Man reift nicht, man verschleißt

2016-10-09-21-20-18

„Nur weil es die Sonne gibt, vermissen wir sie, wenn sie fort ist. Sie ist ein schlechter Mensch.“
(Manuel Höttges, 09. Oktober 2016)

Gerade erst auf die weiterführende Schule gekommen und festgestellt, dass die Sechstklässler ja schon viel erwachsener als man selbst aussehen. Es ist nicht lange her, dass ich zu den Oberstufenschülern aufsah und es kaum erwarten konnte, auch eines Tages dermaßen reif und souverän auszusehen. Noch nicht so lange scheint es her, dass ich im Alter von 30 Jahren eines Morgens aufstand, um in den Spiegel zu schauen und festzustellen, dass ich nach wie vor nicht so aussehe, wie mir die Oberstufenschüler damals vorkamen. Ich eiferte einem Ideal nach, dem ich nie entsprach. Es ist wohl normal, dass man sich selbst nie so sieht, wie man Ältere oder auch Jüngere wahrnimmt oder -nahm. Also sehe ich heute aus meiner Perspektive aus wie ein Anfangzwanziger mit den Nachteilen eines Anfangdreißigers.

Mit 20 Jahren wachte ich morgens in Oberhausen nach zwei Stunden Schlaf im Backstagebereich einer Konzerthalle auf, fuhr mit der Bahn nach Hause, duschte, zog mir frische Klamotten an, fuhr um 10 Uhr zum Proberaum und von dort aus nach Köln zu unserem nächsten Konzert. Ich schrieb über diese paar Zeilen meines Lebenslaufs. Und von einer leichten Müdigkeit abgesehen war dies ohne Probleme möglich.

Heute wache ich nach einem ereignisarmen Samstag auf, bin ausgeruht, trinke einen Kaffee, setze mich ins Wohnzimmer und lasse mir die Nase von den Sonnenstrahlen kitzeln. Bis es zu sehr kitzelt und ich kurz den Kopf schüttele, um ein Niesen zu vermeiden. Nun habe ich einen steifen Nacken. Das war zu viel für meine Nackenmuskulatur. Gerade erst geschehen, erzählen sich die Nachbarskinder auf dem Spielplatz meine Geschichte schon als Witz:

„Wie nennt man einen Mann, der an einem Sonntagmorgen vollkommen entspannt aufsteht, einmal kurz den Kopf schüttelt und sich dann in ein unbewegliches Brett verwandelt?“

„Weiß nicht?!“

„Manuel Höttges!“

„HAHAHAHAHAHAHA!!!!!“

Oder:

„Was wacht auf und kann kurze Zeit später nur noch geradeaus gucken?“

„Weiß nicht.“

„Manuel Höttges.“

Und ehe man sich versieht, sind die Kinder vom Spielplatz verschwunden, weil es schon dunkel geworden ist. Daran merkt man, dass man altert. Die Tage vergehen schneller. Dafür bleiben körperliche Leiden länger. Noch im vergangenen Frühjahr konnte ich tönen, dass ich nur einmal pro Jahr krank werde. Ich witzelte noch über die Frau, die in unserer Wohnung lebt, die sich damals eine schwere Männergrippe einfing.

Nun bin ich derjenige, der krank ist bzw. war, denn langsam gesunde ich. Aber es dauerte ungewohnt lang. Allerdings war ich zu keinem Zeitpunkt richtig platt, ich hing lediglich tief in den Seilen. Meine Nase lief an einem Tag, gestern hustete ich, was kaum Erfolg brachte und lediglich meine Stirn platzen ließ. Riesensauerei…wäre es geworden. Jeder Huster blähte mein Gehirn hinter der Stirn auf und sorgte für Schmerzen. Aus diesem Grund lief der hiesige real-Markt gestern Gefahr, dem Erdboden gleich gemacht zu werden. Ich war leicht gereizt ob der Massen, die dort gewohnt ignorant durch die Gegend liefen und mich dabei über den Haufen. Sonst juckt es mich nicht. Gestern umso mehr. Am Vortag, also am Freitag, stand ich unter dem Einfluss von Adrenalin und dementsprechend scheinbar gesund auf und wurde bei einem Unternehmen vorstellig. Ich verließ das Gebäude, setzte mich ins Auto und fiel in ein tiefes Erkältungsloch. Spannungsabfall.

Abfall. Das bin ich geworden. Jammern auf höchstem Niveau, aber als man jünger war, träumte man davon, älter zu sein. Heute ist man erwachsen und wird sich darüber bewusst, dass man jahrelang die negativen Aspekte ausblendete. Spannungsabfall gab es früher nicht. Vielleicht, weil ich weniger über Belastungen nachdachte. Früher machte ich Dinge einfach. Ganz gleich, wie die Voraussetzungen waren. Einen Hindernislauf über 18 km trat ich an, ohne vorher trainiert zu haben. Dass es dabei auch in 7°C kaltes Wasser gehen sollte, nahm ich zur Kenntnis. Dass sich der Veranstalter vermessen hatte und die Strecke einige Kilometer länger war als angekündigt, war mir egal, denn ich erfuhr es erst nachher. Heute würde ich schon während des Laufs bemerken, dass da was nicht stimmt, und als Konsequenz psychisch abbauen und scheitern. Damals nicht, weil ich nicht trainiert hatte und demnach keine Ahnung davon hatte, wie sich 15 Kilometer normalerweise anfühlen.

Der Körper lässt sich mit zunehmendem Alter leichter verunsichern. In der Abi-Zeit feierten wir bis morgens und trafen uns am frühen Nachmittag zum Fußballspielen. Heute gehe ich nicht mehr feiern und treffe am frühen Nachmittag die Entscheidung, erste Laute von mir zu geben.

Ich laufe heute noch oft genug viel zu leicht bekleidet durch Herbst, Winter und Frühling. Auf der Arbeit erntete ich dafür oft genug empörte Blicke. Meistens geht für mich alles gut aus. Das „meistens“ konnte ich vor wenigen Jahren noch durch ein „immer“ ersetzen. Gehe ich heute bei niedrigen Temperaturen zum Sport, rächt sich das umgehend. In diesem Frühjahr absolvierte ich einen Lauf, vertrat mich fünf Kilometer bevor ich zuhause gewesen wäre, und musste unter dem Einfluss kalten Westwindes nach Hause gehen. Man darf mich nicht fragen, wie das möglich sein kann, aber die Kälte klemmte mir den Ischias ein. Darüber schrieb ich auch.

Heute also der Nacken. Durch eine Bewegung. Mit einer Mischung aus Erheiterung und Unglauben beobachtete man in der Vergangenheit alte Menschen, die sich bückten und nicht wieder hochkamen. Also irgendwan schon, aber eben nicht unverzüglich. Eben weil sie sich etwas am Rücken taten, einen Hexenschuss holten. Nun gab es in den letzten Jahren bei mir Tage, an denen ich mir etwa nach einem Friseurbesuch über die Badewanne gebeugt geschnittene Haarspitzen vom Kopf wusch, aber anschließend Probleme hatte, die Evolution zu verbergen. Die ersten Meter legte ich oft nur gebeugt zurück, ehe ich mich und den Schmerz im unteren Rücken überwinden konnte und mich aufrichtete.

Bekomme ich nun jedes mal einen steifen Nacken, wenn ich den Kopf schüttele? Wird mir mein Knie nun jedes mal schmerzen, wenn ich auf den längst überwundenen Fersenlauf umstellen sollte? Über 30 Jahre hatte ich keinerlei Probleme und plötzlich – nachdem ich erstmals von den unterschiedlichen Laufstilen hörte – bekomme ich ein Läuferknie.

Da wünscht man sich, wieder jünger zu sein. Heute merke ich beispielsweise auch, wenn ich über den Tag nichts aß. Früher bemerkte ich abends vielleicht, dass ich noch nichts gegessen hatte und pfiff mir irgendeinen Schund rein. Es ging mir hervorragend. Vielleicht lag es an den Zigaretten. Heute rauche ich nicht mehr, aber fühle mich, als würde ich die kommenden 60 bis 70 Jahre mit Sterben verbringen.

Die Jugend als Phase der Unbesiegbarkeit ist ein Fluch, weil sie irgendwann der Vergangenheit angehört. Nur weil es sie gibt, vermissen wir sie später. Deshalb ist sie abzulehnen! Wie die Sonne. Dann vermisst man sie nicht.

Außerdem: So wie die heutigen Menschen zwischen 16 und 25 Jahren will man ja eh nicht sein.


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21 Kommentare

    • Meine Knochenbruch-Phase habe ich glücklicherweise schon eine Weile hinter mir. Seitdem beschränkt sich mein Körper dankenswerterweise nur noch auf solche Wehwehchen, die zwar schmerzen, aber von außen nicht erkennbar sind. Ischias, muskuläre Probleme, Bänder…aber alles lediglich lästig und nicht ansatzweise in irgendeiner Form einschränkend. Außer nun der Nacken vorübergehend. 😉

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      • Ich habe einige Knochenbrüche hinter mir, halswirbelprobleme ebenfalls, Schmerzen in der Hüfte, werde wohl ein Ersatzteil brauchen, wenn die das überhaupt machen. Mal sehen. Ausserdem hab ich jetzt Hunger muss was essen. Die Knochen, ja. Ich hab Osteoporose😞

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      • Das ist natürlich eine deutlich größere Einschränkung als mein alberner steifer Nacken. Viele meiner Brüche kamen durch einen Unfall zustande, was wohl auch jedem dauerhaften Leiden vorzuziehen ist. Ich hoffe, du nimmst mir den Beitrag hier nicht krumm.

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  1. aber nein, der Beitrag ist gut, warum sollte ich ihn krumm nehmen, Du kannst ja nichts für meine kaputten Knochen, ich bin ja immer noch auf den Beinen, meine Knochenbrüche kamen auch durch Unfälle, nur muss ich jetzt aufpassen, damit ich nicht wieder stürze. bei Osteoporose können die Knochen auch durch Ermüdung brechen. noch bin ich fit.

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  2. Du hast ja sooo recht 😉 ! Man kommt so unglaublich früh in das Alter, wo man man den immer zahlreicher werdenden jüngeren Menschen sagt „kommt du erstmal in mein Alter…“.
    Schön wiederum ist, dass man all diesen Jüngeren den Rat geben kann, ihre jugendliche Unverwüstlichkeit so intensiv wie möglich auszukosten, denn irgendwann sei es zu spät und dann müsse man sich nur mal ungeschickt drehen usw. usw. usw. Und sie tun dann das, was wir auch getan haben: nicken und denken „Ha, so gebrechlich werde ich wohl kaum werden“…

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  3. Und jetzt ist schon Dezember – und die Kinners laufen immer noch mit Sneakers-Söckchen und nackten (!!) Knöcheln herum. Meine Oma hat ja immer gesagt: „In Monaten mit R setzt man sich nicht auf den Boden/zieht man ein Unterhemd an“ etc. Naja. Sie können heute ja auch keine Rechtschreibung mehr. Wie sollen sie es dann wissen!

    Je mehr ich darüber nachdenke, umso älter fühle ich mich selbst.
    Zum Glück hab ich hier gaaaaanz viel zum Nachlesen und kann mich damit gut ablenken die nächsten Tage 😀

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    • Ich ertappe mich gelegentlich dabei, wie ich in der Öffentlichkeit den Kopf über die Jugend schüttele. Danach schüttele ich den Kopf über mich. Aber dann sofort wieder über die Jugend. Weil ich Recht habe!

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