Im Stillstand schwirrend

2016-07-29 16.56.50

Und dann kehrt urplötzlich Ruhe ein. Ich lasse mich zurückfallen und ergebe mich in mein Schicksal. Zu pathetisch. Sieht mir nicht ähnlich. Ich kann die Situation nicht ändern, also wäre jeder Herzschlag innerhalb einer Minute mehr ein verschenkter Schlag. Ich habe ohnehin schon zu viele verbraucht. Ich finde die Theorie reizvoll, dass jedem Menschen bei seiner Geburt eine begrenzte Anzahl an Herzschlägen zugeteilt wird. Mit diesen muss ein Mensch sein Leben lang auskommen. Bei dem einen reichen die Schläge länger, bei dem anderen kürzer. Bei mir sollen sie noch eine Weile halten, also zwinge ich mich in einen Zustand der Scheinruhe. Eine fragile Maskerade, aber immerhin ein Moment der Gelassenheit. Gezwungenermaßen.

Zwei Meter.

Wieviele Herzschläge mir wohl zugeteilt wurden? Manchmal, nicht jetzt gerade und auch nicht in Situationen wie dieser hier, fürchte ich, schon zuviele verbraucht zu haben. Wenn das Herz sein Leiden auf den Körper überträgt. Wenn seine Schläge im Ohr das Gefühl verursachen, als würde das Trommelfell dem Blutdruck nicht viel länger mehr standhalten können. Sprints auf dem Fußballfeld. Hin und zurück. Gewohnheitssache. Bringt einem in diesem Moment, da einem das Herz die Löffel wegzusprengen droht, reichlich wenig. Das Innenohr dürfte aber nicht mit Blut gefüllt sein, also ist es übertriebene Empfindsamkeit. Man spürt den Körper intensiver, wenn man sich dem vermeintlich nahenden Tod gegenübersieht.

Vier Meter.

In diesem Moment bin ich möglicherweise weit entfernt vom Ableben. Wer kann das schon so genau wissen? Menschen aus fernen Ländern fliehen vor unmittelbarer Gefahr, der sie täglich ausgesetzt sind, und überleben. Andere Menschen stehen morgens auf, fallen um und das soll es gewesen sein. Ohne Ankündigung. Also muss ich und müssen wir alle mit der Gewissheit durch den Alltag gehen, dass wir möglicherweise weit entfernt vom Ableben sind.

Drei Meter.

Vor wenigen Minuten hatte ich es eilig. Nun kurioserweise nicht mehr. Ich drängte, wurde ungeduldig, nahm vielleicht auf den einen oder anderen keine Rücksicht. Und jetzt? Ich füge mich dem, was von mir ohnehin nicht zu steuern ist. Der Tunnelblick der halben Stunde zuvor weicht einem Panorama. Der Fokus – zuvor nur wenige Meter trüb vor mir – weicht zurück und eröffnet mir ein Universum, geht gegen unendlich. Um mich herum schwirren Menschen. Mal langsam, mal schnell, mal im Stillstand. Im Stillstand schwirrende Menschen. Rastlos. Viele haben ein Ziel. Es liegt rechts von mir. Was dem Einen das Ziel, ist dem Anderen der Startpunkt. Unaufhörlich spült der Startpunkt Menschen auf den Platz, saugt gleichzeitig – als Ziel – andere Menschen auf. Die Herausgespülten nehmen sofort die Fährte des nächsten Zielpunktes auf und huschen aus dem Sichtfeld. Gesenkten Hauptes. Wie sooft dieser Tage. Doch niemand von ihnen würdigt uns, die wir hier aufgereiht stehen, auch nur eines Blickes. Unsichtbar für die Schwirrenden. Mitleid möchte ich keines. Mein Schicksal ist das von vielen. Es ist verhältnismäßig unbedeutend. Diese Erkenntnis erfordert keinen allzu weiten Blick über den eigenen Tellerrand hinaus.

Fünf Meter, vielleicht sechs.

Ich werfe einen Blick über meine rechte Schulter. Dort hinten kommen weitere Leidensgenossen. Als sie mich überholen, suche ich den Blickkontakt. Er kommt nicht zustande. Stattdessen stehen sie nun wenige Meter rechts vor mir. Niemand macht ihnen Platz. Ich spüre die Eile, die Besorgnis, etwas zu verpassen und nehme mir vor, zu deren Gunsten nicht aufzuschließen, wenn sich die Menschen vor mir bewegen sollten. Sie bewegen sich allerdings zäh, weshalb es gilt, geduldig zu bleiben.

Zwei Meter.

Eilig zucken die Wartenden vor. Beinahe kann ich erkennen, wie sie ungeduldig von einem aufs andere Bein trippeln. Vor wenigen Minuten noch war ich ebenfalls einer von ihnen. Wie jemand, der eilig auf Toilette muss, den Hals reckt, um abschätzen zu können, wie lange es noch dauert. Sicheres Terrain ist hier noch lange nicht erreicht. Und so gern ich schon weiter wäre, so wenig liegt mir daran, nur zum eigenen Vorteil andere warten zu lassen. Also lasse ich die gerade Herangeeilten rechts vor mir in die sich bietende Lücke. Hinter mir mosert jemand, ich solle mich doch bitte mal vorwärts bewegen. Ich habe keinerlei Verständnis für diese Ignoranz. Ich sage nichts. Es würde vermutlich nicht so klingen, wie es die Situation erfordert. Denn die Gelassenheit ist eine gespielte. Sie ist nicht echt. Leicht zu brechen. Ich würde zu viele Herzschläge verbrauchen. Ich beschwichtige durch Handbewegungen. Es funktioniert nicht. Derjenige, der sich gerade beklagte, regt sich nur noch mehr auf. Ich drehe mich um. Mann in Anzug. Ich zucke mit den Achseln und gebe zu verstehen, dass ich für die paar Meter keinen Stress aufkommen lassen möchte und er sich mal zusammenreißen möge.

Ein Meter.

Ein Meter! Noch in Gedanken bei dem Mann in Anzug hinter mir, bemerke ich nicht, dass ein weiterer von hinten Angeeilter einfach die winzige Lücke zwischen mir und der Frau vor mir schließt. Ich remple ihn beinahe an, sage aber nichts. Vielleicht bedankt er sich zumindest. Ich warte. Er bedankt sich nicht. Bedank dich gefälligst! Ich werde langsam ungemütlich, spüre diesen Stress von vor wenigen Minuten. Nur ein einziger Meter und selbst der bringt mir absolut nichts, weil jede Möglichkeit, voranzukommen, durch diesen Idioten vor mir zunichte gemacht wurde. Und dann bedankt der sich noch nicht mal. Ich stoße ihn an und mache deutlich, dass es nicht selbstverständlich ist, einfach vorgelassen zu werden. Er macht eine verächtliche Geste, die bei mir das Fass zum Überlaufen bringt. Noch immer darauf bedacht, äußerlich Ruhe auszustrahlen, kocht es in mir. Wie kann es sein, dass manch einer derart ignorant durchs Leben eiert? Man sitzt im selben Boot, doch einigen scheint das nicht bewusst zu sein. Was bringt es ihm nun, die paar Schritte vor mir zu sein? Ich verstehe es nicht. Ich verstehe auch nicht, was die da vorne treiben, dass das so lange dauert.

Ein Meter.

Schon wieder nur ein Meter! Was machen die da vorne? Ist es so schwer, halbwegs geregelt voran zu kommen? Verhalten sich wie Kleinkinder. Jeder will zuerst. Anarchie. Ein Meter! Ich verbrauche zu viele Herzschläge, aber das ist mir gerade egal. Sollte ich hier, an dieser Stelle sterben, werde ich dafür Sorge tragen, dass die Rechnung für die Bestattung an die Stadt geschickt wird. Und an den Idioten vor mir! Aber vor allem an die Stadt. Denn sie allein trägt Schuld daran, dass ich anstatt der gewohnten 20 Minuten für Hin- und Rückweg zum nahegelegenen Einkaufszentrum Bilker Arcaden nun insgesamt etwas über eine Stunde im Verkehr stecke und in den vergangenen zehn Minuten gerade mal 19 Meter zurückgelegt habe!

Zwei Meter.

21 Meter in zehn Minuten. Resigniert lasse ich mich wieder zurück in den Fahrersitz fallen. Das Einkaufszentrum spült weiterhin Menschen auf den Vorplatz, während es gleichzeitig welche in sich aufnimmt. Zwischen den sich stauenden Autos laufen die Menschen umher, überqueren die Straße. Ich bin in diesem Moment möglicherweise weit entfernt vom Ableben. Aber die Stadt Düsseldorf und ihre Verkehrsinfrastruktur geben sich redlich Mühe.


Irgendwo in einem Paralleluniversum schreibt der Düsseldorfer Straßenverkehr gerade mich über einen Beitrag. Davon gänzlich unabhängig: Facebook.

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