Der mexikanische Clown – Das Leiden eines werdenden Bartträgers

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Manchmal liegen Beiträge wochenlang in der Schublade und warten darauf, veröffentlicht zu werden. Dabei warte ich auf den optimalen Zeitpunkt, der aber nicht kommen will. Da ich seit vorgestern auf Facebook keine Beiträge mehr teilen und mir Facebook keinen plausiblen Grund nennen kann, dürfte der optimale Zeitpunkt ohnehin nicht jetzt sein. Weil ich aber ungeduldig bin und man ehrlicherweise bei einem Großteil meiner Ergüsse sagen kann, dass es mehr oder weniger egal ist, wann sie ihren Weg ans Licht der Welt antreten, ist es eben heute soweit. Unpassender oder passender könnte der Zeitpunkt kaum sein, denn just heute veröffentlichte ein anderer Blogger einen thematisch passenden Artikel. Das ist mir oftmals etwas unangenehm, weil ich keinesfalls den Eindruck erwecken möchte, ich würde mich an anderen orientieren oder ihnen nacheifern.

Und jetzt? Keine Ahnung. Mir wächst auf jeden Fall ein Bart, der unfreiwillige Düngung durch in ihm verbliebene Speisen erfährt.


„Hatte ich vorhin auch schon Reis an der Nase?“

„Was?!“

„Dieses asiatische Getreide.“

„Nicht mehr als sonst.“

„Im Ernst, wenn sich häufiger Lebensmittel in meinem Gesicht befinden, muss ich das wissen.“

Das dürfte in Zukunft öfter vorkommen. Es begann mit Puderzucker eines Berliners, den ich im Februar arglos aß und aufgrund dessen den übrigen Tag mit weißbestäubten Haaren unter der Nase verbrachte. Niemand hielt es für nötig, mich auf diesen Umstand hinzuweisen. Einzig die Tatsache, dass es niemandem aufgefallen wäre, weil Karneval war, stimmt mich milde. Heute erst wies mich die Frau, die in unserer Wohnung lebt, auf ein Stück Vollnussschokolade am Kinn hin. Zwar ohne Nuss, aber ich deute es als ersten Erfolg auf einem steinigen Pfad, der noch vor mir liegt. Der Bart scheint ein hochgradig zwiespältiges Thema zu sein, zumal er nicht bei jedem befriedigend wächst.

Auch mein Vater gab mir nicht gerade die besten Gene für einen prächtigen Bartwuchs auf den Lebensweg. So weit ich zurückdenken kann, trug er keinen Bart. Nach eigener Aussage waren seine Versuche, sich einen Bart stehen zu lassen, nie von großem Erfolg begleitet, weshalb er später auf ihn verzichtete. Wenn ich darüber nachdenke, könnte auch meine Mutter für meine noch nicht wirklich flächendeckende Gesichtsbehaarung verantwortlich sein. Die Erbinformation für den Haarausfall beispielsweise werden schließlich mütterlicherseits weitergegeben. Das ändert meine prinzipiell schlechten Aussichten in Bezug auf sichtbare Männlichkeit im Gesicht nicht wirklich, denn auch meine Mutter trägt seit jeher keinen Bart.

Das allerdings sagt viel über uns Menschen aus. Denn dass der Zipfelträger obendrein noch Wolle unter der Nase trägt, hat einen evolutionären Grund. Ich habe gerade kurz nach diesem Grund gegoogelt. Müsste ich eigentlich nicht, weil ich eine sehr schlüssige Erklärung dafür habe, die sich in der Tierwelt bestätigt, aber es kann nie schaden, die eine oder andere Tatsache in seine Argumentation zu bemühen. Gerade heutzutage, da einem jeder durchs Hörensagen mitgeteilte Furz für bare Münze verkauft wird. Habe gehört, dass Bartträger aggressiv sein sollen. Da ist allerdings was dran. Das müssen sie auch sein, weil sie immer schon der pöbelnde Part der Menschheit gewesen sind. Und sie mussten pöbeln, um den Dinosaurier zu provozieren, damit dieser – rasend vor Wut – leichter erlegt werden konnte. Heute gibt es keine Dinosaurier mehr. Der Bart ist noch da. Er scheint also sehr intelligent zu sein.

Wie erwähnt googelte ich danach und stieß auf eine Erklärung, die im Grunde keine ist: Weil die Männer immer schon haben jagen gehen müssen, seien sie grundsätzlich sportlicher gewesen und produzierten deshalb mehr Testosteron. Testosteron und Bartwuchs seien irgendwie gekoppelt. Weshalb man überhaupt Haare im Gesicht hat, wenn diese eigentlich nur hormonelle Nebenprodukte sind, bleibt unklar.

Glücklicherweise interessieren mich halbgare Argumentationen nur wenig, wenn ich ohnehin schon von meiner eigenen voreingenommen bin. Die da wäre:

Früher, als wir noch auf den Bäumen gelebt haben, war es schon die Aufgabe der Männer, die Gruppe zu beschützen. Das mag heutzutage dem einen oder anderen bitter aufstoßen, weil es mittlerweile und berechtigterweise (warum auch nicht?) eben nicht ausschließlich Männersache ist, für die Familie zu sorgen, aber darum geht es nicht. Nun ist es so, dass vielen Tieren und auch uns Menschen die relativ blöde Eigenschaft gemein ist, dass wir den Löffel abgeben, wenn uns jemand so richtig saftig in die Kehle beißt. Dummerweise wissen das auch Raubtiere und Angreifer. Wohl dem, dem die Natur in dem Bereich eine flauschige Rüstung auf den Lebensweg gab. Diese Extraportion Haare hat sich bis heute bei uns Männern gehalten. Schonmal gesehen, dass einem Bartträger in die Kehle gebissen wurde? Nein? Aha! Traut sich eh niemand, weil Bartträger so aggressiv sind.

Wer nicht glauben kann, dass wir nach so langer Zeit noch eindeutige evolutionäre Überbleibsel am Körper tragen, der möge sich die Frage stellen, warum unser Blinddarm nur noch zum Teil die Verdauung unterstützt oder wie es sein kann, dass wir unsere Ringfinger nicht auseinanderkriegen, wenn wir die Handinnenflächen aufeinanderlegen und nur die Mittelfinger verschränken.

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Was die Essensproblematik angeht, bin ich noch unerfahren. Ich muss noch lernen, was es heißt, mit einem Bart zu speisen, weshalb ich auf die aktive Mithilfe der Frau, die in unserer Wohnung lebt, angewiesen bin. Die Flaschenöffnung von Müller Milch kollidiert beispielsweise mit dem Oberlippenbart. Mit meinem. Ich muss das Trinken neu erlernen. Probleme, die laut der Frau, die in unserer Wohnung lebt, hausgemacht sind. Die war alles andere als hellauf begeistert, als ich erstmals mit zartem Teenager-Flaum über der Oberlippe unter ihre Augen trat. Da sie sich zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus befand, hatte ich barttechnisch einen Freifahrtschein. Das teilte sie mir auch umgehend mit, was im Umkehrschluss hieß „Wenn ich wieder draußen bin, kommt der Quatsch da weg!“. Der Quatsch ist geblieben.

Es war nie mein Plan, mir einen Bart wachsen zu lassen. Es war lediglich die Folge meiner Faulheit und meiner grundsätzlichen Meinung, dass mein Gesicht nach erfolgtem Kahlschlag unfassbar fett und kindlich aussieht. Deshalb hatte ich mich vor Jahren schon für die stoppelige Variante entschieden. Was jetzt folgt, ist lediglich die logische Konsequenz. Mein Umfeld nahm es nüchtern auf:

Freund #1: „Du hast da was.“

Freund #2: „Heute morgen keine Zeit gehabt?“

Bruder (zu seiner Freundin): „Warum darf der das und ich nicht?!“ 

Schwester: „Oh, wie flauschig!“ 

Freund #3: „Seit wann? Warum?“

Mutter: „Was sagt denn die Frau, die in eurer Wohnung lebt, dazu?“

Die Frau, die in unserer Wohnung lebt: „Du siehst aus wie ein mexikanischer Clown.“ 

Zu letztem Kommentar muss ich die Information ergänzen, dass ich zu diesem Zeitpunkt einen Strohhut trug. Der liegt hier seit Monaten rum und ich habe keine Ahnung, woher der kommt. Aber ich zog ihn auf und erntete auch ob des Bartes ebendiesen Kommentar, der mit Sicherheit seine Berechtigung hat.

Damit muss ich nun leben. Damit und mit der Tatsache, dass ich mir nach jedem Schluck eines Getränkes die Mundwinkel mit einem Tuch abtupfen muss. Noch würde nicht viel passieren, wenn ich es nicht tun würde, aber spätestens im Sommer würden die verklebten Barthaare diverse wilde Tiere anlocken, die mein Gesicht als Wohnort in Erwägung zögen. Im Sommer hält man mich vielleicht auch nicht mehr für einen zentralamerikanischen Zirkusangestellten.

 

 

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10 Kommentare

  1. Ich hab jetzt das Blog nicht durchwühlt, aber empfehle dir unbedingt den sog. „MOVember“ 🙂
    Meine Gedanken, warum wir Gesichtsbehaarung haben sind trivial, oder sagen wir einfach: Weil wir es wollen.
    Unter dieser Hypothese wäre die Frage also: „Warum wachsen mir hier und da im Gesicht Haare, aber anderswo nicht…?“
    Und jetzt muss ich mal das mit der Vererbung von Haarbewuchs der Mutter googeln. Klingt komisch, is aber so.

    Gefällt 1 Person

  2. Bin ich anormal, weil ich meine Ringfinger auseinander bekomme wenn meine Handinnenflächen aneinander liegen und meine Mittelfinger verschränkt sind?
    (Anm.: Ich habe einen Blog, der „Spieltriebe“ heißt, natürlich musste ich das probieren! 😀 )

    Gefällt 1 Person

  3. Habe mich sehr beim Lesen deines Artikels amüsiert. Mir gefällt deine humorvolle Art zu schreiben sehr gut. Und gelernt habe ich auch noch etwas (evolutionstechnisch). Was will man mehr? Für mich bleibt nur noch eine Frage offen, was vielleicht daran liegt, dass dies der erste (jedoch sicher nicht der letzte) deiner Artikel ist, welchen ich gelesen habe. Wer, zum Henker, ist die Frau, die in eurer Wohnung lebt? 🙂

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