Frau(en) im Straßenverkehr

2016-08-05 11.01.17

Ja, ungünstiger Beitragsname zur ungünstigen Zeit, was ihn damit im Grunde wieder günstig macht. Den Gesetzen der Mathematik folgend, die ja irgendwie absolut konkret und real ist, müsste minus und minus plus ergeben. Seis drum. Gerade erst der Hölle meines ersten Shitstorms entstiegen und dem Vorwurf des Sexismus ausgesetzt, formuliere ich eine Überschrift, die wenig deeskalierend wirken dürfte. Solch einen Sturm der Entrüstung wünsche ich niemandem. Er lässt einen an dem zweifeln, was man tut. Ich überlegte, meinen Wohnort umzubenennen. Das macht man in solchen Situationen. Wohnorte umbenennen, Namen wechseln. Sowas eben. Doch der Shitstorm ist überwunden. Er hat Spuren hinterlassen. Die zwei Facebook-Kommentare waren echt gemein.

Der Titel, er verstört. Was suchen die Klammern da? Was machen Frauen im Straßenverkehr? Und überhaupt: „Verkehr“…hihihi! Diese Fragen sind für mich längst beantwortet, denn ich bin es, der hier schreibt. Das wundert mich auch gelegentlich, aber so ist es nunmal. Das stattet mich mit dem einen oder anderen Privileg aus. Unter anderem nämlich, dass ich weiß, worum es hier gehen wird. Das ist eine vollkommen neue Erfahrung für mich, denn oftmals weiß ich erst, was ich da geschrieben habe, wenn es mir jemand anderes erklärt. Etwa wie vorgestern, als man mir einen bzw. zwei Beiträge als sexistische Kackscheiße interpretierte. Nun bin ich also Sexist. Eine Rolle, in die ich erst noch wachsen muss. Daher also der Beitragstitel. Doch ist das die ganze Wahrheit? Mal schauen. Oder in einem Wort ausgedrückt, das jüngst ein weltberühmter Gamer von mir lernte: schgugg!

Ich bin ein besonnener Autofahrer, der im Auto nur selten zur Hupe greift, die ich genaugenommen gar nicht greifen kann. Sofern es um solche Hupen geht, die im Auto oftmals am Lenkrad ihren Betätigungsknopf haben. Diese greife ich selten. Andere greife ich häufiger. Etwa, wenn ich als Clown verkleidet eine altmodische Hupe drücke. Das kommt häufiger vor, als man glauben mag. Öfter als ich im Auto die Hupe betätige. Ich verrenne mich in Details.

Sofern man mich im Auto in beifahrerischer Tätigkeit begleitet, ist unser altes Viech – so der Spitzname des tatsächlich alten Gefährts – eine Oase der Stille. Ein Raum der Ruhe und Entspannung. Manchmal redet jemand. Manchmal antworte ich. Fahre ich alleine, ist das gute alte Viech ein Ort der guten Laune, was an der ohrenbetäubenden Musik liegt, die ich dann konsumiere. Ich lasse das Fenster herunter und die Haare im Wind wehen, was für Männer mit zunehmendem Alter zum Problem werden kann. Denn der harte Wind pustet die schwach verwurzelten Haare vom Haupt. Auf unserer Rückbank müsste sich schon ein Teppich aus vom Winde verwehten Haaren gebildet haben.

Unbesonnen werde ich in wenigen Situationen. Nämlich dann, wenn ich mir etwas nicht erklären kann. Dass ein Fahrzeug die Grünphase verstreichen lässt, weil ein Bus die Kreuzung zu einem Viertel mit seinem Hinterteil blockiert: in Ordnung. Ich komme ebenfalls ungern auf einer Kreuzung zu stehen und laufe Gefahr, von rücksichtslosen Autofahrern angehupt und beschimpft zu werden. Und auch, wenn die Dame im Wagen vor uns durchaus hätte erkennen können, dass sich die Schlange, in der der Bus sich befand, im Fortbewegen begriffen war, nehme ich ihr die Regungslosigkeit nicht übel. Frauen gelten im Straßenverkehr als überaus vorsichtig. Eine These, die wohl wissenschaftlich belegt wurde.

Frauen fahren auch nur sehr vorsichtig Kratzer und Beulen in die Karosserie. Das ist ein Unterschied. Etwa der Unterschied zwischen „Oh nein! Ich bin versehentlich auf dein Spielzeug getreten!“ und „Guck mal. Das ist mein Fuß und hier dein Spielzeug. *krrrck* Kaputt. Naja.“. Ich beobachtete einmal eine junge Frau, die mit ihrem Mini konzentriert beim Ausparken die Stoßstange ihres Hintermanns demolierte. Langsam und vorsichtig. Ganz behutsam. Männer sind da eher grobmotorisch veranlagt und ziehen es vor, eindeutige Duftmarken zu hinterlassen. Etwa dem eigenen Fahrzeug, dem eines anderen Verkehrsteilnehmers und letztlich sich selbst einen Totalschaden zu verpassen. Oder sich mit zwei Promille hinters Lenkrad zu klemmen.

Die Grünphase geht vorüber. Ich kupple aus. Auf dem Beifahrerseitz atmet die Frau, die in unserer Wohnung lebt, einmal tief ein und seufzt. Frauen in Autos – zumal in Düsseldorf – sind ihr eine schwere Last. Vor allem, wenn das Nummerschild gemeinsam mit Modell und Aufkleber eine Einheit bildet: beispielsweise D – LM 1997, Mini Cooper mit Aufkleber „sponsort by Papa“. Von fremdsprachlichen Aspekten mal abgesehen, wären mir Nummernschild und Aufkleber noch in anderer Hinsicht etwas unangenehm. Es identifiziert die Fahrerin als Fahranfängerin und Papis kleine Düsseldorfer Prinzessin. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, äußert ein gernervtes „Naja…“ und schaut aus dem Fenster. Zur Beruhigung greife ich nach der Hupe.

Die nächste Grünphase. Erster Gang. Der Gegenverkehr scheint die Dame im Wagen vor uns zu verwirren. Sie tastet sich zentimeterweise vorwärts, schafft es immerhin auf den Fußgängerüberweg. Hinter uns greift jemand an die Hupe. Vor uns im Wagen wird das erste Mal wild gestikuliert und durch ihren Rückspiegel trifft mich ein böser Blick. Ich zucke mit den Schultern, bleibe ruhig. Die Ampel springt auf rot. Ich kupple wieder aus und schaue zur Frau, die in unserer Wohnung lebt. Ihr Gesicht ist in ihren Händen vergraben.

Wieder Grün. Wieder erster Gang. Hinter mir hupt es erneut. Sichtlich erbost wirft die Fahrerin vor uns ihre Hände über den Kopf und schimpft. Sie sieht sich außerstande, ihr Vehikel fortzubewegen. Warum, ist mir ein Rätsel. Pantomimisch schiebe ich ihre Karre auf die Kreuzung. Tatsächlich bewegt sie sich nur einen Meter und bleibt stehen, weil ihr der Gegenverkehr wieder einmal nicht geheuer ist. Dass man als Linksabbieger an den entgegenkommenden Linksabbieger vorbei- und nicht durch sie hindurchfahren muss, scheint sie nicht zu verstehen. Rot. Ich kupple aus. Es ist sehr still geworden.

Diese Stille ist mir nicht so recht. Ich merke, wie sich die Luft auflädt. Rechts neben mir vernehme ich ein leises „popf“. Der Frau, die in unserer Wohnung lebt, ist wohl gerade eine Synapse aus der Halterung gesprungen. Es sollten nicht mehr werden, denn die Folgen wären nicht absehbar. Ich bleibe ruhig und konzentriere mich auf ein möglichst deeskalierendes Verhalten. Bei der nächsten Grünphase setze ich die Lichthupe. Nicht, um die Dame im Wagen vor uns zu drängen, sondern um ihr zu signalisieren, dass sie nun fahren kann. Die Ampel kann sie nämlich längst nicht mehr sehen. Sie gestikuliert wild. Ihr Beifahrer ist entweder taub, schläft oder längst an Altersschwäche gestorben. Er reagiert nicht. Ich sage der Frau, die in unserer Wohnung lebt, dass ich ja nur die Lichthupe setzte, um der Dame freundlicherweise die Möglichkeit des Anfahrens zu signalisieren. Während ich das erzähle, trifft sich mein Blick mit dem meiner Vorderfrau in ihrem Rückspiegel. Ihr linker Arm hebt sich aus dem Fahrerfenster und sie zeigt mir den Mittelfinger.

Mit dem Gesichtsausdruck vollster Überzeugung schnallt sich die Frau, die in unserer Wohnung lebt, ab. Ich versuche, sie an ihrem Vorhaben zu hindern, weil ich befürchte, dass sie den Wagen vor uns zu einer kleinen Alukugel zusammenrollt, aber sie ist schon ausgestiegen und geht ruhig zur Fahrertür des Wagens vor uns. Sie ist ein absolut friedlicher Mensch, aber ein Blick reicht aus, um Männer zu brechen. Aus diesem Grund bewegt sie sich wie selbstverständlich auf der Straße. Andere hätten Angst, überfahren oder von der Dame im Wagen vor uns angegriffen zu werden. Nicht sie. Bei dem Blick traut sich niemand, sie anzugreifen oder zu überfahren. Sie wäre vielleicht DIE Waffen gegen den IS.

Ich beobachte das Geschehen aus sicherer Distanz. Als die Frau vor uns registriert, dass die Frau, die in unserer Wohnung lebt, ausgestiegen ist, reißt sie panisch die Augen auf, hämmert wild auf den elektrischen Fensterheber ein. Augenblicklich beschlagen sämtliche Autoscheiben. Angstschweiß. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, erzählt der Dame ein paar Takte, die ich nicht hören kann. Die Frau im Wagen vor uns tut mir nun leid. Um das Gesagte zu unterstreichen, reißt die Frau, die in unserer Wohnung lebt, eine Fußgängerampel ab und verspeist sie. Dann kehrt sie zurück, setzt sich hin und schnallt sich wieder an.

„Ich habe sie nur gefragt, ob das mit dem Mittelfinger nötig gewesen ist, und gesagt, dass ihr Nummernschild notiert ist.“

Soweit ist es gekommen. Nun muss sie, eine Frau!, schon meine Kämpfe austragen, wo ich doch erst vor Kurzem im sportlichen Vergleich gegen eine gewisse Frau M. von S. den Kürzeren zog. Es sind unruhige Zeiten für den Mann.

Die Frau vor uns hat das Fahrerfenster wieder geöffnet und raucht eine Stresszigarette.

„Frauen im Straßenverkehr!“, fasst die Frau, die in unserer Wohnung lebt, das Geschehen zusammen.

Ich will ihr da nicht widersprechen. Niemand will ihr widersprechen. Gutaussehenden Frauen, die Ampeln essen, während sie in nur wenigen Sekunden meine Angelegenheiten regeln, widerspricht man nicht.


Mehr Sexismus gibt es nur auf Facebook! Oder hier und hier. Achja, und hier.

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13 Kommentare

  1. Hier in Süditalien wäre diese Frau von mehreren Autos gerammt und über die Kreuzung geschoben worden, denn wir (Frauen und Männer) halten schon nicht bei roten Ampeln… geschweige denn bei grünen. Äh… ja… Ich hoffe für DFDIDWL, dass die Ampel gut verdaulich war. 😉

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  2. Wunderbar. Vor ein paar Jahren, ganz schön viel Jahren, habe ich einen Beitrag zum Fahrstil von Deutschen und Franzosen geschrieben. Einen Teil 2 zum Fahrstil von Frauen und Männern hatte ich angekündigt. Er ist mit diesem Beitrag – nicht von mir – realisiert.

    Außerdem habe ich was gelernt. Jetzt weiß ich endlich, wo ich die Hupe suchen muss. Warum habe ich bisher noch nie auf dem Lenkrad gesucht. Muss ich heute auf der Heimfahrt gleich mal ausprobieren und die Schnarchnase an der Ampel erschrecken.

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  3. „Sofern es um solche Hupen geht, die im Auto oftmals am Lenkrad ihren Betätigungsknopf haben. Diese greife ich selten. Andere greife ich häufiger. “
    Du legst es aber auch drauf an. Wer hier an was anderes denkt in dem schlummert der Sexist?! 😀

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  4. Nichts für ungut, aber der Beitrag hat ein bisschen was von Marios Bart – ach nee, das muss ja „Mario Barth“ heißen…
    „Kennste, kennste, kennste??? FRAUEN! im AUTO! Kennste, kennste? – ABSTAND!!! RÜCKsichtnahme! SPURwechsel! SCHMINKspiegel! Kennste, kennste?“
    😀

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      • Nun wollte ich gerade schreiben, dass mir wenig zum Interpretieren auffällt.
        Aber dann doch! Die verspeiste Verkehrsampel am Ende hat die ganze Geschichte ja als schlechten (oder schönen?) Traum nach dem übermäßigen Verzehr von Schlechtverdaulichem erklärt 🙂

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