Ehrentage und Halbschlaf

Schlaftrunken vom Schlaf, betrunken noch vom Trunk und mit einer dicken Portion altersbedingter Schmerzen, die es in der Form vor 10 Jahren noch nicht gegeben hat, wuchte ich meinen Zeigefinger auf die unfassbar laut knallende Taste, die bestätigt, dass ich diesen nun vorliegenden Artikel tatsächlich der Öffentlichkeit preisgeben möchte. Wie immer – und heute vermutlich noch viel extremer – wird die Frau, die in unserer Wohnung lebt, mit wachsamen Augen Zeile für Zeile durchfurchen und nach Ungereimtheiten, nach Fehlern, nach Unverschämtheiten Ausschau halten; wenn sie denn ihrerseits die ersten realen Schritte außerhalb des Bettes getätigt hat. Ich denke, das kennt jeder: Im Halbschlaf/-suff liegt man im Bett und denkt daran, dass man gleich aufsteht. Der träge in die Pedale des Denkapparates tretende Kerl, der im Kopf für Beleuchtung sorgen soll, ist ebenfalls noch nicht ganz da und deshalb erlebt man, wie man sich aus dem Bett erhebt, sich einen Kaffee macht, ins Wohnzimmer schlurft, um im nächsten Moment frustriert festzustellen, dass man noch immer im Bett liegt und enorme Kopfschmerzen hat.

Cocktails sind eine feine Sache, aber keinesfalls für eine langfristige Investition in sein eigenes Wohlgefühl (gestern noch dieses neue Wort erfunden) zu verstehen. Spätestens nach wenigen Stunden verpufft die euphorisierende Wirkung und die Realität lässt einen mit hängenden Augenlidern, hinter denen sich vertrocknete Rosinen befinden, und der Erkenntnis zurück, dass Alkohol und Zucker eine paradoxe Mischung darstellen; mit dem besseren Ende für den Alkohol.

Mit 30 Jahren und einem Tag sowie dem Eindruck einer Pina Colada und diversen Swimmingpools fühle ich mich dem Koma näher als allem anderen. Die Füße wollen sich einfach nicht höher als einen Zentimeter über den Boden heben lassen, weshalb ich gerade fast über die Katze gestolpert wäre, die offensichtlich die Methoden von Castor-Gegnern für sich entdeckt hat. Hat auch seit einiger Zeit längere Haare. Vielleicht war es auch ein Meerschweinchen. Aber die leben vor Katze und schläfrigen Füßen sicher in einem Stall der Marke „Eigenbau“. Als ich auf dem Sofa liege, registriere ich, dass da gerade wohl irgendwas im Weg gewesen ist. Unerheblich, denn weder Gelenke noch Geist verfügen aktuell über das Potenzial, ein Ausweichmanöver durchzuführen.

Und dann sehe ich Es! Sämtliche Lebensgeister kehren zurück. Ich erinnere mich an die gestrige Nacht; ganz im Gegensatz zur heutigen. Denn drauf geschissen, dass ich Geburtstag hatte! Viel wichtiger, – ja, geradezu von kolossaler Bedeutung für das weitere Leben – ist das Geschenk, welches ich in Empfang nahm. Dieser beste Gegenstand, den man einem Mann überhaupt schenken kann!
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Die Anwendungsbereiche…eine nicht endenwollende Aufzählung:

  • Zahnbürste
  • Ballbürste (gibt es…seit gerade eben)
  • Katzenmassagebürste
  • Katzenvertreibbürste
  • Telefon
  • Kochlöffel
  • Spülbürste
  • Badebürste (tut weh, aber das legt sich)
  • borstiger Spiegel (ohne Spiegelbild)
  • Ruder
  • borstige Blume
  • Musikinstrument
  • Duschbürste (wie Badebürste)

Beschwingt von der reinigenden Wirkung der Bürste und der durch die Schmerzen bedingte Ausschüttung von Adrenalin werfe ich mich in Schale, um dem Markt meines Vertrauens meine Aufwartungen zu machen. Die Klamotten sitzen wie angegossen. Die Bürste hat mich offensichtlich abnehmen lassen. Ich schwinge mich ins Gefährt und befinde mich bald am Objekt der Begierde. Heute abend soll es Raclette geben, wenn ich meine Mutter besuche und wir mir zu Ehren diverse antihaftbeschichtete Pfännchen mit allerlei Nahrungsgut garen. Das Wichtigste zuerst: Mett! Mett ist eine der wichtigsten Erfindungen. Ich neige dazu, immer zuviel Mett zu kaufen, weil die ersten Happen von diesem würzigen Schweinebrei die Geschmacksknospen explodieren lassen. Dessen ist man dann nach einiger Zeit überdrüssig, was ich mir nicht anmerken lassen möchte und forsch weiterbrate und -esse. Beim nächsten Raclette ist das mein Argument, um den Kauf von 1kg Mett zu rechtfertigen.

Auf meinem Streifzug durch die Hallen des Herrn Paschmann landen noch die Zutaten für Tiramisu nebst feinstem Gockelfleisch im Einkaufswagen. Beflügelt durch meine neuerlangte Reife, deren Ursprung vor allem in der Bürste zu finden sein dürfte, schreite ich zur Kasse und spüre die Euphorie aller Beteiligten, dass ich sämtliches Grillgut besorgen konnte. Alles ist geregelt. Alles ist erledigt. Keine Kopfschmerzen, ein leichtes Hungergefühl.
Zuhause angekommen gehe ich laufen, kehre zurück und stelle fest, dass ich schon wieder abgenommen habe. Wenn es einmal läuft…! Unter der Dusche nehme ich seichtes Meeresrauschen gepaart mit sanfter Gitarrenmusik wahr. Das klingt vertraut, aber beunruhigt mich zugleich. Ein Gefühl steigt in meiner Brust auf, als hätte ich etwas vergessen zu erledigen. Was nicht sein kann. Alles ist in die Wege geleitet, die Bürste tut ihren fabelhaften Dienst. Die Gitarrenmusik schwillt an. Ich kenne sie irgendwoher. Von meinem Handy. Noch einmal denke ich daran, wie grandios ich alle Erledigungen heute schon gemeistert habe.

Und dann merke ich, dass ich noch im Bett liege und mein Wecker klingelt. Alles auf Anfang. Mit 30 ist alles so wie sonst, aber immerhin habe ich meine Bürste.

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9 Kommentare

  1. Alles gute nachträglich 🙂
    Siehste, alles wie immer!!!
    Ich habe mir eine solche Multifunktionsbürste auch (immer schon) gewünscht, leider aber (immer noch) nicht bekommen. NEID!!! Die hat bestimmt noch ungeahnte Spezialeffekte. 30 Shades of Borstenbürste.
    Swimming Pool? Ernsthaft? Diese süße Plörre verträgt sich mit der 30 aber eher gar nicht so. 30 ist Generation Matcha-Ingwer-Aloe Vera-Tee mit Milch.

    Gefällt 2 Personen

  2. Das kommt mir alles sehr bekannt vor.
    Der einzige Unterschied: Es ist Äonen her.
    Von x Cocktails kann heute nicht mehr die Rede sein. Und von „die Nacht überdauern“ schon gleich gar nicht.
    Ja, eine Bürste hatte ich damals auch. Betonung auf DAMALS.
    Auch sie hatte diverseste Einsatzgebiete. Die Häufigste war: Wo ist der Stil?
    Und ich hatte noch ein super-duper-Erlebnis in dem Zusammenhang:
    Die Bürste war ein Geschenk von Michael Schanze, dem Schlagersänger. Ich kam dazu, wie die Jungfrau zum Kind: Meine Oma war dort hie und da Putzfrau (heute sagt man wohl: Reinungsfachkraft).
    Und die dort bekamen mit, dass ich an besagtem Tag Geburtstag hatte …. und schwupp hatte ich eine Bürste.

    Gefällt 1 Person

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