Im Schatten der Olive – Ein rheinisches Chamäleon

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Es wird wieder geächzt. In den vergangenen Jahren hat sich die Unart eingeschlichen, dass man sich über die positiven Dinge des Alltags künstlich aufregt, um gegenteilige Kommentare zu ernten. Was also oberflächlich wie das Bedauern eines Umstandes aussieht, heischt schlicht nach Anerkennung.

„Megafail! Die Schlange vor dem Check-In-Schalter nach Bali ist totaaaal lang!“

oder

„Neben mir im Flugzeug sitzt ein Instagramfollower von mir. Ätzend!“

oder

„Oh, ich habe mich jahrelang vermessen. Er ist nur 29,7 cm lang.“

Die Berichterstattung mancher Sender macht es vor. So tönte vor Kurzem ein „Nachrichtensprecher“ auf RTL, dass der Sommer ja nun doch endlich komme – mein Eindruck, dass wir eigentlich einen recht akzeptablen Sommer hatten, scheint ein falscher zu sein – und dass dies auch Grund zur Freude sei. ABER! Es gibt immer ein „Aber“. Es muss immer ein „Aber“ geben, sonst wären die Dinge zu positiv. In diesem Fall war das „Aber“, dass es ja Menschen gibt, die draußen arbeiten müssen. Und wäre es das nicht, dann wäre das „Aber“, dass manche Menschen bei diesem Wetter drinnen arbeiten müssen. Und wäre es das nicht, dann wäre das „Aber“, dass sich viele Menschen doch vor Kurzem erst neue Schals gekauft haben, die sie nun nicht tragen können, weil es zu heiß ist. Gleich, was da kommt, es gibt immer eine negative Seite. Und falls nicht, dann ist es verdächtig. Nichts ist so gut, dass es nicht für irgendwas schlecht sein kann.

Das neuerliche Erwarmen der hiesigen Erdatmosphäre kann ich nur gutheißen. Ich könnte auch plärren, dass es ausgerechnet jetzt wieder warm wird, wo ich doch das Wochenende über arbeiten muss. Es ist immer „ausgerechnet jetzt“, weil einem Dinge erst dann auffallen, wenn sie mit anderen Dingen kollidieren. „Ausgerechnet jetzt“ ist immer negativ. Ausgerechnet jetzt zum Schulbeginn in NRW wird es wieder heiß.

„Wie kacke! Gerade erst vor der Bullenhitze der Karibik geflohen und nun ist es in Deutschland ausgerechnet auch so krass heiß!“

Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, und ich nahmen die Hitze, die sie nunmal ist, zum Anlass, einen Ausflug an den nahegelegenen Rhein zu machen. Es gibt auch einen ferngelegenen Rhein, aber der ist uns zu fern. Ausgerechnet jetzt, einen Tag bevor ich drei Tage in Folge bis vermutlich spät in den Abend hinein würde arbeiten müssen, hatte ich einen kompletten Tag frei. Rein gar nichts zu tun. „Ausgerechnet jetzt“ geht also auch positiv. Fällt nur selten auf. Ist ja auch langweilig.

Der nahegelegene Rhein zeichnet sich durch viele Steine an dessen Ufer aus. Ausgerechnet heute stören mich die Steine nicht. Ausgerechnet heute packten wir eine Decke ein, um uns am Rheinufer auf ihr zu platzieren. Ausgerechnet heute vergaßen wir sie nicht. Es könnte alles so positiv sein, wenn wir die Dinge in der Art bemerken würden, wir den negativen Zufällen Aufmerksamkeit schenken.

Wir passieren einen riesigen Baum. Einen Olivenbaum, wie ich der Frau, die in unserer Wohnung lebt, mitteile. Sie gibt zu bedenken, dass Olivenbäume eher die Zwergen unter den Bäumen sind und das hier allein wegen seiner unfassbaren Größe kein Olivenbaum sein kann.

Es gibt tatsächlich kein Synonym für „Baum“, was mir Bauchschmerzen bereitet, weil ich Worte ungern wiederhole. Aber selbst mein guter Recherchefreund Google kann mir in Bezug auf raumübergreifendes Großgrün nur „Baum“ nennen. „Raumübergreifendes Großgrün“ ist Amtsdeutsch und zählt nicht.

Ich bleibe bei meiner Pflanzenbestimmung. Unter der Olive ist viel Platz, aber eben auch viel Schatten, was die Frau, die in unserer Wohnung lebt, zum Anlass nimmt, weiterzusuchen.

Die Wahl des Platzes, an dem wir verweilen, gestaltet sich als schwierig. Dort ankert ein Segelschiff, das uns die Aussicht auf das gegenüberliegende Rheinufer versperrt, woanders ist nur Wiese. Wiese hat den entscheidenden Nachteil, dass man die Hinterlassenschaften von Zwei- und Vierbeinern nur schwer erkennen kann. Ehe man sich versieht, kniet man in einem äußerlich knusprigen Häufchen, das bei entsprechendem Druck sein cremiges Inneres offenbart. Da ich einmal als junger Heranwachsender in Funktion eines rennenden Spielkameraden stolperte, fiel und meinen Sturz durch den zielgenauen Griff in einen Hundehaufen am Straßenrand abfing, ist ein neuerlicher Kontakt mit Exkrementen verzichtbar.

Wir finden eine Stelle ohne Wiese (dafür aber mit Steinen) und kaum Bruchstücken von Glasflaschen und lassen uns nieder. Weil ich ausgerechnet heute meinen pneumatischen Bohrhammer vergaß, dauert es eine Weile, bis der Sonnenschirm – ein für mich unentbehrliches Sonnenbadutensil! – festen Stand unter seinen nicht vorhandenen Füßen hat. Um sicherzugehen, schieben wir etwas Kies um die Stange des Schirms. Für das laue Lüftchen, das hier weht, wird es wohl reichen. Zehn Minuten später rennt eine 27-jährige Frau einem grünen Sonnenschirm hinterher. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, reagiert als erstes, als ein etwas laueres Lüftchen als die übrigen Lüfte den Schirm erfasst.

Ich bleibe unter Schock sitzen. Denn nicht nur, dass der Schirm laut und deutlich „Endlich frei!“ ruft, als er sich vom Acker macht, auch ist mein an Schatten gewöhnter Körper urplötzlich der Höllenglut einer unbarmherzigen Sonne ausgesetzt. Sämliche Haare an Armen und Beinen versengen unverzüglich und ich winde mich wie eine Ameise auf einer zu heißen Steinplatte. Wir hätten uns doch im Schatten der üppigen Olive niederlassen sollen. Dort war weicher Erdboden, der den Schirmständer freudig empfangen hätte. Außerdem ist es dort nach wie vor schön schattig. Dort würde ich nun nicht verbrennen, selbst wenn der Schirm fortgeflogen wäre. Aufgestellt hätten wir ihn dort dennoch. Doppelt hält besser und weil die Natur fehlerhaft ist, hätte es nicht geschadet, den Schatten der Olive mit einer künstlichen Schattenquelle zu optimieren. Aber die Frau, die in unserer Wohnung lebt, liebt das Spiel mit dem Feuer.

„Ich hab den Schirm. Wir müssen…was hast du?!“, fragt mich die Frau, die in unserer Wohnung lebt.

„ES IST SO UNFASSBAR HEISS!!!“, kreische ich betont lässig.

„Stell dich nicht so an! Der Schirm hält so nicht. Wir müssen Steine sammeln und den damit befestigen.“ 

Also sammeln wir Wackersteine und drapieren sie um den Sonnenschirm, dass diesem keine andere Möglichkeit bleibt, als sein Schicksal als stationärer Sonnenschutz zu akzeptieren. Da ich ohne Schuhe auf die Suche gehe, komme ich nur sehr langsam voran. Dass es sich bei den Steinen, die wir für passend erachten, um Findlinge der jüngsten Eiszeit handelt, macht den Weg zurück zur Decke nicht leichter. Zumal ich vor jedem Schritt kontrollieren muss, ob da nicht eine hinterlistige Glasscherbe zwischen dem Kies hervorlünkert. Und so bewege ich mich wie ein Chamäleon am Rheinufer entlang. Langsam, die Farbe von weiß zu rot wechselnd, dumm aussehend.

Als alles eingerichtet ist, müssen wir feststellen, dass der Schirm zwar Schatten spendet, dieser aber den Ausmaßen eines erwachsenen Mannes nicht gerecht wird. Ich muss die Beine ein wenig anwinkeln, was aber in Ordnung ist. Die Frau, die in unserer Wohnung lebt, bemerkt die vielen Muscheln. Das entnehme ich ihrem Ausruf „Schau mal, die ganzen Muscheln.“

Ich als ehemaliger Geologiestudent erkläre da gern.

„Der Rhein war früher ein stehendes Gewässer und daher sind hier viele Muscheln. Von hier aus konnte man das gegenüberliegende Ufer gar nicht sehen. Die Plattentektonik hat das dann alles verändert.“

„Du weißt schon, dass der Rhein in den Alpen entspringt?“

„…und aus diversen Zuflüssen gespeist wird. Gletscher, gefrorenes Wasser…das steht da einfach am Berghang. Stehendes Gewässer. Ich habe Geologie studiert!“

„Das halte ich für…“

„STEHENDES GEWÄSSER!“

Nachdem sie ob dieser Erklärung dankbar die Augen geschlossen hat, nutze ich die Zeit, um die Umgebung zu observieren.


Was mutierte Flöhe zwischen dem Kies, ein Hund namens Boomerang und ein abgebrochener Flaschenboden mit einem Nachmittag am Rheinufer zu tun haben? Findet es heraus – im zweiten Teil!

Auf Facebook habe über diese Erlebnisse nie geschrieben.

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