Die Längsseite des Quadrats – oder: Wie Herr Scheuren eine Ente wurde

HerrScheuren03

Was bisher geschah:

Herr Scheuren, unser Nachbar, der neben seiner Tätigkeit als Nachbar noch Ente und Versicherungsvertreter einer ihn beschäftigenden Versicherung in Düsseldorf ist, soll den Versicherungsfall zum Tod des „Schönen Klaus'“, eines stadtbekannten Schwans, abwickeln. Trotz seiner Aussage, im Verlauf des Tages noch einen FKK-Strand am Unterbacher See zu besuchen, wird Herr Scheuren abends auf der Autobahn in einer Baustelle zwischen Mettmann und Düsseldorf in Fahrtrichtung Kreuz Hilden geblitzt. Es überrascht mich dann auch nicht, dass die Meerschweinchen verschwunden sind. Der Folgetag beginnt mit einem verunglückten Aufsitzrasenmäher, der in den Graben vor unserem Haus stürzt. Da Wasser in den Keller eindrang, mussten die Kellerwände freigelegt werden, was der Hausmeister auf seinem Rasenmäher nicht registrierte. Er fuhr seine immergleiche Bahn…und stürzte in den Graben. Ein Feuerball verschluckte ihn.

Langsam fügen sich die Puzzleteile. Herr Scheuren, der wieder einmal auf einem Autodach schlief, schien ein Muster zu erkennen. Das sagt mir das Ende des zweiten Teils „Erkenntnis am Abgrund – oder: Wie Herr Scheuren eine Ente wurde„. Zum besseren Verständnis werden die letzten Zeilen des vorherigen Teils noch einmal abgedruckt. Soviel Zeit muss sein. Druckerschwärze kostet heute kaum mehr etwas.

Es läuft mir eiskalt den Rücken herunter. Er, Herr Scheuren, unser Nachbar, der Angestellte einer Versicherung…er erkennt langsam…ein Muster. Und, ja! Tatsächlich! Der schöne Klaus … die verschwundenen Meerschweinchen … Hermes … die Hausmeister … der Graben…:

Auch ich erkenne es!


Mir bleibt wenig Zeit, diese Gedanken zu vertiefen, denn die Explosion des Rasenmähers hat Zeit gekostet. Also fahre ich unverzüglich zur Arbeit. Als ich abends nach Hause zurückkehre, ist die Feuerwehr noch damit beschäftigt, den brennenden Rasenmäher zu bergen. Der Hausmeister scheint den Sturz unbeschadet überstanden zu haben, steht an der frisch lackierten Haustür und steckt sich eine Zigarette an. Die Dämpfe des Türlacks entzünden sich unverzüglich und hüllen den Hausmeister erneut in einen Feuerball. Die Feuerwehr eilt herbei und bedeckt ihn mit Löschschaum.

Weil der Hausmeister den Rasenschnitt am Vormittag nicht beenden konnte, hört man in der Ferne einen weiteren Aufsitzrasenmäher nahen, der schließlich um die Ecke biegt. Der den Rasenmäher steuernde Vertretungshausmeister scheint routiniert, dreht wie gewohnt seine Bahnen. Kurioserweise fährt er auch die Bereiche ab, die der Hausmeister heute morgen schon gemäht hatte. Vermutlich sind alle Hausmeister auf dieselbe Route programmiert. Ich steige über den vom Löschschaum bedeckten Chef-Hausmeister und betrete den Hausflur. Die Worte von Herrn Scheuren und dessen panischer Blick von heute morgen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Das sich abzeichnende Muster ist unverkennbar und doch war da mehr in den Augen von Herrn Scheuren zu erkennen.

Als ich die Wohnung betrete, sind die Meerschweinchen verschwunden. Ach nein! Das hatte ich schon. Als ich die Wohnung betrete, hänge ich meine Jacke in den Schuhschrank und winke der Frau, die in unserer Wohnung lebt, zu. Sie winkt zurück. So stehen wir da etwa eine Minute und winken, bis die Frau, die in unserer Wohnung lebt, aus triftigen Gründen aufhört zu winken.

„Das wird mir jetzt zu blöd.“

Sie kommt mir entgegen.

„Ach!“, rufe ich aus. „Gar nicht erkannt. Du bist es.“

„Ja, ich wohne hier.“

Wir gehen gemeinsam ins Wohnzimmer. Ich höre Geschrei von der Seite des Hauses, an der sich die Haustür befindet, blicke mich um. In diesem Moment steigt vor unserem Küchenfenster ein Feuerball empor. Weil man den Rasenmäher nicht mehr hört, kann ich mir denken, was passiert ist.

Nach dem Abendessen verfasse ich eine Email an Herrn Scheuren. Ich muss mich mit ihm treffen, muss meinen Kenntnisstand mit seinem abgleichen. Wir könnten ein gutes Team werden. Die Empfangsbestätigung bestätigt mir dem Empfang, wie es üblich ist. Herr Scheuren hat die Email also erhalten. Wenig später bekomme ich die Versandbestätigung einer Antwortmail.

Ihre Sendung wird im Mailzentrum des Versandorts bearbeitet.

Minuten später wird der Status aktualisiert:

Ihre Sendung hat das Mailzentrum des Versandorts verlassen.

Und wieder später:

Das Zustellfahrzeug hat das Zielmailzentrum verlassen. 

Mir fallen die Augen zu. Die vielen Explosionen, Herr Scheuren, der Rasenmäher, der Hausmeister…

Als ich aufwache, befindet sich der Kopf der Katze wenige Millimeter vor meinem Gesicht. Sie scheint reges Interesse an meinem Bart zu haben, was ich gut nachvollziehen kann. Eine neue Pomade lässt ihn nach Bienenwachs riechen, was nicht nur auf Katzen eine betörende Wirkung hat. Wie Katzengras kaut sie den Bart ab und schluckt ihn herunter. Wenig später kotzt sie ihn wieder aus. Ich werde ihn mir morgen zusammensuchen müssen.

Die Email ist nicht angekommen. Die Sendungsverfolgung bleibt mir ein Rätsel, denn dort ist die Rede davon, dass die Email aufgrund eines Fehlers nicht zugestellt werden konnte, aber auch nicht an den Absender zurückgeschickt werden kann. Ich rufe Herrn Scheuren an. Kein Anschluss. Es klingelt an unserer Wohnungstür. Als ich öffne, ist niemand zu sehen. Es war jemand im Hausflur. Dieser Jemand musste nicht klingeln, um ins Haus zu gelangen. Auf unserer Fußmatte vor der Wohnungstür liegt ein riesiges Schneckenhaus mit einer Haftnotiz:

„Innerhalb von 20 Sekunden anhören! H.S.“

Ich hebe das Schneckenhaus auf und halte mein Ohr an die Öffnung.

„…erforderlich, dass Sie, Herr Höcknes, sich umgehend mit der Gerichtsmedizin treffen. Es bleibt wenig Zeit!“

Raffiniert! Durch die Windungen des Schneckenhauses wird das Echo von Worten ungewöhnlich oft reflektiert und lässt sich innerhalb eines gewissen Zeitraums abhören. Danach verstummt das Schneckenhaus für immer.

Ich springe auf, hole meine Jacke aus dem Schuhschrank und renne zum Auto. Mein Ziel: Die Gerichtsmedizin des Kriminaldezernats für im Volksgarten ermordete Schwäne.

Dort angekommen treffe ich auf einen jungen Mann. Er scheint gute Laune zu haben, legt die Leber, die er gerade eintuppern wollte, wieder zurück in den eigentlichen Besitzer und begrüßt mich.

„Herr Röggener…“

„…Höttges…“

„…wie ich sehe, haben sie die Nachricht erhalten. Nennen Sie mich Randolf. Ich stehe kurz vor dem Durchbruch in der Aufklärung…“

Oha! Aufklärung des Falls?

„…der Todesursache“

Ernüchterung. Die Aufklärung der „Akte Uvudlös“ wäre mir lieber gewesen, aber das wäre wohl zu viel verlangt.

„Wie weit sind Sie?“

„Oh, ich habe das Opfer lediglich auf den Tisch gelegt. Mehr ist uns bislang nicht gelungen. Wir hatten ein Gasleck. Kohlenmonoxid. Wir verhielten uns leicht beschwippst.“

Ich begutachte den toten Schwan, der da auf dem kalten Metalltisch liegt. Er sieht friedlich aus, sofern man das über ein Tier, das über keinerlei Mimik verfügt, behaupten kann. Doch irgendwas…

„Wo ist sein linkes Bein?!“

Randolf beißt in ein Käsebrötchen. Mehrkorn. Mit Butter.

„Spontaner Grillabend der Belegschaft. Sonntag. Die Läden hatten zu.“

„Verstehe.“

„Ich beginne nun.“

Ich trete einen Schritt zurück und nach kurzem Zögern einen weiteren, weil ich gern Abstand zu Menschen mit Skalpell halte. Zu meiner großen Verwunderung zieht Randolf ein Stethoskop hervor.

„Ein Stethoskop in der Gerichtsmedizin sieht man selten.“

Randolf dreht sich zu mir um.

„Sehen Sie ihn?“, sagt er und deutet auf die Leiche, mit deren Leber er vorhin hantierte. „War lediglich in der Straßenbahn eingeschlafen. Als er hier erwachte, wurde es…unangenehm. Er war ein wenig ungehalten. Naja, jetzt ist er tot. Aber das würde ich mir künftig gern ersparen. Also höre ich erstmal ab.“

Ich kann ihm nur schwer folgen. Seine Worte sind weit entfernt. Die Bilder vor meinen Augen verschwimmen. Randolf hört mit seinem Stethoskop den leblosen Schwan ab. Dabei murmelt er unverständliche Dinge.

„Ach!“, entfährt es ihm plötzlich.

Ich schrecke auf und blicke ihn mit halboffenen Augen an. Das Gasleck scheint noch nicht vollständig behoben zu sein. Mir ist leicht übel. Randolf fährt fort:

„Das klingt alles sehr aufschlussreich. Das klingt nach…“

Er macht eine spannungsvolle Pause.

„…einem entfernten Kopf. Daran dürfte er auch gestorben sein. Kam mir gleich so vor, als fehle da etwas.“

Ich antworte nichts mehr und stolpere aus dem Gebäude in die Nacht. Irgendwie komme ich zuhause an und schaffe es, den Wagen ohne größere Schäden zu parken. An der Haustür angekommen will mein Schlüssel nicht so recht passen. Er passt nicht ins Schloss. Sollte es tatsächlich so sein, dass…? Ich fische meinen Autoschlüssel aus der Jackentasche, setze ihn ans Türschloss. Er passt! Ich drehe ihn und öffne die Tür. Außergewöhnlich! Vor unserer Wohnungstür zögere ich. Es wirkt so fremd. Vermutlich ein Effekt des Kohlenmonoxids. Ich schiebe die Zweifel beiseite und schließe abermals mit dem Autoschlüssel die Wohnungstür auf. Im Wohnzimmer falle ich aufs Sofa und in einen unruhigen Schlaf. Im Traum klingelt jemand wild an der Tür und versucht in unsere Wohnung einzudringen. Ich schlage ihm die Tür vor der Nase zu. Der Treffer zeigt Wirkung.

Irgendwann wache ich auf. Es ist schon hell draußen, Lärm dringt aus dem Treppenhaus. Ich öffne die Wohnungstür und bin mitten im Geschehen. Die Nachbarn reden aufgebracht durcheinander, dort stehen zwei Polizisten und plötzlich höre ich eine vertraute Stimme.

„Da bist du ja! Was machst du bei den Schradels?!“

Es ist die Frau, die in unserer Wohnung lebt. Sie steht gegenüber im Türrahmen unserer tatsächlichen Wohnungstür. Hatte mich schon gewundert, seit wann wir Teppichboden im Wohnzimmer haben. Ich durchquere das Treppenhaus und stehe nun wirklich vor unserer Wohnung.

„Was ist denn hier los?“, will ich wissen.

„Heute nacht hat jemand versucht, hier einzubrechen. Das Haustürschloss unten sowie das Wohnungstürschloss der Schradels sind vollkommen demoliert. Da muss jemand mit Gewalt versucht haben, die Schlösser aufzubrechen. Und als der Mann vom Schlüsselnotdienst hier eintraf, schlug ihn jemand brutal nieder.“

Mir bleibt kaum Zeit, das Gehörte zu begreifen, denn mein Handy klingelt. Eine Düsseldorfer Nummer. Ich nehme das Telefonat an.

„Ja? Hallo?“

„Herr Töfte?“

„Ja? Äh, nein. Höttges!“

„Herr Schöpfer, Heribert Trator von ‚Trator & Partnor Versicherungen‘. Bitte kommen Sie schnellstmöglich zu uns.“

Herr Scheurens Arbeitsstelle.

„Was soll ich in einer Versicherung?“

Herr Heribert Trator von Trator & Partnor beginnt zu erzählen. Vom Unterbacher See, von verschwundenen Meerschweinchen, Rasenmähern, einem toten Schwan…und von Herrn Scheuren. Ich unterbreche Herrn Trator von Trator und Partnor.

„Moment, Moment! Er hat WAS?!“


 

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2 Kommentare

  1. So spannend! Sooo skurril!
    Und hätte ich in Mathematik besser aufgepasst, könnte ich das Rätsel wohl schon lösen, denn es hat ja mit der Längsseite des Quadrats zu tun, muss also eigentlich berechenbar sein. So wie die Windungen der Schneckenpost …Wertvolle Hinweise und doch bleibt es irgendwie ungreibar wie eine Ente am Autodach ….

    Gefällt 1 Person

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