawall gebürstet war, fragte sie ein wenig provokant nach.

„Ach, also haben Sie sich die Aufnahmen doch angeschaut?“

Hatte er nicht. Er vertraute darauf, dass der Radiologe eventuelle Auffälligkeiten im Befund vermerkt hätte. Nun ist der Radiologe in erster Linie Fachmann für die Darstellung vom Inneren des Körpers. Wüsste er über sämtliche Krankheitsbilder Bescheid, wäre er die eierlegende Wollmilchsau und würde nicht an einen Facharzt vertrösten.

Wer niemals vertröstet, ist der Verkäufer im Elektronikfachmarkt. Seit geraumer Zeit möchte die Frau, die in unserer Wohnung lebt, ein Tablet haben, weil es ihr im Arbeitsalltag eine große Hilfe wäre. Außerdem könnte sie dann darauf ihr Hühnchenspiel spielen. Es heißt nicht Hühnchenspiel, ich nenne es aber so. Dürfte Farmville sein. Aber es kommen Hühnchen darin vor, also ist es das Hühnchenspiel. Man benötigt für das Spielen des Hühnchenspiels mit Sicherheit kein Tablet. Ich benötige aber fürs Laufen auch mit Sicherheit weder Pulsmesser, noch Schrittzähler, noch gute Schuhe. Aber es erhöht den Spaß. Also gönnt man sich diese Dinge und verzichtet an anderer Stelle auf Verzichtbares.

Ich beispielsweise verzichte ich seit geraumer Zeit auf den Gebrauch von Rasierern in meinem Gesicht. Das schont die Klingen ungemein und man kann sich viel länger noch mit den Klingen Verletzungen an empfindlichen Stellen zuziehen. Der Nebeneffekt ist das Ergebnis der Aufgabenverteilung unserer Vorfahren: Bart. Ich lasse ihn mir stehen. Und was anfänglich lediglich toleriert wurde, hat mir die Frau, die in unserer Wohnung lebt, gestern abend erst als durchaus gutaussehend bestätigt. Er solle nicht zu lang werden, aber sie findet, dass er bleiben kann, was wie gesagt am Anfang noch nicht so deutlich gesagt wurde. Also bleibt er. Diesen Entschluss hatte ich ohnehin schon im Vorfeld gefasst, denn ich bin immer mehr davon überzeugt, dass ich ihn tragen kann. Es gibt Menschen, denen steht Bart, und solche, denen auch fehlender Bart gut zu Gesicht steht. Ohne Bart führe ich über meinem Hals das Antlitz eines Fötus‘ spazieren, was maßlos übertrieben ist, aber mir als Argument genügt.

Ich glaube, man darf sich auch ruhig als Mann mal vollkommen öffentlich dazu bekennen, dass man sich in Ordnung findet. Frauen dürfen das ja auch. Sogar die mit Bart. Außerdem versetzt mich der Bart in eine Lage, die ich vor Kurzem noch für mich ausgeschlossen hatte. Kurze Hose in Kombination mit einem Hemd. Ich trage gern Hemden, weil sie was hermachen. Kurze Hosen trage ich ungern, weil sie etwas Jugendliches an sich haben. Etwas negativ Jugendliches. Lange Hose und Hemd erwecken allerdings den Anschein, ich wäre ein Banker. Und ich möchte neben der Frau, die in unserer Wohnung lebt, nicht vollkommen deplatziert wirken, die übrigens kein Banker und deshalb völlig normal gekleidet ist. Letztes Jahr noch hätte ich mich nicht gewagt, in kurzer Hose und Hemd vor die Tür zu gehen. Weil ich nun aber bärtig bin, kam es gestern zum ersten Testlauf. Und er war erfolgreich. Es hat also Vorteile, ein Hipster zu sein, der ich nicht bin. Wäre ich einer, hätte ich den Trend mit kurzen Hosen und Hemden schon lange bevor es Trend wurde entdeckt und für mich beansprucht. Es ist aber noch nicht einmal ein Trend. Also worüber reden wir dann hier?!

Niemand hat mich bisher einen Hipster genannt. Bis auf die am Endes dieses Beitrags über „Den mexikanischen Clown – Das Leiden eines werdenden Bartträgers“ gesammelten Zitate blieb es bislang erstaunlich ruhig. Man grüßt mich mittlerweile in Düsseldorf Oberbilk, aber das muss nichts heißen. Weil ich nun als Bartträger in kurzer Hose und Hemd die positive Außenwirkung eines junggebliebenen Erwachsenen habe, trete ich auch im Elektronikfachmarkt ganz anders auf. Allerdings erst im zweiten Elektronikfachmarkt, den wir aufsuchten, denn im ersten versagte meine Außenwirkung und veranlasste den dortigen Verkäufer dazu, äußerst unflexibel zu werden, was ihm leicht fiel, denn er war es von Anfang an.

„Am Preis können wir nichts machen.“

„Angenommen wir kauften das Tablet und die zugehörige Hülle für…sagen wir…drölfhundertdrölfzig Mark.“

„Kann ich nicht machen. Wir sind da schon in einem sehr niedrigen Bereich. Und mit der Virensoftware, die Sie mitgeliefert bekommen, erhalten sie schon einen Rabatt.“

„Haben Sie das Gerät denn vorrätig?“

„Ich schaue nach…nein.“

„Dann schlage ich vor, Sie verkaufen uns das Vorführgerät für drölfhundertdrölfzig Mark plus die Hülle.“

„Nein, der Preis steht fest, denn neue Ware wurde bestellt und müsste in den kommenden Tagen ankommen. Und selbst wenn nicht: Ich bin sehr unflexibel, wissen Sie?“

Also ab zum Marktführer, der mir allein farblich schon mehr zusagt. Und urplötzlich war meine Außenwirkung wieder da. Wir wurden umfangreich beraten, was vermutlich daran lag, dass ich über die Regale hinweg mit meinem Hemd unfassbar seriös aussah. Der herbeigeeilte Verkäufer fasste schnell Vertrauen, was unter Umständen auch an der Frau, die in unserer Wohnung lebt, lag, die nunmal deutlich attraktiver als ich ist. Und wie man so fachsimpelte, machte der arme Kerl nach etwa zwanzig Minuten den Fehler, uns mitzuteilen, dass das gewünschte Gerät vor einer Woche erst zu einem Spottpreis im Angebot war.

„Alles klar! Machen wir!“

„Das Angebot läuft aber nicht mehr.“

„Nicht schlimm. Wir nehmen das auch so für den gesenkten Preis.“

„Ihr macht mich fertig. Ich frage mal nach.“

„So sind wir.“

Wir sind uns über den Verhandlungsspielraum der Verkäufer durchaus im Klaren, weshalb es keine unfassbar große Leistung ist, Preise zu drücken. Zumal die Konkurrenz das gewünschte Gerät tatsächlich günstiger anbietet, was wir dem Verkäufer noch als Entscheidungshilfe hinterherriefen. Als er zurückkehrte bestätigte er uns, das wir das Tablet zum Preis der Konkurrenz bekämen.

„Und ihr bekommt noch einen Einkaufsgutschein im Wert von drölfzig Mark dazu.“

„Fein gemacht. Ist die Währung verhandelbar?“

„Nein!“

„In Ordnung. Aber wo wir gerade hier sind, würden wir dich bitten, einmal kurz einen Blick auf diese MRT-Bilder zu werfen…“

Er weigerte sich. Aber das tat der Arzt von heute Mittag auch. Und der hätte uns tatsächlich in der Hinsicht beraten können, was er nicht tat. Vielleicht sind Ärzte und Verkäufer prinzipiell doch grundverschieden.


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16 Kommentare

  1. man merkt ich bin schwer übermüdet 🙂 Artikulation fällt mir heute offenbar nicht nur im Büro schwer 😀
    das mit dem rot hatte ich nicht gleich gecheckt und als ich dann las – farblich mehr zusagt – dachte ich an die Hautfarbe … wie gesagt übermüdet 🙂

    Gefällt 1 Person

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