Der wandelnde Kompromiss – Ein Hoch auf das Mittelmaß

Durchschnitt

Bewertungen sind in meinen Augen eine etwas uneindeutige Sache. Nicht im Hinblick auf die Qualität sondern auf die Quantität. Alles Mögliche kann mittlerweile im Internet bewertet werden, was spätestens bei Friedhöfen absurd wird. Bei Facebook beispielsweise hat der hiesige Bilker Friedhof zwei öffentliche Bewertungen mit fünf Sternen erhalten. Ich fand nirgends einen Kommentar, der zum Ausdruck bringt, dass man dort sehr gut liege, aber das erklärt sich aus dem Umstand, dass diejenigen, die das bewerten könnten, keinen Internetzugang haben. Das stört mich allerdings nicht wirklich. Ein wenig mehr verstört es, dass es dort eine Angabe gibt, wie viele Facebooknutzer bereits dort gewesen sind. Ich persönlich würde mich nicht auf den Friedhof stellen und meine Umwelt per Smartphone wissen lassen, dass ich gerade dort bin.

„Manuel Höttges ist hier: Alter Bilker Friedhof mit 1.429 weiteren Personen – Happy funeral! #yolo

Aber gut. Das soll jeder halten, wie er mag. Bewertungen im Internet halte ich aber trotzdem für schwierig, weil sie kaum Aussagekraft besitzen. Man neigt eher dazu, einem Unternehmen oder einem Produkt eine Bewertung zu verpassen, wenn man unzufrieden ist. Schließlich gibt es einen Anlass. Weil wir aber gelernt haben, dass das Beste stets die Norm zu sein hat, reagieren wir nicht, wenn zum Beispiel ein geliefertes Produkt normal funktioniert. Warum ins Internet gehen und eine Bewertung abgeben? Es ist doch schließlich die Pflicht des Verkäufers, einwandfreie Ware zu liefern.

Wie würde man mich bewerten? Ich sollte eventuell eine Befragung in dieser Wohnung durchführen oder durchführen lassen. Besser durchführen lassen, damit kein Befragter befangen wäre. Zentrale Frage wäre, wie die Befragten die Qualität des in der Wohnung lebenden Schreiberlings bewerten. Während mir die Antworten einer gewissen Katze reichlich egal wären, die den Fragebogen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zunächst in ein Puzzle verwandeln und anschließend fressen würde, interessieren mich die der Frau, die in unserer Wohnung lebt, umso mehr. Ich gehe nämlich davon aus, dass ich langweiliger Durchschnitt bin. Sie sieht das unter Umständen anders.

Langweiliger Durchschnitt ist allerdings keinesfalls ein negatives Attribut. Aus irgendeinem Grund wurde uns in den vergangenen Jahren eingeimpft, dass man in allem stets der Beste sein muss. Es wäre höchst deprimierend, wenn wir uns vor Augen führen würden, in welchen Belangen wir nicht nur nicht die Besten sondern sogar die Unbesten sind. Andererseits ist es exakt dieses Gewahrwerden der eigenen Unzulänglichkeiten, das den Unterschied ausmacht zwischen Bodenständigkeit und Arroganz. Letztere muss nicht einmal boshafte Absicht sein. Ich gehe davon aus – und nach allem, was man so liest, sehen das einige Personalverantwortliche ganz ähnlich – dass sich bei manchen Bewerbern der Gedanke, ein lupenreiner Diamant sein zu müssen, derart gefestigt hat, dass ein entsprechendes Gehabe nur folgerichtig ist. Alles andere als Perfektion ist unperfekt ist nicht gut ist unterdurchschnittlich. Also stapelt man hoch und formt sich ein Selbstbild, das in allen Belangen überdurchschnittlich ist.

Vielleicht kann manch einer dieses Selbstbild bestätigen. Manche werden es korrigieren müssen, was je nach Zeitpunkt sehr ungenehm werden kann, weil die Erwartungen anderer und – schlimmer noch – die eigenen untertroffen werden. Wer gewisse Talente besitzt, der wird diese auch ohne Pathos kommunizieren können, ohne währenddessen seine Fußnägel in die Schuhsohlen zu graben, als wolle man sich mit den Füßen am Boden festkrallen. Zeigen, was man kann, aber auch die Grenze kennen, an der die eigene Kompetenz endet.

Das betrifft mich allerdings auch. In meinem Ausweis steht eine Körpergröße von 1,78 m, was ich gelegentlich großzügig aufrunde auf 1,80 m. 1,78 m klingt für mich zu klein, zumal mir im Jugendalter von meinem Kiefer(n)orthopäden eine stattliche Größe von 1,81 m prophezeiht wurde. Vermutlich hat mich das zwischenzeitliche Rauchen drei Zentimenter gekostet. Ansonsten halte ich mich für einen unscheinbaren Menschen mit wenigen Fähigkeiten, die die Welt verändern. Und das ist auch nicht meine Absicht. Alles andere wäre Betrug an sich selbst. Manch einer wird nun tönen, dass man doch immer nach den Sternen greifen soll und seine Träume verwirklichen, sein Talent nicht vergeuden sollte und alles schaffen kann.

„Alles“ ist eine in hohem Maße persönliche Angelegenheit. Ebenso wie „Talent“ und „Sterne“. Jedes Jahr aufs Neue belegen Sendungen wie DSDS, dass die Definitionen von „Talent“ und „Superstar“ nur recht grob abgesteckt sind und von Mensch zu Mensch variieren. Und es tut mir leid, dass sie es nun wieder abbekommen, aber mancher Modeblogger nutzt sein „Talent“, sich jeden Morgen anziehen zu können, und nimmt dies zum Anlass, darüber einige Worte zu verlieren. Der Witz an der Sache: Ich könnte das vermutlich gar nicht, weil es mir schwer fiele, das Ganze ernstzunehmen.

Was ich „alles“ schaffen kann, liegt in erster Linie daran, was ich „alles“ schaffen will und wo sich die Sterne befinden, nach denen ich greifen möchte. Ich habe meine Ziele und die sind nicht zu hoch gesteckt. Hoch genug, um sie aktuell nicht erreichen zu können, niedrig genug, um sie mit etwas Engagement zu erreichen. Dabei helfen mir eventuell einige Eigenschaften, die ich zu meinen Stärken zähle, die aber kaum der Rede wert sind.

Wozu ich offenbar in der Lage bin, ist das Schreiben. Ob ich dieses gut oder schlecht beherrsche, kann ich nicht beurteilen, aber zumindest fällt es mir nicht schwer, überhaupt etwas zu Papier zu bringen, was man entziffern kann (von meiner Handschrift, die durch meine Linkshändigkeit bedingt eine Sauklaue ist, mal abgesehen). Gelegentlich bin ich selbst nicht ganz zufrieden mit dem, was daraus geworden ist, aber letzten Endes bin ich es nicht, der meine Texte zu bewerten hat. Das wäre auch eine recht fruchtlose Angelegenheit, weil ein Schriftsteller seinen eigenen Text nur auf eine Art deuten kann: die eigene. Wie langweilig. Insofern vertraue ich darauf, dass andere sich ein Urteil erlauben und dieses nicht unbedingt vernichtend ausfällt oder man mir Dinge in den Mund legt, die man erst mithilfe intensiver Interpretationsbemühungen extrahieren muss. Doch damit erhebe ich mich nicht über andere, denn ein kurzer Blick in die nächste Buchhandlung reicht aus, um zu erkennen: Schreiben können viele.

Und ich gebe mich damit zufrieden, weil alles andere die Unzufriedenheit schürt. Ich bin wohl musikalisch, habe aber geregelte Probleme beim Notenlesen. Das einzige Instrument, das ich souverän beherrsche, ist das Schlagzeug. Dazu gesellen sich Grundfähigkeiten an Klavier, Gitarre, Bass und Triangel, die ich bis zu einem bestimmten Punkt vortrage, als hätte ich sie erlernt, was ich aber nie tat. Mein Gesang ist weit entfernt von Professionalität, was unser Auto aber nicht stört. Ich bin ein durchschnittlicher Sportler, kann unterdurchschnittlich malen und zeichnen, obwohl es in meinem Kopf oftmals ganz außergewöhnlich aussieht. Außergewöhnlich sieht es am Ende tatsächlich aus. Nur eben am anderen Ende der „außergewöhnlich“-Skala. Nachdem ich verstand, was Vektorgrafiken sind, konnte ich erstmals etwas mit dem Illustrator von Adobe anfangen. Mehr nicht. Das können viele besser als ich.

Vielleicht ist aber genau das meine persönliche Überdurchschnittlichkeit. Viele Teilbereiche im Ansatz zu kennen, verstehen und anwenden zu können. Vieles zu können, aber nichts richtig. Aber immerhin bis zur Grenze des autodidaktisch Erlernten unfallfrei und zielsicher. Das ist möglicherweise langweilig, weil ich dadurch nicht der Überflieger bin, der man heute vermeintlich stets sein muss. Andererseits halte ich einen breiten Stand im Durchschnitt für eine solide Grundlage, auch wenn die Schnittmenge aus vielen Teilmengen immer einen Kompromiss bedeutet.

Vielleicht liegt meine Überdurchschnittlichkeit auch schlicht darin, meine Grenzen zu kennen.

Eine ist definitiv bei 1,78 m. Soviel ist sicher. Langweiliger Durchschnitt.


Lest auch die jüngsten Beiträge. Sie liefen außerordentlich unterdurchschnittlich.

Heute Nachmittag lösche ich Facebook. Kein Witz! Schaut schnell vorbei, bevor es für immer verschwindet!

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10 Kommentare

    • Nach dem theoretischen Studium, in dem vor allem die physikalischen Besonderheiten im Fokus stehen, folgt eine etwa 10-jährige Praxisausbildung. Man beginnt mit einer Triangel aus Ton, später dann verschiedene Hölzer und schließlich dann das Profi-Instrument. Es gibt nicht viele Triangelspieler. Nicht etwa, weil das Instrument unattraktiv wäre. Viele Studienbeginner scheitern an der 99,98 %-igen Durchfallquote der Klausur über die für den perfekten Klang notwendige Winkelbestimmung. Nur ein Bruchteil eines Grades neben dem Optimum und eine Triangel klingt wie eine sterbende Gans im Stimmbruch.

      Gefällt 1 Person

  1. Die Umfrage in der Wohnung kannst Du Dir sparen. Solange „Die Frau, die….“ anwesend ist/bleibt wirst Du ihren Ansprüchen wohl noch genügen. Möglich ist natürlich das ihre Ansprüche gar nicht besonders hoch sind, was Dir Glückspilz zugute kommt.
    Wenn sie mal packen sollte, dann weißt Du, deine Unterdurchschnittlichkeit hat einen Punkt erreicht, der ihre Ansprüche beim besten Willen nicht mehr erreicht.

    Guter Text, gar nicht unter oder am Durchschnitt entlang schrappend. Aber was weiß ich schon?

    PS: Kann man ein FB-Account tatsächlich wieder löschen?

    Gefällt 1 Person

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