Wo ist der Fokus? – Aus dem Leben eines ADHSlers

2016-07-20 07.42.49

Liegt es am Bier, das ich gerade trank?

Mir ist vollkommen präsent, dass dieser Beitrag zu einer Uhrzeit veröffentlicht wird zu der es nicht üblich ist, bereits alkoholische Getränke zu sich genommen zu haben. Nicht während der Woche, nicht vor der Arbeit. Dieser Beitrag erlebte seine Geburt am Vorabend seines Veröffentlichungsmorgens. Also gestern abend. Da trank ich ein Bier. Imperfekt. Wichtig. Der oder das Imperfekt ist der oder das Perfekt des großen Mannes. Dieses Thema erörterte ich vor Kurzem mit einer Ikone der Grammatik: Thorge Rægnost, schwedischer Syntaxtheoretiker, der die Sprachregeln anhand von Sinustönen untersucht. Hochkomplexes Thema, allerdings eines der wenigen, das tatsächlich theoretische Grundlagen der Geisteswissenschaft mit der Praxis verknüpft. Kann jedem nur ans Herz legen, sich Rægnost Aufsatz zur „Flexion phrasaler Kategorien in gleichtönigen Milieus – 2009“ mal durchzulesen.

Liegt es also am Bier, das ich gerade trank?

Thorge Rægnost begleitet mich gelegentlich in Lernpausen und wir unterhalten uns über alles mögliche. Gelegentlich begleitet er mich auch im Alltag und lektoriert mich, während ich rede. Weist mich darauf hin, dass an dieser oder jener Stelle der Imperfekt von Nöten ist. Manchmal ist es ein kurzes Räuspern. So mischte er sich auch ein, als ich neulich mit dem Gastgeber eines vor Kurzem durchgeführen Gipfeltreffens über die Auswirkungen von diversen Getränken und die eventuelle Beeinflussung eines abendlichen Jobs schrieb.

Ich: „Habe vorher noch eine halbe Stunde gedöst. Hat gereicht.“

Gastgeber: „Krass. Aber oftmals wird man ja erst dann fit, wenn man etwas tun muss.“ 

Thorge Rægnost: „Psst! Es muss heißen: ‚Ich döste vorher ne halbe Stunde.‘ Hier nur Imperfekt.“

Ich bin Rægnost sehr dankbar für seine Hilfe.

Nur, ob es nun tatsächlich am Bier liegt, das ich gerade trank?

Schwer zu sagen. Was überhaupt? Was lag oder liegt daran, dass ich ein Bier trank? Ich habe mich daran gewöhnt, mit Nebengeräuschen zu schreiben. Ich habe mich auch daran gewöhnt mit Nebengeräuschen zu arbeiten. Während ich anfangs noch rege Schwierigkeiten damit hatte, wenn mir jemand während einer Erklärung ins Wort fiel – ich begleite Kinder- und Erwachsenengruppen durch den Zoo einer benachbarten Stadt und führe im besten Fall an den richtigen Stellen Monologe – habe ich mir mittlerweile einen Panzer der Ignoranz angelegt. Anfangs redete ich und vernahm möglicherweise eine Kinderstimme, die mir konsequent ins Wort fiel.

„Die Giraffen benutzen…“

„Ich habe zuhause…“

„…ihr Muster, um sich vor Löwen…“

„…Tiere. Schnuffel, Mausi und…“

„…also, um sich vor Löwen zu schützen. Denn wenn die sich ganz nah…“

„…Pupsi. Hast du auch Haustiere?“

„…gleich…ähm…beieinander stellen…“

„Hast du auch Haustiere?“

„…kann der Löwe die aus der Entfernung…“

„Hast du auch Haustiere?“

„…warte kurz…nicht mehr auseinanderhalten und…“

„Hast du auch Haustiere?“

„…greift…ähm…nicht an. Und weil…“

„Hast du…“

„…einen Moment noch…es in Afrika so heiß ist…“

„…auch Haustiere?“

„…bleibt der Löwe lieber liegen und wartet…“

„Hast du…“

„…ähm wartet…also wartet…bis etwas vorbeikommt, das er…“

„Hast du…“

„…ganz genau erkennen kann.“

„Hast du denn auch Haustiere?“

Heute rede ich einfach weiter und schicke das Kind, nachdem ich fertiggeredet habe, nach Hause. Und doch fällt es mir manchmal noch schwer. Nicht das Nachhauseschicken. Das klappt immer. Das Äußern der Sätze, die ich noch loswerden will. Übrigens beschränkt sich die Angewohnheit, jemanden zu unterbrechen nicht nur auf Kinder. Die vergangenen Jahre zeigten, dass auch Erwachsene zunehmend ungeduldiger werden und mich einfach unterbrechen, während ich etwas erzähle.

Das schreiben mit Nebengeräuschen ist da ähnlichen Schwankungen unterworfen. Mal klappt es ganz hervorragend – sogar die meiste Zeit – und ganz andere Male klappt es gar nicht. So auch im Moment.

Liegt es am Bier, das ich gerade trank?

Zwei Beitragsentwürfe wurden angelegt. Ansich Themen, die man gut verbloggen kann. „Verbloggen“…ein Wort, das ich in meine Alltagssprache übernommen habe [sic!] (Anm. von Thorge Rægnost). Es beschreibt gut, was man als Blogger, der ich ja eigentlich nicht bin, tut: Man verbloggt Dinge, die passieren. Ich könnte also über einen Pürierstab bloggen, wobei der ja genaugenommen püriert und nicht passiert. Der musste sein. Ich schweife ab. Zwei Beitragsentwürfe. Keiner wurde beendet. Nach etwa 280 Wörtern verließen mich die kreativen Geister. Der Fernseher erzählte und erzählt Dinge, die ich irgendwie nicht ausblenden kann, die Katze macht pausenlos Geräusche, die ebenfalls schwer zu ignorieren sind und sind es nicht die Geräusche, die mit ablenken, sind es die Dinge in meinem Sichtfeld.

Manchmal – selten – gibt es Tage, an denen der dem Hirn vorgeschaltete Filter nicht funktioniert. Alles ist irgendwie relevant, aber kann nicht richtig erfasst werden. Der Fokus fokussiert nicht richtig. In der Regel funktioniert mein Autofokus hervorragend. Ich beginne eine Sache und bekomme nur wenig um mich herum mit. Ich bin ansprechbar, aber lasse mich nicht ablenken. Bin fokussiert. Nun aber sitze ich hier und kann mit zweisekündiger Verzögerung das Gerede der Nachrichtensprecherin wiederholen, während ich mich hier mühsam von Satz zu Satz hangele. Es werden selten mehr als zwei Sätze am Stück. Es ist anstrengend. Das kenne ich von Arbeiten, die ich für die Uni anfertigte. In solchen Situationen half und hilft nur, das Notebook möglichst laut zuzuklappen und sich aufs Bett zu werfen, um dort wieder zur Ruhe zu kommen. Manchmal beginnt man einen Satz und weiß nicht, wie er beendet werden soll. Alle Gedanken kreisen um ein bis zwei Wörter, während einen die Nebengeräusche in den Wahnsinn treiben.

Liegt es am Bier, das ich gerade trank?

Ich kann hervorragend planen. Noch hervorragender als meine Planungskünste, ist meine Fähigkeit, flexibel zu sein. Damit ist ein Großteil meiner Planungen hinfällig. Diesbezüglich bin ich konsequent. Konsequente Spontaneität. Allerdings bin ich immer in der Lage, mich zu fokussieren. Aktuell nicht. Parallel zum Verfassen dieses Beitrags schreibe ich per Facebook-Messenger mit Thorge Rægnost. Ebenfalls Ablenkung, aber selbstgewählte. Ich frage ihn alle paar Minuten, ob ich ihm bereits mitteilte, dass ich heute extrem unfokussiert bin, bzw. teile es ihm unaufgefordert mit. Er toleriert es. Noch.

Ich bekomme alles mit, kann es aber nicht verwerten. „Fokus, Fokus, Fokus, Fokus…“, plärrt es in meinem Hirn. Was könnte ich nicht alles über das Fokussieren schreiben? Gäbe mit Sicherheit eine Menge her. Ein prima Thema zum Verbloggen. Es bleibt bei diesem einen Wort. Womöglich bin ich hyperaktiv. Ein späte Diagnose, während ich 30 Jahre lang eher der ruhige Typ gewesen bin. Irgendwann bricht es halt aus. Benötige ich Aufmerksamkeit? Ist es das ADS oder gar ADHS? Temporäre Hyperaktivität. Jetzt nervt mich noch eine Fliege, die sich andauernd irgendwo auf meinem Körper niederlässt.

Das alles lenkt mich ab.

Putschversuch in der Türkei.

Fokus.

Die Fliege.

Die Katze.

Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, schreibt etwas.

Ich höre die Tasten.

Fokus.

Ich bin unfokussiert.

Vielleicht ADHS.

Vielleicht hyperaktiv.

Draußen unterhalten sich Menschen über Dinge.

Ich bin unfokussiert.

Vielleicht liegt es tatsächlich nur am Bier, das ich gerade trank.


Facebook kann jeder! Tumblr auch. 

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16 Kommentare

  1. Danke für den Lesetipp! Ich versuchte eben den Aufsatz über die Flexion des großen Sorge, äh Thorge Regenwest, nein Raegnost zu ordern (imperfekt, weil es leider nicht perfekt funktionierte), nachdem ich vergeblich versucht hatte (imperfekt, weil genausowenig erfolgreich +quamperfekt) die Verfügbarkeit zu recherchieren. Dabei wurde ich zwischenzeitlich von der Umsonst-Klick-Schaltfläche abgelenkt und ängstigte mich, dass mein Kommentar auf ewig verloren wäre, da ich es verabsäumt hatte zuvor auf „abschicken“ zu drücken.
    Also, nochmals herzlichen Dank für nächtliche, beleerende Recherchen über die Sprache und Klicks ganz umsonst!
    Falls das dazwischenfragende Kind ein kleines Mädchen, ungefähr 3 Jahre alt mit österreichischer Aussprache war … ich habe damit nichts zu tun! Andernfalls freut es mich, dass andere Kinder auch so sind. Ich muss dann wieder schließen, um mit der Flexion noch ein paar Fliesen zu schneiden, außerdem fragt meine Tochter seit zehn Minuten ständig, wer denn Pupsi, Mausi und Schnuffel sind und warum sie nur einen Kuschellöwen, aber keine Kuschelgiraffe hat —- Aaaah!
    P.S.: Sehr amüsanter Artikel, habe sehr geschmunzelt (das „Lachen am Computer“ ist ja seit dampfbloque/2016/05/26 thematisch zu einem gegrillten Umstand geworden, den ich als Steak-Nichtesser und nicht-in-anderen-Umständen Seiende durch breites Grinsen und Schmunzeln substituiere).
    Die Google-Algorithmen werfen vermutlich gerade die Auffälligkeit aus, dass sich trotz gehäufter Anfragen keine Einträge über Thorge Rægnost finden lassen 😉

    Gefällt mir

  2. Einer meiner Lieblingsartikel! Ja, natürlich, es gab größere Kunstwerke aus deiner Feder, aber der hier ist Menschlichkeit und das ist heutzutage -leider- auch zur Kunst geworden. Und darüber hinaus schreibst du so völlig unfokussiert immer noch fesselnd, augenbindend quasi – das muss man erstmal nachmachen! Chapeau!

    Danke dafür!

    Gefällt 2 Personen

  3. Ich lernte einst, Imperfekt sei in jedem Fall vorzuziehen. Spart informationslose Hilfsverben, Platz auf der Seit gehört dem Anzeigenkunden. Die höhere Informationsdichte hält auch aufmerksamkeitsdefizitäre Leser eher bei der Stange, die wiederum der Anzeigenkunde am liebsten mit seinen Anzeigen ablenkt.

    Gefällt 1 Person

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