Ausgeschieden sein und haben – Katerstimmung in der Zukunft

2016-07-08 23.39.34

Der Aufhänger ist für den Blogger als solchen von ungeheurer Importanz. Er garantiert den Einstieg in die Thematik und vor allem in den Schreibvorgang. Während andernorts Seminare darüber gegeben werden, wie der kreative Schreiberling sich möglichst elegant in den zu verbloggenden Stoff wursten kann, bin ich mit dem Titel schon inmitten des Geschehens. Das ist nicht die Regel, denn anderen Bloggern gelingt der kalte Einstieg in den Blogartikel. Merkt euch also die folgenden Worte: Ich habe mich innerhalb von nur 70 Wörtern widerlegt. Ein Aufhänger ist verzichtbar, sonst wäre der kalte Einstieg nicht möglich.

Ich allerdings habe einen. Es ist eine wahre Geschichte. Wahre Geschichten, auch hier im Dampfbloque, sind oftmals mit fiktiven Elementen versehen, um sie für Google interessanter zu gestalten. Außerdem sollte es klar sein, dass einige Namen nicht in ihrer Reinform niedergeschrieben werden. Das liegt bei dem einen oder anderen begründet in Ausspracheschwierigkeiten und bei ganz anderen einen oder anderen im Unmut, weil sie sich nicht in dem Blog erwähnt wissen wollen. Das wäre beispielsweise Kristof-Maksimilian Karl. Wer kann es ihm verübeln? An diese Stelle herzliche Grüße an dich, Kristof-Maksimilian. 

Fiktion ist ein probates Mittel, um die Alltagsgeschichten, die als solche sterbenslangweilig sind, aufzublasen, ihnen eine mysteriöse Note zu verleihen. An dieser Stelle sei der Moment als Beispiel genannt, als die Frau, die in unserer Wohnung lebt, einen brennenden Einkaufswagen sowie ein totes Rotkehlchen durch das Schaufenster von Aldi wirft. Es hapert hier und da an der Logik, aber reißt die Menschen aus ihrer Lethargie.

Kurios wird es, wenn auch die Realität so verfährt. Gerade eben erst passiert. Ich beim Bäcker, auf einmal findet etwas Fiktion statt. Niemanden störte es. Warum auch? Es war ja fiktiv. Nicht so die folgende Geschichte. Sie findet in der Zukunft statt. 

Ich wache um halb sieben des aktuellen Folgetages auf einem Balkon auf. Es ist kalt, der Himmel bedeckt, die Vögel kreischen unnormal laut. Gestern wurde es spät, weshalb ich mich umso mehr darüber ärgere, dass ich schon jetzt wach werde. Ich setze mich auf. Ich bin allein auf dem Balkon. Ein einsame Pflanze leistet mir Gesellschaft. Ein Hibiskus, wenn ich mich recht an das erinnere, was auch die Frau, die in unserer Wohnung lebt, auf unserem Balkon stehen hat. Ein leichter Wind weht mir ins Gesicht und erfrischt mich. Der Wind wird stärker. Mir wird kalt. Ich lege mich wieder hin und ziehe die Bettdecke halb übers Gesicht. Wo bin ich?

Nachdem ich eine halbe Ewigkeit weggenickt bin, sind lediglich zwei Minuten vergangen. Der Hibiskus schaut mich freundlich an. Und obwohl sich alles um mich herum dreht, setze ich mich wieder auf. Im Hinterhof dieses Häuserblocks schimpft eine Mutter mit ihrem Kind. Es bewarf offenbar den Hund des Nachbarn mit einem Ball, weil es ihn durch das Display des Smartphones für ein Pokemon hielt. Pokemon. Nie gespielt. Aber gestern abend schienen sich die Gespräche darum gedreht zu haben. Eine neue Art des Spielens. Man müsse nun rausgehen, um Erfolg zu haben. Da reden sich Erziehungsberechtigte jahrzehntelang den Mund fuselig, dass die Kinder zum Spielen rausgehen sollen und dann kommt Nintendo daher und schon rennen Jugendliche draußen umher und fangen Pixelhaufen. Ein Pokemon saß vorgestern abend offenbar neben mir im Auto. Zwei junge Männer kamen herbeigeeilt und richteten ihr Handy auf den Beifahrersitz.

Der Hibiskus schaut auf die Uhr.

„Wieviel?“, frage ich.

„Gleich viertel vor. Weißt du, wo du bist?“

Ich versuche, mich zu erinnern. Wir waren eingeladen. Es war ein Gegenbesuch, denn die Gastgeber suchten uns bereits daheim heim. Da sind wir beide stur und bestehen darauf, dass nun wir mal eingeladen werden. Den Gastgebern blieb nichts anderes übrig.

„Ich bin auf dem Balkon der Gastgeber.“

Der Hibskus nickt und lässt seine Blätter im Wind schaukeln, wie es Hibiskuspflanzen nunmal so zu tun pflegen.

„Ich bin ja nur ein Hibiskus, aber für meinen Geschmack habt ihr euch gestern etwas zu viel Flüssigkeit einverleibt.“

„Ach, was weißt du schon?“, knurre ich und stehe auf.

Socken und Boxershorts. Socken! Ich lege meinen Schlafsack zusammen und öffne die Balkontür.

Drinnen ist es warm. Auf dem Sofa verteilt liegen drei Menschen. Einer davon öffnet gerade die Augen, scheint verwirrt, weil er mit dem Kopf über der Armlehne gen Boden schaut. Der Gastgeber. Er setzt sich auf, verharrt eine Weile und geht ins Bad. Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hat, ertönt das Geräusch eines Handstaubsaugers. Ich erinnere mich!

Die Tür lässt sich nicht abschließen, deswegen einigten wir uns gestern abend darauf, dass jeder, der das Klo aufsucht, kurz den Handstaubsauger betätigt. Das war das Signal für alle übrigen, kurz durchzuzählen, ob wir noch zu viert im Wohnzimmer sind. Falls nicht, hätte das bedeutet, dass sich jemand auf dem Klo befindet. Eigentlich hätte es schon das Betätigen des Handstaubsaugers getan, aber zu vorgerückter Stunde nahmen wir zwar den Sauger wahr, vergaßen aber dessen Bedeutung. Deshalb die Ergänzung des Ganzen um das Durchzählen der Anwesenden.

Der Gastgeber kehrt zurück.

„…hm…“, brummt er.

„…mhm…“, brumme ich zurück.

Folgerichtig machen wir uns einen Kaffee und setzen uns im Wohnzimmer neben die noch immer schlafenden Frauen. Das Reden will nicht funktionieren, also lassen wir es. Man muss sich nicht immer unterhalten. Man kann auch gern mal schweigen. Gestern abend wurde viel geschwiegen. Es wurde viel ausgeschieden. Im Halbfinale der Europameisterschaft.

Spätestens jetzt wird klar, dass es sich hierbei um die kuriose Mischung eines Rückblicks mit einer Vorausschau handelt. Das war mir nicht bewusst. Jetzt wissen es alle.

Sabine und Stefan sind gute Gastgeber. Ich bekam feinsten Rotwein mit Biosiegel. Das verspricht den einen oder anderen Käfer, der seinen Teil zum seidigen Abgang des Weins beiträgt. Sofern sich der Wein entscheidet, den Körper durch dieselbe Öffnung, durch die er aufgenommen wurde, zu verlassen, genießt man gleich zweifach den Effekt. Seidig mit einem Hauch Samt. Ich kann mich nicht daran erinnern, mich übergeben zu haben. Bin mir aber unsicher. Ich beginne zu sprechen.

„Wurde viel ausgeschieden gestern.“

Die Antwort ist ein unterdrücktes Aufstoßen. Wir richten unseren Blick wieder ins Leere.

Ich zeigte Stefan und Sabine gestern abend den Mars. Der lässt sich nämlich mit bloßem Auge am Nachthimmel erkennen. Wenig später informierte uns die Frau, die in unserer Wohnung lebt, darüber, dass ich gelogen hatte. Der Mars sei viel weiter nördlich zu sehen. Dann müsse es die Venus sein, revidierte ich meine Aussage. Die sei allerdings aktuell gar nicht zu sehen. Es ist einfach irgendein Stern. Ich verkroch mich kleinlaut hinter meinem Rotweinglas.

Neulich auf einer Hochzeit stand ich mit einigen Gästen auf der Terrasse und wir bestaunten ebenfalls den Sternenhimmel. Auch dort wies ich darauf hin, dass dieser helle, rötlich schimmernde Stern der Mars sei. Die Anerkennung war mir gewiss. Ein wenig Wissen aus meinem Versuch, Geologie zu studieren, ist wohl doch hängengeblieben. Zu meinem Glück sah niemand, dass der vermeintliche Mars wenig später verschwunden und an seine Stelle ein kleinerer getreten war. Es war ein Flugzeug, dass sich im Landeanflug auf Düsseldorf befand. Im Verlauf des Abends tauchten unzählige Marse auf. Ab 23 Uhr blieb der Mars verschwunden.

„…viel ausgeschieden…“, wiederhole ich mit regungsloser Miene.

„So fühle ich mich auch. Ausgeschieden.“, antwortet Stefan.

„Hast du?“, frage ich.

„Ausgeschieden? Nein. Oder? Nein. Ich fühle mich ausgeschieden, bin ausgeschieden. Wir sind ausgeschieden.“, legt er sich fest.

„Gegen Frankreich.“, ergänze ich.

Stefan nickt. Er hatte kurz, bevor Frankreich einen Elfmeter zugesprochen bekam, Bedenken geäußert, ob Deutschland nicht zu unsicher agiere. Als Konsequenz zog es ihn auf den Balkon. Das tat er schon bei seinem Besuch bei uns. Auch dort prophezeihte er ein Gegentor und stellte sich beim abschließenden Elfmeterschießen dauerhaft auf dem Balkon. Er könne das nicht. Er ertrage das nicht. Es ging gut aus. Gestern nicht. Ich werde in solchen Momenten gelegentlich ungemütlich. Einmal verlor ich beim Dartwerfen gegen meine Ex-Freundin und deren Eltern. Ich beklagte mich darüber, dass man mir den Sieg nicht gönne und man mich deswegen verlieren lasse.

Gestern ging es eigentlich. Irgendwann verlor ich die Orientierung, was bekanntermaßen damit endete, dass ich im Schlafsack auf dem Balkon der Gastgeber aufwachte und mit einem Hibiskus sprach.

Durch die offene Balkontür zieht nun ein kalter Wind in die Wohnung. Ich stehe auf.

„Wohin?“, fragt Stefan.

„Schlafsack reinholen. Balkontür schließen.“, antworte ich knapp.

Stefan blickt weiter ins Leere aber legt die Stirn in Falten. Er denkt offenbar angestrengt nach.

„Hö?“, erwidert er verwundert. „Wir haben gar keinen Balkon.“

Ich blicke zur Balkontür, die keine ist und hinter der sich auch kein Balkon befindet. Auch der Hibiskus ist verschwunden. Stimmt, die Gastgeber haben gar keinen Balkon. Langsam erinnere ich mich.

„Ja. Verrückt. Und ich besitze auch gar keinen Schlafsack.“, fällt es mir wieder ein.

Nur, auf wessen Balkon bin dann gerade erwacht?

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