Die furchtlose Unterredung eines Mannes mit sich selbst

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Halb zehn an einem…Mittwoch? Haben wir einen Wochentag? Sind noch Schulferien? Tatsache. Halb zehn an einem Mittwoch der ersten Augustwoche. Weil man als eingeschriebener Student sich ungern vorwerfen lässt, zuviel Freizeit zu haben, muss auch ich gelegentlich arbeiten gehen. Da zu mehr aktuell die Zeit nicht reicht, verdiene ich fürstliche 450 Euro, die ich Monat für Monat stolz der Frau, die in unserer Wohnung lebt, präsentiere.

„Da! Schau! Ich habe Geld verdient!“ 

Verdient habe ich es tatsächlich, denn auch, wenn ich mir dort, wo ich arbeite, weiß Gott nicht (er weiß es wirklich nicht) den Arsch aufreiße oder mich gar überarbeite – das gäbe dieser tatsächlich tolle Nebenjob gar nicht her – komme ich an Tagen wie dem heutigen relativ geschafft nach Hause. Meine Aufgabe heute wird sein, die Kattaanlage zu besetzen. Mit dem Infomobil, einem Stand, in dem der Zoo Duisburg Exponate des Deutschen Zolls präsentiert. Das, was Menschen aus ihren Urlauben mitbringen. Felle, Löwenschädel, Elfenbein, Schlangenhäute, Krokodilledertaschen und eben alles, was man für ein tolles Souvenir hält. Die Präsentation dessen und die Demonstration mancher Dinge, die man am lebenden Objekt nur schwer realisieren kann wird dann unterbrochen, wenn die Kattas

„Das sind die lustigen Partyäffchen aus dem Film Madagaskar.“

„WAAAS?! Die gibt es wörklööösch?!“

ihr Innengehege verlassen und die Kattaanlage, angelegt wie eine Insel, bevölkern. Das bedeutet, dass sich die kleinen Tiere in Reichweite der in der Masse grundsätzlich blinden Besucher befinden. Auf der Anlage stehen sechs fest installierte Schilder, die das Füttern und Ärgern sowie das Trinken und Essen untersagen. Was eigentlich klar sein sollte. Weil es erfahrungsgemäß nicht klar ist, werden von mir an beiden Zugängen der Insel Aufsteller im A1-Format aufgestellt. Als Besucher kann man diese nicht übersehen. Sie schaffen es trotzdem. Acht Schilder mit Schrift und Symbolen, die international verständlich sind: Packt die Fressalien weg!

Sie werden übersehen. So wird es auch heute sein. Am Ende des Tages, werde ich heiser sein, weil ich alle fünf Minuten dieselbe Platte abspiele. In der Summe lässt es mich wahnsinnig werden. Dem jeweiligen Besucher gegenüber muss ich Verständnis aufbringen. Denn ihn spreche ich erstmals an. Für mich ist es dann vielleicht das hunderste Mal, aber dafür kann der jeweilige Besucher nichts. Also ruhig bleiben, vielleicht noch ein wenig Smalltalk. Die meisten verstehen es ja und zeigen Verständnis. Einige wenige gehen sofort in den Gegenangriff über. Vielleicht auch heute. Mal abwarten. Es schult die eigene Geduld, wenn man die Leute erst einmal ausschimpfen lässt, um dann ruhig zu antworten.

Ich richte mir den Stand so ein, dass er optisch ansprechend ist. Ein Zoobesuch und vermutlich auch der Besuch sämtlicher Kultureinrichtungen – so meine Meinung – sollte die Menschen bremsen. Entschleunigen, wie man es heute nennt. Denn erstens überträgt sich Hektik relativ schnell auf Tiere und zweitens sollte man sich entspannen können. Stattdessen ist es aber so, dass viele Menschen den kleinen Rundweg auf der Insel in Höchsttempo absolvieren, dabei weder Schilder noch Tiere beachten, planlos, rastlos nach links und rechts schauend, aber nichts erkennend.

Also sitze ich hier und warte. Auf Besucher. Darauf, dass die Tiere rauskommen. Noch ist es etwas frisch. Einige Wolken am Himmel. Nüchterne Stimmung.

Ein blonder Junge eilt heran. Er sieht mich, aber geht noch kurz an das Innengehege der Kattas. Sie schlafen noch. Für den Jungen sind sie damit nicht existent. Er dreht sofort wieder ab und kommt zu meinem Stand. Seine Augen huschen rastlos hin und her. Er schwitzt. Die Zeit. Sie rennt. Jedes Objekt wird kurz angefasst und noch während der Sekunde, die die Finger auf dem einen Objekt ruhen, ist der Blick längst zum nächsten weitergewandert. Aufgerissene Augen und Atemlosigkeit, die vor allem eines ausdrücken: Reizüberflutung. Von hinten donnert ein General.

„Komm getz, Leon!“

Der General heißt wohl Mama. Zumindest nennt Leon den General, der übergewichtig in Leggins, unordentlichem Zopf und mit Kinderwagen den Weg entlangwankt, so. Mama. Mama hat es eilig. Keine Zeit. Zumindest nicht, um DAS zu gucken. Schnell weiter zum nächsten Gehege, das ebenso hektisch verschlungen wird. Konsumiert von den Augen.

Dann wieder Ruhe. Langsame Schritt nähern sich. Ein Mann kommt angestapft. Hände in den Taschen. Der wird nicht lang bleiben.

„Tach.“, grüßt er knapp.

Er schlendet zum Gehege und wirft einen prüfenden Blick hinein.

„Schlafen.“, gibt er mir zu verstehen.

„Ja.“, bestätige ich ihm.

„Laufen die nicht frei rum?“, möchte er stirnrunzelnd von mir wissen.

„Nicht pausenlos. Die bewegen sich nicht mehr, als sie müssen. Würden Sie ja auch nicht.“

Er grübelt kurz, scheint zu begreifen. Er klopft gegen die Scheibe. Ein Tier schreckt auf. Die übrigen Tiere schlafen weiter.

„Nicht klopfen, bitte.“, ermahne ich ihn.

„Wieso?“

„Weil die Tiere schlafen wollen.“

„Die sollen mal was machen. Ich dachte, die laufen hier frei rum.“

„Ja, aber nicht pausenlos. Da drinnen ist es auch nicht so schlecht für die, sonst wäre die schon längst draußen. Das Fenster ist seit heute morgen offen.“

Der Mann überlegt wieder. Vielleicht versteht er langsam. Er tritt einen Schritt zurück, wirft einen letzten prüfenden Blick ins Innengehege.

„Langweilig.“, stellt er fest und verschwindet.

Abermals kommt ein Junge angewetzt, presst seine Nase an die Glasscheibe des Innengeheges. Hektisch zuckt sein Kopf hin und her. Während er wieder wegrennt, höre ich ihn kreischen, dass da keine Tiere sind. Ich schaue ins Gehege. Die Älteste, Omma, nickt mir zu. Ich nicke zurück. Sie sitzt wie alle anderen auf einem Baumstamm. Keine zwei Meter von der Stelle entfernt, wo der Junge gerade stand. In seiner Hektik übersah er die acht Tiere genau vor seinen Augen. Omma rollt sich wieder zusammen und schläft eine Runde.

Es folgt ein nicht abreißender Strom von Besuchern, die sich für meinen Stand interessieren. Nachdem ich mit einiger Mühe zwei Mädchen davon überzeugen muss, dass der Löwenschädel durchaus kein Dinosaurierkopf ist und der Kopf des Alligators vermutlich nicht beißen wird, höre ich wenige Meter entfernt ein pubertäres Kieksen.

„Hahaha! Wie ein Boss, Alter!“

Ein sicheres Signal, dass die Tiere nun draußen sind. Ich hasse diesen Spruch. Er entlarvt die einfachen Geister. Seit einigen Jahren nimmt es überhand. Kinder, die sich einem Tier gegenübersehen und scheinbar vollkommen teilnahmslos „Lol“ brummen. Lol! Weil dort ein Tier sitzt. Weil es einfach nur da sitzt. Es tut nichts. Grund genug für einige, lauthals zu lachen. Nicht tatsächlich. Man lolt vor sich hin.

Eine Gruppe vermutlich 13-jähriger Mädchen kommt angestiefelt. Jedes hat ein Smartphone in der Hand. Sie heben kurz den Kopf, sehen die Kattas im hohen Gras spielen und auf die Bäume klettern. Es reicht für ein „Oh, wie süüüüüß!“, bevor sich fünf Handys erheben und zehn Augen nicht mehr das eigentliche, das reale, Tier sondern ein Abbild dessen auf einem Display betrachten. Mehrfach ertönt das akustische Signal das Auslösers. Dann wird die Beute überprüft. Die Fotos sind wohl gelungen. Ohne einen weiteren Blick auf diese exotischen und gebietsweise bedrohten Tiere zu werfen, stürmen sie weiter. Das Ganze dauerte 20 Sekunden.

Unmittelbar danach erscheint ein Pärchen, scheint fasziniert von den Tieren. Schaut ihnen eine Weile dabei zu, wie sie über die Anlage streifen, sich kurz mit anderen Lemuren, den Varis, kabbeln und junge Triebe des hier wachsenden Bambus ausreißen, um ihn teilweise zu essen. Dass er dann einen Selfiestick auspackt und beide vor den Tieren posieren und dabei relativ blöd schauen, vernichtet den guten ersten Eindruck. Sie wundert sich, warum die nicht weglaufen. Er vermutet, dass die Tiere dressiert wurden. Als ich sage, dass die Tiere keinen Grund haben, wegzulaufen, wenn die hier doch alles haben, was sie benötigen, wirbeln die Köpfe des Pärchens herum und schauen mich ungläubig an. Der Blick fällt auf das Logo des Zoos auf meiner Weste.

„Ach, Sie arbeiten hier?“, fragt er.

„Ich gehe davon aus.“, antworte ich.

„Ja gut. Was sollen Sie als Zoomitarbeiter auch anderes sagen, als dass die Tiere freiwillig hier bleiben?“

„Wo gehen Sie denn abends immer hin?“

„Nach Hause.“

„Ok.“

 „Aber das ist was ganz anderes.“

Es ist immer etwas ganz anderes, wenn man sich eingestehen muss, dass man selbst einen sehr beschränkten Aktionsradius hat, der sich einzig und allein dadurch erklären lässt, dass man sich in bekannten Arealen sicher fühlt.

Es ist kurz vor Feierabend. Die Tiere kommen gleich rein. Nicht, weil sie nachts weglaufen würden. Ein Tier war einmal zwei Tage lang fort und kam von sich aus wieder. Die übrige Gruppe rief nach dem Tier. Sie müssen nachts trotzdem ins Innengehege, weil gelegentlich Füchse im Schutz der Dunkelheit den Zoo nach Essbarem durchstreifen. Die Tiere sitzen gerade alle auf dem Platz vor ihrem Innengehege. Den Pfleger haben sie wohl schon gehört. Er bringt das Abendessen. Früchte, Gemüse, Kräuter. Mit Essen bekommt man alle Lebewesen wieder an den Tisch. Kinder wie Erwachsene und eben auch Tiere. Eine dreiköpfige Familie erscheint und schaut sichtlich irritiert die Tiere an, dann mich, dann wieder die Tiere. Auf ihren Handys, die sie in den Händen halten, erkenne ich die Oberfläche von Pokemon Go. Sie schauen ratlos durch die Gegend und auf die Tiere. Niemand sagt etwas. Ob sie mich gleich fragen, warum die Tiere nicht in ihrem Innengehege sind und warum die hier frei rumlaufen dürfen? Der Vater schaut mich wieder an, sieht das Zoo-Logo auf meiner Weste. Dann schaut er stirnrunzelnd in die Büsche, ins Gehege und auf die Tiere zu seinen Füßen. Und zu seiner Familie. Sie schauen ihn an, dann mich, als sollte ich etwas sagen. Sie scheinen das alles hier nicht zu verstehen. Plötzlich schauen alle drei auf ihre Handys. Und gehen wie ferngesteuert weiter.

Das verstehe ich dann hingegen nicht.

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