Minigolf – Warum dieser Sport die Reichen des Landes fasziniert

2016-07-21 09.40.38

Der gemeine Sterngolfer scheut das Rampenlicht. Er fristet im Verborgenen ein unscheinbares Dasein. Es liegt ihm fern, seinen Status in der Gesellschaft durch die Zurschautragung seiner Lieblingssportart zu untermauern. Er ist bereits wer. Mehr, als andere je werden, und damit erübrigt sich jede Frage nach dem Privatleben der Sterngolf-Stars. Man wird an keinerlei Informationen gelangen, denn es gibt keine. Wenn bei Hollywood- und Fußballstars jede kleine Regung in den Klatschblättern ausgebreitet und interpretiert wird, klafft in Bezug auf die Prominenz des Sterngolfens an gleicher Stelle ein schwarzes Loch. Privates bleibt privat. Nur selten trifft man einen Sportler. Heute traf ich gleich zwei.

Toni Alcante und seine Frau Irmgard. Sie ist schweigsam, er Italiener, was rassistisch ist. Nicht, dass er Italiener ist, ist rassistisch (was bei einigen Fanclubs italienischer Fußballvereine durchaus zutreffen würde). Nein, er ist einfach Italiener, was per se nicht rassistisch ist. Dass er mehr als seine Frau Irmgard redet, ist die Bedienung des Klischees des redebedürftigen Italieners. Es ist so. Ich denke mir das nicht aus. Toni Alcante spricht mehr als seine Frau, was recht leicht ist, denn sie spricht wenig. Wir trafen uns zu dritt in Wipperfürth auf der Minigolfanlage der Alcantes „Sterngolfen Al Kante“, einer Anlage nahe einer Klippe, um Licht ins Dunkel des Sterngolfens zu bringen. Toni Alcante trägt eine weiße Hose, weißes Hemd und eine weiße Baskenmütze. Er sieht aus wie ein etwas übergewichtiger Robert De Niro. Irmgard Alcante ist ebenfalls angezogen. Das Interview.


Dampfbloque: „Herr und Frau Alcante, ich danke Ihnen für dieses Interview. Aktuell laufen die Vorbereitungen für die kommende Saison, weshalb ich unser Treffen umso mehr zu schätzen weiß.“

Toni Alcante: „Und ich freue mich, Sie hier auf dem Heimatplatz des nordrheinwestfälischen Sterngolfverbandes begrüßen zu dürfen.“

Dampfbloque: „Herr Alcante, wenn ich Sie so betrachte, sehen Sie zufrieden aus.“

Toni Alcante: „Sehen Sie, ich bin nun 68 Jahre alt. Mein Leben verlief gut, ich habe eine Frau und zwei Töchter und darf einen Sport repräsentieren, der die reichsten Menschen der Welt hervorbrachte.“

Dampfbloque: „Dem Bahnengolfverband geht es erstaunlich gut, die Mitgliederzahlen der Vereine sind stetig wachsend und erst kürzlich fand hier, auf diesem Platz, der Endspurt der vergangenen Saison statt. Erfüllt Sie das mit Stolz?“

Toni Alcante: „Sehen Sie, der Sterngolfsport…“

Dampfbloque: „…eine Variante des üblicherweise als Minigolf bezeichneten Bahnengolfens, die nach der Form der letzten Bahn benannt wurde…“

Toni Alcante: „Lassen Sie mich ausreden! Der Sterngolfsport setzt sich bundesweit aus zwei Ligen zusammen. Ähnlich wie beim Fußball, werden die Absteiger nach einem Punktesystem ermittelt. Jede Mannschaft muss den ‚Ball‘, so nennen wir beim Sterngolfen den Ball, mit möglichst wenigen Schlägen in das Loch ‚ein-lo-chen‘, eine Form des Versenkens. Die Mannschaft mit den meisten Versuchen steigt ab.“

Dampfbloque: „In die zweite Liga.“

Toni Alcante: „Si.“ (ital. für „ja“ – Anm. d. A.)

Dampfbloque: „Die Meisterschafts- und gleichzeitig Abstiegsendrunde fand dieses Jahr hier statt.“

Toni Alcante: „Sämtliche Vereine trafen sich hier, um den Besten zu ermitteln. Und den Schlechtesten. Der Schlechteste steigt ab und erhält eine Geldstrafe. Verkraftbar. Wir sind alle sehr reich.“

Dampfbloque: „Man hört immer wieder gerüchteweise davon, doch kaum ein Prominenter spielt Sterngolf.“

Toni Alcante: „Jeder, ich wiederhole, jeder(!) reiche Mensch dieses Planeten hat seine Karriere mit einem Minigolfschläger beim Bahnengolfen begonnen. Gehen Sie auf die Straße und fragen Sie die Gutgekleideten. Alle spielten bereits eine Bahnengolfvariante. Fragen Sie einen Bettler. Sie werden erstaunt sein. Bettler golfen nicht. Obwohl es ein sehr gesunder Sport ist. Man ist viel draußen.“

Dampfbloque: „Die Endrunde hier war ein Erfolg?“

Toni Alcante: „Wissen Sie, seit die Maße und Regeln dieses Sport in den 50er-Jahren genormt und patentiert wurden, ist die Qualität förmlich explodiert. Es gibt nichts Spannenderes als einen Wettkampf im Sterngolfen, wo jeder Fehler des Einen den Sieg eines Anderen bedeuten kann.“

Dampfbloque: „Wie in vielen anderen Sportarten auch.“

Toni Alcante: „Nein.“

Dampfbloque: „Nicht?“

Toni Alcante: „Nein.“

Dampfbloque: „Ihr Verhältnis zum Sterngolfen ist ein besonderes. Wollen Sie davon erzählen?“

Toni Alcante: „Etwa zwanzig Jahre nach der Patentanmeldung gewann mich der Bahnengolf für sich. 1974 begann ich mit dem Bahnengolfen und legte mich schnell auf das Sterngolfen fest. Die verschiedenen Bahnen, die Begrenzung, der Stern am Ende. Ein Genuss. Und gesund ist es. Man ist viel draußen.“

Dampfbloque: „Das letzte Loch befindet sich auf einem kleinen Kegel. Wie lange dauerte es, bis Sie den Dreh raushatten?“

Toni Alcante: „Ich schaffte es nie. Ich betreibe Sterngolf seit 1974, aber trat nie einem Verein bei. Reich wurde ich durch die Besucher meiner eigenen Golfanlage. Viele übergewichtige Menschen zahlen Unsummen, um diesem gelenkschonenden Sport nachzugehen. Wissen Sie, welche Distanzen man beim normalen Golfen überwinden muss? Niemand hält das lange durch. Viele werden zu Sportinvaliden. Nicht so beim Sterngolfen.“

Dampfbloque: „Also Sie profitieren letztlich passiv vom Sport.“

Toni Alcante: „Richtig. Meine Frau Irmgard allerdings ist sehr erfolgreich gewesen und ist es noch. Unsere älteste Tochter ist aktuelle deutsche Meisterin im Sterngolfen. Die gesamte Familie ist sehr gesund. Durch das Sterngolfen sind wir viel draußen. Meine älteste Tochter ist auf dieser Anlage kaum zu schlagen. Unfassbar stark. Unfassbar nervenstark. Beeindruckend.“

Dampfbloque: „Zumal der Beton an einigen Stellen schon arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Einige Risse machen ein präzises Spiel natürlich nahezu unmöglich. Dazu das Moos auf der Bahn…“

Toni Alcante: „Das muss so sein.“

Dampfbloque: „…und die brüchigen Bodenplatten aus den 80er-Jahren.“

Toni Alcante: „70er. Auch das muss so sein. Es tut der Freude keinen Abbruch. Als ich diese Anlage vor einigen Jahren übernahm, sparten wir bewusst an der einen oder anderen Stelle. Eben weil diese Fehler den Charme ausmachten. Ein schöner, ein ästhetischer, ein gesunder Sport (man ist viel draußen), der sich von Äußerlichkeiten nicht beeindrucken lässt. Zumal jede Verschönerung ein herber Verlust für das historische Gedächtnis wäre.

Dampfbloque: „Sie sprechen von einem Bewusstsein für Traditionen?“

Toni Alcante: „Ich spreche vom Golfkrieg.“

Dampfbloque: „Schlimme Kriege, aber…“

Toni Alcante: „Es gab nur einen. Es war 1959, als Anhänger des Golfens in seiner Reinform, welches im 15. Jahrhundert entstand, gegen die, ich zitiere, „Perversion einer achtbaren und traditionsreichen Kampfsportart“ protestierten und schließlich gegen das Bahnengolfen aufs Schlachtfeld zogen.“

Dampfbloque: „Kampfsportart?“

Toni Alcante: „Junger Mann, Ihnen fehlen die simpelsten Grundlagen. Schläger, Bälle, oftmals Handschuhe…die Menschen am Ende des Spätmittelalters waren große Anhänger der Kampfkunst, deren Ausübung Privatpersonen damals untersagt war. Also entwickelten einige Bürger ein Spiel, dass spielerisch die Attacke auf das jeweils gegnerische Lager nachahmte. Ein Schläger, als solcher schon brutal, katapultiert den Ball, das Symbol der Musketenkugel, in einem hohem Bogen an sein Ziel, einen idealisierten Einschlagskrater. Soldaten mussten die Flugbahn ihrer Geschosse ebenfalls berechnen. Zudem hinterließen die Spieler durch die Verwendung von Handschuhen keine verräterischen Fingerabdrücke auf den Schlägern. Ein spannendes und subtiles Kriegsspiel. Da es anfangs kaum Regeln gab, führten Partien oft zu Streit und man verprügelte sich gegenseitig mit den Golfschlägern. Mehr Kampfsportcharakteristika finden sich selten irgendwo.“

Dampfbloque: „Ich muss Ihnen Recht geben.“

Toni Alcante: „Und so kam es im Spätfrühling 1959 zu ersten Straßenschlachten in Birmingham. Der Golfkrieg, auch Krieg der Golfer genannt, brach endgültig Ende Juni 1959 aus und fand sein jähes Ende am 12. Juli 1959.“

Dampfbloque: „Das ging schnell.“

Toni Alcante: „In Golferkreisen weit verbreitet war die Vorliebe für Schlager im Beguine-Rhythmus. Am 12. Juli 1959 erreichte Freddy mit „Die Gitarre und das Meer“ die Spitze der Charts. Durch die Liebe zur Musik schloss man wieder Frieden. Und doch hinterließen die Kämpfe Schäden, die bis heute sichtbar sind, wie sie hier sehen können.

Dampfbloque: „Das waren interessante Einblicke.“

Toni Alcante: „Es gibt so vieles zu erzählen. Das war nur die Spitze des Eisberges.“

Dampfbloque: „Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass sie die Zeit gefunden haben, mich mit Wissen über diese verkannte Sportart zu versorgen. Auch Ihnen gilt Dank, Frau Alcante.“

Irmgard Alcante: „Hallo. Auch ich begrüße Sie recht…“

Dampfbloque: „Ihnen, Herr Alcante, gebührt die Ehre der letzten Worte.“

Toni Alcante: „Ein sehr gesunder Sport. Man ist viel draußen.“

Dampfbloque: „Vielen Dank.“

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