VERGANGENHEITSBEWÄLTIGUNG – Früher war er Musiker, heute machen das andere

musiker

Das Kuriose an neuen Lebensabschnitten bzw. dem Nahen derer ist das Innehalten und Zurückblicken. Was der Autor dieses digitalen Sammelsuriums von Alltagsanekdoten hier mit deutlich zu viel Pathos meint, ist die Angewohnheit, an bestimmten Punkten des Lebens über das bisher ge- und erlebte Dasein nachzudenken. Der nahende neue Lebensabschnitt ist lediglich das schleichende Betreten dessen, was man als Berufsleben bezeichnet, worüber man nicht tönen sollte, wenn noch nichts in trockenen Tüchern ist. Aber ich gehe fest davon aus, dass auf den Universitätsabschluss etwas anderes folgt als das Studentendasein. Eine logische Notwendigkeit. Sollte das nicht so sein, wird das natürlich eine große Überraschung für mich.

„Alles Gute zum Master! Übrigens muss du trotzdem noch an der Uni bleiben. Pech.“

Gewissermaßen wird man an solchen Punkten im Leben dazu gezwungen, das eine oder andere revue passieren zu lassen. Denn der massenhaft unter potenziellen Arbeitgebern gestreute Lebenslauf führt schonungslos und chronologisch geordnet vor Augen, was man wann tat. Sofern es für die Bewerbung sinnvoll wäre. Sinnvoll ist es dann, wenn es dem Kaschieren von Lücken dient, was bei mir glücklicherweise nicht notwendig ist, da ich recht lückenlos daherkomme. Das liegt zum einen daran, dass ich nach dem Abitur zunächst im Zivildienst verweilte und danach ununterbrochen eingeschriebener Student war. Zum anderen liegt es daran, dass ich während dieser Studienzeit auch anderweitig tätig war.

Ich gehe eigentlich ungern mit Dingen hausieren, die ich mal gemacht habe. Das war, soweit ich denken kann, schon immer so, weil ich Ereignisse oder Leistungen in der Regel ganz gut einschätzen kann. Manche würden mich dafür kritisieren, dass ich mein Licht hier und da unter den Scheffel stelle, aber irgendwie habe ich nicht das Bedürfnis, andauernd von der Krassheit meines Lebens zu berichten. Sofern die in dieser Form überhaupt existiert. Ich halte mein Leben für außerordentlich durchschnittlich. Andere sind recht talentiert darin, ihr Leben oder ihre Person auf ein Podest zu heben, obwohl da wenig Außergewöhnliches zu finden ist, aber solche Dinge relativiert das Leben irgendwann. Da bin ich ohne Neid, zumal dieses Zelebrieren des Selbst lediglich Auswuchs des Missverständnisses ist, überall stets der oder die Geilste sein zu müssen. Man stapelt hoch, obwohl jeder weiß, wie das Spiel läuft. Nämlich, dass am Ende das solide und vor allem breite Fundament das Maß aller Dinge ist.

Wenn ich meinen Lebenslauf durchblättere, der auf erschreckend wenigen Seiten meine 30 Jahre zusammenfasst, fallen mir vor allem drei Jahre ins Auge. Die drei Jahre nach meinem Zivildienst.

Der Sommer 2006 war einer der großen Umbrüche. Deutschland nahm den Rechten während des Sommermärchens die deutsche Fahne weg, mein Zivildienst war beendet und ich musste eine Studienfachwahl treffen. Ein Umbruch hatte schon zuvor stattgefunden, der für Außenstehende vielleicht unerheblich scheint, für mich allerdings von Bedeutung war. Nachdem ich vier Jahre lang Schlagzeuger einer Band (Wir waren gut!) war, lösten wir uns Anfang April auf, was auch daran lag, dass unser Gitarrist – heute SEO-Experte – im Vorfeld mit mir zusammen an einem neuen Projekt bastelte: deutsche Texte, gute-Laune-Musik. Nun hatten wir unseren Bassisten ebenfalls schon überreden können, dieses neue Projekt voranzutreiben. Unser damaliger Sänger wertete das verständlicherweise als Vertrauensbruch. Es geschahen noch einige andere Dinge, aber das Thema „alte Band“ war durch. Ich höre unsere Musik allerdings heute noch.

mantel_spNach vier Jahren im Hintergrund sagte ich unserem Sänger, dass ich in einer eventuell neuen Band gern Gitarre spielen würden. Ich bin kein ausgebildeter Gitarrist, aber ich trage das, was ich kann, so vor, dass man die fehlende Ausbildung nicht bemerkt. Unser Gitarrist (nennen wir ihn Frankobald), der von da an unser Sänger war, machte zu diesem Zeitpunkt Abitur, weshalb wir uns bis in die Puppen im Proberaum einschlossen und Demos aufnahmen. Der digitalen Technik sei Dank. Es ist – und das betrachte ich eigentlich mit großem Bedauern – heute möglich, Platten zu produzieren, die gänzlich ohne echte Instrumente auskommen. 2006 klang manches vielleicht noch etwas künstlich, aber die Technik machte dermaßen schnelle Fortschritte, dass ich bis 2010 im stillen Kämmerlein im Grunde ein ganzes Album aufnahm, ohne je dafür Schlagzeug, Bass, Klavier oder irgendein anderes Instrument außer Gitarre gespielt zu haben. Ich bin großer Anhänger handgemachter Musik und daher auch Verfechter des Grundsatzes, dass Sound immer erst einmal durch die Luft gewandert sein und von einem Mikrofon aufgefangen werden muss, um gut zu sein.

Und das taten wir in den Osterferien 2006. Saßen teilweise bis 5 Uhr morgens im Proberaum, sammelten Ideen, nahmen auf, schrieben Texte. Manches war gut, manches war schlecht und wurde verworfen, manches begleitete uns in den kommenden drei Jahren. Wir fanden einen Düsseldorfer Produzenten, der uns treffen wollte. Wir verstanden uns und er war von dem Konzept – vier junge Typen, deutsche Texte, Partyrock – angetan. Das Problem: wir waren zu dritt. pq2v1162-01Also bekamen wir den Auftrag, einen Schlagzeuger zu finden, den Frankobald dann auch fand. Niemand weiß, wie er es schaffte, aber Frankobald gelang es, unseren künftigen Schlagzeuger, der zu diesem Zeitpunkt noch an einem Kreuzbandriss laborierte, zu überzeugen, dass es sinnvoll wäre, mit diesen drei ihm völlig unbekannten Menschen in ein Studio zu fahren, um dort einen Vertrag zu unterzeichnen. Was dann auch geschah.

In den Folgemonaten fuhr ich sporadisch zur Uni, traf mich oft mit Frankobald und den anderen beiden, schrieb neue Lieder oder saß mit unserem Produzenten im Studio und nahm auf. Unser Schlagzeuger wurde verletzungsbedingt für die Aufnahmen durch einen Studiomusiker ersetzt. Und so planten wir unsere Karriere, während uns von unserem Produzenten immer wieder dieses und jenes in Aussicht gestellt wurde. Es wurden letztlich einige Konzerte, teilweise mit für uns peinlichen Nebenhandlungen. Eine vollkommen unbekannte Band unter massivem Einsatz von Überheblichkeit bei einem kleinen Festival zum Headliner zu nötigen und das ganze mit einem dreiköpfigen Kamerateam zu filmen, war uns unangenehm. Das sollte dann auch das einzig Messbare gewesen sein, was unser Produzent in insgesamt einem Jahr für uns tat und wir forcierten die Vertragsauflösung, weil uns bereits ein anderes Angebot vorlag.

Wir spielten in einem ausverkauften Club in Köln und wurden dort von jemandem beobachtet, der uns anschließend zu einem Gespräch einlud und einige Ideen äußerte. Ohne zu wissen, ob wir unterschreiben würden, hatte er bereits ein Logo in Auftrag gegeben, eine Domain gesichert und das weitere Vorhaben skizziert. Wir unterschrieben und saßen keine drei Tage später in einem Fotostudio. In den kommenden Wochen wurde ein Tonstudio angemietet, zu dem wir den Schlüssel erhielten, um immer dann, wenn wir Bock hätten, aufnehmen zu können. Beinahe täglich flatterten neue Konzertdatenpicture-0010 rein, denn unser Management hatte jemanden für die Konzertbuchung beauftragt. Was wir an Promomaterial benötigten, wurde gedruckt oder hergestellt. Wir hatten Termine für Interviews mit Zeitungen und Radiosendern. Und irgendwann steht man im tiefsten Bayern auf der Bühne eines Jugendzentrums vor 400 jungen Menschen und die singen die eigenen Texte mit.

Wir tourten durch ganz Deutschland, spielten vor ausverkauften Clubs und beinahe leeren Studentenkneipen, pflasterten die Innenstädte der Orte, in denen wir abends spielen sollten, tagsüber mit unseren Aufklebern und Flyern zu, dekorierten unsere Hotelzimmer um, gingen nach den Konzerten mit wildfremden Menschen irgendwo feiern und bemerkten erst am Folgetag, dass beispielsweise der Club, in den man uns in Dresden schleppte, der ultimative Absturzort für Junkies war. Wir blieben stets bei Bier, rauchten vielleicht zu viel, schliefen zu wenig. Mit Anfang 20 kein Problem. Wir lernten viele nette Menschen kennen, packten am nächsten Morgen unsere Sachen in den Transporter und fuhren für ein paar Tage nach Hause, um neue Lieder zu proben. Dann wieder auf die Bahn nach irgendwo. Ingolstadt, Emsdetten, Bonn, Cottbus, Siegen, Unna, Bad Wörrishofen, Ilmenau, Düsseldorf, Essen, Bochum, Zweibrücken, Lüneburg, Berlin, München, Landshut, Frankfurt, Minden, Köln, Stuttgart…überall.

So lief das etwas mehr als ein Jahr. Wir hielten uns für durchaus fähig, mit unserer Musik durchzustarten, hatten zwei, drei Lieder mit Ohrwurmpotenzial, vergaßen allerdings, uns weiterzuentwickeln. Unser Management stellte uns weitere Investitionen in Aussicht, forderte dafür aber etwas mehr Leistungsbereitschaft im organisatorischen Bereich von uns ein. Wir mögen über den Sommer darüber nachdenken, wie es weitergehen soll.

Unser Bassist konzentrierte sich auf seine zweite Band, unser Schlagzeuger begann ernsthaft zu studieren, die Verträge liefen aus. Und Frankobald und ich machten zu zweit ohne Management in lockerer Zusammenarbeit mit diversen Musikern und Produzenten weiter, spielten etwa ein Jahr lang noch Konzerte. Ich suchte mir einen Nebenjob und schleichend schloss sich das Kapitel „Profimusiker“.

Und so wie es kam, war es richtig. Wir wollten von Beginn an nichts anderes, als zu schauen, wie weit wir diesen Scherz mit der professionellen Musik treiben können. Wir trieben es weiter als manch andere Band, ohne den großen Wurf zu landen. Dazu fehlte uns der nüchterne Blick eines Unternehmers. Dazu waren wir zu impulsiv und erwarteten dann, als wir merkten, dass es funktionieren könnte, zu schnell zu viel, ohne unsere Komfortzone verlassen zu wollen. Wir suchten den Fehler zunächst beim Management. Heute sehen wir das anders. Durch Grenzen lernt man.

picture-0019Viel über uns findet man heute nicht mehr im Internet, weshalb ich hier nichts verlinken kann, was ich ohnehin nicht unbedingt muss. Es befinden sich einige Stunden Videomaterial, mehrere Stunden Musik, ein paar-hundert Fotos auf einer externen Festplatte, ein bisschen was auf Youtube. Ich trauere dem nicht nach, auch wenn ich mit einem Anflug von Wehmut zurückblicke. Es gibt Schlimmeres. Es gibt Wichtigeres. Andere kommen weiter und scheitern schmerzhafter. Irgendwann ist „der Punkt gekommen […], von dem an es albern wäre, weiter an den Durchbruch der eigenen Band zu glauben“. So schreibe ich es selbst in „Wer spricht?“. An diesen Punkt gelangt jede Schülerband, weshalb ich das Ende nicht überbewerte. Ebenso wenig, wie ich die Zeit als Musiker überbewerte. Denn schlussendlich bleibt sie vor allem eines:

Ein Zeitraum von etwa drei Jahren im Lebenslauf.


Ich werde jetzt ganz großer Facebooker. Muss es ja auch geben, wenn es Youtuber, Instagramer und Twitterer gibt. Disst mich bitte in den Kommentaren.

*alle Fotos außer Titelbild und SouthPark-Charakter von Johannes Spaethe

**Titelbild von flashlight-foto.de (2007)

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14 Kommentare

  1. Da haben wir eine Gemeinsamkeit. In einem ominösen“damals“ war ich auch Gitarrist mit Band und allem Bromborium.

    Wenn ich daran zurückdenke, was uns unser Produzent alles versprochen hatte und was dann wirklich kam. „Am Ende der Tour kommen große Konzerte und die Einnahmen“. Versiffte Clubs und gratis Alkohol – das wars. Dazu Tontechniker die alles gemacht haben, nur keinen vernünftigen Sound. Hachja, so ein bissl Nostalgie am morgen tut gut.

    Ich hätte allerdings schon gern ein paar Klangbeispiele von dir gehört. Gar nicht um es zu bewerten, sondern um einen besseren Eindruck deiner wilden Tage zu erhaschen. Und wer weiß, vielleicht stößt ja ein neuer Produzent über deinen Blog, findet coole Musik und bäm… Kapitel des Profimusikers ist wieder offen 😉

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  2. Bei mir gibt es auch ein „damals“; nicht als Bandmitglied, aber rückblickend ähnlich erlebnis- und lehrreich wie bei Dir. Wer weiß, wozu Deine Erfahrung in der Band noch einmal gut ist. Ich denke, dass alles, was man im Leben macht, sich auch auf die Zukunft auswirkt. Zum Beispiel dürftest Du kein Problem damit haben, Dich auch vor großen Gruppen zu präsentieren. 😉

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  3. Immer wieder spannend zu erfahren, was sich hinter scheinbaren Lücken im Lebenslauf alles so verbirgt.

    Vielleicht ergibt sich ja eine Möglichkeit – in ferner Zukunft – mit diesem Wissen nochmal zu punkten. Meine Daumen sind gedrückt.

    Sonnige Grüße

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